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Schon vergessen, wie es ist, mit den eigenen Kindern die Nacht im U-Bahnhof zu verbingen?

28. Februar 2022 in Aktuelles, 1 Lesermeinung
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Wir alle müssen ohnmächtig zusehen, was Putins Mitarbeiter da in der Ukraine veranstalten. - Gastkommentar von Klaus Kelle / The GermanZ


Düsseldort (kath.net/https://www.the-germanz.de/)

Liebe Leserinnen, liebe Leser, ich habe gerade gefrühstückt. Bei guten Freunden in Niedersachsen, unweit von Oldenburg. Salami Fleischwurst, Edamer, eine Kerze brennt, heißer, schwarzer Kaffee. Drei Kinder balgen sich nebenan im Wohnzimmer. Geduscht, es ist wohlig warm, der Blick aus dem Fenster in den Garten. Idylle, Freunde…was will man mehr?

Und dann Rückkehr in die Realität, die seit dem Angriff der russischen Armee aufs Nachbarland Ukraine, aus keinem anderen Grund als Machtgier, eine ganz andere für uns geworden ist und noch weiter werden wird.

Auf meinem Smartphone viele Nachrichten über Messenger, WhatsApp, Signal und Telegram. Fotos von Demos gestern in Deutschland gegen Putins Aggression, ich wohne in der Nähe von Düsseldorf, das interessiert mich natürlich besonders. Morgens Demo angemeldet, nachmittags 800 Leute in der City, viele blau-gelbe Fahnen. Ministerpräsident Wüst geht mit und spricht auch ein paar Worte, sein Gegenkandidat Kutschaty von der SPD bei der Landtagswahl in Mai ist auch da, Schwarze, Grüne, Rote, Gelbe, sie alle demonstrieren gegen den Wahnsinn, der sich in einem Land nur zwei Flugstunden entfernt abspielt.


Wäre ich nicht hier gewesen – ich habe gestern Abend einen Vortrag gehalten über Fake News und Desinformation fremder Geheimdienste in Deutschland – dann wäre ich sicher mit noch ein paar Freunden mehr und dem ein oder anderen aus meiner Familie in Düsseldorf bei der Demo dabei gewesen.

Wir alle müssen ohnmächtig zusehen, was Putins Mitarbeiter da in der Ukraine veranstalten.

Sie erinnern sich an seine wirre Rede? Er wolle die russischstämmige Bevölkerung in Luhansk und Doneszk schützen, sagt er. Vor den Angriffen der bösen Faschisten und der ukrainischen Armee. Nur: wo finden die denn statt, jedenfalls existieren keine aktuellen Videofilmchen und Fotos von diesen angeblichen Angriffen. Aber Wladimir schickt seine „Friedenstruppen“ – was für ein ekliger Zynismus – los, und lässt die Hauptstadt Kiew, 500 Kilometer von den Separatistengebieten entfernt, bombardieren. Es gab am ersten Tag bereits hunderte getötete Ukrainer. Und wir alle schauen machtlos zu, und in Köln schunkelt man. Was ist hier los?

Im russischen Fernsehen lief gestern eine „Talkshow“ – nennen die das so? -, in der Teilnehmer offen darüber sprachen, dass man die Angriffe jetzt nicht stoppen könne, weil der ukrainische Präsident Selensky dann möglicherweise eine Chance hätte, zu überleben. Denken Sie mal einen Moment über diese Aussage nach! Was sind das für widerwärtige Gestalten? Hier regt man sich auf, wenn sich Frau Baerbock in einer Rede verhaspelt. Wenn offen im Fernsehen darüber gesprochen wird, den Staatschef des Nachbarlandes umbringen zu wollen, interessiert das niemanden. Weil das sind ja Friedenstruppen, die da aus Russland gekommen sind um zu bombardieren und zu morden.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, als in Berlin die Mauer fiel, übernachteten viele Menschen aus Ost-Berlin in den U-Bahnhöfen im Westen, weil es da wärmer war als draußen. Helfer verteilten Mineralwasserflaschen an die Landsleute. Mein damaliger Chef beim Privatsender Radio Hundert,6, selbst aus dem sozialistischen Paradies DDR im Kofferraum eines Autos geflohen Jahre zuvor, sprach ein Ehepaar aus Ost-Berlin in einem U-Bahnhof an, die dort mit zwei kleinen Kindern den Rest der Nacht verbringen wollte. Er sprach sie an, sagte, dass er selbst auch von „drüben“ komme und seine Familie ein Haus mit Gästezimmer habe. Und nahm sie mit, dass sie die unvergessliche Nacht in einem richtigen Bett und mit einem schönen Frühstück verbringen konnten, so wie ich heute Morgen hier. Und es schmerzt mich und es verstört mich sehr, wenn ich jeden Tag in den Sozialen Netzwerken Menschen aus Ostdeutschland schreiben sehe, die Ukraine gehe uns nichts an, und die Amis seien sowieso – blabla – an allem schuld, und der Ukraine werde es doch gutgehen, wenn Putins Mitarbeiter erst genug Leute umgebracht hätten.

Ich frage mich, ob da auch Einige dabei sind, die damals 1989 selbst erfahren durften, wie schön es ist, Menschen zu haben, die anderen in Not helfen. Die Ukrainer, die da jetzt mit Decken und Mineralwasser auf einem U-Bahnhof in Kiew hocken und warten, wann die nächsten Hubschrauber und Kampfflugzeuge der „Friedentruppen“ aus Russland kommen, um die „Verfolgten“ in der Ostukraine zu beschützen, tun mir unendlich leid.

Mit herzlichen Grüßen, Ihr Klaus Kelle


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