11 Juli 2016, 09:00
Sternbergs Antwort
 
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Während Sie dies lesen und während Hr. Sternberg und andere ZdK-Mitglieder das friedliche Zusammenleben beschwören und den Priesterinnenmangel beweinen, werden in Flüchtlingsheimen Christen von Muslimen schikaniert. Gastkommentar von Claudia Sperlich

Bonn-Berlin (kath.net) Anfang Mai 2016 verkündete Thomas Sternberg, Chef des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), die getrennte Unterbringung von muslimischen und christlichen Flüchtlingen sei ein „verheerendes Signal“ und fuhr fort, wenn man Flüchtlinge hierzulande „nach Religion getrennt unterbrächte, würde man dem Eindruck Vorschub leisten, wir seien nicht fähig zur friedlichen Koexistenz“, und man dürfe nicht „den Irrglauben schüren, dass Christen und Muslime nicht gut zusammenleben könnten“.

Ich gestehe, ich habe gezittert vor Zorn, als ich am 20. Mai durch die Online-Ausgabe der WELT davon erfuhr. Ich mailte an Herrn Sternberg:

Wie Sie genau wissen (vorausgesetzt, Sie lesen die Zeitung), kommt es in Flüchtlingsheimen immer wieder zu Drangsalierung von nicht-muslimischen Flüchtlingen durch muslimische Flüchtlinge.

Es geht um Mobbing, Gewalt, auch sexueller Natur, und Morddrohungen. Das seriös arbeitende Hilfswerk Open Doors berichtet seit langem über derartige Übergriffe. Drei von vier nicht-muslimischen Flüchtlingen melden derartige Vorfälle, die meisten Betroffenen sind Christen.

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Und da wagen Sie zu sagen, man müsse erst mal abwarten, bis ein Geschundener sich traut, Meldung zu machen, und dann den Kladderadatsch die ohnehin überforderten und oft auch parteiischen Hilfskräfte in den Erstaufnahmen irgendwie bereinigen lassen?

Aus welchem bequemen Sessel heraus kümmern Sie sich denn?

Ich beherberge seit einiger Zeit eine Jesidin, die auch nicht als Touristin nach Deutschland gekommen ist. Sie war vorher fünf Monate lang in einer Notunterkunft mit 200 Menschen und berichtet zwar selbst nicht von Übergriffen, aber von ihrer beständigen Angst vor muslimischen Männern. Sofern Sie sich mal informieren, können Sie vielleicht auch erahnen, warum eine Jesidin aus Shingal (oder ein Christ aus Mossul, um nur zwei Beispiele zu nennen) eventuell einfach Angst vor Moslems hat. Sich davorstellen und sagen "Ei nun, du musst aber keine Angst haben, der tut nichts" ist aus der Position eines in Sicherheit und Frieden lebenden Deutschen, dessen Kopf auch dann auf den Schultern bleibt, wenn er täglich vor aller Augen zur Messe geht, erbärmlich.


Mit Datum vom 4. Juli erhielt ich Sternbergs Antwort – oder vielmehr ein von ihm unterschriebenes oder mit seinem Signaturstempel versehenes Geschwafel, das eben nicht auf meine Mail antwortet:

Sehr geehrte Frau Sperlich, vielen Dank für Ihr Schreiben und Ihr damit verbundenes Interesse am Zentralkomittee der deutschen Katholiken (ZdK). Wir sind ein Zusammenschluss von Vertretern der Diözesanräte und der katholischen Verbände sowie von Institutionen des Laienapostolates.

Seit dem Jahr 2000 besteht unser Gesprächskreis „Christen und Muslime“ beim ZdK, der sich mit der Präsenz des Islam in Deutschland und den damit verbundenen gesellschaftlichen Entwicklungen befasst. Die kürzlich veröffentlichte Erklärung des Gesprächskreises „Keine Gewalt im Namen Gottes! Christen und Muslime als Anwälte für den Frieden“ wurde von Christen und Muslimen gemeinsam erarbeitet.

Die Richtschnur unseres Handelns im Dialog mit den Muslimen ist die Konzilserklärung Nostra Aetate, deren dritter Abschnitt lautet: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat.... Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslimen kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.“

Papst Benedikt XVI. Hat diese Haltung übrigens beim Weltjugendtag 2005 unterstrichen, als er die Worte der Konzilserklärung als Magna Charta des Dialogs mit den Muslimen bezeichnete.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen alles Gute und verbleibe mit freundlichen Grüßen
Professor Dr. Thomas Sternberg


Ich interessiere mich für das ZdK nur in dem Maße, wie ich mich für die Geschichte der Katharer interessiere – oder weniger, denn eigentlich waren die Katharer interessanter. Aber man muss mir nicht erklären, was das ZdK ist oder sein will, wie hier im ersten Absatz huldvoll geschehen.

Der „Gesprächskreis Christen und Muslime“ hat eine Erklärung verfasst? Löblich, löblich. Wurde diese Erklärung auch von jenen Muslimen unterzeichnet, die in Flüchtlingsheimen die „Kuffar“ seelisch und körperlich schikanieren? Hat sich in Flüchtlingsheimen bislang irgendeine positive Auswirkung dieser Erklärung gezeigt? Sind ZdK-Mitglieder in Flüchtlingsheime gegangen und haben sie dort effektiv dafür gesorgt, dass Muslime, Christen und Jesiden in frommer Eintracht miteinander leben? Man hat nichts davon gehört.

Das ZdK sieht Nostra Ætate als seine Richtschnur. Soso, man beruft sich auf die katholische Kirche – das ist interessant. Und man beruft sich darauf, dass früher gehabte Konflikte zwischen Muslimen und Christen das heutige Klima nicht vergiften sollen.

Ach, es geht um die Vergangenheit?

Jetzt, in diesem Moment, werden Christen und Jesiden in deutschen Flüchtlingsheimen von Muslimen bedroht! Jetzt! Es geht darum, dass jetzt, heute, in diesem Augenblick, Christen und Jesiden gefangen, gefoltert, vergewaltigt, verkauft, beraubt, vertrieben, ermordet werden – von Muslimen. Und es geht darum, dass heute, während Sie dies lesen, während Herr Sternberg und andere ZdK-Mitglieder in wohlgesetzten Worten das friedliche Zusammenleben beschwören und den Mangel an Priesterinnen beweinen, in dem nächsten besten deutschen Flüchtlingsheim Christen von Muslimen schikaniert werden.

Ja, Nostra Ætate ist in der Tat, wie Benedikt XVI. bemerkte, die Magna Charta des Dialogs zwischen den Religionen. Nur leider haben IS, Boko Haram, Taliban und wie sie alle heißen diese Magna Charta nicht unterzeichnet.

Menschen gleich welcher Religion, die ehrlichen Herzens nach Frieden suchen, haben meine Hochachtung. Solche, die andere Menschen schikanieren und bedrohen, haben sie nicht. Herr Sternberg und andere, die aus ihren Bürostühlen heraus die heutige Christenverfolgung leugnen, haben sie auch nicht.

Mein Zentralkomitee sitzt in Rom, nicht in Bonn.

Claudia Sperlich lebt in Berlin und führt den Blog Katholisch? Logisch! Sie schreibt über sich: „Ich bin 1962 geboren und 1984 katholisch getauft. Die katholische Kirche ist immer mehr meine Heimat geworden und prägt mein Leben immer stärker. Etwas in den Augen der Welt Gescheites habe ich nicht gelernt. Ich bin Dichterin und Übersetzerin lateinischer Texte sowie Bloggerin.

Anfang Mai 2016 habe ich eine Jesidin in meine Wohnung aufgenommen, die seit ihrer Flucht aus dem Irak in einer zum Flüchtlingsheim umfunktionierten Turnhalle lebte. Wir haben dadurch beide gewonnen.“


kath.net-Buchtipp
Hymnarium
Lateinische Hymnen der Kirche neu übersetzt - zweisprachige Ausgabe
Von Claudia Sperlich
Hardcover
124 Seiten
2016 Tredition
ISBN 978-3-7345-1245-2
Preis 17.50 EUR

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