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Die kirchliche Seelsorge am Scheideweg zwischen Verweltlichung und „offenem Himmel“

24. Februar 2021 in Buchtipp, 8 Lesermeinungen
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Gemäß dem pensionierten Pfarrer Oberkofler „muss eine „theozentrische Wende“ erfolgen, damit Gott wieder in den Mittelpunkt der Seelsorge gestellt wird.“ - Rezension zu: Friedrich Oberkofler, „In den Fängen des Fortschritts?“ Von Lothar C. Rilinger


München-Bozen (kath.net) Friedrich Oberkofler, ein pensionierter Pfarrer aus Südtirol, der auch im Ruhestand sein Hirtenamt in München ausübt, hat mit dem Buch „In den Fängen des Fortschritts?“ die Summe seiner Erfahrungen als Seelsorger, der sich der Evangelisierung verschrieben hat, der Öffentlichkeit vorgelegt. In dieses Buch sind nicht nur seine vielfältigen Erkenntnisse aus der Seelsorge eingeflossen, er setzt sich auch philosophisch und theologisch mit dem Prozess auseinander, der inzwischen die Gesellschaft erfasst hat: mit dem Prozess der Entchristlichung und damit einhergehend auch mit der Krise der Kirche. Um seinen Sorgen über die Zukunft der Kirche, insbesondere die der Seelsorge, Ausdruck zu verleihen, hat er das Buch in zwei Teile aufgegliedert, in den Teil, in dem er sich kritisch mit der Entwicklung der Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auseinandersetzt und in denjenigen, in dem er Lösungsvorschläge präsentiert. Auch wenn das Buch kein Allheilmittel liefern kann, um der schleichenden Entchristlichung Einhalt gebieten zu können, so hat doch er in überzeugender Weise Vorschläge unterbreitet, wie diesem Prozess beigekommen werden könnte. Er hat damit einen bisher schmerzhaft vermissten Beitrag unterbreitet.

Ausgangspunkt der Überlegungen des Autors sind die Dekrete des Zweiten Vatikanums, die zum aggiornamento, zur Aktualisierung der Kirche und damit der Lehre und der Seelsorge haben führen sollen. Geboren wurde diese Idee auf Grund des Paradigmenwechsels, der sich in der Aufklärung vollzogen hat. War das menschliche Sein zuvor vom Theozentrismus beherrscht, sollte hiervon Abstand genommen werden, um dem Anthropozentrismus allein das Feld zu überlassen. Sigmund Freud hat diesen Prozess später durch das Wort charakterisiert, dass es keine Instanz über der menschlichen Vernunft gäbe. Das Konzil wollte dieser Tendenz etwas entgegensetzen und hoffte, durch eine Modernisierung der Kirche wieder an Bedeutung und Einfluss zu gewinnen. In dem Modernisierungsprozess verwarf sie Traditionen, die durch das Konzil von Trient begründet worden waren. Deshalb wurde der Vorwurf laut, durch das Konzil solle von der alten Kirche Abstand genommen werden, um eine neue Kirche den Gläubigen präsentieren zu können. Der Autor erkennt die modernistischen Strömungen und wendet sich der hieraus ergebenden Pastoral zu, um die Sackgasse aufzuzeigen, in die der Weg zu führen scheint. An der neuen Form der Pastoral vermisst der Autor die fehlende Hinführung zum Glauben, er deutet sie vielmehr als das Gegenteil: als eine Abkehr.


Oberkofler fordert deshalb eine Umkehr – einen Prozess, der sich der Wiederherstellung des Theozentrismus und des Christozentrismus verschrieben hat. Für ihn muss eine „theozentrische Wende“ erfolgen, damit Gott wieder in den Mittelpunkt der Seelsorge gestellt wird. Gott ist nun einmal die Mitte unseres Glaubens, er verdrängt alle kleinlichen Probleme, die sich in der Diskussion der sichtbaren, von den Menschen gemachten Kirche zeigen. Der Autor will mit Gott wieder die unsichtbare Kirche, die von Gott selbst eingesetzte Kirche, in den Mittelpunkt des Glaubens stellen. Deshalb müsse eine Reform der Liturgiereform erfolgen. Die Liturgie habe die Aufgabe, die Kirche als Gemeinschaft zu fördern und zu Christus zu führen. In der Liturgie soll der Gläubige am Geheimnis Christi beteiligt werden, um mit einbezogen zu werden in das Mysterium des Opfers, das in jeder Messe neu gefeiert wird. „Brennpunkt der Mystagogik ist die Eucharistie“, so seine Forderung. Gott soll in der Messe verherrlicht werden – auch durch den Gesang, der nichts anderes ist als ein gesungenes Gebet, auch durch die sakrale Chormusik, die das Niveau der Gebrauchsmusik – eine Forderung des Konzils – überschreiten muss, oder durch eine festliche Ausschmückung der Kirche und nicht zuletzt durch eine Predigt, die den Gläubigen etwas zum Nachdenken vermitteln sollte. Auch bringt der Autor die Feier der Messe nach dem alten Ritus ins Gespräch, weist aber darauf hin, dass, wie es Papst Benedikt XVI. festgelegt hat, die Messfeier nach dem alten Ritus von Personen gefordert werden, die die Liturgiereform des Zweiten Vatikanums und den Papst als obersten Hirten der römischen Kirche ablehnen, dem Begehren nicht stattgegeben werden dürfe. Abschließend widmet sich der Autor den Aufgaben des Priesters, dem es obliege, das Wort Gottes zu verkünden, nicht jedoch zu politisieren, auch wenn es progressistisch anmutet. In der Seelsorge, ob in der Messe oder außerhalb, habe der Priester die Aufgabe, als „Erzieher des Glaubens“ zu wirken. Die Verkündigung des Wortes Gottes habe immer im Vordergrund zu stehen, und damit ist ihm eine permanente Evangelisierung auferlegt, schließlich muss er dem Auftrag nachkommen, der uns allen erteilt worden ist: die Mission.

Pfarrer Oberkofler hat ein Buch vorgelegt, in dem er fundiert argumentiert und das zu schreiben, notwendig war. Hier stoßen wir auf Vorschläge, die der Kirche Zukunft eröffnen könnten. Es ist deshalb nicht nur der Geistlichkeit als Kompendium zu empfehlen, wie die Neuevangelisierung vollzogen werden sollte, auch den Laien, die sich dadurch eine Vorstellung machen können, was Evangelisierung, ja, was Kirche bedeutet.

Lothar C. Rilinger ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht i.R., Stellvertretendes Mitglied des Niedersächischen Staatsgerichtshofes a.D.. Außerdem ist er Autor des Buches VRBS AETERNA. Bd.3: Begegnungen mit der deutschsprachigen religiösen Kultur in Rom

kath.net-Buchtipp:
In den Fängen des Fortschritts?
Die kirchliche Seelsorge am Scheideweg zwischen Verweltlichung und "offenem Himmel"
Von Friedrich Oberkofler
Taschenbuch, 410 Seiten
2020 Lepanto Verlag
ISBN 978-3-942605-19-9
Preis Österreich: 20.40 EUR
 


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