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„Wir müssen Tag und Nacht für die Jugendlichen da sein“

7. Dezember 2017 in Interview, keine Lesermeinung
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Interview mit Bruder Lothar Wagner SDB/Don Bosco Mission über seinen Einsatz in Liberia. Der 43jährige Streetworker kümmert sich um Kinder und Jugendliche, die gesellschaftlich ausgegrenzt sind.


Bonn (kath.net/Don Bosco Mission) Bruder Lothar Wagner SDB ist seit rund einem Jahr in Liberia. Der 43jährige Streetworker kümmert sich in dem westafrikanischen Land um Kinder und Jugendliche, die gesellschaftlich ausgegrenzt sind. So wie die obdachlosen "Friedhofskinder" von Monrovia. Die Jugendlichen müssen in Grabmälern übernachten, weil sie keinen anderen Schlafplatz haben.

Don Bosco Mission: Wie geht es den Kindern und Jugendlichen in Monrovia?

Bruder Lothar Wagner SDB: Die jungen Menschen leiden am meisten unter den Folgen eines jahrzehntelangen Rebellenkrieges und der Ebolakatastrophe. Das Bildungssystem gilt als eines der schlechtesten weltweit. Polizei- und Justizwesen sind korrupt. Das Gesundheitssystem liegt am Boden. Nach einer neuen Studie sind mehr als die Hälfte der Bevölkerung von akuter Hungersnot betroffen. Die Liste könnte ich fortführen.

Letztendlich fatal aber ist, dass die Krise des Staates die Familien und damit auch die Kinder erreicht hat. Trotz harter Arbeit reicht der Tageslohn nicht aus, um die Familie zu ernähren. Frust und daraus resultierende Aggressionen der Familienoberhäupter kriegen die Kinder ab. Familien zerbrechen, Kinder landen reihenweise auf der Straße. In den letzten Monaten sind mir zahlreiche Kinder begegnet, die Drogen konsumieren, um ihrem Alltag zu entkommen. Das ist einfach erschreckend.

Don Bosco Mission: Was brauchen die Jugendlichen am meisten?

Bruder Lothar: Die jungen Menschen brauchen Begegnungen mit Menschen, die ihre Probleme ernst nehmen, die ihnen helfen, konstruktiv den Konflikten zu begegnen, die ihnen hoffnungsfrohe Zukunftsperspektiven aufzeigen. Sie bedürfen Vorbilder. Sie brauchen Aufmerksamkeit! Die kriegen sie aber meist nicht und sinken weiter ab in einen Teufelskreis von Drogensucht, Prostitution, Beschaffungskriminalität und letztendlich Krankheit und Verzweiflung.


Die Kinder und auch die Salesianer an der Basis brauchen eine Lobby! Sie brauchen Menschen, die sie unterstützen! Jeder sollte sich dafür stark machen, dass Kindern in scheinbar aussichtslosen Lebenslagen qualifizierte und motivierte Menschen zur Seite gestellt bekommen. Wie oft brauchen die Kinder einen Arzt, einen Lehrer, einen Erzieher, mehr noch einen Freund als Begleiter. Diese müssen wir aber auch ausbilden.

Und neben dem Personal bedarf es auch der Räume, in denen sich die Kinder entwickeln und entfalten können. Eine Schule, eine Ausbildungsstelle und aber auch einen Spielplatz. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass viele Kinder in akuter Gefahr zeitweise auch eine Schlafstätte als Schutzraum brauchen.

Don Bosco Mission: Wie können die Salesianer ihnen helfen?

Bruder Lothar: Jetzt müssen wir da sein. Einfach da sein in den Brennpunkten. Oder um es mit Papst Franziskus zu sagen, Dasein in den Peripherien. Es braucht eine nachhaltige Partnerschaft zwischen den Kindern und den Salesianern.

Und das kann und darf nicht nur eine unverbindliche Absichtserklärung sein, so wie wir es oft aus der Politik kennen, sondern sie muss ganz konkret und unmissverständlich bedeuten, dass wir mit den Kindern durch dick und dünn gehen, Tag und Nacht: sie von den Straßen holen und zurück in ihre Familien bringen, sie aus den Gefängnissen zurück in die Schulen bringen, sie aus der Drogensucht in eine sinnhafte Lebenslage bringen. Sie brauchen intakte Familien, gute Schulbildung und eine zukunftsfähige Berufsausbildung.

Don Bosco Mission: Wie ist die aktuelle politische Situation in Liberia?

Bruder Lothar: Das ist derzeit schwierig einzuschätzen. Es scheint so, dass einige einflussreiche Menschen, die Lage ganz bewusst komplex gestalten. Man blickt derzeit nicht so richtig durch. Und so berichten auch die internationalen Medien mit ihren Kurztickern kaum über die Situation in Liberia, weil die politische Lage einfach zu diffus ist. Fakt aber ist: die Menschen wollen einen politischen Wechsel, aber die Regierungspartei will nicht von ihrer Macht lassen. Die Präsidentenwahl wurde nach der ersten Runde Anfang Oktober wegen dem Vorwurf der massiven Wahlfälschung unterbrochen. Meines Erachtens aber ein Vorwand, um der Regierung Zeit zu geben. Der Oppositionsführer lag nämlich mit 38% zehn Prozentpunkte vor dem amtierenden Vizepräsidenten. Die Präsidentin Sirleaf konnte nach zwei Wahlperioden nicht mehr antreten. Ob es zu einer Stichwahl zwischen den beiden kommen wird, entscheiden der Supreme Court und die National Election Commission. Die lassen sich aber mit einer Entscheidung außergewöhnlich lange Zeit. Welche Rollen die beiden Institutionen spielen ist unklar. Es bleibt zu hoffen, dass die Menschen einen langen Atem haben.

Don Bosco Mission: Welche Momente oder Begegnungen geben Ihnen Kraft?

Bruder Lothar: Es war bei strömenden Regen, als ich zum ersten Mal auf dem Zentralfriedhof in Monrovia unterwegs war. Dort entdeckte ich Kinder, die in Grabstätten leben, weil sie sonst kein Dach über dem Kopf haben. Auf einmal hatte ich einen längeren Blickkontakt zu einem Kind, das in einer Grabstätte zu mir herüber schaute. Nach einer Weile lächelte es mir zu. Ohne Worte. Eine kleine Geste als ein klares Zeichen. Eine Einladung, dass ich in seiner Lebenswelt willkommen bin. Das fand ich einfach überwältigend. Es erlaubte mir, näher zu treten, einzutreten in seine Welt.

Das hatte mich wirklich in meinem Lebensentschluss bestärkt, gerade für die vergessenen Kinder da zu sein.

Und welche Botschaft wurde mir durch das Kind geschenkt, wenn ich in dem Kind Ihn, Christus, selbst gesehen habe. Er ist mir durch das Kind selbst begegnet. Im Grab. Ein unbegreifliches Glücksgefühl. Ein Gnadengeschenk inmitten unvorstellbaren Leidens.

Das Interview führte Kirsten Prestin
www. donboscomission.de

Acht Jahre lang war Lothar Wagner Direktor von Don Bosco Fambul im benachbarten Sierra Leone. Auch dort setzte er sich für Straßenkinder, sexuell ausgebeutete Mädchen und Frauen sowie Jugendliche ein, die im Gefängnis sitzen. Er bekam die Ebola-Krise hautnah mit.

Liberia ist eines der ärmsten Länder der Welt. Ein langer Bürgerkrieg und die Ebola-Krise haben ihre Spuren hinterlassen. Die Salesianer sind seit 1979 in dem westafrikanischen Land aktiv.

Foto: Bruder Lothar mit Jugendlichen aus Liberia © Don Bosco Mission


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