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George Weigel an Kardinal Hollerich: Hat die Kirche Christus zweitausend Jahre lang missverstanden?

20. April 2026 in Weltkirche, 17 Lesermeinungen
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Hirten der Kirche sollten Verwirrung vermeiden, indem sie den Gläubigen helfen, Geheimnisse des Glaubens anzunehmen, anstatt den Eindruck zu erwecken, bereits klargestellte Dinge wie die Männern vorbehaltene Priesterweihe stünden zur Diskussion.


Washington D.C. (kath.net/jg)
Der Theologe und Autor George Weigel (Foto), bekannt durch seine zweibändige Biographie von Papst Johannes Paul II., hat in einem offenen Brief an Kardinal Jean-Claude Hollerich SJ, den Erzbischof von Luxemburg, dessen Stellungnahme zur Frauenordination kritisch analysiert. Hollerich hatte sinngemäß geäußert, er könne sich nicht vorstellen, dass die Kirche Frauen den Zugang zum geweihten Dienst auf Dauer vorenthalte.

kath.net bringt den auf dem Portal First Things veröffentlichten offenen Brief von George Weigel an Kardinal Hollerich in voller Länge in eigener Übersetzung:

Eure Eminenz,
in einem kürzlich auf einer großen deutschen katholischen Website veröffentlichten Artikel haben Sie den Eindruck erweckt, die Frage, ob die Kirche Frauen weihen könne, sei noch nicht endgültig entschieden: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie eine Kirche auf Dauer weiterbestehen kann, wenn die Hälfte des Volkes Gottes leidet, weil sie keinen Zugang zum geweihten Amt hat.“

Lassen wir für einen Moment die Fragen beiseite, was genau und auf welche Weise das Leiden durch die uralte Praxis der Kirche verursacht wird, nur Männer zum heiligen Weiheamt zu berufen. Ihre Formulierung wirft Fragen zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf.

Wollen Sie zum Beispiel sagen, dass das katholische Verständnis des Weihesakraments seit zwei Jahrtausenden grundlegend falsch gewesen sei? Wie würde sich eine solche Vorstellung mit der Verheißung des Herrn vereinbaren lassen, seine Kirche durch das fortwährende Ausgießen des Heiligen Geistes in der Wahrheit zu bewahren (Joh 15,16; 16,13)? Die Frage, wer zum heiligen Weiheamt zugelassen werden kann, wurde nie als eine nebensächliche Angelegenheit der kirchlichen Disziplin verstanden. Sie wurde vielmehr als etwas betrachtet, das das Wesen des geweihten Amtes selbst berührt – und dieses Amt ist ein wesentlicher Bestandteil der Struktur der Kirche. Die Kirche aber ist Christi Schöpfung, nicht unsere eigene. Hat die Kirche Christus zweitausend Jahre lang missverstanden? Oder hat Christus sich geirrt, als er die Kirche und ihr Weiheamt so gestaltet hat, wie sie seit zwei Jahrtausenden bestehen?


Zu Ihrer Unfähigkeit, sich eine Zukunft der Kirche vorzustellen, in der Frauen nicht zum Weiheamt berufen werden: Legt das nicht ein recht klerikales Verständnis des Lebens im Reich Gottes nahe, das wir bereits jetzt führen (Mk 1,15)? Wenn das Reich Gottes in der Zeit des Herrn unter uns hereingebrochen ist und wenn dieses Hereinbrechen und seine Verheißung des ewigen Lebens die Wirklichkeit ist, in der wir jetzt leben (so oft wir das auch vergessen), wie kann dann „die Hälfte des Volkes Gottes“ von der Fülle des Lebens im Geist abgeschnitten sein? Und was sagt Ihre Sorge um die Zukunft über Ihr Verständnis des Hereinbrechens des Reiches in der Vergangenheit aus? War die Gottesmutter von der Fülle des Lebens im Reich Gottes abgeschnitten, das ihr Sohn verkündet hat, weil er sie nicht zum Weiheamt berufen hat? Galt das für Katharina von Siena, Teresa von Ávila und Edith Stein – allesamt Patroninnen Europas? Galt das für Ihre Mutter? Für meine?

Dann die Gegenwart. Die katholische Kirche nimmt die göttliche Offenbarung ernst. Das bedeutet, dass Gottes Erschaffung des Menschen als Mann und Frau – gleichermaßen menschlich, unterschiedlich menschlich und einander ergänzend menschlich – nicht einfach eine Sache des Schöpfers war, der durch die Mechanismen der Evolutionsbiologie wirkte. Genesis 1,27 – „Als Mann und Frau schuf er sie“ – ist keine bloße Beschreibung, sondern offenbart tiefe Wahrheiten, die in die menschliche Existenz eingeschrieben sind. Deshalb kann und will die katholische Kirche das spätmoderne und postmoderne Konstrukt einer unisexuellen Menschheit nicht akzeptieren, in dem Männlichkeit und Weiblichkeit auf unterschiedliche anatomische Merkmale reduziert werden.

Im fünften Kapitel des Epheserbriefes beschreibt der heilige Paulus das Verhältnis des Herrn zu seiner Kirche als bräutlich: Der Herr liebt die Kirche, wie ein Ehemann seine Frau liebt. Der geweihte Priester verkörpert nach katholischem Verständnis genau diese bräutliche Beziehung Christi zur Kirche. Priester sind nicht bloß Mitglieder eines klerikalen Standes, dem bestimmte kirchliche Funktionen zugewiesen sind. Vielmehr ist der geweihte Priester ein Bild Christi, des Hohenpriesters, des Bräutigams der Kirche.

Kulturen, die nur in einem Geschlecht denken, tun sich mit dieser Vorstellung schwer. Ebenso Kulturen, die sich einbilden, zwei Männer oder zwei Frauen könnten einander „heiraten“. Die Kirche ist jedoch nicht verpflichtet, sich den Verwirrungen irgendeiner Kultur zu unterwerfen. Und sie kann erst recht nicht ihre Überzeugung aufgeben, dass Gott wichtige Wahrheiten über unser Menschsein offenbart hat – sowohl als der Heilige Geist den Verfasser von Genesis 1,27 inspirierte, als auch als derselbe Geist den heiligen Paulus inspirierte, das 5. Kapitel des Epheserbriefs zu schreiben.

Der heilige Paulus hat diese bräutliche Beziehung Christi zur Kirche, die für das katholische Verständnis entscheidend ist, wer zum Weiheamt berufen werden kann, auch als „großes Geheimnis“ bezeichnet – also als eine tiefe Glaubenswahrheit, die nur in der Liebe erfasst werden kann, so sorgfältig wir sie auch intellektuell zu verstehen versuchen. Gestatten Sie mir den Vorschlag, Eure Eminenz, dass die Hirten der Kirche weitere Verwirrung (und tatsächlich auch das Leiden, das durch solche Verwirrungen entsteht) vermeiden sollten, indem sie dem Volk Gottes helfen, die Geheimnisse des Glaubens in Liebe anzunehmen – statt den Eindruck zu erwecken, dass etwas, das durch die göttliche Offenbarung und die verbindliche Lehre der Kirche (im Apostolischen Schreiben Ordinatio Sacerdotalis von 1994) entschieden wurde, in Wirklichkeit noch nicht entschieden sei.

In der Gemeinschaft des österlichen Glaubens
GW

 


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