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Verbum Domini oder: der Sinn so vieler Worte

16. November 2010 in Aktuelles, 5 Lesermeinungen
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220 Seiten über das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche laufen Gefahr, nicht gelesen zu werden. Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as) Am vergangenen Donnerstag, 11. November, wurde das nachsynodale Apostolische Schreiben „Verbum Domini“ veröffentlicht, mit dem die Ergebnisse, Hoffnungen und Wünsche der ordentlichen Versammlung der Bischofssynode 2008 über das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche zusammengefasst werden. Das Schreiben ist 220 Seiten lang. Somit dürfte es wohl nach fünf Tagen klar sein, dass sich alle Katholiken mittlerweile den Text besorgt haben, was im Zeitalter des Internets kein Problem mehr darstellt. Heute muss man nicht mehr angespannt darauf warten, dass der Postbote den bei der Deutschen Bischofskonferenz bestellten Sonderband der Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles endlich überbringt. Jeder kann sich sofort den Text runterladen, ausdrucken, auf dem Computer zuhause oder auf dem iPad unterwegs zur Arbeit lesen. Kein Katholik wird es sich nehmen lassen, die umfangreichen Wörter über das „Wort“ zu assimilieren, für sich selbst auf Kärtchen oder in gesonderten Ordner auf dem Pc nach Themen, Stichwörtern, Interessenbereichen usw. zu ordnen. Oder nicht?

220 Seiten als die Zusammenfassung von fast einem Monat Arbeit der Bischofssynode, die dazu dienen soll, den Glauben den Einzelnen und der Gemeinschaft der Kirche zu beleben, ihm neue Impulse zu geben, Missstände offen auszusprechen, Perspektiven für die Zukunft zu eröffnen – doch seufzend kommt einem zunächst Shakespeares „Hamlet“ in den Sinn, als da Polonius in der 2. Szene des 2. Aktes ausruft: „Therefore, since brevity is the soul of wit, and tediousness the limbs and outward flourishes, I will be brief – Weil Kürze denn des Witzes Seele ist, Weitschweifigkeit der Leib und äußre Zierrat, fass ich mich kurz“.

Zweifellos: das Anliegen ist von größter Wichtigkeit. Es geht um die immer größere Entdeckung der Zentralität des Wortes Gottes im persönlichen Leben und im Leben der Kirche sowie um die Entdeckung der Dringlichkeit und der Schönheit der Verkündigung des Wortes für das Heil der Menschheit als überzeugte und glaubwürdige Zeugen des Auferstandenen. Was wäre notwendiger?


„In einer Welt, die Gott oft als überflüssig oder fremd empfindet“, so Benedikt XVI., „gibt es keine größere Priorität als diese: dem Menschen von heute den Zugang zu Gott wieder zu öffnen, zu dem Gott, der spricht und uns seine Liebe mitteilt, damit wir Leben in Fülle haben“ (2). Benedikt XVI. betont eindringlich, dass „Gott zugunsten des Menschen und seines ganzheitlichen Heils spricht und in die Geschichte eingreift“ (22). Das Wort Gottes „stellt sich nicht gegen den Menschen, es unterdrückt nicht seine echten Wünsche, sondern erleuchtet sie sogar, indem es sie reinigt und zur Vollendung führt“. In unserer Zeit habe sich leider, vor allem im Westen, die Vorstellung verbreitet, „dass Gott mit dem Leben und den Problemen des Menschen nichts zu tun hat, dass seine Gegenwart sogar eine Bedrohung für die Unabhängigkeit des Menschen sein kann. In Wirklichkeit zeige die gesamte Heilsökonomie, dass „Gott zugunsten des Menschen und seines ganzheitlichen Heils spricht und in die Geschichte eingreift. Unter dem Gesichtspunkt der Seelsorge sei es daher entscheidend zu vermitteln, dass das Wort Gottes im Dialog steht mit den Problemen, denen der Mensch im täglichen Leben gegenübersteht“ (23). Es sei daher wichtig, „dass die Gläubigen dazu erzogen werden, die Wurzel der Sünde im Nichthören auf das Wort des Herrn zu erkennen und in Jesus, dem Wort Gottes, die Vergebung anzunehmen, die uns für das Heil öffnet“ (26).

In den Mittelpunkt des nachsynodalen Schreibens stellt der Papst zusammen mit dem Weltepiskopat die Liturgie als bevorzugten Ort des Wortes Gottes. Erneut fordert Benedikt XVI. „eine größere Sorgfalt bei der Verkündigung des Wortes Gottes“. Die mit dieser Aufgabe betrauten Lektoren müssten, „auch wenn sie nicht die Beauftragung erhalten haben, wirklich dafür geeignet und gut vorbereitet sein“ (58). Ebenso ruft der Papst dazu auf, die Qualität der Predigten zu erhöhen: „Zu vermeiden sind allgemein gehaltene und abstrakte Predigten, die die Einfachheit des Wortes Gottes verdunkeln, ebenso wie nutzlose Abschweifungen, bei denen Gefahr besteht, dass sie die Aufmerksamkeit mehr auf den Prediger als auf den Kernpunkt der Botschaft des Evangeliums lenken“ (59).

Hervorgehoben wird der Wert der Stille in den Feiern: „Die Zentralität des Wortes Gottes im Leben der Kirche wiederzuentdecken bedeutet auch, den Sinn der inneren Sammlung und Ruhe wiederzuentdecken“, dies in einer Zeit, die „der inneren Sammlung nicht förderlich“ ist, während manchmal der Eindruck entstehe, „dass geradezu eine Angst besteht, sich auch nur für einen Augenblick von den Massenkommunikationsmitteln zu trennen“ (66).

Besonders wichtig in einer Zeit der selbstgestrickten liturgischen Texte (ein Missstand, der traurigerweise nicht einmal vor dem Glaubensbekenntnis halt macht): Die Lesungen der Liturgie dürften nicht durch andere Texte ersetzt werden: „Kein Text der Spiritualität oder der Literatur kann den Wert und den Reichtum erlangen, der in der Heiligen Schrift, dem Wort Gottes, enthalten ist“, was auch für den Antwortpsalm gilt (69). Es sollen Gesänge bevorzugt werden, „die ganz klar biblisch inspiriert sind und durch die harmonische Übereinstimmung von Text und Musik die Schönheit des göttlichen Wortes zum Ausdruck bringen. In diesem Sinne ist es gut, jene Gesänge zu verwenden, die wir der Überlieferung der Kirche verdanken und die diesem Kriterium entsprechen. Ich denke insbesondere an den Gregorianischen Choral“ (70). Besondere Aufmerksamkeit soll den Blinden und Gehörlosen gewidmet werden (71).

Wichtige Aussagen, wichtige Hilfen in einer Zeit, in der die Regellosigkeit und eine angebliche „Kreativität“ gerade im Bereich der Liturgie zu einem den Glauben schädigenden Niedergang geführt haben. Aber: „Since brevity is the soul of wit...“ oft ist es schwierig, die in den Texten enthaltenen Leitsterne herauszudestillieren, um gerade einem der Hauptanliegen des Papstes, der Neuevangelisierung, dienlich zu sein.

„Je besser wir verstehen, uns dem göttlichen Wort zur Verfügung zu stellen, desto mehr können wir feststellen, dass sich das Pfingstgeheimnis auch heute in der Kirche Gottes vollzieht. Der Geist des Herrn gießt auch weiterhin seine Gaben über die Kirche aus, damit wir in die ganze Wahrheit geführt werden; er erschließt uns den Sinn der Schrift und macht uns in der Welt zu glaubwürdigen Verkündigern des heilbringenden Wortes“ (123), so endet das Schreiben. Jetzt ist es Aufgabe der Priester und Katecheten, die einzelnen Bereiche dieses Handbuchs zum Wort Gottes aufzuschlüsseln und zur Erbauung des Gottesvolkes zu benutzen.

Gleichzeitig wäre es wünschenswert, neben einem umfangreichen Schreiben klare Anweisungen zu bekommen, in denen das Anliegen und der Wille des Papstes deutlich und unmissverständlich formuliert sind. Der Papst macht vieles vor. Eigentlich sollte dies genügen. Aber die Blind- und Gehörlosigkeit der Zeit macht vielleicht präzise Gebrauchsanweisungen nötig. Schaden könnte es jedenfalls nicht.

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