14 August 2011, 20:20
Dialogseligkeit und Dialogressentiment – Ein Aufruf zur Mäßigung
 
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Eine wahre Reform der Kirche muss immer auch erbetet, vom Heiligen Geist inspiriert und durch Heilige beispielhaft vorgelebt werden - Ein Gastkommentar von Andreas Püttmann über den "Dialog von Mannheim"

Bonn (kath.net) Mal drüber zu reden kann nie schaden. Sagt man so. Dabei dürfte manche Beziehung ihre lange Stabilität auch der Tatsache verdanken, dass nicht alles diskutabel war und die Beteiligten es manchmal vorzogen einen Dissens oder Ärger schweigend auszuhalten. Dafür fand der Volksmund das Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen Gold. Doch bei uns heute hat der Glaube an Sinn und Vernunft des Diskurses den Glauben an sich weithin abgelöst. Was gelten soll, sei immer wieder neu zu verhandeln.

Die Ausrichtung am kulturellen Erkenntnisspeicher der Tradition, die man mit Chesterton als „Demokratie mit den Toten“ verstehen kann, ist dem täglichen Plebiszit gewichen. Seine Erkenntnisquelle ist die Dauergeschwätzigkeit unserer TV-Talkshows, seine Manifestation die Umfrageschwemme.

„Nimmst Du nicht an der Wahrheit Maß, dann bleibt Dir nur der Habermas“, lautet ein Bonmot des Professors für Christliche Gesellschaftslehre, Lothar Roos. Er hält es offensichtlich mehr mit Ratzinger, dem Naturrecht und der Lehrtradition als mit dem berühmten „Diskursethiker“.

Zwischen der Erkenntnislehre dieser beiden „Päpste“ haben die deutschen Katholiken in gewisser Hinsicht jetzt zu wählen. Denn unter dem Schock des Missbrauchsskandals hat die Deutsche Bischofskonferenz dem Drängen der Laiengremien auf mehr innerkirchlichen „Dialog“ nachgegeben und einen auf fünf Jahre angelegten „Gesprächsprozess“ ins Leben gerufen.

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Der Auftakt fand mit rund 300 Teilnehmern aus den 27 deutschen Diözesen im Juli in Mannheim statt unter dem Motto: „Im Heute glauben – Wo stehen wir?“. In Stuhlkreisen zu etwa acht Personen, die mal per Zufallsauswahl, mal nach kirchlichen „Ständen“ zusammengesetzt waren, diskutierte man Kraftquellen, Probleme und Zukunftsvisionen des Katholizismus in Deutschland. Beschlüsse gab es nicht, wohl aber ein „Meinungsbild“. Denn alle Stuhlkreise hatten drei Prioritäten einer zukünftigen Kirche „mit großer Ausstrahlungskraft“ zu wählen und von dieser wiederum die wichtigste, die dann coram publico vorgetragen wurde. Hierbei dominierten – ohne dass es dazu im Plenum Widerworte der anwesenden Bischöfe gab – die bekannten „Reizthemen“: Frauenpriestertum (oder –diakonat), Zölibat, Machtverteilung zwischen Geweihten und Laien sowie Fragen des Sechsten Gebotes, insbesondere zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und Homosexuellen.

Darüber lässt sich trefflich debattieren, mit guten Argumenten auf beiden Seiten. Modifikationen kirchlicher Morallehre unter veränderten zivilisatorischen Bedingungen und humanwissenschaftlichen Erkenntnissen gab es früher schon, etwa bei den „Ehezwecken“, der Todesstrafe, der Sklaverei, oder dem Zinsverbot. Wo „Glaube und Vernunft“ wirklich voneinander lernen sollen, ist die geistig-geistliche Anstrengung auch zur Überprüfung kirchlicher Lehren legitim, zumal wenn diese nicht zum „Credo“ des Christentums gehören.

Man kann dies der „Reformpartei“ zugestehen und dennoch finden, dass die „Reizthemen“-Fixation an der radikalsten Herausforderung, der Glaubenskrise, vorbeigeht: An den Zweifeln an unserer christlichen Auferstehungshoffnung, der göttlichen Allmacht und Güte angesichts von Leid und Katastrophen, der Realpräsenz Christi in der Eucharistie, am Sinn des Bußsakraments, am Auftrag zur Mission. Von all dem hörte man aber kaum etwas in Mannheim.

Mehr Skepsis gegenüber allzu leichtfüßigem „Reform“-Eifer sollte auch wecken, dass die Reformideen der Mannheimer Wunschliste (1.) genau die Agenda widerspiegeln, die der Kirche von der säkularen Gesellschaft und ihren Medien ständig aufgedrängt werden; sie (2.) im noch rascher geschrumpften deutschen Protestantismus bereits weitgehend realisiert sind; und dass sie (3.) nicht von der deutschen Kirchenprovinz, sondern nur von der römisch-katholischen „Weltkirche“ zu entscheiden sind, in der die Deutschen kaum 2 Prozent der Mitglieder auf die Waage bringen. Rom aber hat in diesen Fragen schon klar gesprochen, teilweise definitiv wie Johannes Paul II. zum Priestertum der Frau. Man kann trotzdem, wie Andrea Ypsilanti, mehrmals „mit dem gleichen Kopf gegen die gleiche Wand rennen“. Vernünftiger wäre es, das nicht zu tun.

In solche berechtigte Kritik am Beginn des Dialogprozesses mischt sich bei manchen Konservativen aber auch ungerechte. Etwa dort, wo die katholische „Tagespost“ schon an der Mannheimer Raumgestaltung herumgenörgelte, obwohl diese ein schönes, erhöhtes Kruzifix in den Mittelpunkt stellte und mit klug gewählten Psalmversen auf Wandplakaten geistlich inspirierte. Im gleichen Blatt klagte der Vorsitzende des „Bundesverbandes Lebensrecht“, man habe bei der Teilnehmerauswahl die Lebensschützer wohl „vergessen“.

Die Erklärung ist viel einfacher: Sie gehören dort als Organisationen nicht hin. Denn die "Aktion Lebensrecht für Alle" oder die "Christdemokraten für das Leben" sind aus gutem Grund überkonfessionell konzipiert. Ihre Sprecher dürfen nicht selbst dazu beitragen, den Lebensschutz als eine katholische Sondermoral erscheinen zu lassen und so das Geschäft ihrer Gegner zu betreiben, die das Thema gern in die Kirchenecke abdrängen.

Fatal wäre auch der Eindruck, die 300 am Gesprächsforum beteiligten Katholiken hätten sich nicht alle um das menschliche Lebensrecht zu sorgen, weil es dafür spezielle Organisationen gebe. Die Beschwerden eines nicht nach Mannheim Berufenen wirken da etwa ähnlich peinlich wie die legendäre Frage von Heide Simonis: „Und wo bleibe ich?“. Jedes Bistum konnte Vertreter aus katholischen Gremien und Gruppen, aber auch Einzelpersönlichkeiten entsenden. „Lebensrechtler“ waren insofern nicht ausgeschlossen. Teil der katholischen Kirche sind ihre Organisationen aber zumeist nicht.

Auch einen anderen „Zahn“ muss man den konservativen Kritikern ziehen: Sie spekulieren bereits darüber, ob der „Reform“-seligen Mehrheit der 300 Delegierten nicht eine „schweigende Mehrheit“ an der Basis gegenüberstehe, die ganz anders denke. Falsch: Der Veränderungsdruck, den die Mannheimer Stuhlkreise ventilierten, entspricht durchaus der letzten großen Repräsentativbefragung deutscher Katholiken im „Trendmonitor“ 2010: Vier von fünf Katholiken kritisieren den Zölibat, drei von vier „die Rolle der Frau in der Kirche“, eine Zweidrittelmehrheit „den Umgang mit Kritikern innerhalb der katholischen Kirche“. Noch breitere und wachsende Mehrheiten stören sich an der „Haltung zur Sexualität“ (79%), am „Umgang mit Homosexuellen in der Kirche“ (68%) und an der Lehre zur Empfängnisverhütung (85%). Zwar stimmten hierbei auch areligiöse und randständige Kirchenmitglieder mit, deren Votum qualitativ weniger Gewicht hat, und zwar weiß die Kirche, die ja keine Demokratie, sondern „Christokratie“ ist, Wahrheit von Mehrheit zu unterscheiden. Doch wer Meinungsmehrheiten, die ihm nicht genehm sind, einfach leugnet, riskiert seine Glaubwürdigkeit auch beim Zeugnis für die großen Wahrheiten.

Es ist deutsche Sprachmode geworden, aus allem gleich eine „Kultur“ zu machen. Und so warnen Vertreter der „Reformkatholiken“ die Bischöfe schon vor einer „Kultur der Folgenlosigkeit“, so der ZdK-Vorsitzende Alois Glück. Eine Unkultur gegenwartsegozentrischer „Verheutigung“ des Glaubens mit der Brechstange muss es aber auch nicht sein. Alle Teilnehmer des Gesprächsprozesses sollten sich ein Wort aus der Enzyklika „Ecclesiam Suam“ Pauls VI. von 1964 zu Herzen nehmen, das auch im Tagungsbuch steht: „Der Dialog ist nicht hochmütig, verletzend oder beleidigend. Seine Autorität wohnt ihm inne durch die Wahrheit, die er darlegt, durch die Liebe, die er ausstrahlt, durch das Beispiel, das er gibt. Er ist weder Befehl noch Nötigung. Er ist friedfertig und meidet die heftigen Ausdrücke; er ist geduldig und großmütig“.

Wo der Dialog nur als Mittel zur Durchsetzung der eigenen Einsichten betrachtet wird, muss er in Frustration enden. Er sollte stattdessen, wie der französische Dominikaner Dominique Dubarle sagt, „das Wachstum der Freiheit des anderen suchen“ und es dieser Freiheit überlassen, selbst das Prinzip der Wandlung ihres Urteils zu finden: „Man muss das, was man für die Wahrheit hält, im Gewissen des anderen für sich selber sorgen lassen“.

Mehr Mut zum Beharren gegenüber dem säkularen Anpassungsdruck wünscht der evangelisch getaufte Philosoph Rüdiger Safranski der katholischen Kirche: „Ich will, dass es diese Kirche gibt, stolz und unangepasst, und nicht wie die Protestanten immer zu Kreuze kriechen, nein, ich will sie als stolze Institution, die ein paar Fehler schon abgelegt hat, die aber ihre Identität bewahrt.

Das ist auch für die Restgesellschaft das Beste, was geschehen kann“. Bleiben wir also römisch-katholisch. Bleiben wir als Reformer und Bewahrer miteinander im Gespräch. Nur wer seine eigenen Standpunkte im kritischen Dialog überprüft, entgeht auf Dauer der Borniertheit und der Dummheit. „Prüfet alles, das Gute behaltet“ ist uns aufgetragen, nicht: „Prüfet alles, und was euch ins Konzept passt, behaltet“.

Bleiben wir uns vor allem bewusst, dass wir nicht selbst „von unten“ Kirche „machen“, sondern der Inspiration von oben bedürfen. Eine wahre Reform der Kirche muss immer auch erbetet, vom Heiligen Geist inspiriert und durch Heilige beispielhaft vorgelebt werden. Ein Christsein „zu billigeren Preisen“, ohne Provokation unseres hedonistischen, materialistischen Zeitgeistes, würde nicht anziehender sein, im Gegenteil.

„Fortschrittliches Christentum“ heißt wachsende Nähe zu Christus und nicht wachsende Übereinstimmung mit den aktuellen säkularen Wertorientierungen. Einer der eindrucksvollsten „Reform“-Dialoge ist von Mutter Teresa überliefert: Als sie einmal gefragt wurde, was sich in der katholischen Kirche ändern müsse, antwortete sie mit drei Worten: „Sie und ich“.

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