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| ![]() „Die Ukraine darf nicht zu einer vergessenen Wunde Europas werden“vor 8 Stunden in Kommentar, keine Lesermeinung Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer über seine Reise in die Ukraine, die geistliche Kraft der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche und die Hoffnung auf einen gerechten Frieden. Eichstätt (kath.net/pl) Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer war die ersten beiden Juliwochen in der Ukraine unterwegs. Sein Besuch führte ihn in Gespräche mit Menschen, an Kriegsgräber, in Priesterseminare sowie zur Bischofssynode der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, der größten mit Rom unierten Ostkirche. Frisch zurückgekehrt schildert er auf Anfrage von KATH.NET seine Erfahrungen, Eindrücke und Einschätzungen. „Die Ukraine ist verwundet – aber sie ist nicht gebrochen“ Doch dieser erste Eindruck täuscht. Hinter dieser äußerlichen Normalität verbirgt sich eine tiefe Verwundung. Der Krieg ist überall gegenwärtig. Er prägt die Gesichter der Menschen, ihre Gespräche und oft auch ihr Schweigen. Fast jede Familie hat einen Angehörigen verloren, einen Verwundeten zu versorgen, hat Geflüchtete aufgenommen oder lebt in quälender Ungewissheit über Vermisste und Gefangene. Diese Wirklichkeit begleitet den Alltag der Menschen ununterbrochen. Besonders eindringlich haben sich mir die Friedhöfe eingeprägt. In jeder Stadt und in den meisten Dörfern entstehen große, neue Gräberfelder für die Gefallenen. Auf den Kreuzen sieht man überwiegend junge Gesichter – Männer, die kaum älter als zwanzig oder dreißig Jahre geworden sind. Zwischen den Gräbern stehen junge Witwen mit ihren Kindern, Mütter, Großmütter oder Kameraden. Dort verliert jede Statistik ihre Abstraktion. Vor einem einzelnen Grab versteht man plötzlich, was Krieg wirklich bedeutet. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch, hinter jedem Namen eine Familie, deren Leben unwiderruflich verändert wurde. Täglich gibt es Beerdigungen. An jedem Samstag versammeln sich außerdem die Priester auf dem Friedhof und zelebrieren eine Parastas (Nekrosimos) und einmal im Monat gehen auch die Bischöfe dorthin, um diesen Totengottesdienst zu feiern. Und dennoch wäre es völlig falsch, die Ukraine als ein verzweifeltes oder gar gebrochenes Land zu beschreiben. Das Gegenteil hat mich beeindruckt. Ich habe eine außergewöhnliche Widerstandskraft erlebt – menschlich, gesellschaftlich und geistlich. Die Menschen arbeiten, sie kümmern sich umeinander, sie feiern Gottesdienste, sie helfen den Verwundeten, unterstützen Binnenflüchtlinge und tragen gemeinsam Lasten, die für einen Einzelnen kaum zu bewältigen wären. Diese gelebte Solidarität ist keine Ausnahme, sondern prägt den Alltag. Gerade die Kirchengemeinden übernehmen dabei Aufgaben, die weit über den eigentlichen pastoralen Bereich hinausgehen. Sie organisieren Hilfstransporte, versorgen Bedürftige, begleiten Trauernde und schaffen Orte, an denen Menschen wieder Hoffnung schöpfen können. Mir wurde während der Reise immer deutlicher, dass diese Solidarität heute zu den tragenden Kräften der ukrainischen Gesellschaft gehört. Eine Kirche, die das Schicksal ihres Volkes teilt Diese Begegnungen haben mir erneut gezeigt, welche Bedeutung die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche heute für das Land besitzt. Sie versteht sich nicht als Beobachterin der Ereignisse. Sie lebt mitten im Schicksal ihres Volkes. Ihre Bischöfe, Priester und Ordensleute teilen dieselben Sorgen wie die Menschen, denen sie dienen. Sie verlieren Angehörige, begleiten Verwundete, besuchen die Front, stehen an den Gräbern der Gefallenen und tragen die Last des Krieges mit. Gerade deshalb besitzt ihr Zeugnis eine große Glaubwürdigkeit. Diese Haltung hat tiefe historische Wurzeln. Die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche war während der Sowjetherrschaft die größte verbotene Kirche der Welt. Nach ihrer gewaltsamen Aufhebung im Jahr 1946 lebte sie über vier Jahrzehnte im Untergrund. Bischöfe, Priester, Ordensleute und Gläubige hielten ihren Glauben unter schwersten Verfolgungen lebendig. Viele bezahlten ihre Treue mit Gefängnis, Deportation oder dem Tod. Erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnte die Kirche wieder öffentlich wirken. Dieses kollektive Gedächtnis prägt sie bis heute. Deshalb empfinden viele Gläubige den gegenwärtigen Krieg nicht nur als militärische oder politische Krise, sondern auch als eine erneute Bewährungsprobe ihres Glaubens und ihrer kirchlichen Identität. Wer die Geschichte dieser Kirche kennt, versteht besser, weshalb sie heute eine so außergewöhnliche innere Stabilität besitzt. Zarwanyzja – eine Synode unter dem Kreuz Dass diese Synode gerade im Marienwallfahrtsort Zarwanyzja stattfand, war kein Zufall. Für die ukrainischen Gläubigen besitzt dieser Ort eine ähnliche Bedeutung wie Tschenstochau für Polen oder Altötting für Bayern. Den Abschluss der Synode bildeten zwei große Wallfahrtstage am 11. und 12. Juli mit jeweils mehr als 30 Tausend Pilgern und Gläubigen. In Zeiten schwerer nationaler Krisen ist Zarwanyzja zu einem geistlichen Mittelpunkt des Landes geworden. Von dort geht für viele Menschen Hoffnung aus. Bemerkenswert war die Atmosphäre der Beratungen bei der Synode. Trotz des Krieges herrschte weder Resignation noch hektischer Aktivismus. Vielmehr spürte man eine große innere Ruhe und geistliche Konzentration. Ein Mönch hat den Bischöfen täglichen einen kleinen geistlichen Impuls gegeben. Sie haben gemeinsam täglich die Eucharistie und das Stundengebet gefeiert. Dazu waren immer auch viele Gläubige und Pilger anwesend. Die Bischöfe wollten ihre Entscheidungen sichtbar aus dem gemeinsamen Gebet heraus treffen. Überrascht hat mich auch das Hauptthema der Synode. Im Mittelpunkt standen nicht militärische oder politische Fragen, sondern die Berufungspastoral und die Ausbildung künftiger Priester und Ordensleute. Gerade darin zeigte sich eine erstaunliche Weitsicht. Eine Kirche darf sich nicht ausschließlich von den aktuellen Krisen bestimmen lassen. Sie muss zugleich die Zukunft ihres Volkes im Blick behalten. Deshalb fragte die Synode ganz bewusst, welche Seelsorger die Ukraine in den kommenden Jahrzehnten brauchen wird. Dabei wurde deutlich, dass sich das priesterliche Berufsbild tief verändert. Neben theologischer Bildung und liturgischer Kompetenz gewinnen Traumabegleitung, Familienseelsorge, Krisenintervention und psychologische Grundkenntnisse immer größere Bedeutung. Der Priester der Zukunft wird in der Ukraine nicht nur Prediger und Liturge sein. Er wird Begleiter traumatisierter Menschen, Gesprächspartner von Veteranen, Helfer für Witwen und Waisen und vielfach auch Brückenbauer einer künftigen Versöhnung sein. Kritisch wurde ich immer wieder zur kirchlichen Situation in Deutschland und der Haltung einzelner Bischöfe befragt: Homosexualität und Klerus, Segnung homosexueller Paare, Frauenpriestertum und Synodaler Weg. Von besonderer Tragweite bei der Bischofssynode war zudem die Verabschiedung des eigenen Partikularrechts der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche. Was nach außen wie eine rein kirchenrechtliche Entscheidung erscheinen mag, bedeutet in Wirklichkeit einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer gereiften kirchlichen Eigenständigkeit. Die Kirche gewinnt dadurch weiter an Profil und Selbstbewusstsein innerhalb der katholischen Weltkirche, sie ist eine Kirche „sui iuris“ mit einem eigenen Kirchenrecht. Am stärksten bewegt hat mich jedoch etwas anderes: Während der gesamten Synode waren die Gefallenen, die Verwundeten, die Vermissten und ihre Familien ständig gegenwärtig. Sie wurden in den Gottesdiensten genannt, in den Gebeten mitgetragen und standen auch in den Beratungen unausgesprochen im Hintergrund. Ich hatte den Eindruck, dass diese Synode unter dem Kreuz tagte. Gerade deshalb war sie zugleich eine Synode der Hoffnung. Denn ihre eigentliche Frage lautete nicht: Wie verwalten wir den Krieg? Sondern vielmehr: Wie bleibt die Kirche auch unter den Bedingungen dieses Krieges glaubwürdig an der Seite der Menschen? Kirche im Krieg – Hoffnung, Seelsorge und Verantwortung Je länger ich in der Ukraine unterwegs war, desto deutlicher wurde mir, dass man die Bedeutung der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche nicht allein an der Zahl ihrer Gläubigen oder an ihrer liturgischen Tradition messen kann. Sie ist heute weit mehr als eine Religionsgemeinschaft. Sie ist zu einer tragenden gesellschaftlichen Kraft geworden. Gerade dort, wo staatliche Strukturen an ihre Grenzen stoßen, ist sie mit ihren Gemeinden, ihren Priestern, Ordensgemeinschaften und ihren zahlreichen ehrenamtlichen Helfern unmittelbar bei den Menschen. Diese Entwicklung ist keineswegs neu. Bereits während der Jahrzehnte der Untergrundkirche zwischen 1946 und 1989 lebte die Kirche von gegenseitiger Verantwortung. Damals entstanden Netzwerke des Vertrauens, die weit über das kirchliche Leben hinausreichten. Familien nahmen Verfolgte auf, Priester feierten heimlich die Liturgie, Ordensgemeinschaften sorgten für den theologischen Nachwuchs und viele Gläubige riskierten Freiheit und Leben, um den Glauben weiterzugeben. Diese Erfahrungen prägen die Kirche bis heute. Sie hat gelernt, auch unter schwierigsten Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. Während meiner Reise konnte ich diese Haltung an vielen Orten erleben. Pfarrgemeinden versorgen Binnenflüchtlinge mit Lebensmitteln und Medikamenten, organisieren Suppenküchen, beschaffen Heizmaterial für den Winter, begleiten Familien von Gefallenen und kümmern sich um Verwundete und Kriegsversehrte. Beeindruckend war dabei, dass Hilfe kaum nach Konfession oder Herkunft unterscheidet. Ob orthodox, griechisch-katholisch, römisch-katholisch oder konfessionslos – entscheidend ist allein, dass ein Mensch Hilfe braucht. Gerade diese selbstverständliche Offenheit verleiht der Kirche eine große Glaubwürdigkeit. Besonders beschäftigt die Kirche heute die seelische Dimension des Krieges. Viele Verantwortliche sind überzeugt, dass die tiefsten Verwundungen erst nach dem Ende der Kämpfe sichtbar werden. Deshalb investieren Diözesen und Eparchien bereits jetzt in die Ausbildung von Seminaristen und Seelsorgern mit Spezialkursen, die Menschen mit Traumata begleiten können. Seelsorge ersetzt keine Psychotherapie, aber beide ergänzen sich in verantwortlicher Weise. Gerade diese Zusammenarbeit von geistlicher Begleitung, Psychologie und Sozialarbeit erscheint mir richtungsweisend für die Zukunft. Von großer Bedeutung sind auch die zahlreichen Kinder- und Jugendprogramme. In den Karpaten und in den westlichen Regionen der Ukraine werden Ferienlager organisiert, in denen Kinder aus den Frontgebieten für einige Wochen zur Ruhe kommen können. Ähnliches geschieht für Verletzte und Amputierte sowie für aus der Gefangenschaft zurückgekehrte Soldaten .Was äußerlich wie ein gewöhnliches Sommerlager aussieht, ist in Wirklichkeit ein wichtiger Beitrag zur Heilung seelischer Verletzungen. Kinder und auch Soldaten dürfen wieder in relativer Freiheit spielen, Gemeinschaft erleben und Vertrauen fassen. Solche Erfahrungen sind für ihre Zukunft von unschätzbarem Wert. Fotos: Mitte und rechts Archimandrit Dr. Thiermeyer - Für alle Fotos (c) Andreas-Abraham Thiermeyer Die stillen Wunden des Krieges Am tiefsten bewegt haben mich jedoch die Begegnungen mit den Hinterbliebenen. Viele Gespräche fanden gar nicht in Besprechungsräumen statt, sondern auf Friedhöfen, in Häusern für Binnenflüchtlinge oder nach Gottesdiensten. Dort begegnete ich Müttern, jungen Witwen und Angehörigen Gefallener. Mich beeindruckte ihre große Würde. Nur selten hörte ich Worte des Hasses. Viel häufiger begegneten mir Trauer, Erschöpfung und die Sorge um die Zukunft der Kinder. Viele Frauen müssen plötzlich allein Verantwortung für Familie, Beruf und wirtschaftliche Existenz übernehmen. Besonders in ländlichen Regionen stellt sie das vor kaum lösbare Aufgaben. Besonders schwer ist die Situation der Familien vermisster Soldaten oder Kriegsgefangener. Der Tod eines geliebten Menschen ist unermesslich schmerzhaft. Dennoch schafft er Gewissheit. Die Ungewissheit über das Schicksal eines Vermissten dagegen hält Menschen oft jahrelang zwischen Hoffnung und Verzweiflung fest. Diese Erfahrung gehört zu den schwersten seelischen Belastungen überhaupt. Auch darüber wird in Europa noch viel zu wenig gesprochen. Gerade hier zeigt sich für mich die eigentliche Stärke der Kirche. Sie versucht nicht, das Leid vorschnell zu erklären oder mit billigen religiösen Antworten zu überdecken. Christlicher Trost besteht nicht darin, Schmerzen kleinzureden. Das Neue Testament kennt keinen billigen Trost. Der auferstandene Christus trägt auch nach Ostern seine Wundmale. Die Hoffnung des Glaubens löscht die Wunden nicht aus; sie verwandelt sie. Genau diese Haltung begegnete mir immer wieder in der ukrainischen Seelsorge. Hoffnung wächst dort, wo Menschen erfahren, dass sie mit ihrem Leid nicht allein bleiben. Eine Generation junger Priester wächst heran Wer heute eines dieser Seminare betritt, gelangt keineswegs in eine von der Wirklichkeit abgeschirmte Welt. Viele Seminaristen stammen aus den umkämpften Regionen des Landes. Manche haben Väter, Brüder oder enge Freunde an der Front. Andere mussten ihre Heimat verlassen oder Angehörige betrauern. Dennoch habe ich dort keine Resignation erlebt. Vielmehr beeindruckten mich geistliche Reife, innere Sammlung und eine erstaunlich nüchterne Hoffnung. Diese jungen Männer wissen sehr genau, dass sie sich nicht auf einen angesehenen Beruf vorbereiten. Sie entscheiden sich bewusst für einen Dienst an einer Kirche, die mitten im Krieg lebt. Gerade deshalb besitzt ihre Berufung eine existentielle Ernsthaftigkeit, wie man sie in Westeuropa nur noch selten antrifft. Bemerkenswert ist zugleich das hohe Niveau ihrer Ausbildung. Wissenschaftliche Theologie, byzantinische Liturgie und pastorale Praxis bilden eine bemerkenswerte Einheit. Viele Professoren haben in Rom, Deutschland, Österreich oder Polen studiert und verbinden internationale wissenschaftliche Kompetenz mit einer tiefen Verwurzelung in der Spiritualität der Ostkirche. Der Krieg verändert allerdings auch das Anforderungsprofil des Priesters grundlegend. Neben Philosophie, Dogmatik oder Liturgiewissenschaft gehören heute Gesprächsführung, Traumaseelsorge, Krisenintervention und Familienbegleitung selbstverständlich zur Ausbildung. Die Seminaristen sind alle in diesbezügliche aktive Projektgruppen verteilt. Künftige Priester müssen lernen, traumatisierte Menschen zu begleiten und mit Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern zusammenzuarbeiten. Mich hat besonders beeindruckt, dass die Seminaristen ihre Berufung nicht individualistisch verstehen. Immer wieder hörte ich denselben Gedanken: Ein Priester dient nicht nur der Kirche, sondern trägt Verantwortung für sein Volk. Diese enge Verbindung von geistlicher Berufung und gesellschaftlicher Verantwortung gehört seit Jahrhunderten zur Tradition der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche und wirkt bis heute fort. Militärseelsorge – Christus an die Front bringen Wer mit ihnen spricht, erkennt schnell, dass ihr Dienst weit über die Feier von Gottesdiensten hinausgeht. Sie begleiten Soldaten unmittelbar vor gefährlichen Einsätzen, besuchen Verwundete in Lazaretten bzw. arbeiten in Lazaretten mit, stehen Sterbenden bei, überbringen Todesnachrichten an Familien und begleiten Veteranen bei ihrer Rückkehr ins zivile Leben. Oft befinden sie sich selbst in unmittelbarer Nähe der Front. Dabei entstand bei mir ein völlig anderes Bild, als man es sich in Westeuropa häufig vorstellt. Die Militärkapläne verstehen sich keineswegs als religiöse Vertreter militärischer Interessen. Sie rechtfertigen keinen Krieg. Sie begleiten Menschen. Sie erinnern daran, dass auch im Krieg die unverlierbare Würde jedes einzelnen Menschen gilt, auch die des Feindes. Erstaunlich offen berichteten sie von ihrer eigenen Situation. Sie erhalten vom Staat lediglich eine sehr geringe monatliche Unterstützung, müssen ihre Privatfahrzeuge nutzen, selbst unterhalten und tragen sie oftmals auch die Kosten ihrer Einsätze weitgehend selbst. Niemand sprach darüber klagend. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass sie ihren Dienst in großer Bescheidenheit verstehen. Viele Soldaten, so erzählten sie mir, suchen das persönliche Gespräch oder das Sakrament der Versöhnung. Nicht wenige tragen einen Rosenkranz bei sich – oft unabhängig davon, wie intensiv sie ihren Glauben zuvor gelebt haben. In Extremsituationen wächst bei vielen Menschen das Bedürfnis nach einem sichtbaren Zeichen der Hoffnung. Für zahlreiche Soldaten ist dieser Rosenkranz zu einem solchen Zeichen geworden. Mich hat besonders beeindruckt, mit welcher Demut diese Militärseelsorger über ihren Dienst sprechen. Keiner verstand sich als Held. Immer wieder hörte ich denselben Satz in unterschiedlichen Worten: Wir versuchen, Christus dorthin zu bringen, wo Menschen unter den schwierigsten Bedingungen leben und leiden. Ich glaube, genau darin liegt die eigentliche Stärke der Kirche in der Ukraine. Sie wartet nicht darauf, dass die Menschen zu ihr kommen. Sie geht zu ihnen – an die Front, in die Lazarette, auf die Friedhöfe, in die Familien und an die Orte tiefster menschlicher Verwundung. „Die Ukraine darf nicht zu einer vergessenen Wunde Europas werden“ Wer mit den Menschen in der Ukraine spricht, merkt sehr schnell, dass kaum jemand eine Fortsetzung des Krieges will. Alle sehnen sich nach Frieden. Gleichzeitig begegnete mir immer wieder die Überzeugung, dass ein bloßes Schweigen der Waffen noch keinen wirklichen Frieden schafft. Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Gewalt. Er braucht Wahrheit, Gerechtigkeit und die Wiederherstellung menschlicher Würde. Viele meiner Gesprächspartner sprachen deshalb von einem „gerechten Frieden“. Dahinter steht keine politische Parole, sondern eine zutiefst menschliche Erfahrung. Menschen müssen in ihre Heimat zurückkehren können. Verschleppte Kinder gehören zu ihren Familien. Kriegsgefangene müssen freigelassen werden. Vermisste müssen gefunden werden. Die Toten verdienen eine würdige Bestattung und begangenes Unrecht darf weder geleugnet noch relativiert werden. Erst auf dieser Grundlage kann Versöhnung wachsen. In diesem Zusammenhang wurde während meines Aufenthaltes mehrfach auf die Bemühungen des Heiligen Stuhls hingewiesen. Papst Leo XIV. setzt die humanitären Initiativen des Vatikans fort. Der Austausch von Gefangenen, die Rückführung deportierter Kinder, die Suche nach Vermissten und die Offenhaltung diplomatischer Gesprächskanäle stehen dabei bewusst im Vordergrund. Auch der Besuch des päpstlichen Sondergesandten Kardinal Matteo Zuppi fiel in jene Tage. Solche Initiativen lösen den Krieg nicht, aber sie lindern menschliches Leid und halten die Hoffnung auf Verständigung offen. Besonders sensibel wird in der Ukraine über das Thema Vergebung gesprochen. Von außen wird bisweilen rasch gefordert, die Menschen müssten vergeben. Wer jedoch mit Müttern spricht, die ihre Söhne, und Frauen, die ihre Partner verloren haben, oder mit Familien, deren Angehörige verschleppt wurden, erkennt schnell, wie unangemessen solche Appelle wirken können. Vergebung lässt sich nicht anordnen. Sie ist kein politisches Programm und keine moralische Verpflichtung. Sie bleibt ein Geschenk der Gnade und setzt oft einen langen inneren Weg voraus. Die christliche Tradition unterscheidet deshalb sehr sorgfältig zwischen Vergebung und Gerechtigkeit. Vergebung hebt Verantwortung nicht auf, und das Streben nach Gerechtigkeit schließt die Bereitschaft zur Versöhnung keineswegs aus. Beides gehört zusammen. Gerade diese nüchterne Sichtweise habe ich in vielen Gesprächen als wohltuend empfunden. Niemand erwartete einfache Lösungen. Die meisten Menschen wissen, dass der Weg zur Versöhnung Generationen dauern wird. Eine neue ökumenische Verantwortung Historisch ist das Verhältnis zwischen den Kirchen oft von Spannungen geprägt gewesen. Heute zeigt sich jedoch vielerorts ein anderes Bild. Zwischen der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche und der Orthodoxen Kirche der Ukraine ist in den vergangenen Jahren ein vertrauensvolles Verhältnis gewachsen. Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk und Metropolit Epifanij begegnen einander mit großem Respekt und arbeiten in zahlreichen humanitären Fragen eng zusammen. Gerade unter den Bedingungen des Krieges gewinnt diese Zusammenarbeit eine besondere Bedeutung. Dabei geht es nicht um eine Verwischung konfessioneller Unterschiede. Jede Kirche bleibt ihrer eigenen Tradition verpflichtet. Aber sie erkennt zugleich, dass sie gemeinsam Verantwortung für ein leidendes Volk trägt. Wo Verwundete versorgt, Flüchtlinge aufgenommen oder Gefallene bestattet werden, verlieren manche alten Gegensätze an Bedeutung. Das gemeinsame Leiden schafft eine Form praktischer Ökumene, die oft überzeugender wirkt als viele offizielle Dialogdokumente. Natürlich bleiben schwierige Fragen bestehen. Die Situation der früher mit Moskau verbundenen Ukrainischen Orthodoxen Kirche, die sich zwar jetzt selbständig nennt, jedoch in Moskau immer noch dem Patriarchat zugehörig geführt wird, ist nach wie vor komplex. Sie verweigert in der Ukraine den im Krieg Gefallenen das Glockengeläute und ein kirchliches Begräbnis. Der Riss geht dadurch oft vielfach mitten durch die eigene Familie. Gerade deshalb erschien mir in allen Gesprächen eine sorgfältige Differenzierung wichtig. Pauschale Urteile helfen niemandem weiter. Historische Wahrheit verlangt Genauigkeit und Gerechtigkeit. Der eigentliche Wiederaufbau beginnt im Menschen Straßen, Brücken und Häuser lassen sich neu errichten. Schwieriger wird es sein, Vertrauen wieder wachsen zu lassen, traumatisierten Menschen neue Hoffnung zu schenken und Familien in ein normales Leben zurückzuführen. Gerade deshalb wird der eigentliche Wiederaufbau vor allem ein geistlicher, gesellschaftlicher und menschlicher Wiederaufbau sein. Die wirtschaftlichen Herausforderungen sind enorm. Viele Männer stehen an der Front, andere sind gefallen oder schwer verwundet. Hinzu kommen Millionen Vertriebene und Flüchtlinge. Fachkräfte fehlen in nahezu allen Bereichen. Gleichzeitig steigen die Lebenshaltungskosten, und die wiederholten Angriffe auf die Energieversorgung erschweren den Alltag zusätzlich. Dennoch begegnete mir erstaunlich wenig Klagen. Stattdessen erlebte ich vielerorts eine bemerkenswerte Bereitschaft, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Nachbarn helfen einander, Kirchengemeinden organisieren Hilfsmaßnahmen, Ehrenamtliche übernehmen Aufgaben, die andernorts staatliche Behörden wahrnehmen würden. Auch darin zeigt sich die außergewöhnliche Widerstandskraft dieses Landes. Gerade hier wird die Bedeutung der internationalen Hilfe deutlich. Ohne sie könnten viele Krankenhäuser, Rehabilitationszentren, Schulen und soziale Einrichtungen ihre Arbeit längst nicht mehr fortsetzen. Neben den großen staatlichen Programmen tragen unzählige kirchliche Partnerschaften, Hilfswerke und private Initiativen dazu bei, dass Hilfe die Menschen tatsächlich erreicht. Auch unsere kleine Aktionsgemeinschaft Kyrillos und Methodios versteht sich als Teil dieses Netzes gegenseitiger Verantwortung. Solche Partnerschaften schaffen nicht nur materielle Unterstützung. Sie vermitteln den Menschen vor allem die Erfahrung, dass sie nicht vergessen sind. Was erwarten die Menschen von den Kirchen in Deutschland? Während meiner Reise hörte ich immer wieder dieselben Sätze. „Es ist schön und gut, dass Sie trotz des Krieges gekommen sind“ und „Bitte vergesst uns nicht.“ Diese Bitte hat mich tief bewegt. Dahinter steht weniger die Sorge um materielle Hilfe als vielmehr die Angst, mit zunehmender Dauer des Krieges aus dem Bewusstsein Europas zu verschwinden. Kriege verschwinden irgendwann aus den Schlagzeilen, nicht aber aus dem Leben der Menschen. Gerade deshalb besitzt die internationale Verbundenheit für viele Ukrainer eine kaum zu überschätzende Bedeutung. Ebenso häufig wurde ich gebeten, den Christen in Deutschland auszurichten: „Betet für uns.“ Wer in einer vergleichsweise sicheren Gesellschaft lebt, unterschätzt leicht die Kraft dieser Gebetsbitte. In der Ukraine ist das Gebet keine fromme Zugabe zum Alltag. Es ist für viele Menschen eine Quelle innerer Standfestigkeit. Gleichzeitig wünschen sich die Gemeinden konkrete Partnerschaften – zwischen Pfarreien, Schulen, Verbänden, Hilfswerken und wissenschaftlichen Einrichtungen. Solche Beziehungen schaffen Vertrauen und bleiben oft über viele Jahre tragfähig. Für die Kirchen in Deutschland ergeben sich daraus drei Aufgaben. Die erste ist die Treue zur Wahrheit. Christliche Friedensethik beginnt damit, die Wirklichkeit weder zu beschönigen noch ideologisch zu verzerren. Die zweite ist die konkrete Solidarität. Die Möglichkeiten kirchlicher Hilfe sind groß und werden auch nach einem Waffenstillstand dringend gebraucht werden. Die dritte schließlich ist die geistliche Verbundenheit. Gerade das gemeinsame Gebet und die Feier der Liturgie machen sichtbar, dass Kirche mehr ist als eine Organisation. Sie ist Gemeinschaft über Grenzen hinweg. Was bleibt? Wenn ich heute auf diese beiden Wochen zurückblicke, denke ich zunächst nicht an politische Analysen oder kirchliche Dokumente. Ich denke an Menschen. Ich sehe die jungen Soldaten auf den Grabkreuzen vor mir. Ich denke an ihre Mütter, ihre Ehefrauen und Kinder. Ich erinnere mich an verwundete Soldaten, an Militärseelsorger, an Seminaristen voller Hoffnung, an junge Bischöfe und Priester, die ihre Gemeinden trotz aller Gefahren in der Ostukraine nicht verlassen haben. Besonders sehe ich die Bischöfe, die Tag für Tag Verantwortung für ihre Kirche und ihr Volk tragen. Diese Gesichter begleiten mich bis heute. Besonders eindrucksvoll war für mich die Erfahrung, dass Kirche dort ihre größte Glaubwürdigkeit gewinnt, wo sie bei den leidenden Menschen bleibt. In Westeuropa diskutieren wir häufig über Strukturen, Reformen und Verwaltungsfragen. Solche Themen sind wichtig. In der Ukraine aber wird man unwillkürlich an den eigentlichen Auftrag der Kirche erinnert: Christus dort gegenwärtig zu machen, wo Menschen leiden und in Not sind. Ich habe eine Kirche erlebt, die den Verwundeten dient, die Suppenküchen unterhält, Trauernde begleitet, Kinder schützt, Familien stärkt und Hoffnung bewahrt. Gerade dadurch verkündet sie das Evangelium in einer Weise, die überzeugender ist als viele Worte. Mich selbst hat diese Reise verändert. Sie hat meinen Blick auf den Glauben vertieft. Unter den Bedingungen existenzieller Bedrohung gewinnt das Gebet eine andere Dichte. Die Feier der Göttlichen Liturgie erhält ein Gewicht, das man kaum beschreiben kann. Wenn für Gefallene, Verwundete, Gefangene und Vermisste gebetet wird, dann werden die liturgischen Worte zu einer Wirklichkeit, die das ganze Leben umfasst. Ich bin deshalb nicht mit einfachen Antworten zurückgekehrt. Aber ich bin mit einer tiefen Gewissheit heimgekehrt: Die Ukraine darf nicht allein gelassen werden. Sie braucht weiterhin politische Unterstützung, wirtschaftliche Perspektiven und humanitäre Hilfe. Vor allem aber braucht sie Menschen, die ihre Hoffnung teilen und ihre Last mittragen. Am Ende meiner Reise blieb mir ein Bild besonders im Gedächtnis: Kinder am Grab ihres Vaters. Sie stellen kleine Kerzen auf, bekreuzigen sich und sie blieben eine Zeitlang schweigend und weinend stehen. Dann nahm sie ihre Mutter an der Hand, streichelte sie und lächelte sie an. In diesem Augenblick wurde mir bewusst, was christliche Hoffnung wirklich bedeutet. Sie ist kein Optimismus und keine Verdrängung des Leides. Sie ist die entschiedene Weigerung, dem Bösen das letzte Wort zu überlassen. Deshalb möchte ich dieses Gespräch mit einem Gedanken schließen, der mich während der gesamten Reise begleitet hat: Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal! ![]() LesermeinungenUm selbst Kommentare verfassen zu können müssen Sie sich bitte einloggen. 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