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Kirchen Europas, die neue Rechte und die Krise des kirchlichen Gesprächs

vor 4 Stunden in Kommentar, keine Lesermeinung
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Nationalismus, historische Verantwortung und pastorale Ausgrenzung. Ein Essay von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) Die gegenwärtige Auseinandersetzung der Kirchen Europas mit rechtsnationalen und rechtspopulistischen Bewegungen gehört zu den schwierigen geistigen und gesellschaftlichen Konflikten der Gegenwart. Es geht dabei nicht nur um Parteipolitik, sondern um fundamentale Fragen nach Nation, Identität, Demokratie, Migration, kultureller Kontinuität und dem Selbstverständnis Europas. Zugleich berührt die Debatte unmittelbar das Wesen der Kirche selbst: ihre Katholizität, ihre Universalität und ihre pastorale Verantwortung gegenüber allen Gläubigen.

Besonders in Deutschland hat sich in den letzten Jahren eine außergewöhnlich scharfe kirchliche Abgrenzung gegenüber der Alternative für Deutschland (AfD) entwickelt. Diese Haltung ist historisch verständlich und in vieler Hinsicht legitim. Doch gleichzeitig wächst unter nicht wenigen praktizierenden Christen das Gefühl, moralisch verdächtigt oder ausgegrenzt zu werden, obwohl ihre politischen Entscheidungen oft weniger aus politisch-ideologischer Radikalität als aus Enttäuschung, kultureller Verunsicherung oder Protest entstehen.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht allein: Wie sollen die Kirchen gegenüber rechtsnationalen Tendenzen handeln? Sondern ebenso: Wie können die Kirchen historische Wachsamkeit mit pastoraler Offenheit verbinden, ohne Teile der eigenen Gläubigen innerlich zu verlieren?

I. Die neue Rechte Europas und die Reaktionen der Kirchen
1. Die neue europäische Rechte

Die gegenwärtige rechte Szene Europas ist äußerst heterogen. Sie reicht von konservativ-nationalen Parteien, über rechtspopulistische Bewegungen, bis hin zu ethnonationalistischen und rechtsextremen Gruppierungen.

Gemeinsam ist vielen dieser Bewegungen: Kritik an Globalisierung und EU-Zentralisierung, Skepsis gegenüber Migration, Betonung nationaler Souveränität, Ablehnung kultureller Entgrenzung, Kritik an liberalen Eliten, sowie der Rückgriff auf ein „christliches Abendland“. Gerade letzteres schafft ein ambivalentes Verhältnis zu den Kirchen.

Der Politikwissenschaftler Tobias Cremer weist darauf hin, dass viele rechtspopulistische Bewegungen das Christentum weniger als gelebten Glauben, sondern vielmehr als kulturelles Identitätssymbol verwenden.¹ Das Christentum erscheint dann nicht primär als Evangelium, sondern als Abgrenzungsmarker gegen Islamisierung, kulturelle Fragmentierung und gesellschaftliche Verunsicherung.

2. Frankreich, Belgien und die Niederlande
In Frankreich verfolgt die Katholische Kirche einen dialogischeren Weg als die Kirchen in Deutschland. Zwar warnen französische Bischöfe deutlich vor Nationalismus und gesellschaftlicher Polarisierung, doch sie vermeiden meist pauschale Ausschlüsse.

Der Erzbischof von Dijon, Antoine Hérouard, erklärte ausdrücklich, man höre zunächst den Katholiken zu, die rechts wählten, versuche ihre Ängste zu verstehen und erkläre dann, wo bestimmte Positionen nicht mit dem Evangelium vereinbar seien.²

Auch in Belgien und den Niederlanden ist die Situation differenzierter als in Deutschland. Parteien wie der Vlaams Belang oder die Partei für die Freiheit berufen sich häufig auf „jüdisch-christliche Kultur“, stehen jedoch in Spannung zu kirchlichen Vorstellungen von Universalität, Menschenwürde und Minderheitenschutz.

Die Kirchen dieser Länder suchen dennoch häufiger die öffentliche Debatte statt vollständiger Ausgrenzung.

3. Österreich
Besonders bemerkenswert ist der österreichische Weg. Zwischen der Österreichische Bischofskonferenz und der Freiheitliche Partei Österreichs bestehen zwar erhebliche Spannungen, dennoch blieb der Gesprächsfaden erhalten. 2026 kam es zu einem offiziellen Treffen zwischen FPÖ-Spitze und Bischofskonferenz. Beide Seiten bezeichneten die Begegnung als „konstruktiv“ und „respektvoll“.³ Gleichzeitig warnte der Salzburger Erzbischof Franz Lackner mehrfach davor, christliche Grundbegriffe parteipolitisch zu instrumentalisieren.⁴

Österreich zeigt damit einen Mittelweg: klare Distanz gegenüber ideologischer Vereinnahmung, aber keine totale Gesprächsverweigerung.

4. Ungarn
In Ungarn ist das Verhältnis zwischen Nation, Staat und Christentum besonders eng geworden. Die Regierung von Viktor Orbán präsentiert sich als Verteidiger eines „christlichen Europa“. Viele Kirchenvertreter begrüßen: Familienförderung, Schutz christlicher Kultur, Unterstützung kirchlicher Einrichtungen. Kritiker werfen der Regierung hingegen vor, das Christentum kulturell-national zu instrumentalisieren und zur Legitimation einer illiberalen Staatsidee zu verwenden.⁵

Gerade Ungarn zeigt exemplarisch: Das Christentum wird politisch oft dort attraktiv, wo es weniger geglaubt als kulturell verteidigt wird.

5. Die Orthodoxie auf dem Balkan und in Griechenland
Die orthodoxen Kirchen Südosteuropas sind traditionell stärker mit nationaler Identität verbunden als viele westliche Kirchen.

Die Serbisch-Orthodoxe Kirche versteht sich historisch als Trägerin serbischer Identität, insbesondere im Zusammenhang mit der Kosovo-Frage.⁶ Während der Jugoslawienkriege entstanden teilweise problematische Verbindungen zwischen nationalistischen Milieus und kirchlichen Kreisen.⁷ Zugleich wäre es falsch, die serbische Orthodoxie pauschal als nationalistisch zu charakterisieren. Gerade nach den Balkankriegen entwickelten sich auch ökumenische und friedensethische Stimmen.

Auch die Kirche von Griechenland ist eng mit nationaler Geschichte und kultureller Kontinuität verbunden. Sie reagiert sensibel auf Migration, kulturelle Entwurzelung und den Verlust nationaler Souveränität. Dennoch distanzierte sich die griechische Kirche wiederholt von extremistischen Bewegungen wie der Goldene Morgenröte und bezeichnete deren rassistische und gewalttätige Tendenzen als unvereinbar mit dem Evangelium.⁸

II. Die Kirchen in Deutschland zwischen historischer Verantwortung und pastoraler Verhärtung
1. Die deutsche Sondererfahrung

Die Kirchen in Deutschland reagieren schärfer auf rechtsnationale Tendenzen als viele andere europäische Kirchen. Dies hängt unmittelbar mit der Erfahrung des Nationalsozialismus zusammen.

Die Deutsche Bischofskonferenz erklärte 2024: „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar.“⁹ Diese Aussage ist theologisch legitim. Jede Ideologie, die Menschenwürde an ethnische Zugehörigkeit bindet, widerspricht dem christlichen Menschenbild fundamental.

Doch hier entsteht zugleich ein Problem: In der öffentlichen Wahrnehmung verschwimmt oft die notwendige Unterscheidung zwischen rechtsextremer Ideologie, konservativer Sorge, Protestwahl, kultureller Verunsicherung und tatsächlichem völkischen Denken.


2. Der Katholikentag in Würzburg
Diese Spannung zeigte sich erneut beim Katholikentag in Würzburg. Wie bereits bei früheren Katholikentagen wurden Vertreter der AfD nicht zu offiziellen Podien eingeladen.¹⁰ Gleichzeitig waren zahlreiche gesellschaftliche Gruppen vertreten: progressive Reformbewegungen, feministische Initiativen, LGBTQ-orientierte Gruppen, Klimaaktivisten, verschiedenste politische und gesellschaftliche Initiativen.

Gerade hierin sehen viele konservative oder rechts wählende Katholiken einen Widerspruch.

Die Kirchen betonen und mahnen immer wieder zu mehr Dialog, Offenheit, Synodalität, Zuhören, Gespräch mit allen, Barmherzigkeit und Verständnis. Doch ausgerechnet gegenüber einem erheblichen Teil der eigenen Gläubigen entsteht vielfach der Eindruck: „Mit uns spricht man nicht mehr — man spricht nur noch über uns.“

Diese Wahrnehmung bildet heute ein erhebliches pastorales und gesellschaftliches Spannungspotential.

3. Die Gefahr der Ausgrenzung
Der Ausschluss von AfD-Vertretern sollte ursprünglich ein moralisches Zeichen setzen. Doch politisch und pastoral kann eine solche Strategie kontraproduktiv wirken. Denn populistische Bewegungen leben gerade von der Erzählung: „Die Eliten wollen uns nicht hören.“ Wenn kirchliche Foren Gesprächsverweigerung signalisieren, bestätigen sie ungewollt genau diese Opfererzählung.

Hinzu kommt: Viele AfD-Wähler handeln nicht aus ideologisch geschlossenem Extremismus, sondern aus Frustration, aus kultureller Verunsicherung, aus Enttäuschung über etablierte Parteien, aus Sorge um Migration, aus Misstrauen gegenüber politischen Eliten oder aus Angst vor gesellschaftlichem Kontrollverlust.

Der Soziologe Hans Joas warnte deshalb davor, die gesamte AfD und ihre Wähler pauschal als völkisch-nationalistisch einzuordnen.¹¹

III. Die eigentliche Krise: Die Kirche spricht mit allen — aber hört sie ihren eigenen Gläubigen noch zu?
1. Der pastorale Widerspruch

Hier liegt vielleicht die tiefste gegenwärtige Krise.

Die Kirchen Europas betonen: Gespräch mit allen, Offenheit für Randgruppen, Verständnis für Minderheiten, Synodalität, Barmherzigkeit, Dialogfähigkeit.

Doch viele praktizierende Christen erleben ihre kulturellen Sorgen würden relativiert, ihre Ängste moralisch bewertet, ihre politischen Zweifel vorschnell verdächtigt, ihre Kritik an Migration oder gesellschaftlichem Wandel rasch pathologisiert.

Gerade konservative Christen fragen: Warum wird mit nahezu allen Gruppen empathisch gesprochen — nur mit uns nicht? Diese Frage ist pastoral hochbrisant.

2. „Wer ausgegrenzt wird, wird gefährlich“
Politisch wie geistlich gilt: Menschen, die sich dauerhaft ausgeschlossen fühlen, radikalisieren sich leichter.

Das bedeutet nicht, dass jede Radikalisierung entschuldbar wäre. Aber soziale und moralische Ausgrenzung verstärkt häufig Verbitterung, Gegenidentitäten, Trotz, Polarisierung, ideologische Verhärtung.

Gerade deshalb müßte die Aufgabe der Kirche sein: eine klare Grenzziehung gegenüber Menschenverachtung, aber zugleich offene Gesprächsbereitschaft mit den eigenen Gläubigen. Eine Kirche soll den Irrtum benennen. Aber sie darf den Irrenden nicht verlieren wollen.

3. Die eigentliche kirchliche Aufgabe
Die Kirche ist keine Partei und darf nicht zu einem ideologischen Lager werden.

Ihre Aufgabe besteht darin, die Wahrheit und Barmherzigkeit zusammenzuhalten, die Würde jedes Menschen zu verteidigen, vor Extremismus zu warnen aber zugleich die Verunsicherten nicht preiszugeben.

Gerade hierin liegt die eigentliche Herausforderung Europas: Nicht nur Demokratie zu bewahren, sondern den gesellschaftlichen Gesprächsraum selbst. Denn wo nur noch moralische Ausschlüsse herrschen, endet das Gespräch — und mit dem Ende des Gesprächs beginnt häufig die Radikalisierung.

4. Die Krise der Repräsentation
Ein weiterer Grund für die gegenwärtige Spannung liegt in der tiefen Krise politischer Repräsentation in Europa. Viele Menschen haben das Gefühl, dass traditionelle Volksparteien ihre kulturellen, sozialen und religiösen Sorgen nicht mehr ausreichend vertreten.

Gerade unter praktizierenden Christen finden sich häufig folgende Erfahrungen: Entfremdung gegenüber einer zunehmend säkularen politischen Kultur, Unsicherheit angesichts schneller gesellschaftlicher Transformation, Irritation über radikale anthropologische Debatten, Sorge um Familie, Sprache, Schule und kulturelle Kontinuität und das Empfinden, christliche Überzeugungen würden gesellschaftlich marginalisiert.

Hinzu kommt ein wachsendes Misstrauen gegenüber politischen und medialen Eliten. Viele Bürger erleben öffentliche Debatten nicht mehr als offenen Meinungsaustausch, sondern als moralisch kontrollierten Raum, in dem bestimmte Positionen rasch delegitimiert werden.

Gerade deshalb entsteht bei manchen Christen eine Protesthaltung: Nicht, weil sie jede Position rechter Parteien teilen würden, sondern weil sie sich selbst nicht mehr gehört fühlen.

Hier liegt ein entscheidender pastoraler Punkt: Wer nur moralisch verurteilt, ohne die Ursachen der Entfremdung zu verstehen, verstärkt oft genau jene Dynamik, die er bekämpfen möchte.

5. Die Spannung zwischen Universalität und Heimat
Die Kirchen Europas stehen heute vor einer schwierigen theologischen Spannung. 

Einerseits ist das Christentum seinem Wesen nach universal: „Hier gibt es nicht Juden und Griechen … denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Die Kirche überschreitet ethnische, nationale und kulturelle Grenzen.

Andererseits kennt das Christentum selbstverständlich Vaterlandsliebe, kulturelle Verwurzelung, Verantwortung für das Gemeinwesen, Schutz von Sprache, Tradition und historischer Erinnerung.

Die Kirchenväter selbst beten für Stadt und Reich. Auch die Liturgie kennt Fürbitten für Volk, Obrigkeit und Frieden des Landes.

Problematisch wird es erst dort, wo Nation sakralisiert wird und an die Stelle Gottes tritt. Gerade deshalb muss die Kirche unterscheiden zwischen legitimer Sorge um Heimat und ideologischer Verabsolutierung der Nation.

Diese Unterscheidung gelingt gegenwärtig oft nicht mehr ausreichend differenziert.

6. Die Synodalitätsfrage
Besonders paradox erscheint vielen Gläubigen die gegenwärtige Situation deshalb, weil die Kirchen gleichzeitig intensiv von Synodalität, Zuhören, Partizipation, Gesprächskultur und gemeinsamer Wegsuche sprechen.

Gerade konservative Katholiken empfinden jedoch häufig, die Synodalität gelte nur für bestimmte Gruppen und Positionen. Sie erleben große Gesprächsbereitschaft gegenüber progressiven Forderungen, hohe Sensibilität für gesellschaftliche Minderheiten, aber deutlich geringere Aufmerksamkeit für konservative oder kulturell verunsicherte Gläubige.

Ob diese Wahrnehmung vollständig gerechtfertigt ist, ist sekundär. Entscheidend ist, sie existiert — und sie prägt inzwischen das kirchliche Klima erheblich.

Hier droht eine gefährliche Dynamik: Wenn sich konservative oder rechts wählende Christen innerlich aus kirchlichen Gesprächsprozessen ausgeschlossen fühlen, entstehen die nicht unproblematischen Parallelmilieus, alternative Medienräume, identitäre Gegenkulturen und ein wachsendes Misstrauen gegenüber kirchlichen Autoritäten.

7. Die Gefahr einer Moralisierung des Politischen
Die gegenwärtige Debatte leidet vielfach unter einer Moralisierung politischer Fragen. Migration, Integration, nationale Identität oder Sicherheitsfragen sind komplexe politische Themen, über die Christen in legitimer Weise unterschiedlicher Meinung sein können.

Aber nicht jede Forderung nach Grenzschutz, kontrollierter Migration, kultureller Integration oder nationaler Souveränität ist automatisch menschenfeindlich oder extremistisch.

Wenn jedoch politische Differenz vorschnell moralisch aufgeladen wird, entsteht leicht eine Kultur der Beschämung, ein Verlust ehrlicher Debatten und ein Klima gegenseitiger Verdächtigungen.

Gerade die Kirche müßte hier eigentlich ein Ort nüchterner Unterscheidung sein. Denn die christliche Tradition kennt die Realität der Sünde, die Ambivalenz politischer Macht, die Begrenztheit aller Ideologien und die Notwendigkeit kluger Abwägung.

Die Kirche darf deshalb weder nationalistische Ideologien verharmlosen, noch politische Gegner moralisch dämonisieren.

8. Die eigentliche Herausforderung Europas
Die gegenwärtige Krise Europas ist tiefer als ein bloßer Rechts-Links-Konflikt. Im Hintergrund stehen demographische Unsicherheit, kulturelle Entwurzelung, Verlust gemeinsamer Narrative, Säkularisierung, Vertrauensverlust in Institutionen, Globalisierung, Migration, digitale Polarisierung und die Angst vieler Menschen, ihre kulturelle Heimat könne verschwinden.

Rechtsnationale Bewegungen gewinnen dort an Stärke, wo Menschen das Gefühl haben: „Niemand schützt mehr unsere Ordnung, unsere Sprache, unsere Geschichte und unsere Zukunft.“

Die Kirchen stehen deshalb vor einer enorm schwierigen Aufgabe: Sie müssen zugleich die Universalität des Evangeliums verteidigen, die Würde jedes Menschen schützen, aber auch die Sehnsucht vieler Menschen nach Heimat, Stabilität und kultureller Kontinuität ernstnehmen.

Gerade hierin liegt heute die eigentliche geistliche Herausforderung Europas.

9. Schlussbetrachtung
Die Kirchen Europas befinden sich gegenwärtig in einem historischen Spannungsfeld zwischen: Erinnerung und Zukunft, Universalität und Identität, Offenheit und Ordnung, Barmherzigkeit und Wahrheit, Demokratie und wachsender Polarisierung.

Die besondere deutsche Sensibilität gegenüber rechtsnationalen Strömungen ist historisch nachvollziehbar und notwendig. Die Erfahrung des Nationalsozialismus verpflichtet zu besonderer Wachsamkeit gegenüber jeder Form ethnischer oder völkischer Ideologie. Doch diese historische Verantwortung darf nicht dazu führen, dass große Gruppen gläubiger Christen pauschal moralisch verdächtigt oder pastoral vernachlässigt werden.

Gerade darin liegt vielleicht die tiefste Herausforderung: Die Kirche muss unterscheiden können zwischen ideologischer Menschenverachtung und kultureller Sorge; zwischen Extremismus und politischer Enttäuschung; zwischen Radikalisierung und dem Ruf vieler Menschen nach Orientierung und Heimat.

Eine Kirche, die nur noch Grenzen zieht, ohne Menschen zurückzugewinnen, wird zwar politisch eindeutig, aber geistlich unfruchtbar.

Die eigentliche Aufgabe der Kirche besteht nicht darin, politische Lager zu verwalten, sondern den Raum offen zu halten, in dem Wahrheit, Barmherzigkeit, Umkehr und Gespräch weiterhin möglich bleiben.

Denn wo das Gespräch endet, beginnt meist die Radikalisierung.

Schluss
Europa befindet sich gegenwärtig in einer Phase tiefgreifender kultureller und politischer Neuorientierung. Die Frage nach Nation, Heimat, Migration, kultureller Kontinuität und demokratischer Ordnung wird die kommenden Jahrzehnte prägen.

Die Kirchen Europas stehen dabei in einer äußerst schwierigen Vermittlungsrolle. Sie dürfen weder nationalistische Ideologien sakralisieren, noch die realen Sorgen vieler Menschen geringschätzen.

Gerade hierin liegt die eigentliche Herausforderung: Die Kirche muss universell bleiben, ohne heimatlos zu werden. Sie muss offen bleiben, ohne orientierungslos zu werden. Sie muss warnen können, ohne zu dämonisieren. Und sie muss zuhören, gerade dort, wo sie innerlich bereits den Kontakt zu verlieren droht.

Vielleicht liegt genau hierin die tiefste Lektion der gegenwärtigen Krise: Nicht jede Radikalisierung beginnt mit Ideologie. Manche beginnt mit dem Gefühl, nicht mehr gehört und nicht mehr verstanden zu werden.

Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer ist der Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt. Er ist Theologe mit Schwerpunkt auf ökumenischer Theologie, ostkirchlicher Ekklesiologie und ostkirchlicher Liturgiewissenschaft. Er studierte in Eichstätt, Jerusalem und Rom, war in verschiedenen Dialogkommissionen tätig. Er veröffentlicht zu Fragen der Ökumene, des Frühen Mönchtums, der Liturgie der Ostkirchen und der ostkirchlichen Spiritualität. Weitere kath.net-Beiträge von ihm: siehe Link.
 

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Endnoten
¹ Tobias Cremer, The Godless Crusade: Religion, Populism and Right-Wing Identity Politics in the West, Cambridge 2023, S. 11–39; ders., „The Rise of Right-Wing Nationalist Populism and Christian Churches in Western Europe“, in: Religions 12 (2021), Nr. 254, S. 1–19.
² KNA-Bericht zur Stellungnahme von Erzbischof Antoine Hérouard über den Umgang französischer Bischöfe mit rechts wählenden Katholiken, 21.05.2026.
³ „Bischofskonferenz führt Parteiengespräch mit FPÖ-Spitze“, in: Kathpress / Österreichische Bischofskonferenz, Januar 2026; vgl. auch: Franz Winter, Religion und Politik in Österreich, Wien 2020, S. 188–214.
⁴ Franz Lackner, Stellungnahme zur Instrumentalisierung religiöser Begriffe durch politische Parteien, Herbst 2025; vgl. Österreichische Bischofskonferenz.
⁵ Paul Lendvai, Orbáns Ungarn. Europas neue Herausforderung, München 2022, S. 97–145; ferner: András Körösényi, „The Orbán Regime“, in: Journal of Democracy 26 (2015), Heft 3, S. 34–48.
⁶ Thomas Bremer, „Die Serbische Orthodoxe Kirche und die Politik“, in: Herder Korrespondenz 60 (2006), Heft 6, S. 290–295.
⁷ Gesellschaft für bedrohte Völker, „Religion als Instrument der Macht – Die Serbisch-Orthodoxe Kirche“, Göttingen 2018; ferner: Sabrina P. Ramet, Balkan Babel. The Disintegration of Yugoslavia from the Death of Tito to the Fall of Milošević, Boulder 2002, S. 201–248.
⁸ Vgl. zur Distanzierung der Kirche von Griechenland von der Goldene Morgenröte: Effie Fokas, „Orthodox Christianity and Contemporary Greece“, in: Religion, State and Society 47 (2019), S. 167–183.
⁹ Erklärung der Deutsche Bischofskonferenz: „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“, Februar 2024; vgl. auch die Erklärung der Evangelische Kirche in Deutschland zur Demokratiegefährdung durch Rechtsextremismus.
¹⁰ Stellungnahmen des ZdK und Presseberichte zum Katholikentag in Würzburg 2026 hinsichtlich des Ausschlusses von AfD-Vertretern; vgl. auch Diskussionen beim Katholikentag Leipzig 2016 und beim Evangelischen Kirchentag Dortmund 2019.
¹¹ Hans Joas, Stellungnahme zur kirchlichen AfD-Debatte bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung und des ZdK, März 2026.
¹² Tobias Cremer, „Religion and the Rise of Right-Wing Populism in Europe“, in: The Review of Faith & International Affairs 17 (2019), Heft 1, S. 1–15.
¹³ Cas Mudde, The Far Right Today, Cambridge 2019, S. 21–68.
¹⁴ Jan-Werner Müller, Was ist Populismus? Ein Essay, Berlin 2016, S. 39–84.
¹⁵ José Casanova, Public Religions in the Modern World, Chicago 1994, S. 211–239.
¹⁶ Olivier Roy, L’Europe est-elle chrétienne?, Paris 2019, S. 85–118.
¹⁷ Chantal Delsol, Le crépuscule de l’universel, Paris 2020, S. 55–79.
¹⁸ Hans Joas, Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung, Berlin 2017, S. 302–328.
¹⁹ Karl Gabriel, Christentum und politische Kultur in Europa, Freiburg i. Br. 2018, S. 141–168.
²⁰ Andreas Püttmann, „Katholiken gegen AfD: Mehr ‚Bollwerk‘ als es scheint“, in: katholisch.de, 18.05.2026.
²¹ Pater Stefan Kiechle SJ, „AfD und Kultur – und die Kommunikation, die nicht funktioniert“, in: katholisch.de, 20.05.2026.
²² Ulrich Neymeyr, Predigt bei der Männerwallfahrt im Eichsfeld, 14.05.2026.
²³ Manuel Barrios Prieto, Stellungnahme der Comece zur AfD-Frage und zu rechtspopulistischen Parteien in Europa, 21.05.2026.
²⁴ Konrad-Adenauer-Stiftung / ZdK, Veranstaltung zur politischen Gestaltungskraft der Religion mit Hans Joas, März 2026.
²⁵ Heiner Bielefeldt, Menschenrechte in der Einwanderungsgesellschaft, Bielefeld 2007, S. 92–127.
²⁶ Wolfgang Schäuble, Und der Zukunft zugewandt, Berlin 2021, S. 173–191.
²⁷ Benedikt XVI., Ansprache im Deutschen Bundestag, 22. September 2011, in: AAS 103 (2011), S. 664–675.
²⁸ Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Europa (2003), Nr. 7–18.
²⁹ Papst Franziskus, Enzyklika Fratelli tutti (2020), Nr. 11–39.
³⁰ Leo XIV., Ansprache an die europäischen Bischöfe, Vatikan 2026: Verkündigung des Evangeliums statt parteipolitischer Lagerbildung.
³¹ Ernst-Wolfgang Böckenförde, Recht, Staat, Freiheit, Frankfurt a. M. 1991, S. 92–114.
³² Ralf Dahrendorf, Die gefährdete Freiheit, München 2003, S. 55–77.
³³ Andreas Wirsching, Demokratie und Globalisierung. Europa seit 1989, München 2015, S. 144–188.
³⁴ Armin Nassehi, Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft, München 2021, S. 17–66.
³⁵ Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, Wien 2018, S. 41–69.
³⁶ Pierre Manent, Situation de la France, Paris 2015, S. 73–112.
³⁷ Rémi Brague, Europa. Eine exzentrische Identität, Frankfurt a. M. 2013, S. 95–131.
³⁸ Joseph Ratzinger / Marcello Pera, Ohne Wurzeln. Der Relativismus und die Krise Europas, Augsburg 2005, S. 43–79.
³⁹ Samuel Huntington, The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, New York 1996, S. 125–151.
⁴⁰ Charles Taylor, A Secular Age, Cambridge/Mass. 2007, S. 423–456.

Literaturverzeichnis
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