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„Wir werden erwartet“

vor 47 Minuten in Spirituelles, keine Lesermeinung
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„Die Lichter auf den Gräbern lassen diese Hoffnung sichtbar werden. Jede kleine Flamme erinnert uns an Christus, den Auferstandenen.“ Predigt zu Allerheiligen und Allerseelen. Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net/pl) 1 Ein Licht für unsere Sehnsucht
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, wenn wir in diesen Tagen eine Kerze am Grab entzünden, denken wir an einen Menschen. Wir sehen sein Gesicht, hören seine Stimme. Vielleicht kommt uns ein gemeinsames Lachen in den Sinn. Vielleicht spüren wir wieder, wie sehr dieser Mensch fehlt. In der kleinen Flamme liegt ein stilles Gebet: Herr, lass ihn bei dir geborgen sein.

Mit dieser Sehnsucht kommen wir zu Gott. An Allerheiligen feiern wir die Menschen, die in seiner Liebe vollendet sind. An Allerseelen beten wir für unsere Verstorbenen und vertrauen sie seiner Barmherzigkeit an. Beide Tage öffnen unseren Blick für eine Zukunft, in der uns Christus erwartet.

Dabei dürfen wir traurig sein. Jesus selbst hat am Grab seines Freundes Lazarus geweint. Er kennt den Schmerz des Abschieds. Ihm dürfen wir auch jene Tränen anvertrauen, die niemand sieht.

2 Eine Gemeinschaft voller Leben
Die Offenbarung des Johannes zeigt uns eine große Schar, die niemand zählen kann: Menschen aus allen Völkern und Sprachen, versammelt vor Gott (vgl. Offb 7,9). Was für ein weiter, froher Ausblick! Gottes Himmel ist voller Leben. In seiner Gegenwart finden Menschen zusammen, deren Wege auf Erden weit auseinanderlagen.

Zu dieser Gemeinschaft gehören die bekannten Heiligen und unzählige Menschen, deren Namen in keinem Kalender stehen. Vielleicht denken wir an jemanden, durch dessen Güte wir selbst glauben gelernt haben. Wir dürfen hoffen, solche vertrauten Gesichter in Gottes großer Gemeinschaft wiederzufinden.

Der heilige Bernhard von Clairvaux ermutigt uns, denen entgegenzugehen, die uns erwarten.1 Der Himmel ist für ihn eine ersehnte Gemeinschaft. Auch wir sind eingeladen, mit den Heiligen in Gottes Freude zu leben.

3 Gottes Liebe im Alltag
Dieser Weg beginnt schon heute. Im Ersten Johannesbrief heißt es: „Jetzt sind wir Kinder Gottes“ (1 Joh 3,2). Darin liegt der Anfang unserer Heiligkeit: Gott liebt uns und nimmt uns als seine Kinder an. Seine Liebe lässt uns wachsen.

Die Seligpreisungen zeigen, wie dieses Wachsen aussieht. Jesus nennt die Barmherzigen selig und jene, die Frieden stiften. Und er sagt: „Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden“ (Mt 5,4). Er sieht Menschen gerade dort, wo sie verletzlich sind, und spricht ihnen seine Nähe zu.


So kann Heiligkeit mitten im Alltag Gestalt gewinnen: wenn jemand einen einsamen Nachbarn besucht oder nach einem Streit den Mut zur Versöhnung findet. Auch der erschöpfte Mensch, der Hilfe annimmt, darf erfahren, dass Gottes Liebe ihn trägt.

Denken wir an ein Kirchenfenster: Wenn Licht hindurchfällt, beginnen seine Farben zu leuchten. So lässt Gottes Gnade in jedem Menschen etwas Eigenes aufscheinen. Auch durch unsere begrenzten Kräfte kann seine Güte einen anderen Menschen erreichen.

4 Gott vollendet das Unfertige
Doch vieles bleibt in unserem Leben unfertig. An manchen Gräbern schmerzt ein Wort, das nie ausgesprochen wurde. Eine Bitte um Vergebung kam zu spät. Eine Beziehung blieb belastet. Auch das dürfen wir vor Gott bringen.

An Allerseelen bitten wir: Herr, vergib unseren Verstorbenen ihre Schuld. Heile ihre Wunden und vollende das Gute, das du in ihnen begonnen hast.

Die Kirche spricht von Läuterung. Papst Benedikt XVI. erschließt sie als eine Begegnung mit Christus, dessen Liebe uns reinigt und heilt.2 In seinem Licht wird sichtbar, was wir getan und versäumt haben. Das kann schmerzen. Doch wir hoffen auf den Retter, der uns von allem befreit, was der Liebe noch im Wege steht.

Deshalb müssen wir unsere Verstorbenen weder idealisieren noch auf ihre Fehler festlegen. Wir dürfen sie mit ihrer ganzen Lebensgeschichte Gottes gerechtem und barmherzigem Urteil übergeben. Wo Versöhnung für uns noch schwer ist, kann ein schlichtes Gebet beginnen: Herr, du kennst uns beide. Hilf uns.

5 Unsere Liebe darf weiterwirken
Unser Gebet für die Verstorbenen gehört zur Gemeinschaft der Heiligen. In Christus bleiben wir miteinander verbunden. Darum gedenkt die Kirche ihrer Toten in jeder Eucharistiefeier, und wir rufen die Heiligen um ihre Fürsprache an.

Benedikt XVI. erinnert daran, dass unsere Liebe über die Grenze des Todes hinausreichen kann.3 Wenn wir für einen Verstorbenen beten, vertrauen wir darauf, dass Gott diese Liebe annimmt. Wir dürfen ihm danken für das gemeinsam Erlebte und ihm auch das anvertrauen, was zwischen uns offenblieb.

Aus diesem Gebet kann etwas Gutes für heute wachsen. Wer im Gedenken an einen Verstorbenen einen Kranken besucht oder einem bedürftigen Menschen hilft, lässt die empfangene Liebe weiterwirken. So wird Erinnerung fruchtbar. Und unser Gebet schließt auch jene ein, an die niemand mehr denkt.

6 Mit Hoffnung weiterleben
Liebe Schwestern und Brüder, Christus ist durch den Tod gegangen und auferstanden. Auf ihn gründet sich unsere Hoffnung. Er verheißt seinen Jüngern: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen“ (Joh 14,2). Bei ihm dürfen wir Heimat erhoffen, für unsere Verstorbenen und für uns selbst.

Diese Hoffnung schenkt uns Mut, die Menschen zu lieben, die heute an unserer Seite sind. Wir können Freude teilen, ein versöhnendes Wort wagen und dankbar leben. Die Heiligen ermutigen uns dazu. Sie haben erfahren, wohin ein Leben mit Christus führt.

Darum dürfen wir in österlicher Hoffnung beten:
Herr Jesus Christus, du bist auferstanden und hast dem Tod die Macht genommen. Deiner Liebe vertrauen wir unsere Verstorbenen an. Lass sie teilhaben an deinem Ostersieg und schenke ihnen Leben in deiner Herrlichkeit. Sei allen nahe, die um sie weinen, und lass in ihrer Trauer die Hoffnung auf ein Wiedersehen wachsen. Erfülle auch uns mit deiner Osterfreude, damit durch uns deine Güte und Menschenliebe aufleuchten. Wenn unser irdischer Weg vollendet ist, führe uns mit unseren Verstorbenen heim zur ewigen Freude bei dir. In der Taufe hast du uns zu Kindern Gottes gemacht. Du lebst, und auch wir werden leben mit dir. Amen.

Kurzpredigt zur Gräbersegnung: In Christus bleiben wir verbunden

1 Raum für unsere Trauer
Liebe Schwestern und Brüder, auf diesen Grabsteinen stehen Namen. Für viele von uns gehört zu einem solchen Namen ein vertrautes Gesicht, eine Stimme, ein Stück des eigenen Lebens. Wir bringen heute unsere Dankbarkeit mit, aber auch das Vermissen. Manche stehen zum ersten Mal an einem neuen Grab. Anderen tut der Abschied nach vielen Jahren noch weh.

All das hat vor Gott Platz. Auch unsere Fragen und das, was unausgesprochen geblieben ist. Jesus hat am Grab des Lazarus geweint. Er steht uns nahe, wenn wir hier stehen und nach Worten suchen.

2 Ein Zeichen der Osterhoffnung
Wenn wir nun die Gräber mit Weihwasser besprengen, erinnert dieses Wasser an die Taufe. In ihr wurden wir mit Christus verbunden, mit seinem Tod und seiner Auferstehung. Darum bitten wir ihn, an unseren Verstorbenen zu vollenden, was er begonnen hat.

Jesus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Joh 11,25). Ihm vertrauen wir die Menschen an, die wir aus unseren Händen geben mussten. Er kennt ihr ganzes Leben. Er weiß um ihre Liebe, ihre Mühen und ihre Schuld. Wir bitten ihn um Vergebung und um das Leben in seiner Gegenwart.

Die Lichter auf den Gräbern lassen diese Hoffnung sichtbar werden. Jede kleine Flamme erinnert uns an Christus, den Auferstandenen.

3 Einander der Liebe Gottes anvertrauen
In ihm bleiben wir miteinander verbunden. Darum dürfen wir weiter für unsere Verstorbenen beten. Wir dürfen Gott danken für alles Gute, das wir durch sie empfangen haben, und ihm das Unversöhnte anvertrauen. Auch für die Vergessenen beten wir heute.

Wenn wir nachher nach Hause gehen, kann uns diese Hoffnung begleiten: Unsere Lieben sind Gottes Barmherzigkeit anvertraut. In Christus dürfen wir auf ein Wiedersehen hoffen. Und bis dahin ist uns Zeit geschenkt, füreinander da zu sein.

Herr Jesus Christus, nimm unsere Verstorbenen auf in deinen Frieden. Tröste die Trauernden und halte unsere Hoffnung lebendig.
Herr, gib ihnen die ewige Ruhe. Und das ewige Licht leuchte ihnen. Lass sie ruhen in Frieden. Amen.

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Endnoten
1 Vgl. Bernhard von Clairvaux, Zweite Predigt zu Allerheiligen, in: Sancti Bernardi Opera, Bd. V, Rom 1968, S. 364–368; Auszug in der Lesehore des Hochfestes Allerheiligen. Der Gedanke wird sinngemäß wiedergegeben. Textnachweis: https://www.liturgies.net/saints/allsaints/officeofreadings.htm
2 Vgl. Benedikt XVI., Enzyklika Spe salvi, 30. November 2007, Nr. 47. https://www.vatican.va/content/benedict-xvi/de/encyclicals/documents/hf_ben-xvi_enc_20071130_spe-salvi.html
3 Vgl. Benedikt XVI., Spe salvi, Nr. 48, zum Gebet für die Verstorbenen und zur Gemeinschaft über den Tod hinaus.

 


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