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Erzbischof Aupetit: „Innere Stimme sagte: ‚Was wäre, wenn du mich behandeln würdest?‘ …Oulàlà…!“

24. Oktober 2021 in Spirituelles, 1 Lesermeinung
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Pariser Erzbischof und Arzt, als er im August in Lourdes die Krankensalbung spendete: „Da begann ich, diesen Mann zu behandeln, als ob er Christus wäre“ Damals lag wohl der Beginn seiner Berufung zum Priester. Gastbeitrag von Juliana Bauer


Lourdes-Paris (kath.net) Herbst 2021 in einem Teil Europas. Ausgrenzung zahlreicher Menschen, die gesundheits-politisch nicht konform sind, die nicht in die Maßregelungen des Pass Sanitaire, des Green Pass, der 2G- und 3G-Regeln passen.

Sommer 2021 in Lourdes: „Hier … sind es die Verwundeten des Lebens, die Kranken, die immer zuerst bedient werden“ (Erzbischof Aupetit).

12. bis 16.August 2021. Einige Tausend Franzosen waren als Pilger mit Michel Aupetit, dem Erzbischof von Paris gekommen. Ohne Pass Sanitaire, den Gesundheitspass. Ohne einen Schein, der Teilhabe entweder erlaubt oder der ausgrenzt. Die Anweisungen Covid-19 betreffend waren knapp, auf das Nötigste beschränkt: bitte einen Meter Abstand beachten, bitte Maske tragen.

Alles andere hätte in Lourdes auch keinen Sinn gemacht, dort, wo die Kranken den Mittelpunkt bilden, alles andere hätte Lourdes auf den Kopf gestellt, hätte das Antlitz Lourdes‘ verunstaltet. Alles andere wäre an der Botschaft von Lourdes, der Botschaft der Mutter Jesu, der „Mutter des Heils“ und damit auch an der Botschaft des Evangeliums vorbeigegangen.

Einer der fünf Pilgertage war speziell den Kranken gewidmet. Am „Tag der Kranken“ salbte Erzbischof Aupetit mit anderen Priestern zusammen im Gottesdienst viele kranke und behinderte Menschen. Seine Homilie bewegte sich daher auch im entsprechenden Themenbereich und nahm ihren Ausgangspunkt beim Tagesevangelium, dem Evangelium vom barmherzigen Samariter, jenem Bewohner Samarias, der dem am Wegesrand liegenden Verwundeten seine Zuwendung schenkt und ihn versorgt.

„Wer ist dieser Samariter?“

Mit dieser Frage beginnt Erzbischof Aupetit seine Predigtworte. Denn diese Frage stelle sich uns schließlich, wenn wir Jesu heutiges Gleichnis hören. „Wer ist dieser Samariter? Ihr wisst vielleicht, dass in jener Epoche die Samariter von den Juden als Usurpatoren angesehen wurden…“ Aupetit geht kurz auf die von den Juden geringgeschätzten „Irrgläubigen“ ein, „…obgleich auch sie den Gott Jakobs anbeteten…“, auf sie, die „sich in Samaria niedergelassen hatten…

„Wer also ist dieser Samariter?“ Michel Aupetit wiederholt die Frage. „Dieser Fremde, der vorbeikommt und stehen bleibt, wenn andere wegschauen oder weitergehen? Dieser Samariter“, betont Mgr Aupetit, „der uns auf unseren Straßen begegnet, ist Jesus, unser Herr. Er ist der Samariter. Er wurde geboren, um am Kreuz zu sterben, auch er als Usurpator betrachtet… da er sich als der Sohn Gottes bekannte… Er ist zu uns gekommen, hat Fleisch von unserem Fleisch angenommen, um unser Bruder zu werden. Er ist es, der uns bis in unsere Eingeweide hinein, bis in unser Innerstes aufwühlt, wie es die Bibel sagt, wenn sie vom Mitleid Gottes und seiner Barmherzigkeit spricht. Er ist es, er allein, der sich um diesen Verwundeten kümmert und ihn einem Gastwirt anvertraut.


Wer aber ist dieser Gastwirt?“

Es ist die zweite Frage, die der Erzbischof stellt. Seine Antwort folgt auf dem Fuß: „Ja, liebe Schwestern und Brüder. Dieser Gastwirt seid ihr, bin ich. Jesus vertraut uns unsere leidenden und kranken Brüder an und sagt uns“ – Mgr spricht diese Aufforderung betont langsam: „Hab‘ acht auf ihn!

Ihr erinnert euch zweifellos an Kain, den Mörder seines Bruders Abel. Am Beginn der Brüderlichkeit, zu Beginn der Menschheitsgeschichte … Und Gott fragt Kain: ‚Wo ist dein Bruder Abel‘? Kain antwortet: ‚Bin ich der Hüter meines Bruders‘? Erzbischof Aupetit wiederholt leiser: „Bin ich der Hüter meines Bruders? Sind wir die Hüter unserer Brüder?“ Es sei die Frage nach dem Bruder, die Gott uns stellt… „Die Antwort auf diese Frage gibt Jesus selbst, er, der unser Fleisch annahm…: ‚Was du einem dieser Geringsten meiner Brüder tust, das tust du mir‘ (Mt 25,40). Die Frage“, hier wird Mgr fast energisch, „die Frage, sich zu entziehen, stellt sich nicht.“

Dann erzählt Michel Aupetit eine Begebenheit aus seinem Leben, die ihn prägte und ihn dieses Wort Jesu begreifen ließ. „Ich hatte einmal eine Erfahrung, die mich verstehen ließ, was dieses Wort des Herrn bedeutet. Ich behandelte täglich einen älteren und streitsüchtigen Patienten. Es ging darum, sein Bein zu retten; es bestand das Risiko, dass man amputieren müsse. Jeden Tag kümmerte ich mich also um ihn und glaubte, ihn kompetent zu behandeln. Aber er war sehr penibel und angesichts seines Maulens und seiner schlechten Laune war ich ihm gegenüber gereizt. Ja, ich weiß, ich weiß… Nun, aber ich führte meine Arbeit fort… Aber ich war gereizt… Da hörte ich plötzlich eine innere Stimme deutlich zu mir sagen: ‚Was wäre, wenn du mich behandeln würdest?‘ Oulàlà…!“ Für einen Augenblick kommt Aupetits unverbrüchlicher Humor zum Vorschein. Ob es wohl der „diensthabende Samariter“ sei… Dann dachte er an Jesus und erkannte ihn in diesem Patienten… „Da begann ich, diesen Mann zu behandeln, als ob er Christus wäre. Von einer kompetenten Behandlung wechselte ich zu einer liebevollen, wie ich es bisher nicht kannte. Das Herz dieses Mannes selbst wurde verwandelt, seine Haltung wurde freundlich… auch wenn wir kein Wort wechselten.“ Damals, flicht Michel Aupetit hier ein, lag wohl der Beginn seiner Berufung zum Priester.

Dies alles werfe auf Worte von Papst Franziskus ein besonderes Licht, Worte aus seiner Enzyklika „Fratelli tutti“, die wie ein roter Faden für uns sein sollten… Der Papst betone darin, dass wir keine „Partner" seien. „Im Leben aber sind wir oft Partner“, fährt der Erzbischof fort, Partner, die Dinge zusammen machen… Wenn wir aber Partner sind, wie der Papst es intendiert, bilden wir geschlossene Kreise.“

Erzbischof Aupetit legt den Gläubigen im Weiteren besonders ans Herz, dem anderen Mit-Mensch zu sein. „Wir müssen aber „Nächste" werden, verfügbar für den Verletzten, um uns für ihn … zu öffnen und uns von ihm überraschen zu lassen. Es geht nicht mehr darum, zu wissen, wer unser Nächster ist, sondern darum, wie man (selbst) zum Nächsten des anderen wird.

Etwas, das man, wie ich glaube, hier in Lourdes lernt…, wo man sich der Gastfreundschaft widmet…nicht im Sinne einer Partnerschaft…, sondern in dem Sinn der Nächste des anderen zu sein. Nicht dem, den man sich aussucht, sondern dem, der des Weges daher kommt…der uns zur Umkehr fordert, uns unsere Zeit ‚stiehlt‘, jene Zeit, die uns so kostbar ist… Aber ich engagiere mich, des anderen Nächster zu werden, dem, den man sich nicht auswählte…

Deshalb vergesse ich auch nicht, dass der Herr uns sandte, um Kranke zu heilen, Dämonen auszutreiben und das Reich Gottes zu verkünden… und als ich sah, wie viele Menschen oft zur Kirchentür kamen mit ihren Sorgen, mit ihrem Leid… habe ich die großen Gebete der Heilung und Befreiung in der Kathedrale von Nanterre und später in Saint-Sulpice in Paris initiiert. Tausende von Menschen sind gekommen, um vom Herrn durch seine Kirche die Wohltaten, die Segnungen zu empfangen, die er all denen gewähren möchte, die zu ihm kommen, um Hilfe, Trost, Befreiung oder Heilung zu finden. Tausende.“

Erzbischof Aupetit hebt in diesem Zusammenhang die Bedeutung und die Wichtigkeit des „Sakraments der Kranken“, der Krankensalbung hervor. „Hier in Lourdes“, führt er abschließend aus, „sind es die Verwundeten des Lebens, die Kranken, die immer zuerst bedient werden…“  

Er erzählt von einer früheren Wallfahrt nach Lourdes, die er von Nanterre aus, wo er vor seiner Pariser Zeit Bischof war, unternahm. Seine Schwägerin, die im Rollstuhl saß, war mit dabei … In Lourdes, am Ende der Pilgerfahrt, sagte sie, dass es für sie unglaublich sei, dass in Lourdes die Welt buchstäblich auf dem Kopf stehe. „Ich sagte ihr: ‚Nein, keineswegs. Hier in Lourdes ist die Welt, so wie sie ist. In der normalen Gesellschaft, wohin du zurückgehst, steht die Welt auf dem Kopf. Die Welt wie sie ist, das sind die Geringen, die Armen, die Kranken, die Leidenden, … denen wir Ehrerbietung schulden… Sie sind die Hauptpersonen…“

Michel Aupetit verweist auf die Wichtigkeit, Geschwisterlichkeit aufzubauen, sich gerade auch diesen Menschen zuzuwenden „… man gestaltet sie (eine geschwisterliche Welt) nicht mit brillanten Leuten, die überall zu finden sind, mit Leuten, die schön reden …die am Fernsehen groß erscheinen … eine brüderliche Gesellschaft gründet und gestaltet man vom Kleinen, vom Geringen aus, baut man mit denen auf, die von der Gesellschaft ausgestoßen sind …“ Er verweist dabei auch auf die Kraft, die Lebendigkeit, die Freude, die man von ihnen empfange, die man mit ihnen erfahre…

Seine Predigt beendet Erzbischof Aupetit mit der Ermunterung der Gläubigen, dass, „wenn wir zurückkehren in unsere Welt, dort die Geschwisterlichkeit leben, die wir hier in Lourdes leben…“

„Und ich möchte, insbesondere an die Seelsorger adressiert, ergänzen, die Geschwisterlichkeit dort zu leben, wo Menschen „von der Gesellschaft ausgestoßen“ sind.

Umfassende Auszüge aus der Predigt in der Messe der Krankensalbung in Lourdes:
- Messe d'onction, pèlerinage national le 14/08/21 en direct de Lourdes
- Homélie de Mgr Michel Aupetit - journée des malades
- Sanctuaire de Lourdes - 14 août 2021, Homélies – Diocèse de Paris
- Übersetzung für kath.net: Dr. Juliana Bauer

Archivfoto Erzbischof Aupetit (c) Erzbistum Paris


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Lesermeinungen

 physicus 24. Oktober 2021 
 

Merci

Vielen Dank für die stets bereichernden Berichte zu Erzbischof Aupetit. Er scheint aus einer tiefen inneren Freiheit und engen Verbundenheit zu Christus in der Lage zu echter Verkündigung und Nachfolge zu sein.


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