18 Januar 2010, 09:10
Jetzt ist die Zeit, aufzuwachen! Lest! Schreibt! Sprecht laut!
 
Legionaere
 
WEITERE ARTIKEL ZUM THEMA 'Meisner'
Kardinal Meisner zeigt sich vor Diözesanrat bestürzt über den offensichtlichen Eifer, mit dem Journalisten feindselige Kritik an der Kirche üben - Die Passivität, mit der die Christen auf diese Angriffe reagieren ist alarmierend.

Köln (kath.net)
Kardinal Joachim Meisner hielt am Sonntag eine aufrüttelnde Predigt vor dem Diözesanrat und zeigt sich bestürzt über den offensichtlichen Eifer, mit dem Journalisten und Redakteure unbegründete feindselige Kritik an der Kirche und ihrer Führung üben. Die Passivität, mit der die Christen auf diese Angriffe reagieren, ohne Gewissensbisse zu haben, ist alarmierend. Kath.net dokument die Ansprache von Erzbischof Joachim Kardinal Meisner beim im Neujahrsempfang des Diözesanrates im Maternushaus Köln am 17. Januar 2010:

Sehr geehrte Damen und Herren!

1. Nweke Kizito Chinedu ist Priesterseminarist aus Nigeria und studiert an der Päpstlichen Hochschule im Stift Heiligenkreuz bei Wien. Seine Erfahrung als Afrikaner mit der Kirche in Westeuropa beschreibt er in einem bemerkenswerten Artikel, aus dem wir jetzt zitieren: „In Westeuropa – nehmen wir Österreich als Fallbeispiel – gibt es seit längerem einen heftigen Sturm der Kritik am Christentum, eine antichristliche Strömung. Gläubig zu sein wird als eine bemitleidenswerte Situation angesehen. Um es milde auszudrücken: Die meisten Christen warten hilf- und tatenlos auf die vollkommene Zerstörung des bereits angeschlagenen Christentums. Was mir Sorgen macht, ist nicht etwa, dass die Kirche schwierige Situationen nicht überleben (Mt 16,18) oder dass Christus Seine Kirche verlassen würde (Mt 28,20). Ich mache mir über den Grad der Gleichgültigkeit Sorgen, mit der die Christen in diesem Land mit dieser Situation umgehen.

Es ist die totale Passivität, mit der die Christen der sich zerstörerisch aufbauenden Welle eines Antichristentums begegnen. Durch die Medien, vor allem durch die Tagespresse, die Magazine, das Fernsehen und das Radio, sind die Menschen tagtäglich mit Ideologien konfrontiert, denen nur starke, unterscheidende Geister und tiefwurzelnder Glaube standhalten können. Die Frage ist: Wie gehen die Christen damit um? Was haben sie bis jetzt dagegen unternommen?

Ich lese die Tagespresse und bin bestürzt über den offensichtlichen Eifer, mit dem Journalisten und Redakteure unbegründete Behauptungen aufstellen, unlogische Schlüsse ziehen und feindselige Kritik an der Kirche und ihrer Führung üben. Die Passivität, mit der die Christen auf diese Angriffe reagieren, ohne Gewissensbisse zu haben, ist alarmierend. Warum entscheidet man sich dafür, zuzuschauen, wie Wertvolles zerstört wird, statt zu argumentieren, zu verteidigen und die Wahrheit zu verkünden – und zwar von einem rationalen Standpunkt aus? Warum sollte man sein natürliches Potential, auf negative Entwicklungen zu reagieren, nicht ausschöpfen, besonders wenn diese auf einer lähmenden Ideologie gedeihen?

Werbung
Messstipendien


Jetzt ist die Zeit, aufzuwachen, jeder soll auf seine Weise und in seinem Lebensumfeld sprechen. Lest! Schreibt! Sprecht laut! Wir müssen uns vorbereiten, weil Christus uns schon gewarnt hat: ‚… denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts’ (Lk 16,8). Wir können diese Entwicklung nicht aufhalten, indem wir auf ein Wunder von Gott warten. Warum sollte Er ein Wunder tun, wenn Er uns schon die Fähigkeit dazu durch unseren Glauben und unseren Verstand gegeben hat? Das Gebet ist zweifellos der erste Schritt, den wir tun müssen, aber wir dürfen es nicht beim Knien belassen. Wir müssen handeln.

Wir schulden das unseren Nachkommen. Die Menschen treten aus der Kirche aus, weil sie die falschen Antworten auf ihre Fragen bekommen, und sie bekommen die falschen Antworten von den falschen Leuten. Ein Durchschnittsösterreicher, der die Tageszeitungen liest, wird eher dazu neigen, seinen Glauben zu verlieren, als ein Glaubender zu bleiben. Es ist Zeit, Christus führen zu lassen. Lasst alle in eurer Umgebung merken, dass hier ein Christ ist. Wo seid ihr? Was seht ihr? Was hört ihr? Was wisst ihr? Sprecht laut! Unser Schweigen ist unser Schmerz!“ (Kirche heute 12/2009, S.16).

2. Wir sind berufen, Rechenschaft von unserer Hoffnung zu geben. Das ist wie eine Ermahnung in letzter Stunde. Europa befindet sich in einer Zerreißprobe. Wir sind eine apostolische Kirche. Darin ist jeder ein Weggeschickter. Sie ist apostolisch, nicht nur, weil sie auf dem Fundament der Zwölf gründet, sondern ebenso, weil sie wesenhaft gesandt und senderisch bleibt, wie ihr Herr, lateinisch ausgedrückt: missionarisch. Und sie muss sich dafür keineswegs entschuldigen. Gerade nicht in Zeiten einer gereizten und verärgerten politischen Korrektheit, die sich jede Störung ihrer Selbstgenügsamkeit verbittet. Es geht heute für jeden Christen darum, sich um eine Vertiefung und Verbreiterung seines Glaubenswissens zu bemühen. Das Glaubenswissen besteht nicht aus einer Anhäufung von Formeln oder Lehrsätzen, sondern aus einem organischen Ganzen. Es wird geprägt von einer inneren Logik. Die sollte jeder Christ kennen, damit er bei Einzelfragen, die das Leben oder die Medien mit sich bringen, imstande ist, anderen auf ihre Anfragen zu antworten oder sich auch selbst bei Unsicherheiten theologisch seine Fragen und Zweifel erklären zu können. An Gott glauben, heißt zugleich immer auch, ihn zu lieben. Wenn ich aber jemanden liebe, dann drängt es mich geradezu, ihn immer besser kennen zu lernen und zu verstehen. Auch für Theologie und Glaubenswissen ist die Liebe eine mächtige Triebfeder der Erkenntnis: Will man doch diesen Gott, der jeden Einzelnen von uns aus Liebe erschaffen hat und aus Liebe im Dasein erhält, immer tiefer erfassen, immer vertrauter mit ihm werden. „Im Glauben erkennt der Mensch die Güte Gottes und beginnt ihn zu lieben. Liebe aber will den Geliebten immer noch besser kennen lernen“, heißt es in der Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen (1990, Nr. 7).

Hier nun drängt sich die ernste Frage von selbst auf: Wenn es sich so verhält, wie gerade beschrieben, weshalb ist dann unter den Gläubigen heutzutage so wenig zu spüren von diesem drängenden Verlangen nach Gotteserkenntnis? Warum lässt sich in unseren Tagen ein solcher „Eros für das Glaubenswissen“ nur schwer finden? Es scheint, eine Antwort liegt wenigstens zum Teil darin, dass in unserer Welt ein sehr einseitiges Verständnis von Wissen bestimmend geworden ist. Nach diesem Wissensbegriff bemisst sich der Wert von Erkenntnissen daran, was diese zur Lösung aktueller Probleme beitragen. Dieses „Problemlösungswissen“ schafft sich gleichsam sein eigenes Regelwerk, an dem es sich ausrichtet. Wissen ist dann wertvoll, wenn es messbare Ergebnisse aufweisen kann, wenn es zu Erfolgen führt und zum Fortschritt beiträgt. Diese Art wissenschaftlichen Denkens kann ungeahnte verführerische Macht- und Herrschaftspotientiale erzeugen. Gemessen daran erscheint vielen das Glaubenswissen als unproduktiv, überholt oder gar hinderlich. Damit gerät aber zugleich der Horizont des Ganzen, die grundlegende Frage des Menschen nach Sinn und Ziel angesichts der Zeitlichkeit seines Daseins aus dem Blick. Eine Antwort darauf vermag ein solches wissenschaftliches Denken nicht zu geben.

Eng damit verbunden ist die verbreitete Ansicht, dass demokratische Mehrheitsentscheidungen auch zur Begründung von Normen ausreichen. In seinem berühmten Disput Anfang 2004 mit dem Philosophen Jürgen Habermas hat der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, unser heutiger Papst, dagegen zu bedenken gegeben: „Auch Mehrheiten können blind oder ungerecht sein. Die Geschichte zeigt es überdeutlich. Wenn eine noch so große Mehrheit eine Minderheit, etwa eine religiöse oder rassische, durch oppressive Gesetze unterdrückt, kann man da noch von Gerechtigkeit, von Recht überhaupt, sprechen?

So lässt das Mehrheitsprinzip immer noch die Frage nach den ethischen Grundlagen des Rechts übrig, die Frage, ob es nicht das gibt, was nie Recht werden kann, also das, was immer in sich Unrecht bleibt, oder umgekehrt auch das, was seinem Wesen nach unverrückbar Recht ist, das jeder Mehrheitsentscheidung vorausgeht und von ihr respektiert werden muss.“ (Katholische Akademie in Bayern, Zur Debatte 1/2004, Seite 5).


Damit ist ein weiteres Schlüsselwort genannt, das offensichtlich die heutige Glaubenssituation kennzeichnet: Im Empfinden vieler ist es der christliche Glaube selbst, der in eine Minderheitsposition geraten ist. Gläubige sehen sich bedrängt von Säkularismen aller Art, von neuen Formen vagabundierender Religiosität, von als fremd empfundenen Glaubenssystemen und Religionen. Hinzu kommt ein fatal verdrehter Toleranzbegriff, der uns nahezulegen scheint, Kreuze in Klassenzimmern abzuhängen und christliche Symbole in der Weihnachtsbeleuchtung abzuschalten. Das ganze wird schließlich befeuert von einer Medienwelt, die mangels eigener gründlicher Orientierung der Produktion immer neuer Vorurteile kaum Einhalt gebieten kann. Es
scheint, als befinde sich das Christentum auf ganzer Linie auf dem Rückzug. Die Verunsicherung reicht zuweilen bis in die inneren Kreise der Kirchengemeinden. Hier wird besonders deutlich, dass zum gewohnheitsmäßigen Glaubensvollzug – soll er nicht hohl werden – unabdingbar das fundierte Glaubenswissen gehört,das auch im kontroversen Disput zum glaubhaften Zeugnis fähig ist.

3. Besonders gefragt ist ein solides Glaubenswissen angesichts der Herausforderung des modernen Atheismus. Die Gottesleugnung hat die menschliche Kulturgeschichte von je her begleitet. bereits der Psalm 53 beschreibt eine Art „praktischen Atheismus“: „Die Toren sagen in ihrem Herzen: Es gibt keinen Gott“ (Vers 2). Was allerdings in Antike und Mittelalter eher als Randphänomen zu beobachten ist, wird in der Neuzeit zu einer mächtigen Welle, insbesondere zu einer politischen Erscheinungsform. Im 20. Jahrhundert standen die beiden totalitären Staatsideologien – so sehr sie sich sonst auch unterschieden und befehdeten – frontal gegen das Christentum, bekämpften es und ersetzten es durch politische Heilsversprechen, pseudoreligiöse Vorstellungen und profane Riten. Die katastrophalen Folgen für die Menschen und für die ganze Welt sind bekannt. Besonders, wer im Deutschland des 20. Jahrhunderts aufgewachsen ist, weiß, dass atheistische Denksysteme keineswegs nur eine harmlose weltanschauliche Alternative zum Christentum sind. Wir haben das am Bespiel von Diktatoren und Parteiführern erlebt, die sich nur ihrer Rasse oder ihrer Klasse, letztlich jedoch wohl nur sich selbst verantwortlich fühlten.

Die Welt von heute fragt nach Fakten und nach dem Machbaren. Der Christ vertraut sich dagegen dem nicht Selbstgemachten und dem nicht Sichtbaren an. Vom theologischen Wissen allein her kann kein Mensch zur Wahrheit, zum Sinn seines Lebens und der Welt finden. Nur von einer Haltung des Glaubens her: Glauben kann nicht gemacht, sondern nur empfangen werden. Damit ist Glaube aber kein Placebo, um uns über unser Nichtwissen hinwegzutrösten, und keine unfertige Form des Wissens. Vielmehr stellt er eine andere und wesentliche Form geistlichen Verhaltens zu den Grundentscheidungen des Lebens dar. So sehr der Glaube eine radikale Entscheidung des Einzelnen ist, so sehr ist er auch dialogisch, also er hat Gesprächscharakter. Weil
ich Gott ja nicht sehen und nicht direkt kontaktieren kann, muss ich mich bei meiner Suche nach Gott an Menschen halten, die mir den Glauben verkünden, die mir die Harmonie der Offenbarung nahe bringen, von denen ich Glaubenswissen erreichen und erringen kann. Glaube ist also eine Sache zwischen Menschen. „Wer glaubt, ist nicht allein“, sagte Papst Benedikt XVI. bei seiner Amtseinführung im April 2005. Weil der Glaube also nichts Ausgedachtes ist, hat er eine Linie nach oben. Der Mensch erhält mit Gott zu tun, indem er mit dem Mitmenschen zu tun erhält, der ihn den Glauben lehrt, der sein Glaubenswissen vertieft und systematisiert.

Vor lauter Bäumen sieht man bei mancher Unterweisung oft am Ende den Wald nicht mehr! Aber eigentlich ist der Glaube etwas ganz Einfaches: Glauben an Gott, an Gott, den Ursprung und das Ziel menschlichen Lebens. Dieser Glaube ist vernünftig, denn er sieht hinter dem Universum einen ordnenden Schöpfer am Werk, keine Unvernunft und keinen Zufall. Mit diesem Glauben brauchen wir uns nicht zu verstecken. Wir sollten versuchen, auch anderen die Vernunft des Glaubens zugänglich zu machen. Aber das setzt wirklich voraus, dass wir selbst sattelfest in der Glaubenslogik sind. Im Katechismus hat uns die Kirche wirklich ein Buch in die Hand gegeben, das uns Auskunft gibt über diese innere Glaubenssystematik, die uns instand setzt, Rechenschaft von unserer Hoffnung zu geben.

4. Gerade heute versucht der Atheismus – wie auch schon im 20. Jahrhundert – die Naturwissenschaften als Beweismittel für die Nichtexistenz Gottes einzuspannen. Ich habe in meiner jüngst geäußerten Kritik an einigen biologischen und genetischen Theorien darauf hingewiesen, dass die Naturwissenschaft völlig ihre Autonomie auf ihrem Gebiet hat, aber nicht darüber hinaus. Die genetische Struktur des Menschen ist ein wichtiger Aspekt seiner Personalität – aber nicht der einzige! Das ist jedem klar, der den Menschen in seiner Würde als Geschöpf Gottes bekennt. Sobald aber der Mensch auf seine Gene reduziert und lediglich zum Ergebnis eines Selektionsprozesses erklärt wird, sobald seine Persönlichkeit ebenso wie Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe erschöpfend daraus erklärt werden sollen, dann darf ich meine Stimme nicht nur erheben, sondern ich muss dies tun. Denn wird – so fährt das Zweite Vatikanische Konzil fort – „mit den Worten ‚Autonomie der zeitlichen Dinge’ gemeint, dass die geschaffenen Dinge nicht von Gott abhängen und der Mensch sie ohne Bezug auf den Schöpfer gebrauchen könne, so spürt jeder, der Gott anerkennt, wie falsch eine solche Auffassung ist. Denn das Geschöpf sinkt ohne den Schöpfer ins Nichts“ (Nr. 36).

Wenn ich diese Dinge öffentlich darstelle, erfahre ich immer wieder Kritik, manchmal gepaart mit übelsten Vorwürfen; besonders dann, wenn ich an bitterste geschichtliche Erfahrungen unseres Volkes erinnere. Ausdiesen Erfahrungen müssen wir aber um der Menschenwürde willen unsere Lehren ziehen, dazu müssen wir erforschen, wie es zu diesen Ereignissen kommen konnte. Wir müssen Entwicklungen erkennen und Ursachen identifizieren. Das Aufzeigen solcher Erkenntnisse ist niemals Effekthascherei, auch kein Selbstzweck und schon gar keine Relativierung. Solche Mutmaßungen oder gar Unterstellungen verkennen den Ernst des Themas. Wir haben allerdings keine andere Methode, als das Damals und unser Heute nebeneinander zu stellen. Patrick Bahners schrieb in diesem Zusammenhang in einem lesenswerten Beitrag der F.A.Z. vom 17. Dezember 2007: „Wie kann es sein, dass man ausgerechnet aus der historischen Erfahrung nichts lernen will, über deren moralische Bewertung ein unerschütterlicher Konsens besteht?“. Und er schließt mit dem Appell: „Seid nicht beleidigt, sondern argumentiert!“.

Den Naturwissenschaften fehlt es hier vielfach an der sauberen, wissenschaftlich exakten Beachtung ihres Forschungsgegenstandes. Entsprechend haben sie den Menschen nur noch als sich selbst konstruierende und durch Selektion weiterentwickelnde biologische Maschine im Blick. Um es mit dem Katechismus der Katholischen Kirche zu formulieren: „Wissenschaft und Technik sind … nicht imstande, aus sich selbst heraus den Sinn des Daseins und des menschlichen Fortschritts anzugeben. Wissenschaft und Technik sind auf den Menschen hingeordnet, dem sie ihre Entstehung und Entwicklung verdanken; die Bestimmung ihres Ziels und das Bewusstsein ihrer Grenzen finden sie somit nur in der Person und ihren sittlichen Werten“ (KKK 2293). Wo die Grenzen naturwissenschaftlicher Theorien nicht mehr beachtet werden, wo man diese mit einer atheistischen Ideologie verbindet, da kann die Kirche gar nicht anders, als auf die damit verbundenen Gefahren hinzuweisen. Freilich müssen die Gläubigen dazu – und hier schließt sich der Kreis – über ein angemessenes Glaubenswissen verfügen. Ich halte viel von der Weisung des Briefes an die Kolosser: „Eure Worte seien immer freundlich, doch mit Salz gewürzt; denn ihr müsst jedem in der rechten Weise antworten können“ (Kol 4,6).

5. Hier müssen wir uns aber auch selbstkritisch fragen, ob wir die richtigen Schwerpunkte setzen. In den letzten Jahren haben speziell in unserem Erzbistum die Strukturen und die Mittel viel Aufmerksamkeit und Energien beansprucht. Darüber darf das Eigentliche und Zentrale – unser Verkündigungsauftrag – nicht zu kurz kommen. Wenn wir bei unserem Planen und Rechnen Gott in die zweite Reihe schieben, wird unser Glaube schlimmstenfalls zum Gegenstand bürokratischer Verwaltung, zur Variable des Machbaren. Damit ginge uns aber letztlich Gott selbst verloren in seiner heiligen Unberechenbarkeit. Stattdessen müssen wir uns bei all unserem Tun wieder beseelen lassen vom Schöpfergeist Gottes, der die Herzen der Menschen bewegt
und der den Mut und die Freude schenkt, seine Kirche und unsere Welt trotz aller Schwierigkeiten schöpferisch zu gestalten. Das Weihnachtsgeschehen muss uns wieder neu aufgehen: Gott steigt herab bis in die Tiefen unserer Existenz, um uns in unserem Dasein zu begleiten und mit uns aufzubrechen zum Abenteuer der Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit.


Meine sehr geehrten Damen und Herren, vor gut 1.600 Jahren stöhnte der Kirchenvater Gregor von Nyssa geradezu über die Diskussionswut seiner Zeitgenossen in theologischen Fragen: „Wenn du jemanden nach dem Preise einer Ware fragst, hält er dir einen Vortrag über gezeugt und ungezeugt. Wenn du Brot kaufen willst, hörst du, der Vater sei größer als der Sohn und der Sohn sei dem Vater untergeordnet. Fragst du, ob das Bad fertig sei, so antwortet der Bademeister: Der Sohn Gottes ist aus nichts geschaffen.“ (Über die Gottheit des Sohnes und des Heiligen Geistes, griechischer und lateinischer Urtext in Migne, PG 46, 557 B f.) Der heilige Gregor möge mir nicht böse sein, wenn ich uns allen ein wenig von diesem Eifer für das Glaubenswissen
zurück wünsche!

Damit lege ich niemandem eine drückende Last auf, wenn auch die vor uns liegenden Aufgaben groß und umfassend sind. Es geht darum, bei allen sich bietenden Gelegenheiten – in Katechese und Predigt, in Religionsunterricht und Erwachsenenbildung, in öffentlichen Diskussionen und über die Medien – überzeugend das Wissen über unseren Glauben zu vermitteln. Ziel eines jeden Christen muss letztendlich sein, Zeugnis geben zu können „von der Hoffnung, die uns erfüllt“ (vgl. 1.Petr 3,15). Ich lade alle herzlich zu dem wunderbaren Abenteuer ein, die Faszination der Vertrautheit mit Gott, seinem Wesen, seinem Willen und seinen Mysterien zu erfahren. Eine gewisse Neugier hat der Schöpfer ohnehin in die menschliche Natur gelegt. Warum
also nicht wissbegierig den Spuren Gottes in unserer Welt folgen? Warum nicht wieder neu die Worte der Offenbarung aufnehmen und bedenken? Warum nicht ergründen, wie der Heilige Geist diese Worte im Laufe der Geschichte durch die Kirche ausgelegt und fruchtbar gemacht hat? Als Gott uns seine Offenbarung schenkte, hat er uns damit buchstäblich ins Vertrauen gezogen. Enttäuschen wir dieses Vertrauen nicht durch gleichgültiges, träges Desinteresse!

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung auf ein Konto in Ö, D oder der CH oder via Kreditkarte/Paypal!










Lesermeinungen zu diesem Artikel anzeigen und Kommentar schreiben

Sie können nur die Lesermeinungen der letzten sieben Tage einsehen.

 
App play store iTunes app store Jetzt kostenlos herunterladen! mehr Infos Instagram
meist kommentierte Artikel

„Welche Neurosen haben sich denn da zur Fachschaft versammelt?“ (94)

Europawahl - Ratlos vor der Entscheidung? (48)

Bischof Huonder zieht sich in Haus der Piusbruderschaft zurück (38)

Kardinal Woelki spricht Pater Romano Christen Vertrauen aus! (36)

Vor Wahlen: Notwendiges Gespräch oder „indirekte Wahlempfehlung“? (32)

„So wenige?“ (27)

"Ich vertraue mich dem Unbefleckten Herzen Mariens an" (27)

Großgmeiner Pfarrer kritisiert Marienheilgarten als „esoterisch“ (25)

Deutschland: „Elternteil 1 und 2“ statt „Vater“ und „Mutter“ (24)

'Sie können nur hoffen, dass er in der katholischen Kirche ist' (22)

Über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe (22)

Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben (21)

Bischof Zdarsa: steht jedem frei, das Schiff der Kirche zu verlassen (21)

Protest gegen Monsterpfarreien im Bistum Trier (20)

Woelki distanziert sich von Anti-Kirche-Aktion 'Maria 2.0' (18)