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Ethikerin Kummer warnt vor Normalisierung des assistierten Suizids

7. Februar 2026 in Prolife, keine Lesermeinung
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Direktorin des Wiener IMABE bei Neujahrsempfang des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands in Berlin: Palliatives Mainstreaming und Sorgekultur statt Ausweitung von Suizidassistenz dringend nötig


Berlin (kath.net/KAP) Die Ethikerin Susanne Kummer hat vor einer fortschreitenden gesellschaftlichen Normalisierung des assistierten Suizids in Europa gewarnt. Beim Neujahrsempfang des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands (DHPV) in Berlin plädierte die Direktorin des Wiener Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) für ein "palliatives Mainstreaming" und eine umfassende Sorgekultur statt einer Ausweitung von Suizidassistenz. Die Hospiz- und Palliativversorgung müssten strukturell, finanziell und gesellschaftlich gestärkt werden.

Der Diskurs über das Lebensende habe sich spürbar verschoben, stellte Kummer fest. Rund 300 Millionen der etwa 450 Millionen EU-Bürger lebten inzwischen in Staaten, in denen assistierter Suizid erlaubt sei. Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit würden gesellschaftlich zunehmend verdrängt. Die Angst vor Kontroll-, Autonomie- und Würdeverlust präge den Suizidwunsch stärker als körperliche Schmerzen, zeigten Umfragen aus Österreich.

Kritik übte Kummer an einer leistungsorientierten Medizin, in der der Tod als Scheitern erscheine. Begriffe wie der "Kampf gegen den Krebs" verstärkten diese Sichtweise. "Hat man verloren, wenn man stirbt? Und ist ein würdiger Tod nur noch ein assistierter Suizid?", hinterfragte die Expertin. Sie verwies zudem auf eine Befragung unter Mitarbeitenden deutscher Hospize im Vorjahr, derzufolge viele befürchteten, Suizidbeihilfe könne zu schnell als vermeintlich einfacher Ausweg betrachtet werden, während palliative Möglichkeiten nicht ausgeschöpft würden. Zudem stelle sich die Frage, wie Suizidprävention glaubwürdig bleiben könne, wenn zugleich assistierte Suizide ermöglicht würden, bemerkte die Wiener Ethikerin.


Option senkt Hemmschwelle

Kummer verwies auf Entwicklungen in Ländern wie der Schweiz, wo im Jahr 2025 rund 1.700 der insgesamt etwa 2.700 Suizide assistiert erfolgten, was hochgerechnet 17.000 Fällen in Deutschland entspräche. Auffallend seien geschlechtsspezifische Unterschiede: Während Männer zu 80 Prozent "traditionelle" Suizidformen wählten, machten Frauen 60 Prozent der Fälle von assistiertem Suizid aus - was sie zu einer besonders vulnerablen, meist übersehenen Betroffenengruppe mache. Die Option der Suizidbeihilfe senke Hemmschwellen und werde besonders ihnen zu einer "Scheinlösung", wenn sich das Gefühl einstelle, anderen zur Last zu fallen.

Suizidentscheidungen seien zudem nicht rein individuell und das Umfeld nicht neutral, sondern politisch, sozial und ökonomisch mitbedingt, gab Kummer zu bedenken. Die höchste Suizidrate finde sich bei Menschen über 65 Jahren. In Belgien würden 26 Prozent der Euthanasiefälle unter der Indikation eines "geriatrischen Syndroms" erfasst. Dort habe sogar der Vorsitzende der christlichen Krankenkassen gefordert, Menschen, die im Alter "lebenssatt" seien, Zugang zur Sterbehilfe zu gewähren, und dies auch mit staatlichen Kosten begründet.

Münterferings "Sterbehilfe"

Dem setzte Kummer das Leitbild relationaler Autonomie entgegen. Menschen in existenziellen Krisen benötigten Beziehung, Gemeinschaft und verlässliche Begleitung. "Sorgekultur besteht darin, dass wir an den Grenzen des Lebens zueinander stehen. Menschliche Würde hängt nicht davon ab, wie unabhängig wir sind - sondern wie wir miteinander umgehen, wenn wir es nicht mehr sind", sagte die IMABE-Direktorin. Sie verwies zudem auf ein Wort des früheren deutschen Vizekanzlers und SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering: "Ich habe mindestens zweimal aktiv Sterbehilfe geleistet: bei meiner Mutter und bei meiner Frau. Hand gehalten, dabei gesessen, getröstet." 

Müntefering, der beim DHPV-Neujahrsempfang selbst anwesend war, hatte sich 2008 auf dem Höhepunkt seiner politischen Laufbahn aus allen Ämtern zurückgezogen, um seine an Krebs erkrankte Frau bis zu ihrem Tod 2009 zu pflegen. Er bekam für sein langjähriges Engagement für menschenwürdige Begleitung am Lebensende den DHPV-Ehrenpreis verliehen.

"Caring Communities"

Susanne Kränzle, seit kurzem Vorsitzende des Dachverbandes DHPV, der in Deutschland die Interessen der Hospizbewegung sowie der Hospiz- und Palliativeinrichtungen mit ihren jeweiligen Landesverbänden vertritt, forderte beim Neujahrsempfang die gesetzliche Verankerung, Stärkung und Strukturierung der Suizidprävention ein, sowie auch die Weiterentwicklung des Hospiz- und Palliativgesetzes und den Ausbau einer verlässlichen Trauerbegleitung. Außerdem wolle man sich dafür einsetzen, "dass Suizidassistenz nicht zur Normalität oder gar zu einer als Pflicht empfundenen Option wird", so Kränzle. Sorge füreinander im Rahmen von "Caring Communities" sei keine Aufgabe weniger Fachkräfte, sondern eine Verantwortung aller.

(S E R V I C E - Sie sind in einer verzweifelten Lebenssituation und brauchen Hilfe? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und gebührenfrei unter der Notrufnummer 142 erreichbar sowie unter www.telefonseelsorge.at. Hilfsangebote für Personen mit Suizidgedanken und deren Angehörige bietet das Suizidpräventionsportal des Gesundheitsministeriums unter www.suizid-praevention.gv.at.)

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Archivfoto: Demonstration in Großbritannien mit der Forderung "Care - not killing" (c) Care not killing


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