Login




oder neu registrieren?


Suche

Suchen Sie im kath.net Archiv in über 70000 Artikeln:







Top-15

meist-diskutiert

  1. Brasilianischer Erzbischof droht Teilnehmern an der Alten Messe Exkommunikation an
  2. Österreich: Liturgische Kommission wirbt für Kommunion in beiderlei Gestalt
  3. Ist die Zeit der Barmherzigkeit bald vorbei? Stehen wir kurz vor der Zeit des Gerichts?
  4. Ab Juli müssen Besucher Eintritt für den Kölner Dom bezahlen
  5. Um Gottes willen: „die Waffen nieder“ – Kardinal Brandmüllers Ruf zur liturgischen Vernunft
  6. Möge die Versöhnung der Kirche in Deutschland gelingen
  7. "Alle Iraner feiern. Die schlimmsten Menschen der Welt weinen"
  8. Toni Faber und der Zölibat - Beschwerdewelle gegen Wiener Dompfarrer
  9. Ein Gott, der nichts mehr verlangt
  10. Der Apostolische Stuhl und die FSSPX: Wenn Extreme sich berühren
  11. „Gemeinnutz vor Eigennutz“: Bischof erntet Kritik für NS-Vergleich in Richtung AfD
  12. Papst antwortet auf Leserbrief eines Atheisten
  13. "Mit Hitler hat es keinen vernünftigen, authentischen und verantwortungsvollen Dialog gegeben!"
  14. 'Ein Katholizismus ohne Beichte ist wie ein Krankenhaus ohne Medikamente'
  15. Kärntner Ordinaritaskanzler: Rechthaberei in der Kirche überwinden

Offensichtlich geht es heute auch ohne Religion

25. August 2025 in Kommentar, 15 Lesermeinungen
Druckansicht | Artikel versenden | Tippfehler melden


Über den schleichenden Bedeutungsverlust des Glaubens und den Auftrag der Kirche in einer säkularen Welt. Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net) 1. Not lehrt nicht mehr beten – Eine stille Zäsur

„Not lehrt beten“ – jahrhundertelang galt diese Redensart als Lebensweisheit. Wer leidet, sucht Trost bei Gott, Orientierung im Gebet, Halt in der Kirche. Doch diese religiöse Selbstverständlichkeit ist heute erschüttert. Die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine, Naturkatastrophen und persönliche Krisen hätten Anlässe zur geistlichen Rückbesinnung sein können – doch die große religiöse Rückkehr blieb aus.

Stattdessen: Schweigen. Rückzug. Austritte. Der Religionssoziologe Detlef Pollack bringt es auf den Punkt: „Not lehrt nicht mehr beten.“ Religion ist für viele keine Deutungsressource mehr, sondern eine ferne Erinnerung. Der Bedeutungsverlust ist nicht abrupt – sondern lautlos. Und eben darin liegt seine Brisanz.

2. Ein schleichender Rückzug – Zahlen, die sprechen

Der Rückgang kirchlicher Bindung ist dramatisch – und doch schon fast gewohnt. Jährlich steigen die Austrittszahlen. 2023 verließen über 500.000 Katholiken die Kirche – ein neuer Höchstwert. Die evangelischen Kirchen verzeichnen ähnliche Tendenzen. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch ist zur Ausnahme geworden: Nur etwa 7 % der Katholiken und weniger als 5 % der Protestanten nehmen regelmäßig teil.

Besonders junge Menschen zeigen kaum noch religiöse Anschlussfähigkeit. Der Glaube verschwindet nicht mit Protest – sondern mit Desinteresse. Was bleibt, ist eine kulturelle Restreligion ohne spirituelle Tiefe, ohne lebenspraktische Bedeutung.

3. Ursachen: Differenzierung, Pluralisierung, Individualisierung

Was steckt hinter dieser Entwicklung?
Ein zentraler Faktor ist die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften: Aufgaben, die einst der Kirche vorbehalten waren – etwa Bildung, Ethik oder Krisenbewältigung –, werden heute durch säkulare Institutionen erfüllt. Religion ist kein strukturelles Grundelement mehr – sondern eine persönliche Wahlmöglichkeit unter vielen.

Zugleich hat sich das Leben pluralisiert: Der Sonntag ist Freizeit, der religiöse Kalender verliert an Relevanz, Rituale werden säkularisiert. Und inmitten all dessen wächst ein neuer anthropologischer Anspruch: Autonomie. Der moderne Mensch will selbst entscheiden, ob und wie er glauben möchte – autoritative Verkündigung wird als Bevormundung empfunden.

4. Drei weitverbreitete Missverständnisse

Um die Krise zu verstehen, gilt es auch, verbreitete Fehlannahmen zu korrigieren:

- Missverständnis 1: „Die Skandale sind schuld.“
Zweifellos haben Missbrauch und Vertuschung Vertrauen zerstört – doch der Rückgang begann lange vor den Skandalen. Der Bedeutungsverlust religiöser Praxis hat tiefere kulturelle Ursachen.

- Missverständnis 2: „Krisen führen zur Rückkehr des Glaubens.“
Die Realität zeigt: Die Pandemie etwa hat Isolation und psychische Belastung verstärkt – nicht das Gebet. Nur bereits religiös sozialisierte Menschen suchten vermehrt geistlichen Halt.

- Missverständnis 3: „Der Glaube wird bekämpft.“
In Wahrheit wird er vergessen. Viele sagen nicht mehr: „Ich glaube nicht an Gott“, sondern: „Ich denke nicht darüber nach.“ Diese spirituelle Indifferenz ist die tiefere Herausforderung.

- Säkularisierung: Kein Kampf, sondern Verblassen
Säkularisierung ist kein ideologischer Angriff – sie ist ein stiller Prozess des Bedeutungsverlusts. Die Kirche verliert ihren kulturellen Resonanzraum, weil sie nicht mehr selbstverständlich zum Lebensvollzug gehört. Glaube wird zur Privatangelegenheit – oder fällt ganz weg.

Entscheidend ist hier die Erosion religiöser Sozialisation: Kinder wachsen heute oft ohne Gebete, ohne Bibelgeschichten, ohne kirchliche Feste auf. Was nicht erzählt wird, wird auch nicht geglaubt. Wo keine spirituelle Sprache mehr gesprochen wird, verkümmert das religiöse Bewusstsein.

Die Folge: Der Glaube ist nicht Gegenstand von Streit – sondern Objekt des Vergessens. Gott wird nicht abgelehnt – er wird nicht mehr gesucht.

- Eine geistliche Aufgabe – nicht nur ein Strukturproblem
Die gegenwärtige Entwicklung ist nicht allein mit Reformpapieren oder Strukturveränderungen zu bewältigen. Sie verlangt eine geistliche Antwort. Denn was verloren geht, ist nicht nur Organisation – sondern Beziehung. Was schwindet, ist nicht nur Bindung – sondern Sehnsucht.
Deshalb ist die Aufgabe der Kirche nicht primär, Programme zu optimieren, sondern Präsenz zu erneuern. Nicht Management ist gefragt, sondern missionarische Demut: eine Kirche, die zuhört, mitgeht, offen bleibt für das, was der Geist Gottes in dieser Wüste neu entstehen lassen will.

Ausblick: Was bleibt – und was werden kann
Die Kirche der Zukunft wird kleiner sein – das ist wahrscheinlich. Sie wird nicht mehr die selbstverständliche Mitte sein. Aber sie kann zu einem Ort werden, an dem der leise Ruf nach Sinn, nach Gnade, nach Hoffnung wieder Gehör findet.
Sie muss nicht alles wissen – aber viel zuhören. Sie muss nicht alles kontrollieren – aber vieles mittragen. Die Frage ist nicht: Wie können wir zurück in die Mitte der Gesellschaft? Sondern: Wie können wir nahe bei den Menschen bleiben, auch wenn wir nicht mehr im Zentrum stehen?
„Offensichtlich geht es heute auch ohne Religion.“
Vielleicht. Aber die tiefere Frage bleibt:
Geht es dem Menschen wirklich gut ohne Hoffnung, ohne Transzendenz, ohne einen Gott, der bleibt?
Dort, wo Kirche diese Frage nicht beantwortet, sondern mit den Menschen gemeinsam trägt, kann sie neu glaubwürdig werden.



Kurzbiographie von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer: geb. 1949 in Altdorf/ Titting;1977 Priesterweihe; 1977-1985 Abtei Niederaltaich; Studien (Diplom, Lizentiat, Doktorat): Eichstätt, Jerusalem, Griechenland, Rom; 1991-1998 Pfarrseelsorge; 1998-2008 Gründungsrektor des Collegium Orientale in Eichstätt; 2002 Erzpriester-Mitrophor; 2010 Archimandrit; 2004-2012 Päpstl. Konsultor für die Ostkirchen/Rom; 2008-2015 Rektor der Wallfahrt und des Tagungshauses Habsberg; 2011-2015 Umweltbeauftragter und 2014-2017 Flüchtlingsseelsorger der Diözese Eichstätt; seit 2017 Mitarbeit in der außerordentlichen Seelsorge.


Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung oder Kreditkarte/Paypal!

 





Lesermeinungen

Um selbst Kommentare verfassen zu können müssen Sie sich bitte einloggen.

Für die Kommentiermöglichkeit von kath.net-Artikeln müssen Sie sich bei kathLogin registrieren. Die Kommentare werden von Moderatoren stichprobenartig überprüft und freigeschaltet. Ein Anrecht auf Freischaltung besteht nicht. Ein Kommentar ist auf 1000 Zeichen beschränkt. Die Kommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.
kath.net verweist in dem Zusammenhang auch an das Schreiben von Papst Benedikt zum 45. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel und lädt die Kommentatoren dazu ein, sich daran zu orientieren: "Das Evangelium durch die neuen Medien mitzuteilen bedeutet nicht nur, ausgesprochen religiöse Inhalte auf die Plattformen der verschiedenen Medien zu setzen, sondern auch im eigenen digitalen Profil und Kommunikationsstil konsequent Zeugnis abzulegen hinsichtlich Entscheidungen, Präferenzen und Urteilen, die zutiefst mit dem Evangelium übereinstimmen, auch wenn nicht explizit davon gesprochen wird." (www.kath.net)
kath.net behält sich vor, Kommentare, welche strafrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen, zu entfernen. Die Benutzer können diesfalls keine Ansprüche stellen. Aus Zeitgründen kann über die Moderation von User-Kommentaren keine Korrespondenz geführt werden. Weiters behält sich kath.net vor, strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.


Mehr zu








Top-15

meist-gelesen

  1. kath.net ISLAND REISE im JULI 2026 - ANMELDUNG nur mehr bis 25. MÄRZ möglich!
  2. Oktober 2026 - Wunderbares SIZILIEN mit Kaplan Johannes Maria Schwarz!
  3. Toni Faber und der Zölibat - Beschwerdewelle gegen Wiener Dompfarrer
  4. "Alle Iraner feiern. Die schlimmsten Menschen der Welt weinen"
  5. "Europa hat die Gefahr der islamischen Republik Iran noch immer nicht begriffen"
  6. "Mit Hitler hat es keinen vernünftigen, authentischen und verantwortungsvollen Dialog gegeben!"
  7. Um Gottes willen: „die Waffen nieder“ – Kardinal Brandmüllers Ruf zur liturgischen Vernunft
  8. Ist die Zeit der Barmherzigkeit bald vorbei? Stehen wir kurz vor der Zeit des Gerichts?
  9. Brasilianischer Erzbischof droht Teilnehmern an der Alten Messe Exkommunikation an
  10. Möge die Versöhnung der Kirche in Deutschland gelingen
  11. Der Apostolische Stuhl und die FSSPX: Wenn Extreme sich berühren
  12. Österreich: Liturgische Kommission wirbt für Kommunion in beiderlei Gestalt
  13. 'Ein Katholizismus ohne Beichte ist wie ein Krankenhaus ohne Medikamente'
  14. Ein Gott, der nichts mehr verlangt
  15. „Gemeinnutz vor Eigennutz“: Bischof erntet Kritik für NS-Vergleich in Richtung AfD

© 2026 kath.net | Impressum | Datenschutz