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Offensichtlich geht es heute auch ohne Religion25. August 2025 in Kommentar, 15 Lesermeinungen Druckansicht | Artikel versenden | Tippfehler melden
Über den schleichenden Bedeutungsverlust des Glaubens und den Auftrag der Kirche in einer säkularen Welt. Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer
Eichstätt (kath.net) 1. Not lehrt nicht mehr beten – Eine stille Zäsur
„Not lehrt beten“ – jahrhundertelang galt diese Redensart als Lebensweisheit. Wer leidet, sucht Trost bei Gott, Orientierung im Gebet, Halt in der Kirche. Doch diese religiöse Selbstverständlichkeit ist heute erschüttert. Die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine, Naturkatastrophen und persönliche Krisen hätten Anlässe zur geistlichen Rückbesinnung sein können – doch die große religiöse Rückkehr blieb aus.
Stattdessen: Schweigen. Rückzug. Austritte. Der Religionssoziologe Detlef Pollack bringt es auf den Punkt: „Not lehrt nicht mehr beten.“ Religion ist für viele keine Deutungsressource mehr, sondern eine ferne Erinnerung. Der Bedeutungsverlust ist nicht abrupt – sondern lautlos. Und eben darin liegt seine Brisanz.
2. Ein schleichender Rückzug – Zahlen, die sprechen
Der Rückgang kirchlicher Bindung ist dramatisch – und doch schon fast gewohnt. Jährlich steigen die Austrittszahlen. 2023 verließen über 500.000 Katholiken die Kirche – ein neuer Höchstwert. Die evangelischen Kirchen verzeichnen ähnliche Tendenzen. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch ist zur Ausnahme geworden: Nur etwa 7 % der Katholiken und weniger als 5 % der Protestanten nehmen regelmäßig teil.
Besonders junge Menschen zeigen kaum noch religiöse Anschlussfähigkeit. Der Glaube verschwindet nicht mit Protest – sondern mit Desinteresse. Was bleibt, ist eine kulturelle Restreligion ohne spirituelle Tiefe, ohne lebenspraktische Bedeutung.
3. Ursachen: Differenzierung, Pluralisierung, Individualisierung
Was steckt hinter dieser Entwicklung?
Ein zentraler Faktor ist die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften: Aufgaben, die einst der Kirche vorbehalten waren – etwa Bildung, Ethik oder Krisenbewältigung –, werden heute durch säkulare Institutionen erfüllt. Religion ist kein strukturelles Grundelement mehr – sondern eine persönliche Wahlmöglichkeit unter vielen.
Zugleich hat sich das Leben pluralisiert: Der Sonntag ist Freizeit, der religiöse Kalender verliert an Relevanz, Rituale werden säkularisiert. Und inmitten all dessen wächst ein neuer anthropologischer Anspruch: Autonomie. Der moderne Mensch will selbst entscheiden, ob und wie er glauben möchte – autoritative Verkündigung wird als Bevormundung empfunden.
4. Drei weitverbreitete Missverständnisse
Um die Krise zu verstehen, gilt es auch, verbreitete Fehlannahmen zu korrigieren:
- Missverständnis 1: „Die Skandale sind schuld.“
Zweifellos haben Missbrauch und Vertuschung Vertrauen zerstört – doch der Rückgang begann lange vor den Skandalen. Der Bedeutungsverlust religiöser Praxis hat tiefere kulturelle Ursachen.
- Missverständnis 2: „Krisen führen zur Rückkehr des Glaubens.“
Die Realität zeigt: Die Pandemie etwa hat Isolation und psychische Belastung verstärkt – nicht das Gebet. Nur bereits religiös sozialisierte Menschen suchten vermehrt geistlichen Halt.
- Missverständnis 3: „Der Glaube wird bekämpft.“
In Wahrheit wird er vergessen. Viele sagen nicht mehr: „Ich glaube nicht an Gott“, sondern: „Ich denke nicht darüber nach.“ Diese spirituelle Indifferenz ist die tiefere Herausforderung.
- Säkularisierung: Kein Kampf, sondern Verblassen
Säkularisierung ist kein ideologischer Angriff – sie ist ein stiller Prozess des Bedeutungsverlusts. Die Kirche verliert ihren kulturellen Resonanzraum, weil sie nicht mehr selbstverständlich zum Lebensvollzug gehört. Glaube wird zur Privatangelegenheit – oder fällt ganz weg.
Entscheidend ist hier die Erosion religiöser Sozialisation: Kinder wachsen heute oft ohne Gebete, ohne Bibelgeschichten, ohne kirchliche Feste auf. Was nicht erzählt wird, wird auch nicht geglaubt. Wo keine spirituelle Sprache mehr gesprochen wird, verkümmert das religiöse Bewusstsein.
Die Folge: Der Glaube ist nicht Gegenstand von Streit – sondern Objekt des Vergessens. Gott wird nicht abgelehnt – er wird nicht mehr gesucht.
- Eine geistliche Aufgabe – nicht nur ein Strukturproblem
Die gegenwärtige Entwicklung ist nicht allein mit Reformpapieren oder Strukturveränderungen zu bewältigen. Sie verlangt eine geistliche Antwort. Denn was verloren geht, ist nicht nur Organisation – sondern Beziehung. Was schwindet, ist nicht nur Bindung – sondern Sehnsucht.
Deshalb ist die Aufgabe der Kirche nicht primär, Programme zu optimieren, sondern Präsenz zu erneuern. Nicht Management ist gefragt, sondern missionarische Demut: eine Kirche, die zuhört, mitgeht, offen bleibt für das, was der Geist Gottes in dieser Wüste neu entstehen lassen will.
Ausblick: Was bleibt – und was werden kann
Die Kirche der Zukunft wird kleiner sein – das ist wahrscheinlich. Sie wird nicht mehr die selbstverständliche Mitte sein. Aber sie kann zu einem Ort werden, an dem der leise Ruf nach Sinn, nach Gnade, nach Hoffnung wieder Gehör findet.
Sie muss nicht alles wissen – aber viel zuhören. Sie muss nicht alles kontrollieren – aber vieles mittragen. Die Frage ist nicht: Wie können wir zurück in die Mitte der Gesellschaft? Sondern: Wie können wir nahe bei den Menschen bleiben, auch wenn wir nicht mehr im Zentrum stehen?
„Offensichtlich geht es heute auch ohne Religion.“
Vielleicht. Aber die tiefere Frage bleibt:
Geht es dem Menschen wirklich gut ohne Hoffnung, ohne Transzendenz, ohne einen Gott, der bleibt?
Dort, wo Kirche diese Frage nicht beantwortet, sondern mit den Menschen gemeinsam trägt, kann sie neu glaubwürdig werden. 
Kurzbiographie von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer: geb. 1949 in Altdorf/ Titting;1977 Priesterweihe; 1977-1985 Abtei Niederaltaich; Studien (Diplom, Lizentiat, Doktorat): Eichstätt, Jerusalem, Griechenland, Rom; 1991-1998 Pfarrseelsorge; 1998-2008 Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt; 2002 Erzpriester-Mitrophor; 2010 Archimandrit; 2004-2012 Päpstl. Konsultor für die Ostkirchen/Rom; 2008-2015 Rektor der Wallfahrt und des Tagungshauses Habsberg; 2011-2015 Umweltbeauftragter und 2014-2017 Flüchtlingsseelsorger der Diözese Eichstätt; seit 2017 Mitarbeit in der außerordentlichen Seelsorge.
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