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'Lefebvre war dickköpfig wie eine Mauer aus Stahlbeton'

12. Juni 2012 in Schweiz, 26 Lesermeinungen
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Schweizer Kardinal Henri Schwery wird am Donnerstag 80 Jahre alt. Von Maurice Page


Sitten (kath.net/KNA) Der Schweizer Kardinal Henri Schwery (Foto) wird am Donnerstag 80 Jahre alt. In seiner Amtszeit als Bischof von Sitten (1977-1995) betraf ihn der Fall der traditionalistischen Piusbruderschaft ganz unmittelbar - denn ihr Sitz liegt in Econe im französischsprachigen Teil des Kantons Wallis, wenige Kilometer vom Bischofssitz Sitten entfernt. Im Interview berichtet Schwery über die Krise von 1988 - und erklärt, warum er auch heute eine mögliche Aussöhnung der Piusbrüder mit Rom skeptisch sieht:

KNA: Herr Kardinal, als sich 1988 die Krise mit Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) und dessen Piusbruderschaft zuspitzte, waren Sie Bischof von Sitten.

Schwery: Ich versuchte, mich so genau wie möglich auf dem Laufenden zu halten. Ich ließ die Predigten von Erzbischof Lefebvre aufzeichnen, um sie mir anzuhören. Ich habe ihn wiederholt getroffen - sei es auf meine eigene Initiative, sei es im Auftrag Roms, um ihm verschiedene Fragen zu stellen. Ich wurde stets gut empfangen. Lefebvre war allerdings dickköpfig wie eine Mauer aus Stahlbeton, aber immer sehr höflich.

Ende 1987 geriet ich etwas in Panik, als ich erfuhr, dass Lefebvre Bischöfe weihen wollte. Ich beantragte eine Dringlichkeitssitzung mit dem Papst. Wir haben uns dann Ende Januar 1988 morgens um 9.00 Uhr in Rom getroffen: Papst Johannes Paul II., Kardinal Joseph Ratzinger, Kardinal Eduard Gagnon und ich. Der Papst wollte einen Rat hinsichtlich der Gefahr eines Schismas. Die Diskussion wurde während des Mittagessens bis in den frühen Nachmittag fortgesetzt. Wir sind dann zum Schluss gekommen, dass eine gemischte Kommission, bestehend aus Vatikan-Vertretern und von Lefebvre bezeichneten Leuten, geschaffen werden solle, um die Probleme zu diskutieren. Der Papst stimmte zu. Die Kommission nahm ihre Arbeit unter dem Vorsitz von Kardinal Ratzinger auf und lieferte dann auch einen Bericht ab.


KNA: Es kam aber dennoch zum Bruch mit Rom.

Schwery: Anfang Mai 1988 erhielt ich einen Telefonanruf von Kardinal Ratzinger, der mich aufforderte, anderntags nach Rom zu kommen. Auf meine Rückfrage erklärte er mir, dass die Kommission dem Papst ihre Schlussfolgerungen unterbreitet und dieser zugestimmt habe. Auch habe Lefebvre ein ihm vorgelegtes Dokument unterzeichnet. Ich habe ihn dann gefragt: Aber wann hat Monsignore Lefebvre denn unterschrieben? - Am heutigen Tag, weshalb? - Wohnt Lefebvre nicht in Rom? - Nein, aber er logiert derzeit an dieser und dieser Adresse. - Dann ist die Sache im Eimer, sagte ich. - Weshalb? - Weil sein ganzer Stab ebenfalls dort ist, erläuterte ich. Jedes Mal, wenn Lefebvre mir etwas versprochen hatte, war er anderntags nicht mehr derselben Meinung, nachdem er seine engen Mitarbeiter konsultiert hatte, insbesondere Pater Franz Schmidberger.

KNA: Und was sagte Kardinal Ratzinger?

Schwery: Er hat mich fast angeschnauzt. - Sie dürfen nicht pessimistisch sein. Kommen Sie morgen. Es ist unterschrieben. Ich habe übrigens bereits die Vorsitzenden der Deutschen und der Französischen Bischofskonferenz aufgeboten. - Am nächsten Tag war ich um 10.00 Uhr in Rom. Ratzinger machte ein langes Gesicht. Er erklärte mir, dass Lefebvre abends angerufen hatte, um zu sagen, dass er seine Unterschrift zurückziehe. Leider!

KNA: 25 Jahre später hat man fast den Eindruck, dass sich die Geschichte wiederholt.

Schwery: Ich bin von einem Teil der römischen Kurie und ihrer Vorgehensweise etwas enttäuscht. In Rom gab es damals sogar einen Sekretär, der dafür sorgte, dass ich nicht im Verteiler figurierte, wenn es um Econe ging. Leider waren gewisse Mitarbeiter der Kommission, die mit den Beziehungen zu den Traditionalisten betraut war, ausgesprochen naiv. Sie schienen zu ignorieren, dass das Grundproblem nichts mit der Liturgie zu tun hatte.

Als ich eines Tages in Econe war, um Lefebvre zu treffen, sagte ich ihm, wie beklagenswert es doch sei, dass es wegen liturgischer Fragen so weit gekommen sei. Lefebvre lachte laut heraus: Das hat nichts mit der Liturgie zu tun. - Ich weiß es, sagte ich, und Sie wissen es auch. Aber alle Walliser, die ich ziemlich gut kenne, folgen Ihnen einzig deshalb, weil sie glauben, dass man mit der Liturgieauch die Religion gewechselt hat. Haben Sie deshalb nicht das Gefühl, das Vertrauen der Menschen zu missbrauchen, die zu Ihnen nach Econe kommen? - Das Gespräch habe ich natürlich auch in Rom berichtet.

KNA: Worum geht es also tatsächlich, wenn nicht um die Liturgie?

Schwery: In Rom gibt es auch heute noch Personen, die nicht verstanden haben. Es geht eigentlich um eine politische Frage. Bei der Piusbruderschaft handelt es sich um Leute, die nicht akzeptieren, dass sich die Beziehungen zwischen der Kirche und der Gesellschaft - oder der «Autonomie der zeitlichen Realitäten» wie es im Konzilsdokument «Gaudium et Spes» heißt - verändert haben. Da drückt der Schuh! Diese Leute sind so etwas wie die Schweizerische Volkspartei der Kirche. Lefebvres Buch «Ils l'ont decouronne» (Sie haben ihn entthront), 1987 erschienen, bringt dies unmissverständlich zum Ausdruck. Die Kirche muss wieder die Herrschaft in der Welt übernehmen, ihre Autorität erneut bekräftigen und die Zügel straffer anziehen: Davon sind die Lefebvristen
überzeugt. Solange es bei dieser Idee bleibt, wird es keine Lösung geben.

KNA: Letztlich geht es also, sagen Sie, um die Frage der Laizität, der weltanschaulichen Neutralität des Staates?

Schwery: Ja, und es ist schwierig, diese Sicht der Dinge auch in den Vatikan-Büros durchzubringen. Denn in Italien hat die Kirche den Begriff der «Autonomie der zeitlichen Realitäten» des Konzils und den Sinn einer gut verstandenen Laizität nicht übernommen. In Frankreich sind die Trennung von Kirche und Staat und die weltanschauliche Neutralität des Staates erzwungen worden. Ich bin im Vatikan diesbezüglich regelmäßig gewissen Mitarbeitern des Papstes gegenübergetreten; vor allem Kardinal Angelo Sodano, als dieser noch Staatssekretär war. So hatte Sodano die Kandidaten für den Posten des italienischen Ministerpräsidenten in den Vatikan einbestellt, um sie über ihr Regierungsprogramm zu befragen! Ich habe ihm gesagt: Sie sind die Nummer Zwei der Kirchenhierarchie. Können Sie sich vorstellen, auf diese Weise Minister aus Frankreich, Deutschland oder der Schweiz vorzuladen?

(C) 2012 KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Foto Henri Kardinal Schwery: (c) kathpedia


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