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Sozialethiker Rhonheimer: Jesus war kein Kapitalismuskritiker

26. August 2025 in Aktuelles, 7 Lesermeinungen
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Martin Rohnheimer in Kommentar für Online-Magazin "Selektiv": Jesus tadelt nicht das Gewinnstreben, sondern die Faulheit


Wien (kath.net/KAP) Bei der Auslegung wirtschaftsbezogener Evangeliumstexte sollte man nicht vorschnell in ein "christliches Kapitalismus- und Reichtums-Bashing" verfallen, sondern genauer hinschauen. Dafür hat der katholische Sozialethiker und Priester Martin Rhonheimer plädiert. In einem aktuellen Gastkommentar für das seit Juni bestehende Online-Medium "Selektiv" hält der frühere an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom lehrende Philosoph in Bezug auf das bekannte Gleichnis von den Talenten (Mt 25, 14-30) fest: "Jesus war mit Sicherheit kein Kapitalismuskritiker, sonst hätte er in seinen Gleichnissen das auf Gewinn gerichtete unternehmerische Tun nicht als Bild für tugendhaftes und lobenswertes Verhalten verwendet."

Gleichzeitig betont Rhonheimer, dass es "abwegig" wäre, mit Jesu Worten den Kapitalismus begründen zu wollen oder aus dem Evangelium irgendwelche Orientierung für den richtigen Umgang mit Geld zu erhalten. "In der Lehre Jesu geht es überhaupt nicht um Wirtschaft oder Politik, auch nicht um Geld oder Reichtum als solchen, sondern um die falsche Einstellung dazu. Was Jesus tadelt, ist die Habgier der Geizigen, Faulen, der rücksichtslosen Genießer und Wohlstandshedonisten, die eben 'vor Gott nicht reich' und deshalb letztlich 'Narren' sind", hält der Präsident des in Wien ansässigen Austrian Institute of Economics and Social Philosophy fest.

Im Blick auf das Gleichnis vom reichen Mann (Lk 12, 13-21), das in katholischen Gottesdiensten Anfang August als Sonntagsevangelium zu hören war, könne man laut Rohnheimer sogar sagen: "Jesus tadelt nicht das unternehmerische Gewinnstreben, das auf Arbeit beruht und den Wohlstand aller vermehrt, sondern - auf heutige Verhältnisse bezogen - die nichtsnutzige Faulheit des Frühpensionierten."


Generell sollte man daher eher vorsichtig sein, Aussagen in den Evangelien über Habgier, Geiz wie auch Warnungen vor der Liebe zum "Mammon" als Kritik an einer bestimmten Wirtschaftsform oder Art der wirtschaftlichen Betätigung zu verstehen. Wenn Laster wie Habgier und Geiz sowie ungerechter Besitz - angeprangert werden, könne gerade nicht der Kapitalismus gemeint sein, so Rhonheimer: "Denn dieser beruht auf produktiver Verwendung von privatem Eigentum unter eigenem Risiko, auf unternehmerischer Arbeit und daraus folgender Wertschöpfung, durch die nicht nur der Unternehmer, sondern auch die Lohnempfänger, vor allem aber die Konsumenten - die Gesamtheit der Menschen in einem Wirtschaftsraum - wohlhabender werden." Das sei strukturell weder Habgier noch Geiz.

Eine ganz andere Frage sei allerdings, wie es im Herzen eines Kapitalisten und Unternehmers aussieht bzw. wie es um das Herz eines jeden, auch des weniger wohlhabenden oder gar armen Menschen, steht. "Auch bei Letzteren gibt es Habgier. Sie äußert sich oft in Neid und Ressentiments, die sich leicht ausnutzen und entsprechend politisch mobilisieren lassen, allerdings aller Erfahrung nach kaum zum Nutzen der weniger Wohlhabenden oder Armen."

Kirche soll wertschöpfende Logik verstehen

Rohnheimers Fazit: "Statt aus dem Evangelium immer wieder antikapitalistische und wirtschaftsfeindliche Töne herauszuhören, sollten sich Theologen und Kirchenvertreter auf die Geschichte des Kapitalismus einlassen und seine wertschöpfende Logik zu verstehen suchen, eine Logik, durch die zwar einige sehr reich werden, aber genau deshalb der Wohlstand der Masse der Menschen ständig zunimmt." Zugleich sollten sich Theologen und Kirchenvertreter zu ihrer eigenen Tradition der Wirtschaftsfeindlichkeit und Kapitalismuskritik kritisch verhalten. "Nicht der Kapitalismus oder die Marktwirtschaft töten, sondern nachweislich genau jene Ideologien, die sie ablehnen oder gar verteufeln."

In dieser Haltung "könnte die Kirche mehr dazu beitragen, nicht nur durch ihre karitative Arbeit existierende Not, die es immer geben wird, zu lindern, sondern zu einem wirtschaftlichen Fortschritt zu ermutigen, der diese Not nach und nach aus der Welt verbannt - zumindest in der Form der Massenarmut, wie sie noch immer dort existiert, wo infolge von Despotie, Korruption und mangelnder Rechtsstaatlichkeit Kapitalismus, Marktwirtschaft und freier Handel ihre wohlstandsschaffende Dynamik nicht zu entfalten vermögen".

"Selektiv" versteht sich als "Medium für Wirtschaft in Österreich". Die Anschubfinanzierung für das neue Online-Medium kam von der Industriellenvereinigung, wie "Selektiv"-Chefredakteurin Sara Grasel im Juni im Interview mit dem Branchen-Magazin "Horizont" offenlegte, aber gleichzeitig die Eigenständigkeit des Mediums betonte.

(Rhonheimer-Gastkommentar unter: https://www.selektiv.at/kommentare/jesus-tadelt-nicht-das-gewinnstreben-sondern-die-faulheit)
pwu/per/

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