17 Juni 2011, 11:01
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Erstmals seit 500 Jahren kann die „Madonna di Foligno“ wieder gemeinsam mit der Sixtinischen Madonna betrachtet werden - Von Paul Badde / Die Welt

Rom (kath.net/DieWelt)
Am Mittwochabend glitt der Schatten der Erde über dem Petersplatz langsam am Mond vorbei und kurz vor Mitternacht wieder in das Dunkel des Weltraums zurück. Am Abend zuvor war gleich nebenan, in der „Stanza d’Eliodoro“ der Vatikanischen Museen, auch schon ein Schatten vorbeigezogen, jedoch ganz hell, und nicht von einem Gestirn zum andern, sondern aus der Zukunft her.

Im kommenden Herbst nämlich wird das Ereignis, das jetzt schon am Tiber aufleuchtete, in Dresden ganz unverhüllt erstrahlen. Es ist ein Lichtwunder aus der Meisterhand Raffaels, dessen „Madonna di Foligno“ dann aus der Pinakothek des Vatikans auf persönliche Initiative Papst Benedikt XVI. an der Elbe erscheinen wird, wo sie dann erstmals und exklusiv wieder mit der Sixtinischen Madonna betrachtet werden kann, seit beide Gemälde das letzte Mal vor 500 Jahren hier nebeneinander in der Werkstatt Raffaels entstanden sind. Es wird einem Treffen der dritten Art gleichkommen.

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Denn die „Sixtinische Madonna“, gehört ja nicht nur „zur Identität Dresdens“, wie der Bürgermeister der sächsischen Metropole in einer Pressekonferenz in der Sala Costantina erklärte, sondern ist auch überhaupt ein Weltkulturgut, das dem „deutschen Florenz“ keiner mehr nehmen kann.

Die rote Armee hat es einmal versucht, bevor sie die Madonna dann doch wieder aus Moskau verschämt dem sozialistischen Brudervolk zurück brachte. Solch ein Kunstwerk lässt sich nicht auf Dauer klauen und behalten. Ähnlich erging es der „Madonna di Foligno“, die von den Truppen Napoleons einmal nach Paris entführt wurde, bevor sie 1816 von Frankreich wieder an den Kirchenstaat ausgeliefert werden musste. Sonst hat sie Italien noch nie verlassen. Die Sixtinische Madonna hingegen hing nach ihrer Fertigstellung bis 1754 in der Klosterkirche San Sisto in Piacenza, als August III. von Sachsen sie für einen märchenhaften Preis für seine fürstliche Kunstsammlung ankaufte. Es waren abenteuerliche Wege, die die Gemälde genommen haben. Doch entstanden sind beide kurz hintereinander, quasi als Bildschwestern, von einer einzigen Hand in der einen Werkstatt Raffaele Sanzios in den Jahren 1512 und 1513. Es war der Höhepunkt der Renaissance, als Raffael für Papst Julius II. gerade gleichzeitig auch die Stanzad’Eliodoro ausmalte, wo die Madonna di Foligno nun in all ihrem Glanz noch einmal der Öffentlichkeit präsentiert wurde, auf kürzester Distanz, bevor sie sich auf die Reise in den Norden begibt. Die Sixtinische Madonna wurde von Papst Julius II. in Auftrag gegeben, nachdem die Madonna di Foligno von dessen Privatsekretär Sigismondo de’ Conti bestellt worden war, den Raffael dafür hier unten rechts in einem Porträt verewigte, in Kardinalsrot, unter der Hand des verzückten heiligen Hieronymus, wo der Sekretär fast skeptisch zu der Madonna hochschaut, doch mit gefalteten Händen, weil sie auf ihn herab blickt. Ein Traum.

Die zeitweise Zusammenführung der beiden Meisterwerke aber werde ein „kuratorischer Traum“, wie Arnold Nesselrath, der stellvertretende Direktor für den kuratorischen und konservatorischen Bereich der Vatikanischen Museen, sich mit Andreas Henning, dem Kurator für Italienische Malerei der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, einig ist. Die Engel zu Füßen der Sixtinischen Madonna müssten wohl auch ihre Schutzengel bei diesem Projekt geworden sein. Denn noch ist die Zusammenschau der beiden ja ein zwar wundervoller, aber immer noch eher virtueller Akt der Vorstellung, bevor die Geschwisterbilder vom 6. September 2011 bis zum 8. Januar 2012 in der Sonderausstellung „Himmlischer Glanz. Raffael, Dürer und Grünewald malen die Madonna“ auch wirklich nebeneinander zu einem Publikumsmagneten der Gemäldegalerie der Alten Meister am Dresdner Zwinger werden, als Auftakt zum Raffael-Jahr, 500 Jahre nach der Entstehung dieser Meisterwerke.

Dann wird jeder Besucher selber sehen können, dass das Jesuskind, das ein Jahr zuvor noch auf dem Schoß der Madonna aus Foligno strampelte, auf dem Schoß der Sixtinischen Madonna schon sehr viel gelassener, entspannter und wacher auf der Hand der Madonna Platz genommen hat und nun den Betrachter hellwach fixiert. Auch weniger pummelig. Ist dieser Jesus überhaupt noch derselbe? Ist sein Strubbelhaar hier nicht glatter? Nicht mehr so gekräuselt wie ein Jahr zuvor? Und gleicht er hier nicht überhaupt mehr dem Engel, der ein Jahr zuvor noch als zentrale Bildfigur unter der Madonna den – bescheiden unleserlichen – Namen des edlen Stifters auf einer Tafel vor seiner Brust hält? Darüber werden die Experten streiten.





Maria trägt jedenfalls die gleichen Züge, auch das gleiche byssus-farbene Haar, den gleichen Mittelscheitel, das rote Unter- und das gleiche blaue Obergewand, nur anders um den Körper geschlungen. Die ein Jahr zuvor aber noch auf einer Wolke sitzt und versonnen zur Seite nach unten schaut, hat sich jetzt erhoben und tritt auf den Betrachter zu. Hier fixiert nun auch sie uns so direkt wie ihr Sohn auf dem Schoß. Vielleicht ist es ja gerade dieser so rätselhaft zart bannende Blick, der die jüngere Bildschwester so unvergleichlich viel berühmter hat werden lassen als ihre Vorgängerin aus der Hand des Lieblingsmalers der Madonna. Wie auch immer. Es ist jedenfalls das mächtigste Motiv der Kunstgeschichte des Westens, das sich hier in den „beiden größten Ikonen des Okzidents“ verdichtet hat, wie die Kuratoren dieser Familienzusammenführung versichern. Das ist keine billige Propaganda.

Denn in beiden Gemälden zeige sich ja auch Raffaels „Innovationsgenie“, hebt Andreas Hennig hervor. In kürzester Zeit hintereinander zeigen die beiden Bilder zwei identische Visionen eines einzigen Zentralmotivs aus der Hand des Bildvisionärs, die von ihrer gestalterischen Lösung her dennoch kaum verschiedener hätten werden können, bei aller Meisterschaft der Bildkomposition und identisch makellosen Farbenpracht. Bei der Madonna di Foligno bezieht Raffael den Betrachter mit fünf Figuren des Bildpersonals gleichsam als Zeugen einer Vision Marias vor der Sonnenscheibe mit ein. Die Sixtinische Madonna hingegen hat er schon ganz und gar als eigene und vollständige Vision jenseits der Sonne auf die Leinwand gebracht, vor der er den schweren Vorhang zur Seite gezogen hat. Der Himmel mit Wolken voller Engel ist gleich geblieben, der eine – stehende, splitternackte - Engel des ersten Bildes hat sich in dem zweiten verdoppelt, wo er mit seinem Brüderchen verträumt in den Himmel schaut und sich nun im übrigen schamhaft hinter der irdischen Brüstung verbirgt.

Das frühere Bild nämlich ist auch insgesamt irdischer. Hier schaut uns noch keiner so in die Augen wie später die Muttergottes mit ihrem Sohn. Dafür sehen wir hier den Kopf des heiligen Franziskus etwa mit einer realistischen Pracht, dass wir ihm am liebsten auf die Schulter tippen möchten, damit er sich einmal zu uns umdreht. Raffael war 29 Jahre alt, als er dies schuf. Acht Jahre später war er tot. Rom seufzte. Leo X. ritt weinend auf einem Schimmel hinter seinem Sarg her. Waren es die letzten Tränen, die ein Papst über einen Künstler vergossen hat? Keiner weiß es. Heute ist ohnehin ergreifender, dass Benedikt XVI. mit 84 Jahren diesen Dresdner Traum zuerst ersonnen hat.






Alle Fotos: (c) PAUL BADDE

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