05 März 2014, 08:59
Liturgie: 'Worte der Kirchenväter' oder Alltagssprache?
 
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Dom Guéranger ist ohne Zweifel eine wichtige Figur der jüngeren Kirchengeschichte. Das Wirken des Abtes auf liturgischem und monastischem Gebiet ist bis heute maßgebend. Ein Gastbeitrag von M. Benedikt Buerger

Heiligenkreuz (kath.net) Die Erneuerung des benediktinischen Lebens sowie die liturgische Erneuerung sind die beiden wichtigsten Errungenschaften von Dom Prosper Guéranger OSB im nachrevolutionären Frankreich des 19. Jahrhunderts. Bereits im Jahr 2001 ist die derzeit sicherlich maßgebliche Biografie des Abtes aus der Feder von Dom Guy-Marie Oury OSB, selbst Mönch in Solesmes, erschienen. Die deutsche Übersetzung des Werkes mit dem Titel „Dom Prosper Guéranger (1805-1875). Ein Mönch im Dienst für die Erneuerung der Kirche“ wurde besorgt von Wilhelm Hellmann und im vergangenen Jahr schließlich verlegt von dem mit den Zisterziensern in Heiligenkreuz verbundenen Be&Be-Verlag. Das Buch umfasst mehr als 600 Seiten, wobei die Fakten durch beinahe 900 Endnoten ziemlich erschöpfend dokumentiert sind.

Nachdem durch die Französische Revolution der Kirche massive und anhaltende Schäden zugefügt worden waren, wuchs der am 4. April 1805 bei Le Mans geborene Prosper Guéranger in einer Zeit des Umbruchs und der ungewissen politischen Lage auf. Die „Karriere“ des späteren Benediktiners nimmt ihren Anfang nicht im Kloster (das kontemplative Leben in Frankreich war im Prinzip restlos erloschen), sondern im Priesterseminar seines Bistums. Doch bereits damals sieht Guéranger einen gewissen Reiz in der Vorstellung, Benediktiner zu werden. Dom Oury kommentiert diese frühe Phase der monastischen Berufung: „Der Abbé Guéranger fühlte sich nicht unmittelbar zu einem Leben des Gotteslobs, der Betrachtung und der Vereinigung mit Gott hingezogen. Ohne dies alles auszuschließen, sah er in der benediktinischen Lebensform damals eher einen Weg, um seine Studierfreude zu befriedigen, was er schwerlich als weltlicher Kleriker von Le Mans hätte tun können […].“

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Damals war in Frankreich der neogallikanische Ritus üblich. Als junger Priester entdeckte der Abbé Guéranger aber den römischen Ritus für sich: „Ich hatte in diesem Messbuch die noch lebendige Tradition jener Frühzeit der Kirche entdeckt, für die ich eine wahre Leidenschaft empfand. Die modernen Messbücher schienen mir von da ab in der Sprache jeder Autorität und Würde zu entbehren, das Werk eines einzigen Jahrhunderts und einer einzigen Landschaft zu sein, nach eigener Machart verfasst. Ich war nun endlich bekehrt … Dieses mir so liebe Messbuch verwendete die Worte der Kirchenväter, während das andere die Alltagssprache benutzte.“

An anderer Stelle heißt es: „Die Liturgie ist die Sprache der Kirche, der Ausdruck ihres Glaubens, ihrer Wünsche, ihrer Ehrerbietung Gott gegenüber. Also ist die Altehrwürdigkeit ihr oberstes wesentliches Charakteristikum. Jede Liturgie, die wir in ihrem Entstehen gesehen hätten und uns nicht von unseren Vorfahren überkommen wäre, könnte diesen Namen nicht beanspruchen.“ Gewiss lassen sich Parallelen zu bestimmten Geschehnissen der jüngsten Kirchengeschichte nicht leugnen, auch wenn Dom Oury von einem verbissenen Missbrauch der Formulierungen während der von Erzbischof Annibale Bugnini organisierten Liturgiereform spricht – wobei er seine Position nicht weiter begründet.

Der Siegeszug des römischen Ritus in Frankreich wurde begünstigt dadurch, dass der Abbé Guéranger das heute vielleicht berühmteste Benediktinerkloster der Welt in Solesmes gründete. Ohne selbst Benediktiner zu sein, und ohne als „Starthilfe“ auf einen Mönch aus der Zeit vor der Revolution oder aus dem Ausland bauen zu können, begann Dom Guéranger am 11. Juli 1833, dem Fest des heiligen Benedikt, mit einigen Gefährten in Solesmes das Ordensleben. So kam es, dass die Oberen der neuen Gemeinschaft genauso Novizen waren wie alle anderen.

Man kann förmlich den Finger Gottes sehen, wenn Dom Oury die Überwindung jener Schwierigkeiten schildert, mit denen Dom Guéranger bald zu kämpfen hatte. Zum einen gab es zahlreiche Interessenten am monastischen Leben, von denen jedoch nur die wenigsten tatsächlich durchhielten. Auch gab es massive finanzielle Probleme, die teilweise eine zu optimistische Sicht der Dinge durch Dom Guéranger als Ursache hatten. So gründete er etwa zu schnell zu viele Klöster. Und die immer noch unstete politische Situation war ebenfalls nicht dazu angetan, ein beschauliches Klosterleben zu führen.

Ausführlich berichtet Dom Oury über die vier Romreisen des Abtes. Dem bekanntesten Werk von Dom Guéranger, bekannt als „Das Kirchenjahr“, welches in 15 Bänden und vielen Übersetzungen erschien, ist ebenso ein Kapitel gewidmet wie der Wiedereinführung des gregorianischen Chorals sowie der Rolle, die Dom Guéranger bei der Vorbereitung des Ersten Vatikanischen Konzils einnahm (wenn er letztlich auch nicht an den Debatten in der Konzilsaula teilnahm). Für deutsche Leser dürften besonders die Verbindungen der Kongregation von Solesmes mit jener von Beuron interessant sein: „Der Prior von Beuron hatte sich entschlossen, sein eigenes Kloster zu einer deutschen Nachbildung von Solesmes zu machen, mit Ausnahme der typisch französischen Züge, die ihn anfänglich befremdet hatten.“ Diese deutsch-französichen Beziehungen sind übrigens – in vertiefter Form – auch das Thema des von P. Cyrill Schäfer OSB im EOS-Verlag herausgegebenen Buches „Solesmes und Beuron. Briefe und Dokumente 1864-1914“.

Dom Guéranger ist ohne Zweifel eine der wichtigsten Figuren der jüngeren Kirchengeschichte. Das Wirken des Abtes auf liturgischem und monastischem Gebiet ist bis heute maßgebend, obwohl die Irrungen und Wirrungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht förderlich für seine Anliegen waren. Es ist also durchaus angemessen, dass, wie zu Beginn dieser Buchbesprechung erwähnt, „Dom Prosper Guéranger 1805-1875. Ein Mönch im Dienst für die Erneuerung der Kirche“ gerade im Be&Be-Verlag erschienen ist – ist doch im Stift Heiligenkreuz die Wertschätzung für die Liturgie nicht zu übersehen.

kath.net-Lesetipp
Dom Prosper Guéranger 1805-1875
Ein Mönch im Dienst für die Erneuerung der Kirche
Von Guy-Marie Oury
Übersetzt von Wilhelm Hellmann
670 Seiten; 225 mm x 151 mm
2013 Be&be-verlag; Edition De Solesmes
ISBN 9783902694546
Preis 29.90 EUR

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