10 Mai 2017, 10:10
'Mindszenty entsprach ganz meinem Ideal eines katholischen Bischofs'
 
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Emeritierter Kölner Kardinal Meisner bei Gedenkpredigt in Budapest: „Kardinal Mindszenty ist auch heute noch von einer hohen Aktualität. Wenn unsere Bischöfe keine Bekenner mehr sind, dann ist es um das Volk Gottes schlecht bestellt.“

Budapest-Köln (kath.net/pl) Der emeritierte Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner (Archivfoto) predigte beim feierlichen Gedenkgottesdienst der ungarischen Kirche für Kardinal Mindszenty in Budapest-Esztergom / Ungarn am 6. Mai 2017. Neben dem Primas von Ungarn, Péter Kardinal Erdő, waren zur Festmesse in der Basilika von Esztergom viele Persönlichkeiten aus der Kirche und aus dem öffentlichen Leben anwesend. kath.net dokumentiert die Predigt in voller Länge und dankt Kardinal Meisner für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung.

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Als ich mit 80 Jahren als Erzbischof von Köln zurücktrat, bekam ich sehr viele Briefe aus den Gemeinden und von einzelnen Gläubigen, die mir immer dankten, dass ich den katholischen Glauben furchtlos und gewinnend verkündet habe, sei es gelegen oder ungelegen gewesen. Darüber hatte ich mich sehr gewundert. Ich empfand meinen Leitungsstil nicht als eine Sonderleistung, sondern das entsprach ganz und gar meinem Ideal eines katholischen Bischofs. Und einen solchen hatte ich schon mit 13 Jahren kennen gelernt. Ich lebte damals mit der Mutter und meinen 3 Brüdern in der sozialistischen DDR und fand 1948 in einer illustrierten kommunistischen Zeitung ein großes Bild von Kardinal Josef Mindszenty im Gerichtssaal auf der Anklagebank. Das hat mich so tief getroffen, dass ein Jünger Jesu auch heute vor die Gerichte gezogen wird, wie es in der Heiligen Schrift heißt. Dieses Bild aus der illustrierten Zeitung hat sich mir gut eingeprägt, sodass ich es ausschnitt und an die Wand meines kleinen Schlafzimmers befestigte. Ich bin immer eingeschlafen vor dem Blick auf Kardinal Mindszenty auf der Anklagebank. Und es wuchs in mir der Wunsch, dass ich auch einmal so werden möchte, wie der Kardinal, ein Zeuge Christi, der den Mut hat, auch gegen die Mächtigen dieser Welt aufzustehen.

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Als fast 50 Jahre später in einer Rückschau über diese Zeiten in einem kirchlichen Journal berichtet wurde, fand ich darin dieses Bild von Kardinal Mindszenty in Kleinformat in einer Zeitung. Ich habe es mir wiederum gleich ausgeschnitten und in mein Brevier gelegt, sodass ich mit Kardinal Mindszenty bis auf diese Stunde täglich im Gebet verbunden bin. Ich habe den Kardinal nie persönlich gesehen oder kennen gelernt, aber was ich von ihm gehört und in Zeitungen gelesen oder gesehen hatte, das hat mich überzeugt und geprägt.

Als die 9 Millionen Deutsche nach dem Krieg im Jahre 1945 ihre Heimatländer im Osten verlassen mussten, hat uns Deutsche außer Kardinal Mindszenty kein anderer Bischof verteidigt. Das dürfen wir Kardinal Mindszenty nie vergessen. Er hatte selbst die schreckliche Diktatur der Hitler-Herrschaft und dann des Kommunismus schmerzlich am eigenen Leib erfahren müssen und hat sich zusätzlich noch immer schützend vor die gestellt, die ebenfalls zu Opfern dieser unmenschlichen Ideologien wurden.

2. Als ich noch Bischof in Berlin war, und zwar für Ostberlin und für Westberlin zugleich zuständig, besuchte mich des Öfteren der letzte ungarische Botschafter bei der Regierung der DDR, bevor sie dann 1990 unterging. Als katholischer Christ erzählte er mir jedes Mal von Kardinal Mindszenty, und ich fragte ihn auch immer danach. Der Botschafter war damals mit seiner Frau Mitarbeiter in der amerikanischen Botschaft in Budapest. Ihm war mit seiner Frau die Sorge um Kardinal Mindszenty aufgetragen. Sie feierten mit ihm jeden Morgen in seinem Zimmer die heilige Messe. Und er sagte mir, er und seine Frau haben von Kardinal Mindszenty den Tisch geschenkt bekommen, an dem er täglich die heilige Messe zelebrierte und sie dabei sein durften. Nachdem der Kardinal die Botschaft in Budapest verlassen hatte, bekamen sie den Tisch übereignet. Sie sagten mir: „Wir haben täglich an diesem Altartisch die innige und tiefe Verbundenheit des Kardinals mit dem Herrn in den Gestalten von Brot und Wein gespürt“. Für ihn und seine Frau ist der Altar das kostbarste Geschenk, was er seinen Kindern und seiner Familie zu vererben hat. Darum hat er auch eine Inschrift an der unteren Tischplatte anfertigen lassen. Das älteste Kind sollte den Tisch immer erben und in hohen Ehren halten. Und sollte einmal – was Gott verhüten möge – der Glaube in der Familie ausgestorben sein, dann müsse der Tisch an das Kardinal-Mindszenty-Museum in Esztergom zurückgegeben werden. Aber ich hoffe, dass der Tisch heute noch in einer amerikanischen Familie in hohen Ehren gehalten wird.

3. Kardinal Mindszenty lebte wie die meisten von uns im 20. Jahrhundert. Die Philosophien in diesem Jahrhundert waren durch ein gigantisches Selbsterlösungsprogramm inspiriert. Daraus folgten dann die ungeheuren Verbrechen der atheistischen Ideologien des Kommunismus und des Nazi-Faschismus. Die große Sünde des 20. Jahrhunderts war die Wahnidee des Menschen, er sei Gott selbst. Er könne Gottes Platz in Eigeninitiative einnehmen und sei auf Gott nicht mehr angewiesen. Das geistert auch heute noch durch manche Philosophien Europas. Sobald der Mensch aus eigener Machtvollkommenheit versucht, die Übel und Leiden der Welt zu überwinden, führte das immer zu hoffnungslosen und schuldhaften Verstrickungen. Wenn ich auf das ungarische Volk blicke und auf alle damals vom Kommunismus unterworfenen Völker, dann wird das deutlich. Die biblische Botschaft sagt uns, dass Gott Mensch geworden ist. Und der hl. Augustinus erklärt uns dazu, indem er schreibt: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch wie Gott werde“. Oder sein Lehrer, der hl. Ambrosius, drückt das ähnlich aus: „Das Wort ist Fleisch geworden, damit das Fleisch Gott werde“. So die Frage: „Ist die Glaubensweitergabe heute so schwach geworden, weil der Leib seine Gewichtigkeit im Glaubensvollzug mehr und mehr verloren hat?“

Im Fleisch, also im Menschen integrierter Glaube bedeutet, Praxis gewordener Glaube, und das bedeutet: Alle Kräfte und Begabungen des Menschen sind an einer konzentrierten Aktion beteiligt. Wie unüberbietbar das Hauptgebot sagt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, mit ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Gemüte und mit all deinen Kräften…“. Wenn im Glaubensvollzug die geistigen oder leiblichen Kräfte nicht mehr wirksam werden, ist der Glaube im schwinden, also schwindsüchtig. Mir scheint, dass wir die Blickrichtung für unsere Glaubenserwartungen ändern müssen: „Mensch, erkenne deine Würde!“ wird uns schon von den Kirchenvätern gesagt. Dem einzelnen Menschen steht Gottes Gnade zur Verfügung. Dann ergänze er sie mit seinem guten Willen. „In jedem Menschen liebt und rettet Gott die ganze Welt“, sagt der hl. Vinzenz von Paul. Wenn Gott mit mir ist und wenn ich mit Gott bin, dann bin ich eine Weltmacht.

Jeder Mensch ist berufen und begabt, den Hunger des Wortes Gottes nach dem Fleisch des Menschen durch sein Fleisch zu stillen und die Forderung zu verstehen und zu erfüllen: „Gebt ihr ihnen zu essen“ (Lk 9,13). Ganz einfach, Gott gibt sich den Menschen ganz mit seinem Gott-Sein, und nun soll der Mensch sich Gott mit seinem ganzen Menschsein geben. So wird das Wort Fleisch und das Fleisch, der konkrete Mensch, wie er leibt und lebt, wird Wort Gottes, das Fleisch geworden ist. Dann gewinnt der Glaube die Herzen der Menschen die öffentliche Meinung, die Wissenschaften, die Künste und alles, was das menschliche Leben ausmacht. Dieses Glaubenszeugnis in Wort und Tat ist das einzige Vermächtnis, das Kardinal Mindszenty seinem Volk und seiner Kirche hinterlassen konnte. Sein Glaubenszeugnis macht deutlich, dass auch in der modernen Gesellschaft der Gottesglaube nicht erledigt ist. Die Säkularisierungswelle in Europa hat sich weithin als falsch erwiesen. Der Glaube an Jesus Christus ist von einer einleuchtenden Vernünftigkeit geprägt. Gott gibt nichts und niemanden endgültig verloren. Er will unbedingt das Heil der Welt und der Menschen. Davon war Kardinal Mindszenty zutiefst überzeugt und darum trat er auch gegen die Mächte und Gewalten des Bösen und des Unrechts auf, dass sich so brutal in der kommunistischen Diktatur in seinem Vaterland Ungarn zeigte. Dass auch wir heute hohe Wachsamkeit brauchen, zeigt sich zum Beispiel, dass mit deutlicher Mehrheit das Europäische Parlament in Straßburg sich zu den so genannten sexuellen und reproduktiven Rechten des Menschen bekannt hat. Dazu gehört der Zugang zu legalen und sicheren Abtreibungsmöglichkeiten.

4. Dieses Glaubenszeugnis in Wort und Tat ist das einzige Vermächtnis, das Kardinal Mindszenty seinem Volk und seiner Kirche hinterlassen konnte. Damit hat er seinem Volk das Wichtigste gegeben, was ein Bischof den Seinen geben kann. Denn „nur wer Gott kennt, der kennt auch den Menschen“, sagt der deutsche Theologe Romano Guardini. Wo es Gott nicht mehr gibt, dort gibt es auch den Menschen nicht mehr. Nur das Evangelium macht deutlich, dass der Mensch nicht nur Ebenbild Gottes und Bruder oder Schwester Jesu Christi ist, sondern auch Tempel des Heiligen Geistes. Wenn es um den Menschen geht, geht es immer auch um Gott. Darum gab es ja den leidenschaftlichen Einsatz des Kardinals für die Menschen. Er hat sich nie geduckt und geschwiegen, sondern er hat seine Stimme erhoben und sich vor den Menschen gestellt, sei es gelegen oder ungelegen. Und darum ist Kardinal Mindszenty auch heute noch von einer hohen Aktualität. Wenn unsere Bischöfe keine Bekenner mehr sind, dann ist es um das Volk Gottes schlecht bestellt. Bischöfe haben nicht nur auf eine gute Presse zu achten, sondern auf die Verkündigung der Wahrheit, die ihnen anvertraut ist. Darum hat Kardinal Mindszenty auch heute noch eine hohe Aktualität in Europa, aber auch für die Kirche in Europa.

Ich danke Kardinal Erdö als einem Nachfolger von Kardinal Mindszenty von Herzen, dass er mich an das Grab von Kardinal Mindszenty in Esztergom eingeladen hat, um hier in seiner Kathedrale auch die hl. Eucharistie für ihn und für sein Volk zu feiern. Amen.

Archivvideo - Kardinal Meisner: Die deutsche Einheit und die Geheimnisse eines Papstes (2012)




Foto oben © kath.net/Petra Lorleberg







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