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Die Klimakirchen

4. Oktober 2022 in Aktuelles, 3 Lesermeinungen
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„Der Schatz des Evangeliums darf nicht länger mit einem autoritären apokalyptischen Ökofundamentalismus verschmolzen werden.“ Gastkommentar des evangelischen Pfarrers Achijah Zorn/idea


Wetzlar (kath.net/Evangelische Nachrichtenagentur "idea") Die zwei evangelischen Kirchen in Hessen riefen ihre Mitglieder zur Beteiligung an Aktionen und Demonstrationen zum „Klimastreiktag“ am 23. September auf. Der Aktionstag wurde von der Umweltbewegung „Fridays for Future“ veranstaltet. Dazu ein Kommentar von Pfarrer Achijah Zorn

Wieder einmal unterstützen evangelische Kirchen vorbehaltlos den „Klimastreik“ von „Fridays For Future“ (FFF). In der Pressemitteilung „Fürs Klima und die Gerechtigkeit“ heißt es dazu: „Die evangelischen Kirchen in Hessen rufen ihre Mitglieder zur Beteiligung an Aktionen und Demonstrationen zum ‚Klimastreiktag’ am Freitag, 23. September 2022, auf … ‚Unsere Welt ist uns von Gott mitanvertraut. Aus diesem Glauben heraus wünschen wir und fordern wir sehr konkret gerade jetzt noch mehr Engagement für den Ausbau erneuerbarer Energien’, fasst der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung die Sicht der Kirchen (sic!) zusammen.“

Glaube entscheidet sich nicht am Klimastreik

Ich als Kirchenmitglied und fröhlich bekennender Christ sehe das anders und wage den Widerspruch, selbst wenn ich nach dieser Pressemitteilung damit außerhalb der Kirche gerückt werde. Doch zum Glück bestimmen nicht Bischöfe, Pressereferenten oder bestimmte politische Einstellungen, wer zur Kirche Jesu Christi gehört.

„Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Römer 5,1). Allein an dieser Frohen Botschaft entscheidet sich Kirche Jesu Christi, und nicht, ob man den FFF-Klimastreik für gut oder für unsinnig hält. Christen dürfen in dieser politischen Sachfrage durchaus unterschiedlicher Meinung sein und sich dennoch im Abendmahl an der Gemeinschaft mit Gott und untereinander freuen.


Sie berechnen nicht, was sie tun

Für mich persönlich muss eine verantwortungsvolle Energiepolitik drei Kernanliegen austarieren:

1. Die Nachhaltigkeit im Blick auf unsere Schöpfung.

2. Die Bezahlbarkeit, damit sich nicht nur Pfarrer und Kirchenpräsidenten den Strom leisten können, sondern auch ärmere Menschen.

3. Die Verfügbarkeit, denn die deutsche Industriegesellschaft, wo allein der Chemieriese BASF mehr Energie verbraucht als ganz Dänemark, braucht nicht nur Energie, wenn der Wind weht und die Sonne scheint.

Die selbsternannte Klimabewegung „Fridays For Future“ als moralistisch-apokalyptische Speerspitze der Energiewende setzt den Schwerpunkt fundamentalistisch allein auf die Nachhaltigkeit: Raus aus allen fossilen Energieträgern, koste es, was es wolle! Frei nach dem Motto von Herbert Grönemeyer: „Gebt den Kindern das Kommando! Sie berechnen nicht, was sie tun.“

Grüner Strom ist unzuverlässig

Und heraus kommt eine höchst unsoziale Rechnung: Die erneuerbaren Energien erzeugen nur unzuverlässig Strom, weil die Sonne nun mal nachts nicht scheint und der Wind auch nicht immer weht. Hinter dem grünen Flatterstrom muss daher als Reserve ein zweiter grundlastfähiger Kraftwerkspark für Zeiten der Dunkelflaute stehen.

Diese doppelte Struktur ist sehr teuer. Zudem ist die Speicherung des grünen Flatterstroms in die Scheunen der Batterien oder des Wasserstoffs ebenfalls extrem teuer. Deutschland hatte schon vor dem Ukraine-Krieg die höchsten Strompreise der Welt; Tendenz steigend.

Das trifft besonders hart die ärmeren Menschen. Und jetzt schreit die ökofundamentalistische Klimabewegung nach „Gerechtigkeit“, obwohl sie selber zum Problem der ungerechten Strompreise beigetragen hat. Hier spielt sich der Brandstifter zum Feuerlöscher auf.

Nicht ohne Nebenwirkungen

Obendrein stellt sich immer mehr heraus, dass die grüne Energiewende noch nicht einmal ihr einseitig anvisiertes Ziel der Nachhaltigkeit erreicht: Energieintensive Industrien müssen das energieteure Deutschland verlassen und wandern aus in Länder mit günstigeren Energiepreisen und weit geringeren Umweltauflagen, um international konkurrenzfähig zu bleiben.

Zudem verwandeln bereits heute 30.000 Windturbinen in Deutschland naturnahe Wälder und bäuerliche Kulturlandschaften in Energie-Industriegebiete. Ihre Zahl soll noch verdreifacht werden. Die schädlichen Auswirkungen der Windräder auf die Luftströme und damit auf das Wetter/Klima werden auch immer mehr diskutiert.

Wenn der Flügelschlag eines Schmetterlings nach den Aussagen der Meteorologen schon wetterentscheidend sein kann („Schmetterlingseffekt“), dann dürften 30.000 Windräder der Megawattklasse nicht ohne klimatische Nebenwirkungen bleiben.

Im Winter 22/23 könnten die Nebenwirkungen einer öko-fundamentalistischen Energiewende ihren vorläufigen Tiefpunkt erreichen. Wladimir Putin kann die deutsche Abhängigkeit vom Gas, in die uns die „dümmste Energiepolitik der Welt“ (Wall Street Journal, 2019) getrieben hat, gnadenlos für seinen Angriffskrieg ausspielen. Das könnte uns in große gesellschaftliche Schwierigkeiten bringen, denn eine instabile und unbezahlbare Energieversorgung zerstört das Fundament einer jeden Gesellschaft.

Vom Zeitgeist benebelt?

Umso verwunderlicher ist es für mich, dass viele Kirchenfürsten sich immer noch unkritisch und undifferenziert mit der ökofundamentalistischen Klimabewegung FFF solidarisieren. Haben sich die Kirchen so sehr von der grünen apokalyptischen Weltuntergangsstimmung anstecken lassen, dass auch sie vor lauter Panik und Angst den rationalen Diskurs vernachlässigen und nicht mehr nach wirklich nachhaltigen, sozialen und wohlstandsverträglichen Lösungen suchen?

Haben sich die Kirchen so sehr von der zeitgeistigen Ideologie benebeln lassen, dass sie darüber ihre Kernkompetenz vernachlässigen – die Auslegung der Heiligen Schrift und die Frohe Botschaft von Jesus Christus, die zugleich einen heilsamen und fruchtbaren Abstand zu den Ideologien des Zeitgeistes schenken?

Nicht mit Ökofundamentalismus verschmelzen

Jede Presseerklärung, in der Kirche sich mit FFF gemeinmacht, ist für mich ein Hinweis darauf, dass Kirche eine naturwissenschaftliche und theologische Reformation braucht. Der Schatz des Evangeliums darf nicht länger mit einem autoritären apokalyptischen Ökofundamentalismus verschmolzen werden.

Stattdessen darf uns der in Christus geschenkte Friede mit Gott dazu befreien, in irdischen Dingen mit Vernunft und Offenheit einen energiepolitischen Weg zu suchen, der den Dreiklang von Nachhaltigkeit, Bezahlbarkeit und Verfügbarkeit besser zusammenbringt. Ich bezweifle, dass Schulstreiks bei diesem Weg eine Hilfe sind, selbst wenn Bildungsstreiks von Kirchenleuten mit salbungsvollen Presseerklärungen spirituell beweihräuchert werden.


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