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Stolz oder Demut?

1. Dezember 2023 in Kommentar, 6 Lesermeinungen
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Jetzt stehen die sturen Deutschen vor der Wahl: Stolz in der sich selbstisolierenden Position verharren oder sich demütig in den Leib Christi wiedereingliedern? - BeneDicta am Freitag von Dorothea Schmid


Regensburg (kath.net)

Es ist das neue Schimpfwort in kirchlichen Kreisen: unsynodal. So bezeichnete zuletzt der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, seinen polnischen Amtskollegen Erzbischof Stanisław Gądecki. Mit Verlaub, das war nicht unsynodal. Das war notwendig — ist doch mittlerweile international bekannt, dass Bätzing jede Sorge und Kritik an sich abprallen lässt und mit unsynodal sich selbst hätte meinen müssen, so übermäßig barsch, wie er seinen Amtsbruder angefahren hat. Das hatte etwas vom alttestamentlichen „Augen um Auge, Zahn um Zahn“, und nichts Synodales an sich. Und ist es nicht auch unsynodal, wenn man jegliche brüderliche Ermahnung und sogar alle römischen Weisungen von sich weist, ohne sich zu fragen, ob dadurch nicht vielleicht auch der heilige Geist sprechen könnte?

Bätzing hat jedenfalls vergessen, was in Lumen Gentium über den Bischof und seine gesamtkirchliche Verantwortung zu lesen steht: „Die Bischöfe, die den Teilkirchen vorstehen, üben als einzelne ihr Hirtenamt über den ihnen anvertrauten Anteil des Gottesvolkes, nicht über andere Kirchen und nicht über die Gesamtkirche aus. Aber als Glieder des Bischofskollegiums und rechtmäßige Nachfolger der Apostel sind sie aufgrund von Christi Stiftung und Vorschrift zur Sorge für die Gesamtkirche gehalten (69). Diese wird zwar nicht durch einen hoheitlichen Akt wahrgenommen, trägt aber doch im höchsten Maße zum Wohl der Gesamtkirche bei. Alle Bischöfe müssen nämlich die Glaubenseinheit und die der ganzen Kirche gemeinsame Disziplin fördern und schützen sowie die Gläubigen anleiten zur Liebe zum ganzen mystischen Leibe Christi…“ (LG 23)

Nun haben wir hier ein Problem: Das deutsche Verständnis von Synodal scheint mit dem, was der Rest der Welt und der Papst darunter versteht, im Clinch zu liegen.  Nach deutsch-synodalem Verständnis meint unsynodal das Nein zu Endlos-Schleifen-Diskussionen, zu Wahrheiten-aussprechen, Kirche-nicht-in-Parlamentarismus umfunktionieren-wollen sowie Rom-über-deutsche-Vorgänge-in-Kenntnis setzen. Es ist das glatte Gegenteil von dem, was der Papst mit „synodal“ bzw „unynodal“ meint. Die logische Konsequenz der deutschen Interpretation dieses Wortes wäre nun, auch Jesus das Etikett „unsynodal“ zu verpassen.


Jesus hat nämlich keine demokratischen Sitzungen einberufen, bevor er Seine Kirche konstituiert hat. Er hörte Menschen zu und nahm sie in ihren Nöten ernst, sagte aber nicht: Wenn Deine Frau dich nervt, such dir eine andere — was den Lebenswirklichkeiten der damaligen Menschen entsprach —, sondern: „Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch gestattet, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so“ (Mt 19,8). Auch holte er sich nicht erst das Okay seiner Apostel ein, bevor er predigte.

Jesus hat weder Mehrheiten gesucht, noch diplomatisch mit Obrigkeiten verhandelt, um gut wegzukommen und Kompromisse zu finden. Er hat auch keinen Betriebsrat für das Reich Gottes eingerichtet oder die Zehn Gebote umgeschrieben — je nach dem Geschmack der Leute oder je nach Mehrheiten.

Er hat vielmehr vom Reich Gottes gepredigt wie keiner vor ihm und Menschen gegen sich aufgebracht, weil er aus dem Gebet mit seinem Vater gelebt und nur getan hat, was er ihm auftrug (— obrigkeitshörig würden man heute sagen. Oder wie „katholisch.de“ neulich titelte: obrigkeitsgeil.) In dessen Plan war es, dass sein himmlischer Königssohn statt in edlen Gemächern in einem alten, stinkigen Stall zur Welt kommen, mit einem Ochsen als Heizung vorliebnehmen, in Armut leben, vor Herodes fliehen und im Leben hart anpacken musste. Jesus gehorchte. Er sagte sogar „Ja“ zum Tod am Kreuz. Das war menschlich betrachtet alles andere als königlich, geschweige denn synodal.

Ist nun Gott Vater unsynodal, weil er all das zuließ und über den Kreuzestod nicht einmal mit seinem Sohn verhandelt hat — sich nicht einmal spätestens am Ölberg von der Angst seines Sohnes erweichen ließ? Und ist Jesus unsynodal, weil er nicht versucht hat, seine Lehre den Lebenswirklichkeiten der Menschen von damals anzupassen, sie — um den Anschluss nicht zu verpassen oder den Nerv der Zeit nicht zu verfehlen — wenigstens anzuhören, was sie von seiner Botschaft finden, bevor er sie in die Welt posaunte? Was er unsynodal, weil er nicht, wie viele hofften und auch seine Apostel es sich vorstellten, die Armen aus der Hand der Römer befreite und sein eigenes Imperium gründete, sondern ohne zu fragen, einfach ein geistliches Königreich etablierte?

Jesus‘ Art und Weise der Erlösung ging so manchem gehörig gegen den Strich. Was sollte man mit einem geistigen Königreich, wenn man fast vor die Hunde ging unter der Hand der Römer?

Jesus hat nicht demokratisch gedacht, was Bätzing auch Gądecki vorhält. Aber Demokratie ist eben nicht, wie Bätzing meint, kompatibel mit der Kirche Jesu. Eine funktionierende Demokratie ist grandios für den politischen Raum — aber Kirche beruht nicht auf der politischen Willensbildung des Volkes. Gottes Volk ist dagegen eine Gemeinschaft der im Heiligen Geist Erwählten. Daran erinnert auch der Papst wieder und immer wieder, wenn er Parlamentarismus von Synodalität unterscheidet und uns verständlich machen will, dass Synodalität das Hören auf den Geist Gottes meint — was miteinschließt, dass er auch durch Menschen sprechen kann.

Menschen sind fehlbar, Gott ist es nicht. Darum ist es umso notwendiger, als Kirche die Unterscheidung einzuüben, zu üben, immer wieder zu üben und dabei mit bereits Versierte zu Rate zu ziehen, wenn man vor der Frage steht: Kommt ein Gedanke oder Wunsch aus mir, von Gott oder ist er schlichtweg mainstream?

Jesus tat so ungefähr alles, was nicht mainstream war. Und er war ein elender König, der von einem befehlenden, durchgreifenden König so gar nichts hatte; Er zwang niemanden etwas auf, sich nicht bedienen, sondern setzte sich auch noch selber herab und diente anderen. Was einem Bätzing gefallen müsste, ist, dass Jesus am Sabbat heilte und somit gegen eine Regel verstieß, auch spaltete seine Botschaft die Gläubigen — Bätzing selbst widersetzt sich der Lehre der Kirche, fordert Kehrtwenden und führt die Kirche in Deutschland in eine Isolation von der Weltkirche. Ganz der Jesus-Stil?

Nun, Jesu Kehrtwende bestand darin, die Menschen zurück ans Herz seines Vaters zu holen. Am Gehorsam dem Vater gegenüber schieden sich die Menschen und daran wird sich das Geschick der Kirche in Deutschland entscheiden: Gehorchst Du Gott oder folgst Du eigenen Wünschen?

Weltliche Maßstäbe lassen sich nicht an himmlische anpassen oder an die Kirche Jesu anlegen. Damit kann man nur auf ganzer Linie scheitern. Vielleicht kann der Advent eine Chance sein, sich wieder enger an Gott zu binden und statt mehr Süßigkeiten und Trara mehr Jesus in die Adventskalender zu stecken. Das Hören muss wieder das gemeinsame Hören auf Gott werden und die Bereitschaft mit sich bringen, Gottes Wegen zu folgen und darin Ruhe zu finden, weil wir uns in ihm verankert haben. Jesu Leben und seine Beziehung zum Vater zu betrachten — dort finden wir vorbildliche und nachahmungswürdige Synodalität. Frei nach dem Buchautoren Robert Fulghum lernt der Mensch besonders gut über Imitation, also von dem, was er gesehen hat. Und wie könnte Gott selbst nicht unser bester Lehrmeister sein?

Bätzing mag sich über Gądecki erzürnen, letztlich zählt das päpstliche Wort. Sowohl der persönliche Brief als auch die aktuelle Nota waren eindeutig und haben hinter alle die deutschen noch so hübsch verpackten Seitensprünge einen klaren Punkt gesetzt. Es gibt Glaubensfragen die sind unverhandelbar. Jetzt stehen die sturen Deutschen vor der Wahl: Stolz in der sich selbstisolierenden Position verharren oder sich demütig in den Leib Christi wiedereingliedern?

Letzteres wäre wirklich synodal. Leider scheint es, als hätten die synodalen Drahtzieher eine Spaltung längst einkalkuliert — sie verkaufen dies unter dem Stichwort „Synodalität“. Das gilt auch für die Aussprache zwischen den beiden Kirchenmännern. Selbst wenn Bätzing selbige für synodal hält; Sie hat die tief berechtigte Sorge Gądeckis nur durch wütende, aggressive Abwehr vollkommen unsynodal versucht zu neutralisieren — und dabei wohl zuerst und zuletzt die eigene Klientel im Blick gehabt. Aber es gibt keine deutsche und keine polnische Wahrheit. Es gibt nur ein Evangelium — für Deutsche, Polen und alle anderen Menschen.“


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