31 Mai 2015, 10:00
Christus ist auferstanden. Gott sei Dank und Halleluja!
 
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Ein Jünger betrat das leere Grab Jesu, „er sah die Leinen liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte“ und „er sah und glaubte“, berichtet das Johannesevangelium. Doch wieso glaubte er eigentlich? Von Paul Badde

Würzburg (kath.net/Die Tagespost) Viele Menschen schauen mich bis heute an, als würde ich ihnen - ohne rot zu werden - gerade erklären, der Kölner Dom habe drei Türme, wenn ich zum ersten Mal vom Schweißtuch Christi in Manoppello erzähle. „Kann es denn sein“, lese ich dann immer in ihren Augen, „dass wir da Zeit unseres Lebens etwas übersehen haben?“ Ja, kann sein, muss ich da immer sagen. Dabei seien sie aber nicht die einzigen. Denn wir alle übersehen ja oft an sehr wichtigen Stellen das Allerwichtigste.

Oder wer hat seinen Pfarrer – oder auch seinen Bischof - schon jemals an Ostern nachvollziehbar über den Satz predigen hören: „Er sah und glaubte“? Der Satz steht zentral im Osterevangelium des Johannes, das wir seit Kindesbeinen gehört haben. In der christlichen Auslegung geht er dennoch so unter, als sei er unsichtbar. Als stünde er gar nicht da. Wie ein „dritter Turm“ des Kölner Doms. Das ist verständlich. Denn was soll der Satz heißen? Das leere Grab allein war doch nichts, was einen zum Glauben hätte bringen können. Maria Magdalena sah – nach Johannes - eine halbe Stunde zuvor an der gleichen Stelle nur, dass man „den Herrn weggenommen“ hatte. Vom Glauben steht da nichts.

Es brauchte deshalb wohl das philologische Genie eines Martin Luther, um diesen Widerspruch überhaupt zu bemerken. Darauf hat mich erst kürzlich Pastor Clausnitzer aus Worms aufmerksam gemacht, mit einer Bibelübersetzung von 1545, wo Doctor Martinus die entscheidende Stelle im Evangeliums des Johannes (20, 5-10) so ergänzt hatte: „Da kam Simon Petrus / jm nach / und gieng hinein in das Grab / und sihet die Leinen geleget / vnd das Schweistuch / das Jhesu vmb das heupt gebunden war / nicht bei die Leinen geleget / sondern beiseits eingewickelt an einen sondern ort. Da ging auch der ander Jünger hin ein / und sahe / und gleubets (das er were weg genomen / wie Magdalena zu jnen gesagt hatte). Denn sie wusten die Schrifft noch nicht / das er von den Todten aufferstehen müste. Da gingen die Jünger wider zusammen.“

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Als Sprachgenie sah Luther dem Text also offensichtlich an, dass Johannes hier nicht alles gesagt hatte. Darum versuchte er damals, den inhärenten Widerspruch hier so aufzulösen wie bei einem schadhaften Pergament, das es an dieser Stelle ein wenig „auszubessern“ und zu ergänzen galt. Ähnlich scharfsinnig war nach ihm vielleicht nur noch Rudolf Bultmann, den manche Widersprüche der Evangelien, die er sich nicht erklären konnte, zu dem Schluss brachten, sein Rabbi Jeshua sei hier überhaupt nicht von den Toten – sondern ins „Kerygma“ auferstanden, das heißt: in die Verkündigung der Jünger, die danach einfach nur sagten, dass er auferstanden sei. Das heißt: die Auferstehung des Mensch gewordenen Sohnes Gottes von den Toten war in Wahrheit eine Auferstehung in die christliche Predigt. Auch ins christliche Gerede. Bitte nicht lachen! Es war nicht nur eine Schnapsidee.

Denn es war ja nicht zu übersehen, dass die gleichen apostolischen Angsthasen, die vor dem Tod Jesu (bis auf Johannes) alle geflohen waren, dass sie nach dessen Tod ganz unerklärlich anfingen, plötzlich unerschrocken von Jesus als dem Messias zu reden. DAS musste also wohl als die Auferstehung verstanden werden - nicht aber die völlig unrealistischen Berichte einer Auferstehung des ermordeten Jesus von den Toten. Sollten also jemals „die Knochen Jesu“ in Jerusalem gefunden werden, hätte das den „Glauben“ des großen Rudolf Bultmann, wie er selber sagte, nicht im Geringsten erschüttern können.

Das „leere Grab“ hat seitdem im Herzen der christlichen Theologie jedenfalls keine Heimat mehr. Ernsthaft und aufgeklärt kann es danach nur noch als eine Art frommer Metapher begriffen werden. Mögen die letzten Gläubigen im Kirchenraum also vielleicht noch an die simple Überwindung des Todes durch Jesus Christus glauben; die wortgewaltigen (letzten) Pfarrer vor ihnen wissen es besser. Denn nicht zuletzt ist es ja IHRE Predigt, in die der Herr da (angeblich) auferstanden ist. Aber hallo! Das ist das ominöse Kerygma: das größte theologische Fabeltier aller Zeiten. Es ist ein Einhorn aus Tübingen – und natürlich ein riesiger Schmarren.

Dass der christliche Glaube damit in seinem Herzen von innen her ausgehöhlt wurde, müssen wir hier nicht vertiefen. Denn die Mehrzahl der Theologen ist infolge dieses häretischen neuen Dogmas ja längst auch davon überzeugt, dass die Berichte der Evangelien generell nicht als zuverlässig missverstanden werden dürfen. Und das gilt natürlich besonders für das unglaublichste Wunder der ganzen Bibel. Das ist die Auferstehung Jesu (mit Haut und Haaren und seinen geheilten Wunden) aus dem Reich der Toten.

Da darf nicht wundern, dass die Ausstellung jener geheimnisvollen Stoffbahn in Turin (die in allen Details exakt jenem Leinen entspricht, das Joseph von Arimathäa in den Evangelien für die Beerdigung Jesu gekauft hatte) bei sehr vielen Theologen jetzt wieder nur ein Schulterzucken hervorruft. Denn das Turiner Grabtuch passt ja perfekt – und im Gegensatz zu allen Evangelien in geradezu obszöner Weise mit exakter Datierung! - in ein Ereignis, das die Crème der Theologen schon lange als nicht existent entlarvt hat. Damit kollidiert das konkrete Leinen von Turin aber frontal mit der neuen Lehre einer virtuellen Auferstehung Jesu in das „Kerygma“ der christlichen Predigt.

Festhalten müssen wir deshalb, dass der stärkste Widerstand gegen die Anerkennung der Authentizität des Grabtuchs Christi nicht etwa von außen, sondern aus dem Innern der Kirche kommt. - Das aber ist nicht neu, im Gegenteil. So war es im Westen eigentlich immer schon, seit das Grabtuch im Jahr 1357 hier erstmals in Lirey, in einem kleinen Weiler in der Champagne, von der Witwe eines gefallenen Kreuzfahrers ausgestellt wurde. Wie und wann es aus dem Osten genau dorthin kam, liegt im Dunkeln. Seit damals aber ist sein Verbleib in Europa für jeden Schritt wohl dokumentiert. Deshalb wissen wir auch, dass es 1389 wieder in Lirey ausgestellt wurde, feierlicher als zuvor, „als würde der Leib Christi, unseres Herrn, selbst ausgesetzt: durch zwei Priester, die mit Alben, Stolen und Manipeln angetan sind, mit höchster Ehrerbietung, brennenden Fackeln und auf einer Tribüne, die eigens für diesen Zweck errichtet wurde“, wie Pierre de Arcis, der Bischof von Troyes, den Vorgang damals kritisierte.

Er erinnerte dabei auch schon an die Einschätzung seines Vorgängers, dass es sich hierbei doch nur um eine Fälschung handeln könne. „Die Sache verhält sich so, Heiliger Vater“, schrieb er daher dem (Gegen-)Papst Clemens VII.: „Vor einiger Zeit hat in der Diözese von Troyes der Dekan der Stiftskirche von Lirey fälschlich und betrügerisch, aus Habsucht und nicht aus Frömmigkeit, nur um des Gewinnes wegen, für seine Kirche ein schlau gemaltes Tuch besorgt, auf dem durch geschickte Kunst das zweifache Bild eines Mannes mit dessen Rück- und Vorderseite gemalt wurde, wobei er fälschlich vorgibt, dies sei das wirkliche Grabtuch, in welches unser Erlöser Jesus Christus im Grab eingehüllt lag und wo sich das ganze Bild des Heilands mit seinen Wunden abgebildet habe.“ Auch viele Theologen hätten erklärt, fuhr er fort, dies könne nicht das wahre Grabtuch sein, da im Evangelium nichts von solch einem Bild berichtet werde. Es war eine scharfsinnige Argumentation. Der wütende Bischof hatte das Tuch deshalb auch gar nicht erst angeschaut. Die Ausstellung war aber von einem gewissen Gottfried von Charny organisiert worden, der sich dafür eigens die Erlaubnis desselben Papstes geholt hatte, der sie großzügig gestattete – nur unter der Bedingung, dass es in Lirey nicht „Sudarium“ (oder Schweißtuch) genannt werden dürfe. Dieses „Sudarium“ nämlich befinde sich in Rom, wo es regelmäßig den Pilgern gezeigt werde.

Damit sind wir bei einem zweiten Problem, das die Geschichte des Grabtuchs im Westen bis heute begleitet. Das ist die Frage der Identifikation. Denn weil es mit der Zeichnung seiner Blutflecken so eindeutig auf Jesus hinwies und auch dessen schattenhaftes Gesicht zeigte, wurde es hier von Anfang an fast automatisch mit jenem „Soudarion“ identifiziert, das Johannes so prominent im Kontext der Entdeckung des leeren Grabes erwähnt. Trotz der Mahnung von Clemens VII. – und trotz des Umstands, dass in Rom schon seit dem Jahr 1206 ein viel kleineres und zarteres „Sudarium“ öffentlich verehrt wurde – wurde das Grabtuch danach auch in Lirey und später in Chambéry immer wieder als „Sudarium“ bezeichnet. So (sudario) heißt es auch heute noch in Spanien und in Frankreich heißt es „Suaire“. Auch als es 1578 von Frankreich nach Italien kam, wurde das Grabtuch als „Sudarium“ vorgestellt, auch im 17., 18. und 19. Jahrhundert - bis sich endlich in Italien der Ausdruck „Santa Sindone“ für die heilige Leinwand durchsetzte.

Gelöst wurde das Dilemma der Identifizierung aber erst vor rund 40 Jahren, als der Kapuzinerpater Domenico da Cese (1905 – 1978) in dem Abruzzenstädtchen Manoppello ein geheimnisvolles Muschelseidentuch als das wahre Schweißtuch Christi identifizierte, das erstens identisch war mit dem zuvor so lange in Rom verehrten Schleier und zweitens kein Gegensatz zu dem Grabtuch von Turin war, sondern nur komplementär dazu begriffen werden kann. Es gibt keine Konkurrenz dieser Wunderbilder. Der Schleier ist das materielle „missing link“ zum Evangelium des Johannes, das – je länger und kritischer wir darauf schauen – eine Vielzahl von Widersprüchen der umfangreichen Grabtuchforschung gleichsam in Nichts auflöst.

Denn Johannes nennt ja nicht ohne Grund und explizit zwei Grabtücher („ta othonia .. kai to soudarion“). Hier sind sie. Es sind zwei Tücher mit zwei unerklärlichen Bildern. „Erst auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen darf eine Sache Recht bekommen“, heißt es schon im Buch Deuteronomium (19,15), dem großen Gesetzbuch Israels aus der Frühzeit. Darum waren auch Petrus und Johannes zum Grab geeilt. Es brauchte für die Auferstehung mindestens zwei Zeugen. Darum sind von dieser Begegnung bis heute auch zwei Dokumente übrig geblieben, die uns von dem Ereignis wie kein anderer Text berichten. Es ist ein Bild des Karsamstags und ein Bild des Ostermorgens. Es ist die schattenhafte Ur-Ikone des gekreuzigten und toten Jesus und es ist die Ur-Ikone vom „lebendigen Antlitz vom Erbarmen des Vaters“, das Papst Franziskus nun zum Leitbild des nächsten Heiligen Jahres erwählt hat. Das unerklärliche Wunderbild auf dem zarten Schweißtuch ist darum das, was Luther noch fehlte zur glaubwürdigen Versinnbildlichung der Aussage des Johannes: „Er sah und er glaubte“. Es ist das fehlende Bild zwischen all den Worten, das Johannes und Petrus schon im Grab gesehen haben müssen.

Wer es genau anschaut, kann in diesem Gesicht aber auch einen Anflug vom leisen Lächeln Gottes erkennen. Dass wir am Ende jenes Prozesses, in dem die aufgeklärteste Theologie des Westens heraus gefunden haben will, dass es das leere Grab Christi in Wirklichkeit niemals gab, dass in diesem Moment die beiden uralten Tücher (aus diesem Grab!) plötzlich gemeinsam zurück kommen und sich in einem Zusammenhang wahrnehmen lassen wie nie zuvor in der Geschichte. Dass sie zusammen zu sprechen beginnen. Von der Passion und der Auferstehung Christi erzählen deshalb in Zukunft nicht mehr nur die vier Evangelien, sondern auch noch – inmitten der gerade angebrochenen Revolution der Bilder - zwei geheimnisvoll fälschungssichere Bild-Dokumente, die seit dem 9. April des Jahres 30 fast unversehrt auf uns gekommen sind. Keine Predigt kann den schwach gewordenen Glauben an die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus glaubwürdiger befestigen. Das erklärt auch, warum der Widerstand gegen die Zumutung des Schweißtuchs Christi in Manoppello noch viel größer ist als der gegen das Grabtuch in Turin. Denn es ist und bleibt ja auch jetzt noch so viel leichter, an den Tod zu glauben – auch den Tod Jesu natürlich, und an den Tod Gottes! - als an die Auferstehung des Gottessohnes von den Toten. Christus ist und bleibt aber auferstanden. Resurrexit sicut dixit. Gott sei Dank und Halleluja!

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Baddes Bilder - DAS MENSCHLICHE ANTLITZ GOTTES im Heiligen Schweißtuch von Manoppello




Das Tuch von Manoppello im Tageslicht - Paul Badde darf es aus nächster Nähe betrachten





(c) kath.net/Alan Holdren EWTN



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