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Genie des Denkens eins mit der Heiligkeit des täglichen Lebens

24. September 2020 in Aktuelles, keine Lesermeinung
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Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: Seid Menschen, die ihre Religion kennen, die sich auf sie einlassen, die ihren eigenen Standpunkt kennen. Kardinal John Henry Newman und das Leben der Kirche. Cor ad cor loquitur. Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as) Vor zehn Jahren, vom16. bis zum 19. September 2010, fand die damals im Vorfeld viel beachtete und „kritisierte“ Apostolische Reise Papst Benedikts XVI. nach Großbritannien statt, in deren Rahmen auch die Seligsprechung von John Henry Newton vollzogen wurde.

 

Der Seligsprechungsprozess von Newman hatte bereits 1958 begonnen, aber erst am 3. Juli 2009 hatte Benedikt XVI. die Kongregation für die Heiligsprechungen ermächtigt, das Dekret über ein Wunder zu verkünden, das genau der Fürsprache des ehrwürdigen Dieners Gottes John Henry Newman zugeschrieben wird. Das Ereignis bestätigte und schlug der Verehrung der ganzen Kirche das vor, was die Gelehrten, Freunde und alle jene schon immer wussten, die sich der Gestalt Newmans Figur und seinen Schriften vorurteilsfrei genähert hatten: der bekannte britische Konvertit war nicht nur ein Denker mit außergewöhnlichen Gaben, sondern ein Mann, in dem das Genie des Denkens eins war mit der Heiligkeit des täglichen Lebens.

 

Sein ganzes Leben lang dachte Newman, er sei weit entfernt der christlichen Vollkommenheit. Aber von seiner „ersten Bekehrung“ an war sein ganzes Streben auf Gott gerichtet, den er als den Dreh- und Angelpunkt seines Lebens erkannt hatte. Von da an folgte er zwei Prinzipien: „Das Wachstum ist der einzige Beweis für das Leben“ und „Die Heiligkeit statt den Frieden“.

 

Die Londoner Zeitung „The Times“ veröffentlichte am Tag nach Newmans Tod, der sich am 11. August 1890 ereignete, einen langen Nachruf, der mit folgenden Worten endete: „In einem können wir sicher sein, dass die Erinnerung an dieses reine und edle Leben andauern wird und dass [...] er im Gedächtnis der frommen Menschen vieler Konfessionen in England [...] geheiligt werden wird. Der Heilige, der in ihm ist, wird überleben“.

 

Papst Franziskus anerkannte am 12. Februar 2019 ein der Fürsprache Newmans zugeschriebenes Wunder als letzte Voraussetzung für die Heiligsprechung. Die Heiligsprechung nahm Franziskus am 13. Oktober 2019 in Rom vor.

 

„Ich wünsche mir Laien, nicht arrogant, nicht vorlaut, nicht streitsüchtig, sondern Menschen, die ihre Religion kennen, die sich auf sie einlassen, die ihren eigenen Standpunkt kennen, die wissen, woran sie festhalten und was sie unterlassen, die ihr Glaubensbekenntnis so gut kennen, dass sie darüber Rechenschaft ablegen können, die über so viel geschichtliches Wissen verfügen, dass sie ihre Religion zu verteidigen wissen “: mit diesen Worten John Henry Newmans hatte sich dann Benedikt XVI. am letzen Tag seiner Apostolischen Reise ins Vereinigte Königreich in seiner Predigt zur Seligsprechung des Kardinals an die Gläubigen gewandt, die im Cofton Park in Birmingham zum feierlichen Gottesdienst versammelt waren.

 

 

Benedikt XVI., Predigt bei der Messe zur Seligsprechung von John Henry Newman, Cofton Park in Rednal – Birmingham, 19. September 2010:

 

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

 

Dieser Tag, der uns hier in Birmingham zusammengeführt hat, ist ein äußerst verheißungsvoller Tag. An erster Stelle ist es der Tag des Herrn, der Sonntag, der Tag, an dem unser Herr Jesus Christus vom Tod erstand und den Lauf der menschlichen Geschichte für immer veränderte, indem er allen, die in Finsternis und im Schatten des Todes leben, neues Leben und neue Hoffnung schenkte. Das ist der Grund, warum sich Christen in aller Welt an diesem Tag versammeln, um Gott zu loben und zu danken für die großen Wunder, die er für uns vollbracht hat. Dieser besondere Sonntag markiert auch einen bedeutsamen Moment im Leben der Britischen Nation, weil er als der Tag gewählt wurde, der dem Gedenken der Luftschlacht um Großbritannien vor genau siebzig Jahren gewidmet ist.


 

Für mich als jemanden, der in den dunklen Tagen des Nazi-Regimes in Deutschland gelebt und gelitten hat, ist es sehr bewegend, bei diesem Anlaß hier mit euch zusammenzusein und daran zu erinnern, wie viele eurer Mitbürger ihr Leben hingegeben haben, indem sie sich mutig den Kräften jener üblen Ideologie widersetzten. Meine Gedanken gehen besonders zum nahe gelegenen Coventry, das im November 1940 ein so schweres Bombardement erlitt und einen enormen Verlust an Menschenleben zu beklagen hatte. Siebzig Jahre danach erinnern wir uns beschämt und entsetzt an den furchtbaren Preis von Tod und Zerstörung, den der Krieg fordert, und wir erneuern unseren Entschluß, für Frieden und Versöhnung zu arbeiten, wo immer die Gefahr eines Krieges sich bedrohlich abzeichnet. Aber es gibt noch einen anderen, erfreulicheren Grund, warum dies ein verheißungsvoller Tag für Großbritannien, für Mittelengland, für Birmingham ist. Es ist der Tag, an dem Kardinal John Henry Newman offiziell zur Ehre der Altäre erhoben und selig gesprochen wird.

 

Ich danke Erzbischof Bernard Longley für seinen liebenswürdigen Willkommensgruß zu Beginn der Messe an diesem Morgen. Ich spreche allen, die jahrelang hart an der Förderung der Causa von Kardinal Newman gearbeitet haben, meine Anerkennung aus, einschließlich der Väter des Oratoriums von Birmingham und der Mitglieder der geistlichen Familie Das Werk. Und ich begrüße alle hier aus Großbritannien, aus Irland und alle, die von weiter her gekommen sind; ich danke euch für eure Anwesenheit bei dieser Feier, in der wir Gott verherrlichen und preisen für die heroischen Tugenden eines heiligen Engländers.

 

England hat eine lange Tradition heiliger Märtyrer, deren mutiges Zeugnis der katholischen Gemeinschaft hier über Jahrhunderte hin Halt und Ansporn gewesen ist. Doch es ist recht und angemessen, daß wir heute die Heiligkeit eines Bekenners anerkennen, eines Sohnes dieser Nation, der zwar nicht berufen war, sein Blut für den Herrn zu vergießen, der aber trotzdem im Laufe eines langen, dem priesterlichen Dienst und besonders der Verkündigung, der Lehre und dem Schreiben gewidmeten Lebens ein beredtes Zeugnis für ihn abgelegt hat. Er ist würdig, in einer langen Reihe von Heiligen und Gelehrten dieser Inseln seinen Platz einzunehmen – neben dem heiligen Beda, der heiligen Hilda, dem heiligen Aelred, dem seligen Duns Scotus, um nur einige wenige zu nennen. Im seligen John Henry hat diese Tradition einer edlen Gelehrsamkeit, einer tiefgründigen menschlichen Weisheit und einer tiefempfundenen Liebe zum Herrn reiche Frucht getragen als ein Zeichen der beständigen Gegenwart des Heiligen Geistes zuinnerst im Herzen des Volkes Gottes, eine Gegenwart, die ein Übermaß an Gaben der Heiligkeit hervorbringt.

 

Das Motto von Kardinal Newman „cor ad cor loquitur – das Herz spricht zum Herzen“ gibt uns einen Einblick in sein Verständnis des christlichen Lebens als Berufung zur Heiligkeit, die als der sehnliche Wunsch des menschlichen Herzens erfahren wird, in innige Gemeinschaft mit dem Herzen Gottes zu gelangen. Der Kardinal erinnert uns daran, daß die Treue zum Gebet uns allmählich verwandelt und Gott ähnlich werden läßt. In einer seiner vielen schönen Predigten schrieb er: „So hat die Gewohnheit des Betens, die Übung, sich Gott und der unsichtbaren Welt zu jeder Zeit, an jedem Ort und bei jedem Anlaß zuzuwenden, … sozusagen eine natürliche Wirkung, indem es die Seele vergeistigt und emporhebt. Der Mensch ist dann nicht mehr, was er zuvor war; allmählich … hat er eine neue Ideenwelt eingesogen und ist von neuen Grundsätzen durchdrungen“ (Parochial and Plain Sermons, IV, 230-231). Das heutige Evangelium sagt uns, daß niemand zwei Herren dienen kann (vgl. Lk 16,13), und die Lehre des seligen John Henry über das Gebet erklärt, wie der treue Christ endgültig in den Dienst des einen wahren Meisters genommen wird, der allein Anspruch auf unsere bedingungslose Hingabe hat (vgl. Mt 23,10). Newman hilft uns zu verstehen, was das für unser tägliches Leben bedeutet: Er sagt uns, daß unser göttlicher Lehrer jedem von uns eine spezielle Aufgabe zugewiesen hat, einen „bestimmten Dienst“, der jedem einzelnen Menschen ganz persönlich anvertraut ist: „Ich habe meine Sendung“, schrieb er, „ich bin ein Glied in einer Kette, ein verbindendes Element zwischen Personen. Gott hat mich nicht umsonst erschaffen. Ich soll Gutes tun und sein Werk vollbringen. Ich soll auf meinem Posten ein Engel des Friedens, ein Prediger der Wahrheit sein … wenn ich nur seine Gebote halte und ihm in meiner Berufung diene“ (Meditations and Devotions, 301-302).

 

Der bestimmte Dienst, zu dem der selige John Henry berufen war, beanspruchte seinen scharfen Verstand und seine produktive Feder und lenkte sie auf viele der dringenden „Tagesthemen“. Seine Einsichten in die Beziehung von Glaube und Vernunft, in den wichtigen Stellenwert der Offenbarungsreligion in der Zivilgesellschaft und in die Notwendigkeit einer breit fundierten und weit gefächerten Ausrichtung der Erziehung waren nicht nur bedeutend für das viktorianische England, sondern inspirieren und erleuchten heute noch viele Menschen in aller Welt. Ich möchte besonders seine Sicht der Erziehung würdigen, die so sehr dazu beigetragen hat, den Ethos zu prägen, der heute als treibende Kraft hinter den katholischen Schulen und Colleges steht. Als ein entschiedener Gegner jedes reduktiven und utilitaristischen Ansatzes suchte er ein pädagogisches Umfeld zu schaffen, in dem intellektuelle Übung, moralische Disziplin und religiöses Engagement miteinander verbunden sein sollten.

 

Der Plan, in Irland eine katholische Universität zu gründen, gab ihm die Gelegenheit, seine Ideen zu dem Thema zu entwickeln, und die Sammlung der Reden, die er unter dem Titel The Idea of a University veröffentlichte, stellt ein Ideal auf, von dem alle in der akademischen Bildung Beschäftigten weiterhin lernen können. Und in der Tat: Welches Ziel könnten Religionslehrer sich setzen, das besser wäre als der berühmte Appell des seligen John Henry für einen intelligenten, gut unterrichteten Laien: „Ich wünsche mir Laien, nicht arrogant, nicht vorlaut, nicht streitsüchtig, sondern Menschen, die ihre Religion kennen, die sich auf sie einlassen, die ihren eigenen Standpunkt kennen, die wissen, woran sie festhalten und was sie unterlassen, die ihr Glaubensbekenntnis so gut kennen, daß sie darüber Rechenschaft ablegen können, die über so viel geschichtliches Wissen verfügen, daß sie ihre Religion zu verteidigen wissen“ (The Present Position of Catholics in England, IX, 390). An diesem Tag, da der Autor jener Worte zur Ehre der Altäre erhoben worden ist, bete ich darum, daß auf seine Fürsprache hin und durch sein Vorbild alle, die in Unterricht und Katechese beschäftigt sind, von der Sicht, die er uns so klar vor Augen hält, zu größerem Einsatz angespornt werden.

 

Während es verständlicherweise das intellektuelle Vermächtnis von John Henry Newman ist, das in der umfangreichen, seinem Leben und seinem Werk gewidmeten Literatur die meiste Aufmerksamkeit erhalten hat, ziehe ich es bei dieser Gelegenheit vor, mit ein paar kurzen Gedanken über sein Leben als Priester und Seelsorger zu schließen. Die Wärme und Menschlichkeit, die seinem Verständnis des pastoralen Dienstes zugrunde liegt, ist wundervoll ausgedrückt in einer anderen seiner berühmten Predigten: „Wären Engel eure Priester gewesen, meine Brüder, dann hätten sie nicht trauern können mit euch, keine Sympathie für euch und kein Mitleid mit euch empfinden, nicht herzlich mitfühlen und Nachsicht haben mit euch, wie wir es können. Sie hätten nicht eure Vorbilder und Führer sein können, noch euch aus dem alten Sein ins neue Leben geleiten können, wie die es vermögen, die aus eurer Mitte kommen“ („Men, not Angels: the Priests of the Gospel“, Discourses to Mixed Congregations, 3).

 

Er lebte diese zutiefst menschliche Sicht des priesterlichen Dienstes in seiner treuen Fürsorge für die Menschen von Birmingham während der Jahre, die er in dem von ihm gegründeten Oratorium verbrachte, indem er die Kranken und die Armen besuchte, die Hinterbliebenen tröstete und sich um die Gefangenen kümmerte. Kein Wunder, daß nach seinem Tode so viele Tausend Menschen die örtlichen Straßen säumten, als sein Leichnam zu seiner Begräbnisstätte gebracht wurde, die weniger als eine halbe Meile von hier entfernt ist. Einhundertundzwanzig Jahre danach haben sich wieder große Menschenmengen versammelt, um in Freude die feierliche kirchliche Anerkennung der außergewöhnlichen Heiligkeit dieses vielgeliebten Seelenvaters zu begehen. Wie könnten wir die Freude dieses Augenblicks besser ausdrücken als indem wir uns in herzlichem Dank an unseren himmlischen Vater wenden und mit den Worten beten, die der selige John Henry den Chören der Engel im Himmel in den Mund legte:

 

Praise to the Holiest in the height

And in the depth be praise;

In all his words most wonderful,

Most sure in all his ways!

 

(Preis sei dem Heil’gen in der Höh’

Und Tiefe ewiglich,

In Wort und Handeln wunderbar,

Und unerschütterlich!)

 

(The Dream of Gerontius).

 


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