Login




oder neu registrieren?


Suche

Suchen Sie im kath.net Archiv in über 70000 Artikeln:







Top-15

meist-diskutiert

  1. Papst an Ministranten: Denkt über Priesterberuf nach
  2. Offensichtlich geht es heute auch ohne Religion
  3. Lebensschutz ist und bleibt ein Kernthema für Christen
  4. Ist der Begriff „Neger“ mit dem des „parasitären Zellhaufens“ verfassungsrechtlich vergleichbar?
  5. Papst Leo an Politiker: Man kann nicht katholisch sein und gleichzeitig für Abtreibung sein
  6. USA werden im Jahr 2100 ein katholisches Land sein
  7. Großbritannien: Junge Menschen kehren in die Kirchen zurück
  8. Papst Leo XIV. betet für die Opfer des Attentats auf eine katholische US-Schule
  9. Dokumentationsstelle: Islamistischer Einfluss in Österreich nimmt zu
  10. Den tradierten Glauben demütig anbieten
  11. Sozialethiker Rhonheimer: Jesus war kein Kapitalismuskritiker
  12. Weißes Haus: FBI untersucht auf „Inlandsterrorismus und Hasskriminalität gegen Katholiken“
  13. "Ohne ihr heldenhaftes Handeln hätte es deutlich schlimmer kommen können"
  14. Australien wirf Iran Steuerung von antisemitischen Terroranschlägen vor
  15. Wir sind hier, um der Welt zu erklären, dass auch Wladimir Putin für seine Verbrechen bezahlen muss"

Vor den Parlamentswahlen: Wohin steuert Ägypten?

16. November 2011 in Aktuelles, 2 Lesermeinungen
Druckansicht | Artikel versenden | Tippfehler melden


Monsignore Joachim Schroedel: „Alle haben unter Mubarak gelitten, deshalb ist es ja zur Revolution gekommen. Seine brutale Alleinherrschaft ist nun beseitigt, aber ihre Strukturen sind noch da.“ – Ein Interview von Volker Niggewöhner / KIRCHE IN NOT


Kairo-München (kath.net/KIN) Am 28. November wird in Ägypten zum ersten Mal seit dem Sturz des Regimes von Husni Mubarak ein neues Parlament gewählt. Experten messen dieser Wahl im bevölkerungsreichsten arabischen Land eine erhebliche Vorbildfunktion für alle Nationen zu, die sich im Zuge des „Arabischen Frühlings“ von ihren autoritären Herrschern befreit haben. Im Gespräch mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ beschreibt der Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken im Nahen Osten, Msgr. Joachim Schroedel (Foto), die Hoffnungen und Sorgen der ägyptischen Christen.


Kirche in Not: Was erwarten Sie von den Parlamentswahlen in Ägypten?

Schroedel: Es ist auf jeden Fall gut, dass gewählt wird. Denn was wäre, wenn Mubarak noch da wäre? Alle haben unter Mubarak gelitten, deshalb ist es ja zur Revolution gekommen. Seine brutale Alleinherrschaft ist nun beseitigt, aber ihre Strukturen sind noch da. Der derzeitige Chef des Militärrates war über 20 Jahre lang ein enger Vertrauter Mubaraks. Die Wahlen sind eine Chance für das Land, aber die einzige wirklich gut aufgestellte und strukturierte Bewegung, die sich zur Wahl stellen, sind die Muslimbrüder.

Kirche in Not: Welche Themen werden die Wahlen inhaltlich prägen?

Schroedel: In den letzten Wochen habe ich erlebt, wie Ägypten langsam im Chaos versinkt. Wir haben zum Beispiel kaum Polizei auf den Straßen. Täglich verbringe ich Stunden im stehenden Auto, weil nichts vorangeht. Das ist beispielhaft für die ganze Situation in Ägypten: Es braucht eine ordnende Struktur. Dass die öffentliche Ordnung wieder auf Dauer gewährleistet wird, hat auch für die Wahlen oberste Priorität. Zurzeit sind Kräfte am Ruder, die das Chaos fördern. Unter diesen Umständen sagen viele, und gerade auch die Christen, dass unter Mubarak ja nicht alles schlecht gewesen sei.


Kirche in Not: Das klingt, als ob in Ägypten momentan Verhältnisse herrschen wie in Deutschland zu Zeiten der Weimarer Republik?

Schroedel: Ja, so kann man das sagen. Genau jetzt entscheidet es sich, ob es gelingt, demokratische Strukturen zu schaffen oder nicht. Ich bin da nicht so pessimistisch wie andere. Ich glaube, dass wir trotz aller Verschwörungstheorien den guten Willen des hohen Militärrates akzeptieren müssen, obwohl dort noch viele aus Mubaraks Zeiten an der Macht sind. Aber es ist nicht nur Kosmetik, wenn zum Beispiel kurz nach dem Massaker an den Kopten am 9. Oktober in Kairo ein neues Anti-Diskriminierungsgesetz auf den Weg gebracht wurde. Der Patriarch der katholischen Kopten, Antonios Kardinal Naguib, sagte vor kurzem, dass er eine große Chance für den interreligiösen Dialog sehe, die wir ergreifen müssen. Solche positiven Wortmeldungen finde ich besser als jedes Gejammer.

Kirche in Not: Die Wahlen in Tunesien und Libyen haben aber gezeigt, dass der Islam auch in der Politik eine stärkere Rolle spielen könnte als bisher.

Schroedel: Nun, was erwarten wir denn? Ägypten ist ein Land mit einem muslimischen Bevölkerungsanteil von 90 Prozent. In Libyen gibt es keinen einzigen ursprünglich in dem Land geborenen Christen und darüber hinaus gar keine demokratische Tradition. Natürlich greift man unter diesen Umständen zum naheliegendsten, nämlich zum Islam und zur islamischen Rechtsprechung. Wir müssen vorsichtig sein, wenn wir bei „Scharia“ gleich an abgehackte Hände und Köpfe denken. Seit 1983 gilt die Scharia zum Beispiel in Ägypten bereits als Grundlage der Rechtsprechung und daran dürfte sich nichts ändern. Die fundamentalen Rechte für Christen werden deshalb trotzdem eingeklagt und zwar gerade von Intellektuellen und der Jugend. Diese Gruppen wollen weder eine autokratische noch eine religiöse Herrschaft. Sie wollen eine Gesellschaft nach westlichem Muster, auch wenn Religion dabei noch eine Rolle spielen muss.

Kirche in Not: Wenn die Strömungen so tolerant sind, wie Sie es beschreiben, woher kam dann die Gewalt gegen Christen?

Schroedel: Ich denke, das liegt vor allem an dem vorherrschenden Machtvakuum. Die Abwesenheit einer richtigen, legitimierten Regierung treibt die Menschen zu verzweifelten Akten. Was geschehen ist, war schrecklich und wird durch die Weltöffentlichkeit Gott sei Dank auch wahrgenommen. Aber wenn man genau hinsieht, gab es keine gezielten oder systematischen Vernichtungsschläge gegen Christen. Und vereinzelte Gewaltausbrüche gab es auch schon unter Mubarak, so zum Beispiel in der letzten Silvesternacht in Alexandria. Daher kann ich nicht bestätigen, dass die Situation seit Beginn der Revolution wirklich so viel schlimmer für die Christen geworden ist.

Kirche in Not: Es gibt aber auch Hinweise, dass viele Christen vor der Gewalt geflohen sind und nicht mehr an eine Zukunft in Ägypten glauben. Vertreter der orthodoxen koptischen Kirche des Landes sprechen zum Beispiel von bis zu 100 000 christlichen Flüchtlingen seit Beginn der Umbrüche.

Schroedel: Diese Zahl halte ich für unglaubwürdig. Wer flüchtet, muss sich die Ausreise erst einmal leisten können, und so viele wohlhabende Menschen gibt es unter den Christen nun auch wieder nicht. Natürlich gibt es Auswanderer, aber sie haben ihre Ausreise meist lange geplant und nehmen die unsichere Situation höchstens zum Anlass, früher zu gehen.

Aber nur als Beispiel: In einer christlichen Schule, die ich öfter besuche, sind in diesem Jahr von den 400 Schülerinnen gerade einmal drei gemeinsam mit ihrer Familie ausgewandert. Das klingt für mich nicht nach einer überdurchschnittlichen Abwanderung. Es ist zwar um jeden schade, der das Land verlässt, aber es ist nicht seriös, solche Zahlen hochzurechnen und zu behaupten, dass es im Jahr 2030 keine Christen mehr in Ägypten geben wird. Wichtig ist mir vor allem, dass wir Christen mit der muslimischen Mehrheit im Dialog bleiben und dabei massiv unsere Rechte einfordern. Aber vorher müssen wir die Muslime als Mehrheit auch akzeptieren.


www.kirche-in-not.de

Kirche in Not
Lorenzonistr. 62
81545 München
Deutschland

Telefon: +49 / 89 / 64 24 888 – 0
Fax: +49 / 89 / 64 24 888 50
E-Mail: [email protected]

Foto Joachim Schroedel © Kirche in Not


Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal!

 





Lesermeinungen

Um selbst Kommentare verfassen zu können müssen Sie sich bitte einloggen.

Für die Kommentiermöglichkeit von kath.net-Artikeln müssen Sie sich bei kathLogin registrieren. Die Kommentare werden von Moderatoren stichprobenartig überprüft und freigeschaltet. Ein Anrecht auf Freischaltung besteht nicht. Ein Kommentar ist auf 1000 Zeichen beschränkt. Die Kommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.
kath.net verweist in dem Zusammenhang auch an das Schreiben von Papst Benedikt zum 45. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel und lädt die Kommentatoren dazu ein, sich daran zu orientieren: "Das Evangelium durch die neuen Medien mitzuteilen bedeutet nicht nur, ausgesprochen religiöse Inhalte auf die Plattformen der verschiedenen Medien zu setzen, sondern auch im eigenen digitalen Profil und Kommunikationsstil konsequent Zeugnis abzulegen hinsichtlich Entscheidungen, Präferenzen und Urteilen, die zutiefst mit dem Evangelium übereinstimmen, auch wenn nicht explizit davon gesprochen wird." (www.kath.net)
kath.net behält sich vor, Kommentare, welche strafrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen, zu entfernen. Die Benutzer können diesfalls keine Ansprüche stellen. Aus Zeitgründen kann über die Moderation von User-Kommentaren keine Korrespondenz geführt werden. Weiters behält sich kath.net vor, strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.


Mehr zu







Top-15

meist-gelesen

  1. Sommerspende für kath.net - Bitte helfen SIE uns jetzt JETZT!
  2. Oktober 2025 mit kath.net in MEDJUGORJE mit P. Leo MAASBURG
  3. Papst Leo an Politiker: Man kann nicht katholisch sein und gleichzeitig für Abtreibung sein
  4. Großbritannien: Junge Menschen kehren in die Kirchen zurück
  5. Papst Leo XIV. betet für die Opfer des Attentats auf eine katholische US-Schule
  6. USA: Dominican Sisters of St. Cecilia heißen dieses Jahr 21 Postulantinnen willkommen
  7. Papst an Ministranten: Denkt über Priesterberuf nach
  8. Ist der Begriff „Neger“ mit dem des „parasitären Zellhaufens“ verfassungsrechtlich vergleichbar?
  9. Lebensschutz ist und bleibt ein Kernthema für Christen
  10. Wie zwei Konvertiten spannend den Glauben vermitteln
  11. US-Erzdiözese Denver: Pfarreien nominieren 900 junge Männer für das Priestertum
  12. Offensichtlich geht es heute auch ohne Religion
  13. Ökumenische Begegnungen zwischen Rom und Konstantinopel
  14. Polen: Tschenstochau feiert "Schwarze Madonna" mit Friedensappell
  15. 'Alles, was künftig geschehen soll, ist für Gott bereits geschehen'

© 2025 kath.net | Impressum | Datenschutz