29 Juni 2006, 13:09
Meisner: Jugendliche wollen keine ,mit Weihrauch verzuckerte Speise'
 
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Der Erzbischof von Köln sprach im KATH.NET-Exklusiv-Interview über Aufbrüche in der Kirche, Manoppello, Jugendpastoral und Fußball in Kirchen.

Einsiedeln (www.kath.net)
„Sie suchen Verlässlichkeit, Verantwortlichkeit - und da muss ihnen geholfen werden“, sagte Joachim Kardinal Meisner im KATH-NET Interview bei der „Kirche in Not“-Wallfahrt nach Einsiedeln Mitte Juni, KATH.NET hat berichtet. Stefan Maria Bolli sprach mit dem Kardinal über den Weltjugendtag, Aufbrüche in der Kirche, Jugendpastoral und vieles mehr.

KATH.NET: Eminenz, was verbindet Sie mit Einsiedeln?

Joachim Kardinal Meisner: Natürlich die Muttergottes. Wer in Deutschland an Einsiedeln denkt, denkt an den größten Marienwallfahrtsort in der Schweiz. Und als Erzbischof von Köln denke ich ganz besonders an Einsiedeln, denn wir haben eine „Filiale“ der Muttergottes von Einsiedeln in Düsseldorf: Dort gibt es ein Heiligtum der Schwarzen Madonna von Einsiedeln.

KATH.NET: Die Wallfahrt von Kirche in Not steht unter der Frage „Weltkirche im Aufbruch?“. Wo sehen Sie konkret Aufbrüche in der Weltkirche?

Kardinal Meisner: Das sehe ich zuerst einmal bei mir vor Ort, wo ich sehe, dass Kranke und Sterbende zuversichtlich in den Tod gehen, dass enttäuschte Menschen, deren Liebe verraten wurde, nicht das Handtuch werfen sondern weitermachen. Wenn man einen Blick hat für dieses geistliche Geschehen in der Normalität des Alltages, so wird man feststellen, dass die Welt voller Aufbrüche und Wunder ist.

Im engeren Sinne meinen Sie natürlich etwas anderes: Was uns der Weltjugendtag gebracht hat in Köln – wir waren ja im Zentrum dieses Taifuns – ist schon sehr erstaunlich. Wir haben unter den Jugendlichen Aufbrüche, die ich zuerst gar nicht wahrgenommen habe: Die Vigilfeiern wurden an den verschiedensten Orten und auf verschiedensten Ebenen wiederholt.

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Die Junge Union, die Nachfolgeorganisation der CDU von Nordrhein-Westfalen, der größte Landesverband der Bundesrepublik – die Hälfte nicht katholisch, wollten eine Vigilfeier halten. Da habe ich sie eingeladen zur Wallfahrtskirche zur Schwarzen Muttergottes in der Kupfergasse in Köln. Und wir haben es gehalten wie beim Weltjugendtag mit eucharistischer Anbetung und die knieten alle andächtig vor dem Allerheiligsten und haben mir geschrieben, auch die nicht-katholischen Jugendlichen: Wir wissen jetzt, wofür wir einzutreten haben, für welche Werte es sich lohnt in der Politik zu leben: Für die Ideale des „C“ des Christentums.

KATH.NET: Der Weltjugendtag ist für Sie eine besondere Erfahrung des Aufbruchs in der Weltkirche. Was gibt es jetzt konkret für Initiativen?

Kardinal Meisner: Wir haben für das erste Jahr nach dem Weltjugendtag gesagt, dass davon auszugehen ist, dass wir die Hochspannung wie in den Tagen des Weltjugendtages nicht erhalten können. Wir wollen dies einmal der Jugend selber überlassen und nicht schon wieder von „oben herab“ diese oder jene Initiative empfehlen.

Ich habe als Erzbischof von Köln für das Erzbistum die Jugendseelsorger überall erneuert, den Diözesanjugendseelsorger, in den Städten und Kreisen um einen Neuanfang zu setzen. Wir haben in diesem Sinne die Jugendlichen ihre eigenen Initiativen machen lassen. Das Resultat ist ganz erstaunlich.

Wir stellen fest, dass junge Menschen 14-tägig oder monatlich diese Vigilfeiern halten. Zum Beispiel in Bonn das so genannte Nightfever: Da kommen sie zusammen um 19 Uhr an jedem ersten Samstag im Monat, es wird das Allerheiligste ausgesetzt und etwa hundert Jugendliche bleiben in der Kirche zur Anbetung.

Die anderen hundert gehen mit kleinen Kerzen auf die Straße und sprechen Erwachsene und Jugendliche an: „Wir möchten Ihnen diese Kerze schenken, die können Sie direkt in Ihrem Anliegen vor der Monstranz oder dem Marienbild anzünden.“ Und zu 95 Prozent tun die das. Das dauerte dann jeweils von 19 bis 24 Uhr, und es waren dann so etwa 600 bis 1000 Leute da und die Beichtstühle waren alle besetzt.

Und es kamen nicht nur Katholiken, sondern es kommen auch junge Menschen, die angesprochen wurden und sagen: „Wir kommen mit dem Sinn unseres Lebens nicht zu Rande. Jetzt sprechen wir uns einmal aus.“ Daraus hat sich nun bereits eine Gruppe von Katechumenen gebildet, die Jesus, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, gefunden haben.

Oder in Köln haben Jugendliche einige Male schon eine Straßenmission durchgeführt auf eine qualitativ hochstehende Art und Weise. Sie haben ein Zelt in der Nähe aufgerichtet und die Interessierten eingeladen. Dann waren sehr qualifizierte Priester dort, unter anderem auch der Generalvikar, und sie haben halbstündlich Fünf-Minuten-Katechesen gehalten. Es gibt eine ganze Reihe solcher Initiativen.

Wir werden dann im September dieses Jahres mit einem Zweijahreszyklus anfangen zum Thema Ehe und Familie – eines der wichtigsten Themen, die die jungen Leute einfordern. Sie sagen: „Wir haben nur ein einziges Leben. Und Glaube, Leben und Liebe gibt es nicht auf Probe. Da ist sofort Ernstfall.“ Wir möchten gleich zu Beginn das richtige Fundament legen und erklären, wie man das macht.

Es ja heute nicht nur eine schwierige Frage, ob ich zum Priester berufen bin, sondern auch, wo ich die richtige Partnerin, den richtigen Partner finden kann. Und sie suchen Verlässlichkeit, Verantwortlichkeit, und da muss ihnen geholfen werden, damit wir wieder stabile und glückliche Ehen bekommen. Das ist die wichtigste Aufgabe, die die Kirche derzeit zu erfüllen hat, nicht nur für die Kirche selbst, sondern für unser Volk für Europa.

KATH.NET: Losgelöst von diesen Erfahrungen gekoppelt an den Weltjugendtag: Wie soll denn eine vernünftige Jugendpastoral aussehen, damit Jugendliche wieder an die Kirche herangeführt werden?

Kardinal Meisner: Man kann an so vielen Orten ansetzen: Beim Erstkommunionsunterricht, bei der Firmvorbereitung. Da darf man natürlich als Katechet nicht „blabla“ machen, sondern muss den Jugendlichen den Horizont öffnen.

Jeder Mensch, da er ja Ebenbild Gottes ist, will doch über sich selbst hinaus. Und wenn er eine Gesellschaft erlebt, wie Heinrich Heine sagt, wo „der Himmel den Engel und Spatzen übergeben worden ist“, wo also keine Möglichkeit gegeben ist, nach oben zu transzendieren, dann transzendiert er nach links und rechts. Das heißt, er zehrt die Ressourcen der Welt auf, auch seine eigenen (Konsumismus, Sexismus, Alkoholismus). Aber sein Herz wird doch nicht satt, es wird immer unglücklicher.

Und darum haben die jungen Leute es so satt, dauernd – auch kirchlich fromm – mit Weihrauch verzuckerte Speise zu bekommen, die sie auch auf jedem Marktplatz bei McDonalds kaufen können. Wir müssen den Mut haben, unseren Jugendlichen wieder Christus zu geben, was auch der Papst sagt: „Wer ihnen nicht Gott gibt, gibt ihnen zu wenig.“ Die Jugendlichen müssen wissen, ob die Kirche nur ein frommer Verein oder Verband ist oder ob da Gott ins Spiel kommt.

Abends spaziere ich manchmal bei uns ums Quartier. Da kam einmal so eine Gruppe Jugendlicher daher, und bei meinem Anblick sagten sie: „Lasset uns beten.“ Da habe ich sie an die Seite genommen und habe sofort mit ihnen zu beten begonnen: „Herr, Du hast uns hier zusammen geführt und die jungen Menschen möchten, dass sie mit ihrem Erzbischof zusammen beten. Wir wissen, dass wir bei Dir nicht Sprechstunden zu beantragen brauchen, sondern Du bist immer für uns da und das nehmen wir jetzt wahr.“

Dann habe ich mit Ihnen weiter gebetet, habe sie am Schluss gesegnet und gesagt: „Wenn ihr wieder einmal beten wollt, dann wohne ich da und klingelt einfach bei mir.“ Es hat keiner gelacht oder gegrinst. Wir haben zu viele Vorbehalte und Angst. Ich muss als Priester die Botschaft nicht verpacken in allen möglichen Kram, ich muss gleich mit der Tür ins Haus fallen.

KATH.NET: In der Schweiz ist Ökumene ein allgegenwärtiges Faktum. Wie sehen Sie Ökumene? Was sind vorrangige Ziele?

Kardinal Meisner: Ökumene bedeutet für uns einmal nach der Richtschnur von „Dominus Jesus“. Das heißt, wir müssen uns der katholischen Fülle bewusst sein, um uns dann in einer wirklich geschwisterlichen Weise mit den nicht-katholischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften in Kontakt zu treffen. Wir müssen immer unterscheiden zwischen der Ökumene mit den orthodoxen Kirchen und der Ökumene mit den protestantischen Gemeinschaften.

Und ich denke, dass wir noch unter diesem Pontifikat in der Ökumene mit den orthodoxen Christen zu einer großen Annäherung kommen werden. Wir sind ja im Hinblick auf die katholische Dogmatik fast deckungsgleich; da sind einige Dinge, namentlich der Primat des Papstes, aber in den anderen Dingen des kirchlichen Amtes, der Eucharistie und der Sakramente ist das mit den protestantischen Gemeinschaften viel schwieriger.

Aber wir sind auch gehalten und stehen unter dem Wort des Herrn, dass alle eins seien. Wir müssen miteinander leben, aber nicht, dass wir Ökumene machen können. Man kann die Einheit nicht machen. Wir können miteinander beten, arbeiten und dann wird uns die Einheit geschenkt. Ich vergleich das immer wieder mit einem Wagenrad: Da haben sie die Radnabe und den Reifen. Die Nabe und der Reifen werden verbunden durch die Speichen.

Ich vergleich das immer, dass Christus die Nabe ist und der Reifen die Welt, und wir müssen als Christen Christus mit der Welt verbinden. Je näher wir bei Christus stehen, desto enger stehen die Speichen zusammen. Und das meine ich mit Ökumene: Je näher wir bei Christus sind, desto näher sind wir beieinander. Dann muss Er uns das Wunder der Einheit schenken.

KATH.NET: Sie waren bereits in Manoppello. Was verbindet Sie mit dem dortigen Bild über das Antlitz Christi?

Kardinal Meisner: Ich bin der Meinung, das ist eines der frühesten Abbilder unseres Herrn und Erlösers. Und wir müssen immer daran denken, dass wir nach dem Ebenbild Christi, nach dem Ebenbild Gottes erschaffen sind. Das Gesicht nimmt im Leben eines Menschen eine ganz große Rolle ein: Sie haben in Ihrem ganzen Leben noch nie in ihr eigenes Gesicht gesehen, ich auch nicht meins. Wir haben immer nur unser Spiegelbild gesehen.

Und wenn wir früh die Morgentoilette machen, sollten wir nicht nur darauf achten, dass unser Kopf in Ordnung ist, sondern dass das Gesicht in Ordnung ist. Es hat einmal jemand gesagt, dass man mit 40 Jahren langsam die Verantwortung für sein Gesicht übernehmen sollte. Und das Gesicht müsste eigentlich immer so „dekoriert“ werden wie ein Schaufenster, sodass man gerne hineinschaut.

Wir werden bis ins Gesicht dem Gott ähnlich, den wir uns vorstellen. Im Gebet empfange ich gleichsam eine Impression des Antlitzes Gottes. So wie Mose: Als er vom Berg kam, musste er ein Tuch über sein Antlitz legen, weil sein Gesicht so den Glanz Gottes widerstrahlte. Und das müsste auch ein wenig bei uns sein: Dass wir ein Tuch über unser Gesicht legen und man etwas von unserem Gesicht ablesen kann von der Herrlichkeit des Herrn.

Manoppello führt uns wirklich, so meine ich, in die erste Generation der Kirche, ganz an die Quelle, dass wir dem Herrn ins Antlitz schauen – dem österlichen Herrn, wie Er sich in Manoppello zeigt.
Er ist ja konvertibel mit dem Turiner Leichentuch. Sie sehen bei Manoppello noch einige Verwundungen, die von der österlichen Verklärung überstrahlt werden, während sie in Turin „nur“ den leidenden Christus sehen. Und das ist auch eine Bestätigung des Evangeliums, dass der österliche Christus die Wundmale mitgebracht hat.

Wundmale sind in der Christenheit etwas Wichtiges: Wer ein christliches Leben zu führen sucht, der kommt nicht ohne Schrammen, Narben und Wundmale davon. Aber es gehört auch zu uns. Und wenn wir dann österlich verklärt sind im himmlischen Jerusalem: das wird ein Antlitz und eine Freude werden.

KATH.NET: Vor wenigen Tagen gab es in einigen deutschsprachigen Diözesen Aufregung um geplante Fußballspielübertragungen und Fußball-Spielen in Kirchen. Was sagen Sie dazu?

Joachim Kardinal Meisner: Das ist Quatsch! Unsere Kirchen sind nicht dafür da. Wir haben genug Orte für Fernsehübertragungen und Fernsehen. Das würde ich sofort untersagen bei uns. Man muss die Kirche im Dorf lassen, das ist das Haus Gottes. Wo Gotteshäuser entweiht werden, da geht es auch mit den Häusern der Menschen abwärts.

Das habe ich als Bischof im Kommunismus erlebt. Schauen sie sich doch einmal die sozialistischen Großbauten an: Da hat man gesagt: Die Neubaustädte ohne Kirche und dann sind solche Kaninchenställe zustande gekommen wie diese Plattenbauweise – ein völlig inhumanes Leben. Weil man eben Gott ausgegrenzt hat. Und damit richtet sich der Mensch selber zu Grunde.

KATH.NET: Eminenz, Herzlichen Dank für das Interview.

KATHPEDIA: Kardinal Meisner

Foto: (c) kath.net

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