07 Dezember 2016, 11:40
Ein Plädoyer gegen einen gewissenlosen Papalismus
 
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Dubia von Meisner, Brandmüller, Caffarra, Burke - „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass auf dem ganzen katholischen Erdkreis nur diese vier Kardinäle einen solchen Gewissenentscheid getroffen haben.“ Gastbeitrag von Markus Büning

Vatikan (kath.net/Onepeterfive) In den letzten Tagen „tobte“ der Dekan Pinto der Römischen Rota mehrmals lautstark gegen die vier mutigen Kardinäle, die nach längerem Zuwarten sich gedrängt sahen, ihre Dubia bezüglich Amoris leatitia (= AL), die sie dem Papst vorgetragen hatten, wegen der Nichtbeantwortung durch den Papst dann der Weltöffentlichkeit zugänglich zu machen. Der römische Dekan sieht hierin eine Unverschämtheit und ein ganz ungehöriges Benehmen gegenüber dem Statthalter Christi auf Erden. Da ist dann sogar die Rede davon, dass über die Lebensgeschichte eines der Bedenkenträger, gemeint ist hier Kardinal Meisner, nun ein “Schatten“ liege. Offenkundig kennt der Römische Dekan hier nicht die in der Tradition begründete Verhältnisbestimmung von Gewissen und Gehorsam gegenüber der kirchlichen Autorität. Pinto scheint ein Vertreter eines bedingungslosen Gehorsams und eines damit verbundenen unguten Papalismus zu sein.

Als Theologe, der sich seit einigen Jahren vor allem mit dem Leben der Heiligen und deren Bedeutung für die Gegenwart beschäftigt, erscheint es mir nun mehr als angebracht, den Blick auf zwei Glieder des „Endlosen Chores“ zu richten, die die Sichtweise des Kirchenrechtlers Pinto klar zu korrigieren vermögen: Johanna von Orléans (1412-1431) und John Henry Kardinal Newman (1801-1890). Diese leuchtenden Vorbilder signalisieren uns klar und deutlich, dass das Gewissen – gemeint ist freilich das gut gebildete Gewissen, welches sich an Gottes Gebot ausrichtet – immer den Vorrang hat. Zudem zeigen diese Gestalten, dass ein wie auch immer gearteter Papalismus eben nicht katholisch ist. Der Papst ist nicht das Zentrum der Kirche. Nein, er ist „Diener der Diener Gottes“. Gerade er ist bei der Ausübung dieses Dienstamtes an der Universalkirche der unabdingbaren Geltung des göttlichen Gesetzes verpflichtet. Sollte er dies nicht mehr klar und deutlich im Blick haben, dürfen die Christen, die darum in ihrem Gewissen klar und deutlich wissen, den Papst selbstverständlich daran erinnern. Und nichts anderes haben unsere vier couragierten Purpurträger getan.

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Schauen wir also zunächst auf den seligen John Henry Newman. Dieser konvertierte im Jahr 1845 als Vierundvierzigjähriger aus Gewissensgründen von der anglikanischen zur römisch-katholischen Kirche. Dieser Schritt fiel dem anglikanischen Priester, der tief in der Tradition des Anglikanismus verwurzelt war, sicher nicht leicht. Aber er erkannte durch sein theologisches Forschen, dass die wahre Kirche Jesu Christi nur die römisch-katholische Kirche sein kann. Was lässt sich von John Henry Newman nun lernen? Vor allem der Mut zum Gewissensentscheid! Berühmt und viel zitiert ist eine Passage aus seinem „Brief an den Herzog von Norfolk“ (1874), in dem er den Primat des Gewissens betont: „Wenn ich ... einen Toast auf die Religion ausbringen müsste, würde ich auf den Papst trinken. Aber zuerst auf das Gewissen. Dann erst auf den Papst.“

Dieser berühmte Trinkspruch Newmans wirkt auf uns zunächst ungewöhnlicher, als er klingt; denn er spricht, wie Karl Rahner SJ betonte, lediglich „eine absolute Selbstverständlichkeit“ aus. Rahner sagte im September 1978 in Freiburg am Ende der ersten internationalen Newman-Tagung auf deutschem Boden folgendes: „Der katholische Christ wird sagen: Aus der letzten Lebensentscheidung eines Gewissens heraus akzeptiere, anerkenne ich diese objektive Lehrautorität der katholischen Kirche als eine äußere, aber sinnvolle, notwendige, von Gott gewollte Norm meines Gewissens, aber die Anerkennung dieser objektiven Norm ist selbstverständlich noch einmal meine eigene, auf meine eigene Rechnung und Gefahr durchzuführende Gewissensentscheidung. Man kann das Gewissen nie gleichsam an einen anderen abgeben und abliefern.“

Das ist der springende Punkt: Die Liebe zum Papst fordert keinesfalls die unbedingte Unterwerfung. Das kann schon deshalb nicht sein, weil Gott uns allen eine Würde gegeben hat, die uns befähigt, den Weg dieser von Rahner beschriebenen „Anerkennung“ gehen zu können. Wir sprechen hier doch dann auch zu Recht von der Gewissensfreiheit des gut geformten, d.h. an Gottes Gesetz ausgerichteten, Gewissens. Möge Papst Franziskus doch bitte auf seinen Ordensbruder Rahner in dieser Stunde der Kirche hören und die Gewissensentscheidung der Kardinäle respektieren.

Kein Geringerer als der heute emeritierte Papst Benedikt XVI. hat als junger Konzilstheologe genau in diesem Sinne folgende Kommentierung zu Nr. 16 der Konzilskonstitution Gaudium et spes geschrieben. Bevor wir die Kommentierung Ratzingers hören, soll das Zweite Vaticanum selbst zu Sprache kommen: „Im Innern seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muss und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Menschen tönt: Tu dies, meide jenes. Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehrochen eben seine Würde ist und gemäß er gerichtet werden wird.“ Genau um die Verteidigung dieses in unsere Herzen geschriebenen Gesetzes Gottes geht es doch in der Debatte um AL. Joseph Ratzinger hat diesen wunderbaren Konzilstext dann wie folgt höchst aufschlussreich, unter zuvoriger ausdrücklicher Bezugnahme auf die Gewissenslehre eines John Henry Newman, wie folgt kommentiert: „Über dem Papst als Ausdruck für den bindenden Anspruch der kirchlichen Autorität steht noch das eigene Gewissen, dem zuallererst zu gehorchen ist, notfalls auch gegen die Forderung der kirchlichen Autorität.“ Notfalls auch gegen die Forderung der kirchlichen Autorität! Hört, hört!

Und einen solchen Notfall scheinen doch die vier Kardinäle gegenwärtig ausgemacht zu haben. Sie sehen die Gefahr, dass die kirchliche Lehre über die Unauflöslichkeit und Sakramentalität der Ehe durch den Papst in AL verwässert worden ist. Sie sehen eben keinerlei Raum für eine wie auch immer begründete Situationsethik. Nein, für diese Männer gilt unumstößlich das Gebot Gottes: „Du sollst nicht die Ehe brechen!“ Dieses Gebot haben diese Männer in ihrer Gewissensbildung klar und deutlich angenommen. Genau darum sprechen sie nun so.

Dagegen kann, ja darf, ein Herr Pinto, nichts haben. Hat er das, dann steht er ja nicht mehr auf dem Boden der katholischen Lehre über das menschliche Gewissen. Auch er hat nicht das Recht, die Gewissen der Gläubigen zu knechten. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass auf dem ganzen katholischen Erdkreis nur diese vier Kardinäle einen solchen Gewissenentscheid getroffen haben. Möge doch jeder Hirte nun aufstehen, der in diesem Sinne von seinem Gewissen geführt wird.

Schauen wir abschließend noch auf eine Gestalt, die uns gerade jetzt auch etwas zu sagen hat: Johanna von Orléans. Diese heilige Jungfrau wurde von einem geistlichen Tribunal, von Priestern und Prälaten, zum schrecklichen Flammentod verurteilt, weil sie auf „ihre Stimmen“ gehört hat. Johanna lebte jahrelang ganz vertraut mit den Heiligen (vor allem mit St. Michael und St. Katharina von Alexandrien) und hörte ihre Stimmen. Diese Stimmen bestimmten ihre Gewissensentscheide. Man hielt sie letztlich für eine Wahnsinnige und sie ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie sehr die kirchliche Autorität in ihrem Urteil auch falsch liegen kann. Erst Jahrhunderte später hat der große Papst Benedikt XV. ihre Rehabilitation durch die Heiligsprechung im Jahr 1920 vor den Augen der Welt bewirkt. Diese Heilige wurde von ihren Richtern im Verhör mit lauter Fangfragen überhäuft. Eine davon betraf das Papsttum. Es war die Zeit des Konstanzer Konzils, die Zeit der Päpste und Gegenpäpste. Die Kirche war in einem furchtbaren Zustand. Parteiungen und Spaltungen drohten überall. So wurde sie gefragt, wen sie denn für den rechtmäßigen Papst halte. Hören wir kurz in das Verhör rein: „Verhörender: Was sagt ihr von unserem Herrn Papst, und von welchem glaubt ihr, dass er der wahre Papst sei? Darauf Johanna: Gibt´s denn zwei? […] Ich selber nehme an und glaube, dass wir unserem Papst, der in Rom ist, zu gehorchen haben.“ Dieser Wortwechsel ist für uns heute in mehrfacher Hinsicht sehr aufschlussreich. Johanna lebte nicht im Zeitalter von Fernsehen, Radio und Internet. Sie wusste wohl nicht, wie der konkrete Papst heißt und aussieht. Sehr wahrscheinlich hatte sie nicht im Geringsten eine Vorstellung davon, wie turbulent es in der Kirche ihrer Zeit zuging. Eines aber wusste sie: Derjenige, der auf dem römischen Bischofsstuhl sitzt, wird doch wohl der rechtmäßige Papst sein.

Was heißt das für uns? Wir müssen nicht ständig uns vergewissern, was nun der Papst in seinen Interviews und Ansprachen sagt. Johannas Beispiel ermuntert uns hier zu mehr Gelassenheit, auch in der gegenwärtigen Diskussion um AL. Es genügt im Prinzip das Wissen, dass der Herr für seine Kirche sorgt und bis zum Tag seiner Wiederkunft im römischen Bischof seinen Statthalter auf Erden bestellt hat. Und diesem schulden wir freilich Gehorsam, aber dies nicht bedingungslos. Wir alle sind verpflichtet, unsere Gewissen an Gottes Gesetz auszurichten und dann dem so geschulten Gewissen zu folgen. Richten wir doch wieder mehr unseren Blick auf Jesus Christus. Schauen wir auf ihn. Schauen wir gemeinsam mit unserm Heiligen Vater auf Christus und beten wir inständig darum, dass die Kirche wieder in ihrer Gesamtheit klar und deutlich das Gesetz Gottes in den Blick nimmt.

Der Verfasser dieses Beitrags, Dr. Markus Büning, ist Theologe und Jurist. Er lebt mit seiner Familie im Münsterland

Dieser Beitrag erschien zuerst in englischer Sprache im Magazin Onepeterfive, dem kath.net für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung in deutscher Sprache dankt.


kath.net-Buchtipp
Ermunterung zur Heiligkeit - Die Tugenden im Leben der Heiligen und Seligen
Von Markus Büning
Vorwort: Joachim Kardinal Meisner
Taschenbuch, 208 Seiten
2016 Christiana-Verlag (fe-Medien)
ISBN 978-3717112624
Preis 7,95 EUR

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Archivbild: sel. John Henry Kardinal Newman (1801-1890)




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