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Die Freiheit der Liebe und die Einheit im Gebet

6. September 2026 in Aktuelles, 1 Lesermeinung
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Leo XIV.: Zwei Wege. Die paulinische Weisung zur Nächstenliebe, die brüderliche Zurechtweisung und das gemeinsamen Gebet. Die Liebe als geschuldete Gabe und die Kraft der Einheit. Von Armin Schwibach


Rom (kath.net/as) Beim Gebet des Angelus am Dreiundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis richtete Papst Leo XIV. den Blick auf die Lesungen der Sonntagsliturgie und stellte die gegenseitige Liebe in den Mittelpunkt seiner Katechese. Das Wort Gottes biete grundlegende Leitlinien für das Denken und Handeln. Im Brief des Apostels Paulus an die Römer finde sich die Zusammenfassung aller Gebote: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (vgl. Röm 13,9). Paulus habe diesen Gedanken mit einer Formulierung verbunden, die auch im Vaterunser anklinge: „Niemandem bleibt etwas schuldig, außer der gegenseitigen Liebe!“.

Leo XIV. unterschied dabei zwischen der Schuld, um deren Vergebung Christen im Vaterunser bäten, und jener „Schuld“ der Liebe, die zwischen Menschen bestehen bleibe. Jesus habe die Menschen gelehrt, um die Vergebung ihrer Schuld zu bitten und selbst zu vergeben. Zugleich gebe es jedoch ein Gut, das Menschen einander schuldeten, ohne dadurch in eine Abhängigkeit zu geraten: „Das ist das Geschuldetsein der gegenseitigen Liebe“. Alles, was der Mensch an Aufmerksamkeit, Fürsorge und Gutem empfangen habe, mache ihn freier und befähige ihn dazu, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Das Sonntagsevangelium zeige anschließend, wie diese gegenseitige Liebe in einer christlichen Gemeinschaft Gestalt gewinnen könne. Leo XIV. hob dabei zwei Wege hervor. Der erste bestehe in der Fähigkeit zur brüderlichen Zurechtweisung. Diese bezeichnete er als eine „feinsinnige und allzu oft vergessene Kunst“, die Offenheit und zugleich behutsames Vorgehen erfordere. Das Evangelium gebe dafür eine klare Ordnung vor: Zunächst solle das Gespräch unter vier Augen stattfinden, dann, wenn es notwendig werde, unter Hinzuziehung von zwei oder drei weiteren Personen und schließlich, falls es erforderlich sei, mit der ganzen Gemeinschaft. Für Leo XIV. bedeutete diese Vorgehensweise mehr als eine Methode zur Beilegung von Konflikten. Offen miteinander zu sprechen bedeute, „sich der Wirklichkeit zu stellen und Probleme und Konflikte in Prozesse zum Wachstum zu verwandeln“. Eine solche Form der Zurechtweisung verlange deshalb die Bereitschaft, den anderen nicht auf seinen Fehler festzulegen, sondern eine Situation anzusprechen und nach einem Weg zur Veränderung zu suchen. Dem stellte der Papst jene Formen des Umgangs miteinander gegenüber, die einen solchen Prozess verhinderten. Klagen und Lästereien seien einfacher, „erzielen aber nichts und lähmen viele Situationen“. Das Evangelium führe dagegen zu einer anderen Form des Umgangs: „Das Evangelium hingegen leitet uns zur Freiheit in der Liebe an“. Die Wahrheit müsse ausgesprochen werden, ohne dass daraus eine Zerstörung der Gemeinschaft hervorgehe. Die Liebe bedeute deshalb nicht, Schwierigkeiten zu verschweigen, sondern sie in einer Weise anzusprechen, die Begegnung und Veränderung ermögliche.


Als zweiten Weg gegenseitiger geschwisterlicher Liebe nannte Leo XIV. die Einmütigkeit im Gebet. Diese Einmütigkeit sei nicht nur dann erforderlich, wenn ein Konflikt bestehe. Sie könne ebenso darin bestehen, gemeinsam Gott um eine Gabe zu bitten. Jesus habe dafür die Verheißung gegeben: „Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten“. Dies diese Verheißung setze voraus, dass Menschen gemeinsame Wünsche, gemeinsame Leiden und gemeinsame Hoffnungen haben könnten. Durch das Gebet könnten sie in dieser Einheit wachsen. Das gemeinsame Gebet sei damit nicht lediglich eine Zusammenkunft von Menschen, die dasselbe Anliegen vor Gott trügen. Es führe vielmehr dazu, dass Menschen einander als verbunden wahrnähmen und ihre Anliegen vor Gott gemeinsam trügen. Leo XIV. stellte dieser Einheit die Situation gegenüber, in der der Glaube fehle. Ohne Glauben könne sich jeder Mensch allein fühlen und dem anderen misstrauen. Der andere könne dann als Fremder oder sogar als Feind erscheinen. „Durch diesind wir hingegen Brüder und Schwestern“, erklärte der Papst. Diese Brüderlichkeit verwirkliche sich darin, dass Menschen einander begegneten, einander vergäben und „im Herrn einander zuhören“.

Damit verband Leo XIV. die beiden von ihm hervorgehobenen Formen christlicher Gemeinschaft miteinander. Die brüderliche Zurechtweisung verlange Offenheit gegenüber der Wirklichkeit und den Mut, Konflikte anzusprechen. Das gemeinsame Gebet verlange die Fähigkeit, sich aufeinander auszurichten und gemeinsame Anliegen vor Gott zu bringen. Beides gehöre zur gegenseitigen Liebe, die Paulus als dasjenige bezeichnet habe, was Christen einander schuldeten.

Der Papst machte zugleich deutlich, dass christliche Gemeinschaft nicht auf der Voraussetzung beruhe, dass alle Menschen dieselben Vorstellungen oder Interessen hätten. Vielmehr könnten gemeinsame Wünsche, Leiden und Hoffnungen durch die Begegnung und das Gebet zu einer Einheit führen. Die Gnade eröffne dabei eine neue Weise, den anderen wahrzunehmen: nicht als Fremden oder Gegner, sondern als Bruder und Schwester.

Zum Abschluss seiner Katechese wandte sich Leo XIV. an die Jungfrau Maria. Er erinnerte daran, dass Maria nach der Verkündigung des Engels zu ihrer Cousine Elisabeth geeilt sei, um mit ihr „die Freude und die Mühen der Schwangerschaft zu teilen“. Maria könne deshalb auch heute darum gebeten werden, die Menschen „die freudige Pflicht der geschwisterlichen Liebe zu lehren“. Damit führte der Papst die paulinische Weisung zur gegenseitigen Liebe und die evangelische Aufforderung zu Begegnung, Vergebung, Zurechtweisung und gemeinsamem Gebet auf Maria als Vorbild des Dienstes am anderen zurück.

Foto (c) Vatican Media)

 


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Lesermeinungen

 Stefan Fleischer 6. September 2026 

Ja, die brüderliche Zurechtweisung.

Das ist ein Problem, mit dem sich schon der Völkerapostel Paulus auseinander zu setzen hatte. Zwei Fehler machen wir auch heute noch immer wieder, einerseits die Verharmlosung von Sünde und Schuld, andererseits eine Ausklammerung der Ansprüche, welche Gott, unser Vater, an uns, seine Kinder, stellt. Paulus schreibt an Timotheus: «Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung.» (2.Tim 4,2) Eine bessere Lösung ist mir bis heute nicht begegnet. Doch damit wir uns hier richtig zu benehmen verstehen, dazu braucht es das Bewusstsein der Aussage unseres Herrn: «Zu allen sagte er: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.» (Lk 9,23)


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