19 April 2010, 20:00
Die Stunde des Papstes
 
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Fünf Jahre später hat sich das prophetische Wort des Joseph Ratzinger erfüllt - Ein kath.net-Kommentar von Peter Seewald.

München (kath.net)
Er wollte nicht Bischof werden, aber er diente. Er wollte nicht Präfekt werden, aber er diente. Mehrfach reichte er den Rücktritt ein – und diente weiter. Er wollte nicht Papst werden. Und als er es wurde, sah er im Geiste ein Fallbeil auf sich niedersausen. Fünf Jahre später hat sich das prophetische Wort des Joseph Ratzinger erfüllt.

Der Skandal um den Missbrauch in ihren Einrichtungen liegt wie eine dunkle Wolke über der katholischen Kirche. Und er schmiert die Messer der Guillotinen die nun im Lande tagtäglich auch auf den Papst. Ist damit aber auch schon das Pontifikat gescheitert, wie es landauf landab heißt? Oder könnte es vielleicht sogar genau umgekehrt sein, dass die wahre Stunde des Papstes, wenn es denn seine Gesundheit zulässt, jetzt erst so richtig gekommen ist?

Deutschland feiert Benedikt: Zum fünften Jahrestag der Wahl des ersten deutschen Papstes seit fünfhundert Jahren, den die Welt als einen der größten Denker und Theologen kennt, präsentiert die ARD eine Sendung, über die Franz-Josef Wagner sagt: „Niemals habe ich eine dümmere Talkshow im Fernsehen gesehen.“ Das ZDF zeigt als seinen Beitrag weit nach Mitternacht eine völlig missglücke „Markus-Lanz“-Sendung, die im Zusammenschnitt Dreiviertel des Gesagten kurzerhand wegrasiert.

Der Spiegel hatte im Laufe des Hypes um Kirche und Missbrauch kein Problem damit, Zitate aus Papst-Predigten aus dem Zusammenhang zu reißen, um ihnen eine andere Aussage zu geben. Zu Benedikts Jahrestag erscheint ein Titel mit der Zeile „Der Un-Fehlbare“, wobei das „Un“ selbstverständlich durchgestrichen ist. Der Art-Director hatte nicht viel Arbeit. Er musste auf dem Cover nur Wojtyla gegen Ratzinger austauschen, dem beizeiten derselbe Titel zugeeignet wurde.Im Verhältnis zum analytischen Urteilskraft der Spiegel-Experten ist Kaffeesatzleserei freilich die reinste Wissenschaft. Am Ende war dann Johannes Paul II. für genau jenen „Spiegel“ nicht der Papst des Jahrzehnts und auch nicht der Papst des Jahrhunderts, sondern „der Jahrtausendpapst“.

In der Süddeutschen Zeitung reicht die Kreativität der Redaktion gerade einmal dazu aus, wie in den vergangenen drei Jahrzehnten die beiden nun schon sehr in die Jahre gekommenen Ratzinger-Antipoden Boff und Küng auf die Bühne zu schicken, beide mit ihren eigenen Projekten gescheitert. Hans Küng, der Kajaphas des Joseph Ratzinger („Wozu brauchen wir noch Zeugen?“), der unzähligen Journalisten den Bären aufband, sein römischer Intimfeind verfüge über ein System wie die Stasi, schreckt in seinem peinlichen Verdikt dabei noch nicht einmal davor zurück, Ratzingers Glaubenskongregation als „das Vertuschungssystem“ zu geißeln, das den Missbrauch in der Kirche regelrecht „gesteuert“ habe. – Just in einem Augenblick, da alle Welt weiß, dass niemand anderer als Ratzinger selbst unmittelbar nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in den USA 2001 Richtlinien erarbeiten ließ, um damit auch Vertuschungen auf lokaler Ebene zu verhindern. Wobei die örtlichen Stellen ausdrücklich angewiesen wurden, mit den zuständigen Strafrechtsbehörden zusammenzuarbeiten.

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Zunächst: Dass die augenblickliche Krise groß ist, sehen wir. Dass sie noch weit größer ist, als man gemeinhin annimmt und eher mit geistlichem als mit sexuellem Missbrauch zusammenhängt, ahnen wir. Aber wenn diese Krise die Größte sein soll, was war dann das abendländische Schisma im Jahre 1054? Was Reformation und Gegenreformation? Was die Päpste betrifft: Noch im 7. Jahrhundert wurden Oberhirten wie Martin I. zum Tode verurteilt, weil sie sich gegen Irrlehren wandten. Andere flüchteten nach Avignon oder verschanzten sich in der Engelsburg am Tiber, um nicht massakriert zu werden. In der Säkularisation des Jahres 1803 wurden in Europa über tausende Klöster geschleit. Im Kulturkampf unter Bismark wurden die Katholiken bürgerlicher Rechte beraubt, musste nach dem Jesuitenerlass ein ganzer Orden das Land verlassen. Unter Nationalsozialismus und Kommunismus wanderten tausende von Priestern in die Konzentrationslager und Gulags, starben unzählige bekennender Christen den Märtyrertod. Wenige Jahrzehnte liegt das zurück. Die Opfer konnten hautnah erfahren, dass Atheismus nicht nur charmant sein kann.

Wann eigentlich ist ein Papst erfolgreich? Wenn er die Mitgliederzahl verdoppelt? Wenn er Spitzenwerte in den Umfragen erzielt? Wenn er seine Kirche möglichst deckungsgleich der Welt anpasst, in der wir gerade leben? Einer Welt, die sich durch ihre Habsuchtmentalität nach Börsencrash und Klimakatastrophe im Moment gerade selbst in den ökonomischen und ökologischen Ruin treibt? Wäre es in dieser Welt der Marktschreier und Falschpropheten, in der die Blinden die Blinden führen, nicht umgekehrt eigentlich alleine schon ein unglaublicher Erfolg, jemanden zu haben, dessen Haltung unbestechlich und dessen Stimme ein verlässlicher Wegweiser ist?

Erinnern wir uns: Niemand hielt es für möglich, dass ein Nachfolger des großen Johannes Paul II. einen nahtlosen Übergang in ein neues Pontifikat schaffen könnte. Doch Benedikt gelingt es. Ratzinger weiß um den Niedergang seiner Kirche. Den Niedergang des Christentums generell. Die Verdunstung des Glaubens. „Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten?“, sagt er noch wenige Wochen vor seiner Wahl. Er will eine innere Erneuerung anstoßen, einen Prozess, der freilich langwierig ist und sich eher im Stillen zeigt: „Dass das Wort Gottes in seiner Größe und Reinheit erhalten bleibt – gegen alle Versuche der Anpassung und Verwässerung.“

Ratzingers erste Amtshandlung als Papst ist ein Brief an die jüdische Gemeinde in Rom. Er stoppt den Seligsprechungsprozess für einen französischen Priester, dem antisemitische Reden vorgehalten werden. Als erster Papst lädt er einen Rabbiner ein, vor der Bischofssynode zu sprechen. Schon seine Wahl wurde von niemandem stärker begrüßt als von jüdischer Seite. Ratzinger habe als Präfekt die theologische Untermauerung für die Annäherung der beiden Weltreligionen geliefert. Israel Singer, Vorsitzender des jüdischen Weltkongresses sagt über den neuen Pontifex: „In den letzten zwanzig Jahren hat er die zweitausendjährige Geschichte der Beziehungen zwischen Judentum und Christentum verändert.“

Ratzinger ist kein Show-Man und erst recht keine Medien-Marionette, an der man zupfen kann. Schüchtern ist er und widerspenstig zugleich. Er leistet Widerstand gegen das allzu Gängige. „Habt die Gesinnung Christi, lernt denken wie Christus“, ruft er aus, „dieses Denken ist nicht ein intellektuelles Denken, sondern ein Denken des Herzens.“ Seine erste Schrift als Theologe, vor über 60 Jahren, galt Thomas von Aquins „Eröffnung über die Liebe“. Seine erste Schrift als Papst gilt wiederum dem Zentralthema der Christenheit: „Deus caritas est“ – Gott ist die Liebe.

Sehr schnell lässt er den ihm eigenen Stil der Kollegialität, des Dialogs und der Demut erkennen. Auf seine Einladung hin diskutiert eine internationale Versammlung in Rom über die Zeitgemäßheit des Zölibats. Er verkündet im Rahmen der Ökumene das Ziel der vollen Einheit mit der Orthodoxie („Wir haben fast alles gemeinsam“). Die Weltjugendtage in Köln und Sydney bringen ein ungekanntes Charisma ans Licht. Er erweitert durch Wiederzulassung der tridentinischen Messe den liturgischen Raum, ohne dabei hinter die Reform des Zweiten Vatikanums zurückzufallen. Vor allem lehrt er. Unermüdlich und geduldig. Ob in Generalaudienzen oder mit seinem Jesus-Buch, das die Christologie auf eine neue Stufe hebt. Benedikt zeigt, wie Glaube gerade jenseits billiger Trends als Thema und Möglichkeit neu zu entdecken wäre. Nicht als religiöser Karneval oder als System von Theorien, sondern als Einladung zur persönlichen Gottesbeziehung.

Viele Jahre geht das so. Es entsteht sogar im kühlen Deutschland ein Benedetto-Fieber. Man spricht von einer Ratzinger-Mode unter den Intellektuellen. Er löste in seinem Heimatland Günter Grass als führenden Denker ab. Aber plötzlich blenden sich die Medien aus. Der Papst geißelt den Turbo-Kapitalismus, die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich, die Verelendung der armen Länder. Er könnte Mitglied bei den „Grünen“ sein mit seiner Haltung gegen Krieg und Unrecht. Unentwegt tritt er für die Versöhnung der Völker ein, fordert den interreligiösen Dialog, entwickelt das Wort vom ökologischen Humanismus, eine Wende des Denkens und des Lebensstils, um der Selbstzerstörung des Menschen durch die Plünderung des Planeten Einhalt zu bieten. Aber immer weniger können ihn hören. Die Regler in den Heimatmedien sind ganz nach unten gedreht. Selbst kirchliche Dienste blenden sich aus. Gelegentlich fragt man sich, ob der Deutsche im Vatikan nicht möglicherweise schon gestorben ist.

Die „Regensburger Rede“ war die letzte große Beachtung, die dem Papst aus Deutschland noch zugestanden wird. Bei milden Medien-Richtern gilt sie als „Ausrutscher“, bei den Gestrengen bereits als unerhörter Skandal, eine Brüskierung aller Muslime. Niemand freilich berichtet darüber, wie aus der Kontroverse ein christlich-islamischer Dialog entsteht, der ohne Beispiel ist. Dass führende Vertreter von katholischer Kirche und Islam auf ihren Konferenzen gemeinsam den Missbrauch der Religion durch Fanatismus und Gewalt verurteilen und festhalten, Friede lasse sich nicht ohne Gerechtigkeit und Gleichberechtigung aller Personen und Gemeinschaften verwirklichen.

Als sich im Januar 2009 die Williamson-Affäre anbahnt, zeigen sich sehr schnell die Mechanismen für das Papst-Bashing, das genau ein Jahr später im Zusammenhang mit den Missbrauchsskandalen noch weit erfolgreicher angewandt wird. Nirgendwo in den Leitmedien erscheint dabei im Original das Dekret, mit dem die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der erzkonservativen Pius-Bruderschaft verkündet wird. Aber das ist ja auch die Crux der Kampagne. Denn die Aufhebung bedeutet nichts anderes als die ausgestreckte Hand, die einer Gruppierung von 600.000 Gläubigen und 500 Priestern gilt, die sich von Rom abgespalten hatte. Im Text heißt es, der Papst habe entschieden, die kirchenrechtliche Situation der Bischöfe „neu zu bedenken“. Es sei ein „Akt der väterlichen Barmherzigkeit“, ein „Geschenk des Friedens zum Ende der Weihnachtszeit.“ Die vier Bischöfe bleiben kirchenrechtlich weiterhin suspendiert. Es ist ihnen untersagt, ihr Amt auszuüben. Der Schritt bedeutet weder Versöhnung und noch gar eine Rehabilitierung. Dass unter den vier Bischöfen der Pius-Bruderschaft jemand ist, der in einem bis dahin unveröffentlichten Interview den Holocaust leugnet, war im Vatikan nicht durchgedrungen.

Die Williamson-Affäre ist ein Wendepunkt. Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, versteigt sich zu der Behauptung, der Papst habe „einen Holocaustleugner salonfähig machen wollen.“ Ratzinger stammt aus einer antifaschistisch gesinnten Familie. Zu seinen engen Freunden gehörte Teddy Kollek, der frühere Bürgermeister von Jerusalem. Er wurde nicht müde, jegliche Form von Antisemitismus zu verurteilen. Noch im November gedachte er in bewegenden Worten in Rom des Jahrestages der so genannten „Reichskristallnacht“. Bei der Generalaudienz am 28. Januar 2009 – für ihn die erste Gelegenheit, persönlich und öffentlich Stellung zu nehmen – gibt er eine Erklärung gegen das Vergessen und der Leugnung der Shoa. Er erinnert an seinen Besuch in Auschwitz, „während ich erneut aus ganzem Herzen meine volle und unbestreitbare Solidarität mit unseren Brüdern, den Trägern des Ersten Bundes zum Ausdruck bringe.“ In einem offenen Brief geht er wie noch kein Papst vor ihm auf Pannen im Vatikan ein, die er „ehrlich bedauert“. So sei ein „leiser Gestus der Barmherzigkeit“ plötzlich verstanden worden „als Absage an die christlich-jüdische Versöhnung, als Rücknahme dessen, was das Konzil in dieser Sache zum Weg der Kirche erklärt hat.“ Dabei sei die Versöhnung von Christen und Juden „von Anfang an ein Ziel meiner theologischen Arbeit gewesen.“ Es nützt nicht. Die Wunde ist da, und in ihr wird gebohrt, dass sie nicht wieder heile.

Der katholisch-jüdische Dialog mag in Teilen dadurch heue schwieriger geworden sein, zerstört ist er jedoch nicht. Nicht alle jüdischen Verantwortlichen lassen wie Charlotte Knobloch die Rollos herunter, sobald sich auch nur die geringste Gelegenheit dazu bietet, empört zu sein. Rabbiner David Rosen etwa, Vorsitzender des Internationalen Jüdischen Komitees für Interreligiöse Beratungen, erklärte, das jüdisch-katholische Verhältnis sei nicht in Gefahr. Er habe nie geglaubt, dass Benedikt XVI. der Dialog kein wichtiges Anliegen sei: „Wer seine Schriften und seine bisherigen Aussagen kennt, wird das nicht ernsthaft annehmen.“

Im Zuge des Missbrauchsskandals erleben wir heute eine der größten Medienkampagnen in der Geschichte der Bundesrepublik. Gemessen an Umfang und Penetranz dieser Kampagne war die Klimakonferenz von Kopenhagen, bei der es um die Rettung der Erde ging, ein Ereignis von nachrangiger Bedeutung. Inzwischen lassen sich einige Lehren aus der Affäre ziehen:

Erstens: Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sind eine ungeheure Schuld. Sie lässt sich nicht relativieren. Wer sich um höhere Weihen bemüht, muss auch höheren Ansprüchen genügen. Das Krisenmanagement kirchlicher Institutionen hat in weiten Teilen nicht funktioniert. Es ist zumindest einer modernen Öffentlichkeit nicht mehr kommunizierbar.

Zweitens: Weltweit gibt es über 400.000 Priester, über eine Million Ordensleute, und Millionen katholischer Laien, die sich für Arme, Kranke, für eine bessere Gesellschaft engagieren und sogar bereit sind, dafür ihr Leben zu geben. Die Kirche unterhält über 70.000 Krankenhäuser, Krankenstationen, Leprastationen, Behindertenheime, Waisenhäuser und Kindergärten. Weltweit besuchen 40 Millionen Schüler katholische Schulen (in Deutschland 370.000 bei steigender Nachfrage). In Deutschland sind nach Angaben des Kriminologen Christian Pfeifer 0,1 Prozent der Missbrauchstäter Mitarbeiter der katholischen Kirche. Wer den Missbrauch dann jedoch nur auf eine bestimmte Gruppe begrenzt und 99,9 Prozent der Täter außen vor lässt, macht ein riesiges gesamtgesellschaftliches Thema nicht nur klein, er unterstreicht damit, dass es ihm nicht um die Opfer geht, sondern um die Instrumentalisierung ihrer Fälle.

Drittens: Das Argumentationsmuster der „Kritiker“, die in geifernder Vorabverurteilung eine Kausalkette aus Kirche, Zölibat und katholischer Sexualmoral als ursächlich für Missbrauch sahen, in sich zusammengebrochen. Unzählige staatliche, private und protestantische Einrichtungen mussten ähnliche Fälle einräumen. Das Beispiel Odenwaldschule, ein Vorzeigeobjekt der deutschen Reformpädagogik, dessen Vertreter über Jahrzehnte über „Spiegel“ und „Zeit“ die pädagogische Diskussion bestimmten, machte deutlich, dass die unselige Verbindung aus Scham, Schweigen und Schadensbegrenzung nicht genuin katholisch sind.

Viertens: Die überwiewegende Zahl der Missbräuche ereignete sich vor dreißig, vierzig und fünfzig Jahren. Die Fälle als gerade aktuell geschehen darzustellen, verfälscht die geschichtliche Wahrheit. Es sei „geradezu auffällig“, so der der Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber, „wie wenig Fälle es im Bereich der Kirche gibt.“ Hätte es auch in anderen Bereichen so früh so strenge Richtlinien gegeben, wir wären in dieser Problematik einen gehörigen Schritt weiter.

Fünftens: Ein Teil der deutschen Redaktionen hat sich im Furor der Debatte aus der Liga der seriösen Medien, wie sie etwa die „Neue Zürcher Zeitung“ symbolisiert, verabschiedet. Stärker als jemals zuvor, wurden dabei die Mechanismen einer subtilen Meinungsdiktatur sichtbar, in der Verfälschung und Unterdrückung von Nachrichten so selbstverständlich hingenommen werden wie die Vorabverurteilung des Gegners, dem noch nicht einmal das Recht auf Verteidigung zugestanden wird. Gemessen an dem Druck, mit dem eine Handvoll Kritiker aus Deutschland der lateinischen sowie den anderen 22 Teilkirchen der globalen katholischen Kirche ein neues Programm diktieren will, wirkt der vielgescholtene römische Zentralismus geradezu wie ein antiautoritärer Kindergarten.

Der Papst hat zu den Vorfällen nicht geschwiegen. Nicht in Amerika, nicht in Australien, nicht in Europa. Das Schreiben an die Iren belässt es dabei nicht bei Lippenbekenntnissen, sondern gibt konkrete Anweisung, was jetzt zu tun ist. Dass seit Petrus und Paulus apostolische Briefe nicht nur für eine spezielle Gemeinde, sondern für die Weltkirche gelten, mag sich im Gegensatz zu anderen Ländern in Deutschland noch nicht herumgesprochen haben. Darüber hinaus gibt es tatsächlich ein gewisses Schweigen des Papstes. Es war ein sehr beredtes Schweigen. Ganz so, wie es Jesus den Pharisäern gegenüber tat, die ihn mit Fangfragen zu überlisten hofften und nicht müde wurden, Zeichen um Zeichen zu verlangen.

So erinnert die augenblickliche Krise tatsächlich ein wenig an die Krise von Kapharnaum, als sich der Großteil der Anhänger von Jesus abwandte. Er hatte ihre Vorstellungen nicht erfüllt, wollte sich nicht in eine gesellschaftliche, eine vorwiegend weltliche Rolle drängen lassen. Jesu verwies auf das Eigentliche, das geistliche, das wahre Brot. Als er mit den Seinen weiterzog, fragten er die Jünger: Für wen halten die Leute mich? Und danach: Und für wen haltet ihr mich? Hier trennten sich die Wege. Aber diese Krise gab auch Gelegenheit, sich zu vergewissern, was falsch ist und was richtig. Was nur noch Fassade ist, die nicht taugt, und wo das Echte liegt.

Wir wissen noch nicht, wie die Geschichte den 265. Nachfolge Petri einmal sehen wird. Aber man wird sich an ihn erinnern an einen besonders klugen, besonders weisen und besonders demütigen Mann, der authentisch war, der sich immer treu blieb, weil er ganz einfach Jesus treu geblieben ist. Man wird sich erinnern an jemanden, der uns unbequem war. Der nicht den Applaus der Menge suchte, sondern sich seinem Auftrag verpflichtet sah, Mitarbeiter der Wahrheit zu sein.

Es geht um viel. Was wir heute brauchen, ist eine Revision dessen, was wir in den letzten Jahrzehnten gedacht und getan haben. Ohne die katholische Kirche mit ihren 1,2 Milliarden Mitgliedern und die Fundamente des christlichen Glaubens ist das nicht zu machen. Als Mitarbeiter der Wahrheit ist der Papst der Prüfstein für eine Zeit, die keine höheren Werte mehr anerkennt, die sich der Fälschung und oft genug sogar der puren Lüge, dem Betrug, als gesellschaftsfähige Verhaltensform verschrieben hat, die von Krisen geschüttelt wird wie selten zuvor, eine Welt, deren Erkenntnisfähigkeit immer mehr abnimmt und die regelrecht zu verdummen droht.

In dieser Stunde zieht, fast wie zur Bestätigung dessen, was im geistigen Raum geschieht, eine dunkle Wolke über Europa. Unfassbare Mächte und Gewalten werden sichtbar. Aus dem Schlund der Erde wölbt sich ein Katafalk aus Asche über den europäischen Kontinent. Es ist etwas in der Luft. Man sieht es kaum. Aber es kann von einen Tag auf den anderen unser Leben auf Erden auf grundsätzliche Weise verändern.

Der Papst hat zu Beginn seines Pontifikates die Reinigung der Kirche als wichtigste Aufgabe genannt. Jetzt ist sie ganz gekommen.


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