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Philosoph Rhonheimer: Ratzinger kein "Vertuscher"

4. März 2022 in Weltkirche, keine Lesermeinung
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Ethiker in "Welt": Ratzinger legte durch sein "Ausmisten des Augiasstalles" vielmehr Grundstein für heute vorbildhafte Rolle der Kirche beim Umgang mit Missbrauch - Gegner wollten durch haltlose Beschuldigungen eigene Theologie durchsetzen


Wien (kath.net/KAP) Gegen die Darstellung, wonach der emeritierte Papst Benedikt XVI. in seiner Zeit als Erzbischof und Glaubenspräfekt ein "Vertuschungssystem" gefördert habe, hat sich der Ethiker, Philosoph und Priester Martin Rhonheimer gewandt. Derartige Behauptungen seien eine "böswillige Unterstellung", schrieb der in Wien lebende frühere Professor an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom, der auch Gründungspräsident des Austrian Institute of Economics and Social Philosophy ist, in der deutschen Tageszeitung "Die Welt" (Montag). "Ja, es gab und gibt ein klerikales Vertuschungssystem in der Kirche. Doch der Versuch, dieses System dem emeritierten Papst anzulasten, ist ungerecht und durchschaubar", so Rhonheimer.

Joseph Ratzinger sei deshalb die Zielscheibe von Kritik, da seine Gegner mit medialer Hilfe sein theologisches Erbe und seine Reputation zerstören wollten, erklärte der Ethiker. "Ratzingers Theologie, sprachlich schön, gedanklich attraktiv und zudem eine Verteidigung des traditionellen Glaubens der Kirche, begeisterte Massen von Gläubigen und brachte unzählige Menschen der Kirche näher. Sie war der von Überheblichkeit und nationalem Dünkel strotzenden deutschen Universitätstheologie seit Langem ein Dorn im Auge." Mit der Rede von einem auf Vertuschung ausgerichteten "System Ratzinger" werde von denselben Akteuren versucht, im Zuge des Missbrauchsskandals die Kirche in Deutschland in der von ihnen gewünschten Weise zu verändern.


Das Narrativ der Gegner des emeritierten Papstes stamme im Wesentlichen von Hans Küng, führte Rhonheimer aus. Der frühere Weggefährte und spätere Widersacher Ratzingers habe diesem 2010 in einem offenen Brief vorgehalten, die römische Glaubenskongregation habe unter seiner Führung ein "weltweit in Kraft gesetztes Vertuschungssystem von klerikalen Sexualvergehen" gesteuert. Dabei bezog sich Küng vor allem auf einen Brief Ratzingers aus dem Jahr 2001, in dem dieser kirchliche Missbrauchsfälle für die damit beschäftigten Amtspersonen unter das sogenannte "Päpstliche Geheimnis" stellte und bei deren Verletzung schwere Kirchenstrafen androhte.

Diese Schweigepflicht hob Papst Franziskus 2019 auf, zumal infolge der Zunahme bekanntgewordener Fälle klargeworden sei, dass sie die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen und auch die Opfer behinderte, erklärte Rhonheimer. Wenn nun auch die Einführung dieser Regelung nachträglich als "Missgriff" erscheine, so sei sie dennoch ein "Meilenstein in die richtige Richtung" gewesen, befand der Theologe und Priester. Ratzinger sei es gewesen, der gegenüber anderen Kurienvertretern stets entschiedeneres Durchgreifen bei Missbrauch gefordert habe und dafür der Kleruskongregation die Zuständigkeit für die Laisierung von Priestern entzogen und der eigenen Glaubenskongregation übertragen habe.

Bei seinem Bestreben, die Entlassung aus dem Klerikerstand "nicht mehr als Gnadenakt, sondern als Strafmaßnahme" zu etablieren, sei Ratzinger 2001 ein "Sieg über die Kleruskongregation und jene, die deren Praxis gedeckt hatten", gelungen, schrieb Rhonheimer. 2011 habe dann die Glaubenskongregation, Ratzinger war inzwischen Papst, die Strafnormen revidiert und in einem Brief an alle Bischöfe die Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden bei der Aufklärung von Missbrauch sowie die Einhaltung der Anzeigepflicht für derartige Verbrechen eingemahnt. Missbrauch werde nun endlich auch von der Kirche nicht mehr nur als Sünde gegen das Keuschheitsgebot, sondern auch als Verbrechen mit schlimmen Auswirkungen für die Opfer betrachtet.

Das Fazit des Wiener Ethikers: "Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. hat kein kirchliches Vertuschungssystem auf die Beine gestellt. Es sind einzelne Bischöfe, die versagt haben, trotz aller Bemühungen Ratzingers. Was Hans Küng 2010 Benedikt XVI. vorwarf, war in Wirklichkeit der Startschuss zu einer neuen innerkirchlichen Kultur des Umgangs mit Missbrauchsfällen." Der Lernprozess seither sei "lange und schmerzlich" gewesen und noch immer nicht abgeschlossen, wobei die Öffentlichkeit und insbesondere die Opferverbände einen "notwendigen und heilsamen Druck" ausgeübt hätten. Insgesamt nehme die katholische Kirche jedoch nach langen Versäumnissen beim Umgang mit Missbrauch heute eine "Vorreiterrolle" ein. Rhonheimer: "Und dafür danken sollte man Joseph Ratzinger, der damit begann, den Stall des Augias auszumisten."

Copyright 2022 Katholische Presseagentur KATHPRESS, Wien, Österreich
Alle Rechte vorbehalten

Archivfoto Benedikt XVI. (c) Paul Badde


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