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„Bruder, gib auf dich Acht!“ (Mt 18,15–20)

5. September 2026 in Spirituelles, 2 Lesermeinungen
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„Jesus weiß, wie wir Menschen sind. Auch unter Christen gibt es Enttäuschungen und Verletzungen, Missverständnisse, Schuld und Streit. Er entwirft keine ideale Gemeinde, in der alles harmonisch ist.“ Von Archimandrit Dr. Andreas-Abraham Thiermeyer


Eichstätt (kath.net/pl) Predigt zum 23. Sonntag im Jahreskreis A:

Liebe Schwestern und Brüder, es gibt ein Wort, das einen Menschen aufrichten kann – und eines, das ihn lange verwundet. Es gibt ein Schweigen aus Liebe – und eines aus Angst. Es gibt eine Wahrheit, die befreit – und eine Wahrheit, die wir so lieblos sagen können, dass sie nicht mehr heilt, sondern verletzt. Genau davon spricht Jesus heute.

1. Geh zu deinem Bruder
Jesus weiß, wie wir Menschen sind. Auch unter Christen gibt es Enttäuschungen und Verletzungen, Missverständnisse, Schuld und Streit. Er entwirft keine ideale Gemeinde, in der immer alles harmonisch ist. Ganz nüchtern sagt er: „Wenn dein Bruder sündigt …“ Und dann: „Geh zu ihm.“ Nicht: Rede über ihn. Erzähle es möglichst vielen. Sammle Verbündete. Sondern: Geh zu ihm.

Und Jesus sagt nicht einfach: Wenn dieser Mensch sündigt. Er sagt: „Wenn dein Bruder sündigt.“ Der andere bleibt mein Bruder. Auch in seiner Schuld. Auch wenn er mich enttäuscht hat und ich sein Verhalten nicht gutheißen kann. Darin liegt eine erste große geistliche Wahrheit: Der Mensch ist immer größer als seine Schuld.

2. Die Wahrheit sagen – und die Würde schützen
Die alten Wüstenväter haben das tief verstanden. Von Abba Ammonas, einem der Väter der ägyptischen Wüste, wird eine wunderbare Geschichte erzählt. Eines Tages kommen aufgebrachte Menschen zu ihm. Ein Mönch, berichten sie, habe eine Frau bei sich in seiner Zelle. Ein Skandal! Ammonas solle einschreiten.

Er macht sich auf den Weg, die anderen folgen ihm. Als der Mönch sie kommen sieht, gerät er in Panik und versteckt die Frau in einem großen Fass. Ammonas betritt als Erster die Zelle und versteht sofort, was geschehen ist. Was tut er? Er setzt sich auf das Fass. Dann lässt er die anderen die Zelle durchsuchen. Sie finden niemanden. Schließlich schickt Ammonas sie fort. Nun ist er mit dem Mönch allein. Er demütigt ihn nicht. Er hält ihm keine Strafpredigt. Aber er tut auch nicht so, als wäre nichts geschehen. Er nimmt ihn bei der Hand und sagt nur: „Bruder, gib auf dich Acht!“ Und geht.

Was für eine geistliche Größe! Ammonas schützt den Menschen, aber er verharmlost seine Schuld nicht. Er bewahrt ihn vor öffentlicher Beschämung, aber nicht vor der Wahrheit. Er sagt ihm die Wahrheit so, dass sie heilen kann. Vielleicht konnte dieser Mönch gerade deshalb umkehren, weil Ammonas ihm seine Würde ließ.


Das ist die Kunst christlicher Barmherzigkeit: Die Schuld sehen, ohne den Menschen auf seine Schuld festzulegen.

3. Schau zuerst in dein eigenes Herz
Die Wüstenväter wussten aber noch etwas: Wer einen anderen zurechtweisen will, muss zuerst in sein eigenes Herz schauen. Von Abba Moses, dem ehemaligen Räuber, der zu einem großen Mönchsvater wurde, wird erzählt: Ein Bruder hatte sich verfehlt. Die Mönche kamen zusammen, um über ihn zu urteilen, und auch Moses sollte kommen. Zunächst weigerte er sich. Als man ihn nochmals rief, nahm er einen löchrigen Sack, füllte ihn mit Sand und trug ihn auf dem Rücken. Während er ging, rieselte hinter ihm der Sand heraus. Die Brüder fragten: „Vater, was soll das bedeuten?“ Moses antwortete sinngemäß: „Meine eigenen Sünden laufen hinter mir her, und ich sehe sie nicht – und heute komme ich, um über die Sünden eines anderen zu richten.“ Als die Brüder das hörten, verurteilten sie den gefallenen Bruder nicht.

Was für ein Bild: Der Sand rieselt hinter uns her – und wir sehen ihn nicht. Wie deutlich erkennen wir die Fehler der anderen! Und wie lange brauchen wir manchmal, bis wir wahrnehmen, was Gott in uns heilen und verändern möchte. Moses sagt nicht: Schuld ist gleichgültig. Er sagt: Vergiss deine eigene Bedürftigkeit nach Barmherzigkeit nicht, wenn du der Schuld eines anderen begegnest.

Darum beginnt christliche Zurechtweisung nicht mit Selbstgerechtigkeit, sondern mit Demut. Bevor ich einem anderen sage: „Du musst dich ändern“, sollte ich vor Gott fragen: Ist mein Wort notwendig? Ist es wahr? Und vor allem: Kommt es aus Liebe?

Ammonas und Moses gehören zusammen. Ammonas zeigt uns, wie wir dem schuldig gewordenen Menschen begegnen sollen: seine Würde schützen und ihn dennoch zur Umkehr rufen. Moses zeigt, aus welcher Haltung das geschehen muss: im Wissen darum, dass auch ich von Gottes Erbarmen lebe.

Augustinus bringt es auf den Punkt: Wenn du schweigst, schweige aus Liebe; wenn du sprichst, sprich aus Liebe. Denn auch Schweigen kann lieblos sein. Wegsehen ist nicht immer Barmherzigkeit. Aber ebenso wenig ist jedes offene Wort schon christlicher Mut. Manchmal nennen wir „Offenheit“, was eigentlich Ärger, verletzte Eitelkeit oder der Wunsch ist, endlich Recht zu bekommen.

Jesus gibt uns einen anderen Maßstab: „Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.“ Nicht darum geht es, dass ich recht bekomme, sondern darum, dass der Bruder zurückgewonnen wird.

4. Wir alle leben von der Barmherzigkeit
Vielleicht brauchen wir diese Haltung heute besonders. Urteile sind schnell gefällt. Ein Satz, ein Fehler, ein falscher Schritt – und ein Mensch ist abgestempelt. Auch wir Christen reden manchmal erstaunlich viel übereinander und erstaunlich wenig miteinander. Jesus weist einen anderen Weg: zuerst das persönliche Gespräch; wenn nötig, die Hilfe anderer; erst zuletzt die Gemeinschaft. Immer soll dem Menschen ein Raum bleiben, in dem Umkehr und Neuanfang möglich sind. Denn niemand von uns lebt allein aus seiner eigenen Gerechtigkeit.

Wir alle leben von der Barmherzigkeit Gottes.

Das kann uns milder miteinander machen. Auch ich brauche einen Gott, der mich nicht auf meine schlechtesten Stunden festlegt. Auch ich lebe davon, dass Christus mir immer wieder sagt: Du darfst neu anfangen. Vielleicht besteht christliche Barmherzigkeit gerade darin: den anderen mit jener Hoffnung anzuschauen, mit der Gott auch mich anschaut.

Nicht nur zu sehen, was ein Mensch gewesen ist, sondern auch, was er durch Gottes Gnade noch werden kann.

5. Wenn wir nicht mehr weiterwissen
Und doch kennt das Evangelium auch Grenzen. Nicht jede Beziehung lässt sich heilen. Nicht jeder Mensch hört. Manchmal haben wir gesprochen, gewartet, vergeben und neu angefangen – und dennoch ändert sich nichts. Vielleicht trägt jemand von uns gerade einen solchen Menschen im Herzen: ein Kind, um das wir uns sorgen; den Ehepartner; einen Bruder, eine Schwester; einen Freund; einen Menschen, mit dem wir uns nicht mehr verständigen können. Dann enthält das heutige Evangelium einen besonders tröstlichen Gedanken.

Jesus spricht vom Gebet: „Was zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.“ Es gibt einen Augenblick, in dem wir einen Menschen nicht mehr verändern können. Dann dürfen wir ihn Gott überlassen.

Das ist kein Aufgeben. Es kann eine tiefere Form der Liebe sein. Ich muss nicht jeden Menschen retten. Ich kann es auch gar nicht. Ich darf meine Sorge, meine Enttäuschung und meine Ohnmacht vor Gott tragen und beten: Herr, ich weiß nicht mehr weiter. Ich kann diesen Menschen nicht ändern. Aber du kennst ihn. Du kennst seine Wunden und seine Sehnsucht. Du kennst auch meine Wunden. Darum lege ich ihn in deine Hände.

Wie befreiend kann das sein! Wir dürfen tun, was in unserer Kraft liegt. Aber wir müssen nicht vollbringen, was nur Gott vollbringen kann. - Das ist eine tiefe Weisheit der Wüstenväter: aufmerksam sein, wahrhaftig sein, barmherzig sein – und schließlich einen Menschen in Gott hinein loslassen können.

6. „Da bin ich mitten unter ihnen“
Liebe Schwestern und Brüder, am Ende steht dieses wunderbare Wort Jesu: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Christus ist mitten unter uns. Auch dort, wo Beziehungen schwierig geworden sind. Auch dort, wo Schuld geschehen ist. Auch dort, wo uns die Worte fehlen und wir einander nicht mehr verstehen.

Vielleicht sitzt Christus manchmal wie Abba Ammonas gleichsam auf dem Fass unserer Schuld: nicht weil unsere Schuld bedeutungslos wäre, sondern weil er nicht zulässt, dass sie unser ganzes Leben und unsere ganze Würde bestimmt. Er stellt uns nicht bloß. Er gibt uns nicht der Verachtung preis. Er lässt uns aber auch nicht einfach dort, wo wir sind.

Er nimmt uns an der Hand – nicht um uns niederzudrücken, sondern um uns aufzurichten. Nicht um uns auf unsere Vergangenheit festzulegen, sondern um uns Zukunft zu eröffnen. Und vielleicht sagt er heute jedem von uns ganz leise: Bruder, Schwester, gib auf dich Acht. Gib Acht auf dein Herz und deine Worte. Gib Acht auf den Menschen neben dir. Rede weniger über ihn und mehr mit ihm. Urteile nicht vorschnell. Vergiss nicht, wie viel dir selbst vergeben worden ist.

Und wenn du nicht mehr weiterweißt: Bete. Denn der Mensch ist mehr als seine Schuld. Kein Mensch ist für Gott abgeschrieben. Und kein Weg ist für seine Gnade endgültig verschlossen. Solange Gott einen Menschen sucht, gibt es Hoffnung.

Das ist die frohe Botschaft dieses Sonntags: Gott legt uns nicht auf das fest, was gewesen ist. Er traut uns Umkehr zu. Er schenkt Vergebung. Er öffnet Zukunft. Sein letztes Wort über uns heißt nicht Verurteilung. 

Sein letztes Wort heißt Barmherzigkeit – und Neuanfang. Amen.


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Lesermeinungen

 Fink 5. September 2026 
 

Solche Empfehlungen wie in diesem Evangeliums-Abschnitt (Ausschluss aus der

Gemeinde) würde man eher in der Apostelgeschichte oder bei Paulus erwarten.
Solche Jünger- bzw. Brüdergemeinden gab es doch erst NACH Tod und Auferstehung des Herrn Jesus, erst nach dem 1.Pfingsten !?
Oder bildeten schon die Jünger zu Jesu Lebzeiten eine Art Gemeinde ?


0
 
 Hope F. 5. September 2026 
 

Wunsch und Wirklichkeit

Den vorstehend geschilderten Umgang miteinander wünschen wir uns, denn keiner ist ohne Fehler. Leider sieht die Realität anders aus. Zu schnell wird auf anderen herumgehackt um sich selbst besser zu fühlen. Noch besser fühlen sich diese, wenn sie sich noch mit anderen verbünden. Es braucht viel Mut zum Anders sein.


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