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Ehe und Familie als Menschheitsthema

20. Mai 2016 in Familie, 2 Lesermeinungen
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Die rein funktional verstandene Definition von Partnerschaft, wonach Familie überall da wäre, wo Kinder sind, ist eine schlimme Umbeugung des Familienbegriffs. Von Bischof Heinz Josef Algermissen


Fulda (kath.net/pbf) Am 22. November 1981 veröffentlichte Papst Johannes Paul II. sein bedeutendes Apostolisches Lehrschreiben „Familiaris Consortio – Über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute“. Die Lage der Familien sei, so schrieb der Hl. Vater damals, von „Licht und Schatten“ gekennzeichnet, sie weise positive und negative Aspekte auf. „Die einen sind Zeichen für das in der Welt wirksame Heil in Christus, die anderen für die Ablehnung, mit der der Mensch der Liebe Gottes begegnet“ (Nr. 6).

Wer in der Rezeption der theologischen Grundaussagen von „Familiaris Consortio“ von vornherein einen Gegensatz von theologischer Idealvorstellung und konkreter Lebenswirklichkeit hineindeutet, wie häufig geschehen, konstruiert damit einen Widerspruch, der zwangsläufig in argumentative Sackgassen führt, weil nämlich dann nicht nur ein Ideal gegen die Realität ausgespielt, sondern als theoretischer Überbau und Projektion abqualifiziert wird.

Eine Auflösung dieser Gegensätze gelingt nur, wenn man die theologischen Aussagen des Lehrschreibens als umfassende heilsgeschichtliche Argumentation begreift, in welcher Ehe und Familie bereits in der Schöpfungsinitiative Gottes angelegt sind, im Erlösungswerk Jesu ihre definitive Bedeutung erhalten und im Leben von Kirche und Welt eine konstitutive Aufgabe einnehmen.

Papst Benedikt XVI. erweitert in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ die heilsgeschichtliche Perspektive um einen interessanten Aspekt, wenn er hervorhebt: „Die auf einer ausschließlichen und endgültigen Liebe beruhende Ehe wird zur Darstellung des Verhältnisses Gottes zu seinem Volk und umgekehrt; die Art, wie Gott liebt, wird zum Maßstab menschlicher Liebe“.
Nur im Kontext dieses profunden Ansatzes können wir einstimmen in das Wort Jesu im Markus-Evangelium (10, 9): „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ und ist zu verstehen, was der erste Johannesbrief meint: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (4, 16).


Getragen von dieser bleibenden, vorbehaltlosen Verbundenheit erbringen Familien heute vielfältige Leistungen, ohne die unsere Gesellschaft nicht existieren könnte. Eltern verzichten auf Einkommen und Freizeit, um ihren Kindern eine optimale Betreuung und Erziehung zukommen zu lassen. Sie begleiten ihre Kinder unter Inkaufnahme erheblicher persönlicher Einschränkungen durch Schule und Berufsausbildung.

Eheleute stehen einander in Krisensituationen bei, in Krankheit und Pflegebedürftigkeit. Sie gehen dabei mitunter bis an die Grenze der eigenen Belastbarkeit, nicht selten sogar darüber hinaus.

Unsere Gesellschaft nimmt diesen Einsatz für die anderen wie selbstverständlich hin. Er ist aber nicht selbstverständlich. Und deshalb gebührt den Familien Dank und Anerkennung durch Kirche und Gesellschaft.

In der heutigen Zeit verbreiten die Familien also viel Licht. Aber auch die Schattenseiten sind unübersehbar. Ich denke an die deutlichen Fiebersymptome einer kranken Gesellschaft: Verwahrloste Elternhäuser, überforderte Mütter und Väter, Kinderarmut. Und die Tatsache macht mir große Sorgen, dass die Form des Zusammenlebens der Eltern zunehmend vergleichgültigt und dem liberalen Zeitgeist der Gesellschaft geopfert wurde. Für die katholische Kirche bilden hingegen grundsätzlich Ehe und Familie eine unauflösliche Einheit. Die rein funktional verstandene Definition von Partnerschaft, wonach Familie überall da wäre, wo Kinder sind, ist eine schlimme Umbeugung des Familienbegriffs.

In der intakten, auf gegenseitiger Liebe und Respekt beruhenden Ehe finden Kinder den Ort, an dem sie zu gefestigten und selbstverantwortlichen Persönlichkeiten heranreifen können.

Zwar kann und darf die Kirche ihre Augen nicht angesichts der besonderen Belastungen verschließen, die Getrenntlebende und Alleinerziehende zu bewältigen haben. Mit Nachdruck haben die letzten Päpste dazu aufgefordert, den Geschiedenen und Wiederverheirateten in ihrer Lebens- und Glaubenssituation beizustehen und sie am Leben der Gemeinde zu beteiligen. Aber das darf nicht dazu führen, den Stellenwert der in Freiheit auf Dauer geschlossenen Ehe zu relativieren oder gar in Frage zu stellen.

Ein weiterer Grund zur Sorge ist die Tatsache, dass sich viele junge Menschen bewusst gegen die Gründung einer Familie entscheiden. Sie sehen in der Elternschaft nicht mehr die höchste Sinnerfüllung ihres Lebens. Andere Werte wie der Wunsch nach Selbstverwirklichung und individueller Freiheit treten gleichrangig hinzu. In der Gesellschaft sind es vor allem die Schwierigkeiten, Familie und Berufstätigkeit miteinander zu vereinbaren, die junge Menschen davon abhalten, eine Familie zu gründen. Viele Ältere stehen dem verständnislos gegenüber, da sie doch selbst unter wesentlich schwierigeren Bedingungen und weitgehend ohne staatliche Hilfen Familien gegründet und Kinder erzogen haben.

Wir alle müssen indes zur Kenntnis nehmen, dass die Belastungen, die Familien tragen, heute andere sind als früher. Auf diese veränderte Situation ist zu antworten, auch in den Kirchengemeinden.

Liebe Leserinnen und Leser! Die Familien sind die Keimzelle jeder Gesellschaft, und damit auch der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche. Nur in einer Familie, in der der Glaube einen festen Stellenwert hat, können junge Menschen in einem gefestigten Glauben heranwachsen, ihn leben und später selbst weitergeben. Die Erziehung zu Glaube und Gebet hat Papst Johannes Paul II. als eine „priesterliche Aufgabe“ bezeichnet, zu der die Familie berufen ist (Familiaris Consortio Nr. 55).

Ehe und Familie gehören zu den kostbarsten Gütern der Menschheit. Es ist unsere Aufgabe, dieses hohe Gut im christlichen Verständnis zu leben, weiterzugeben und sich für dessen Erhalt mit allem Nachdruck einzusetzen. Papst Franziskus hat dies kürzlich erst in seinem nachsynodalen Schreiben „Amoris Laetitia“ einladend und ermutigend bekräftigt.

Foto Bischof Algermissen (c) Bistum Fulda


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