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| ![]() Streit kocht hoch: Braucht die barocke Basilika Weingarten wirklich einen neuen „modernen“ Altar?vor 1 Stunden in Kommentar, 6 Lesermeinungen Die „Zeit“ macht das Thema jetzt auch bundesweit bekannt – Haben wir wirklich Bedarf an noch mehr Moderne in unseren Kirchen oder darf ein Kirchengebäude auch mal unverändert erhalten bleiben? kath.net-Kommentar von Petra Lorleberg Weingarten (kath.net/pl) Es ist der Altar für die unglaublich wertvolle Heilig-Blut-Reliquie in der Basilika St. Martin im schwäbischen Weingarten. Der Blutritt in Weingarten ist immerhin Europas größte Reiterprozession (regelmäßig bis zu 2.000 Blutreiter und bis zu 30.000 Pilger), die Heilig-Blut-Reliquie ist in diesem Altar aufbewahrt und steht durch ein Sichtfenster den Gläubigen zur Verehrung offen. Der neo-barocke Altar, der 1931/32 im Rahmen der Liturgischen Bewegung eingefügt wurde, um den Menschen eine stärkere Teilnahme am Altargeschehen zu ermöglichen, kommt in Größe und blutroter Farbe zwar eigentlich auffällig daher – aber in einer barocken Kirche schmiegt er sich dennoch fast nahtlos in das Gesamtbild ein. Jetzt ist ein neuer Altar geplant, ja bereits genehmigt. Dem verfügbaren Bildmaterial nach handelt es sich um einen schlichten, hellen Altar, leicht konisch, an einen Steinblock erinnernd – „Kochinsel“, nennen ihn manche Kritiker und dies ist keineswegs freundlich gemeint. Immerhin sieht der Entwurf erneut ein Sichtfenster für die Heilig-Blutreliquie vor, hier wäre auch die Sicherung der Reliquie verbessert im Vergleich zum aktuellen Altar, eindeutig ein Pluspunkt für den geplanten Altar. Allerdings soll die Reliquie künftig nur noch zu besonderen Anlässen im Hauptaltar ausgestellt werden, ansonsten in einem Seitenaltar. Dass sich der geplante Entwurf organisch in das Gesamtbild der Basilika einfügen würde, wird aber niemand behaupten können, nicht einmal seine Befürworter. Nun wird Widerstand gegen den geplanten Altar öffentlich. Eine Petition hat bereits über 1.200 Unterschriften gegen den neuen Altar gesammelt, darunter sogar der Benediktinerpater „Pirmin Meyer, der schon einige Male Blutreiter war“ („Schwäbische Zeitung“), seines Zeichens der letzte Prior des 2010 aufgegebenen Benediktinerklosters Weingarten. Das Thema hat längst die Ebene „Pfarrgemeinde“ und verantwortliche Gremien der Diözese Rottenburg-Stuttgart verlassen. Verschiedene Artikel in Regionalzeitungen berichten. Überregional fragt Moritz Hackl in der „Zeit“: „Wem gehört eine Kirche? Dem Pfarrer, der Gemeinde – oder allen, die sich ihr verbunden fühlen? In Baden-Württemberg entzündet sich an einem Altar ein Streit über Macht, Mitbestimmung und Tradition.“ Und er beantwortet die Frage, wem eine Kirche denn nun gehöre: „keinem allein. Nicht dem Pfarrer, der sie gestalten will, nicht Reichle, der sie erhalten möchte, nicht einmal dem Gremium, das über sie entscheidet. Sie gehört denen, die noch kommen werden, um in ihr zu beten. Die werden beurteilen, ob der Altar, der dann in dieser Kirche stehen wird, zu ihrem Gottesdienst passt.“ Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Ebenso lässt sich streiten über Argumente, ob ein Kirchenraum eher museal oder eher modern ausgerichtet sein sollte. Man wird von Fall zu Fall Vor-Ort-Lösungen finden müssen und diese werden naturgemäß unterschiedlich aussehen. Dies ist ein gesunder Vorgang, sofern die Ergebnisse wirklich UNTERSCHIEDLICH sind und nicht völlig einseitig zugunsten der Modernität ausfallen. Weder das gewohnheitsmäßige Fremdeln mit der Modernität noch das gewohnheitsmäßige Fremdeln mit der geschichtlichen Entwicklung wären begrüßenswert. Deshalb möchte ich noch ein Argument zu bedenken geben: Wer Modernität in Kirchenräumen schätzt, findet sie zu Hauf. Wir haben bemerkenswerte Kirchen aus den 60er- und 70-Jahren, die immer noch als „modern“ empfunden werden, und die bei Renovationen oft geschmackvoll weiterentwickelt wurden. Wir haben ältere Kirchen, die – mehr oder weniger – behutsam den modernen Bedürfnissen angepasst worden waren, genannt sei hier der Rottenburger Dom St. Martin. Über diesen Dom informiert übrigens Wikipedia, bei der letzten Renovierung 2001-2003 sollte „durch den Einzug einer Zwischendecke, ein modernes Beleuchtungskonzept, neue Bestuhlung und das Entfernen spätgotischer Altäre … der Eindruck eines historischen Raumes mit gotisch-barockem Stilgemisch vergessen gemacht werden“ (Hervorhebung PL). Derart auf den Punkt gebracht liest man dies eher selten. Fakt ist nämlich: inzwischen kennt man allzu viele Kirchenrenovationen, die zu modern ausgefallen sind. Eine unveränderte Bestandserhaltung ist seit geraumer Zeit nicht en vogue. Doch wie wäre es eigentlich, wenn wir in unseren Kirchen gelegentlich auch mal den Mut fänden, Althergebrachtes zu würdigen und zu erhalten, auch dann, wenn es gerade nicht unserem stets flüchtigen Zeitgeist entspricht? Wie wäre es konkret, wenn man den bisherigen Volksaltar der Weingartner Basilika behutsam restaurieren, die Sicherheitsfrage für die Heilig-Blut-Reliquie lösen und die unebenen Stufen um den Altar egalisieren würde? Wie wäre es, wenn man in Zeiten knapper Finanzen die ca. 150.000 Euro, die für den neuen Altar und die Altarraumgestaltung veranschlagt sind, sinnvoller einsetzt? Wie wäre es, wenn man an der immerhin größten Barockkirche nördlich der Alpen einfach mal keine markanten Änderungen vornehmen würde, die über behutsame Anpassung von Licht-, Ton- und Sicherheitstechnik hinaus gehen? Und wer bedenkt eigentlich die Frage, wohin der Zeitgeist innerhalb der katholischen Kirche inzwischen weht? Dem aufmerksamen Beobachter ist längst klar: er weht nicht mehr in Richtung Modernisierung. In den USA – und darüber hinaus – lässt sich ein neuer Trend feststellen: Die Abkehr von nüchternen Kircheninnenräumen. Der nachkonziliare „katholische Bildersturm“ hat ausgestürmt. Junge Leute, die heute wieder zur Kirche zurückfinden, wollen Rechtgläubigkeit in der Lehre und sie wollen Kirchenräume, die offen sind für Mystik. Deshalb hat der Gedanke von Moritz Hackl in der „Zeit“ überraschendes Gewicht: „Wem gehört eine Kirche? … Sie gehört denen, die noch kommen werden, um in ihr zu beten.“ - Ich selbst plädiere jedenfalls für den Erhalt des bisherigen Altars. Vergleiche dazu auch den kath.net-Kommentar: Neuer Trend in den USA: Abkehr von nüchternen Kircheninnenräumen - In den USA gibt es Pfarreien, die den Kahlschlag beenden, der in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts (auch in Europa) durch die Kirchengebäude gezogen war – Dieser „Bildersturm“ hatte keinen Rückhalt im II. Vatikanum. Von Petra Lorleberg Foto des aktuellen Altars in der Basilika Weingarten (c) Wikipedia/CC BY 2.0/Clemens von Vogelsang Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal! ![]() Lesermeinungen
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