12 Mai 2012, 12:17
Schönborn: Dass sich Suchende dem Geheimnis Gottes nähern können
 
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Kirche soll sich für suchende Menschen auftun wie der 'Vorhof der Völker': Wiener Kardinal als päpstlicher Gesandter bei 450-Jahr-Feier der Wiedererrichtung des Prager Erzbistums - Predigt im Wortlaut

Prag (kath.net/KAP) Die gegenwärtige religiöse Situation in Tschechien und weithin in Europa ist "anspruchsvoll, aber auch hoffnungsvoll". Zu diesem Befund kam Kardinal Schönborn bei seiner Predigt am Samstag im Prager Veitsdom. Anlass dafür war die 450-Jahr-Feier der Wiedererrichtung des Prager Erzbistum, an der der Wiener Erzbischof als persönlicher Gesandter von Papst Benedikt XVI. teilnahm.

Die "Gottesfrage" des Menschen müsse Ausgangspunkt für eine "notwendige neue Evangelisierung" sein, hielt Kardinal Schönborn fest. Dabei erinnerte er an den Besuch des Papstes vor drei Jahren in Tschechien, wo dieser "die positive Chance dieser Kirchensituation in einem so säkularen Land" angesprochen hatte.

Der Blick zurück zeige, dass im 16. Jahrhundert die Kirche in Tschechien durch die katholische Reform "eine Zeit tiefer religiöser Erneuerung" erlebt habe, die nicht nur der Macht des Hauses Habsburg zu verdanken sei, so Kardinal Schönborn.

Gleichzeitig mache die Erinnerung an die Ereignisse vor 450 Jahren "die Komplexität der Geschichte bewusst, die dramatischen Konflikte und die verschlungenen Wege der Kirche und der Menschen". In diesem Zusammenhang zitierte der Kardinal die Worte von Papst Johannes Paul II. Dieser hatte 1999 sein "tiefes Bedauern" ausgesprochen "über den grausamen Tod von Jan Hus und für die daraus folgende Wunde, Quelle von Konflikten und Spaltungen, die dadurch im Geist und in den Herzen des tschechischen Volkes aufgetan wurden".

Hoffnung auf religiösen Aufschwung

Aufbruchsstimmung und Hoffnung auf einen religiösen Aufschwung wie vor 450 Jahren hätten auch viele in der Kirche nach dem "Wunder der 'Samtenen Revolution'" gehabt, sagte der Wiener Erzbischof. Heute zeige sich aber, dass die Kirche "in vieler Hinsicht eine Rand- bzw. Nischenexistenz" lebe, obwohl sie "anfangs als Kämpferin für die Freiheit geschätzt" wurde. In dieser Situation solle sich die Kirche nicht zu sehr mit irdischen und praktischen Fragen belasten.

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Vielmehr brauche es eine neue Evangelisierung und Aufmerksamkeit für jene Menschen, die sich selbst als Agnostiker und Atheisten ansehen. Dabei erinnerte der Kardinal an das vom Papst geprägte Bild vom "Vorhof der Völker" im Tempel von Jerusalem: So wie damals solle die Kirche sich auftun, dass sich suchende Menschen dem Geheimnis Gottes nähern können. Dafür sollten die Christen "den Weg einer dienenden, liebenden, Leid und Freude der Mitmenschen teilenden Kirche" gehen, sagte Kardinal Schönborn.

Der Festgottesdienst im Veitsdom war Höhepunkt der zweitägigen Feierlichkeiten im Gedenken an die Wiedererrichtung des Prager Erzbistums nach den hussitischen Auseinandersetzungen. Zuvor hatte am Freitag eine Konferenz über "Das Caritaswerk der Prager Erzdiözese in der Welt" stattgefunden. Erstmals nach fast hundertjähriger Pause ist beim Festgottesdienst wieder das vollständige Geläut des Veitsdomes erklungen.

Das Datum der Feierlichkeiten erinnert zudem an den Weihetag des Domes, der am 12. Mai 1929, als das Tausendjahr-Gedenken des Todes des Heiligen Wenzel begangen wurde, nach jahrhundertelanger Bauarbeit neu geweiht wurde. Zuvor hatte am Freitag eine Konferenz über "Das Caritaswerk der Prager Erzdiözese in der Welt" stattgefunden.

Die 1344 gegründete Erzdiözese Prag war seit 1425, als der hussitenfreundliche Erzbischof Konrad III. von Vechta seines Amtes enthoben wurde, unbesetzt gewesen. Faktisch endete die Sedisvakanz am 5. September 1561 mit der Ernennung von Anton Brus von Müglitz zum Erzbischof, formal mit Dekret Kaiser Ferdinands I. vom 26. September 1562. Der aus Mähren stammende Anton Brus war zuvor seit 1558 Bischof von Wien gewesen.

Die Predigt im Wortlaut

"Mit großer Freude habe ich den ehrenvollen Dienst übernommen, im Auftrag unseres Heiligen Vaters Papst Benedikt XVI. die päpstliche Delegation zur 450-Jahr-Feier der Wiedererrichtung des Prager Erzbistums zu leiten und dem Gottesdienst im ehrwürdigen Veitsdom vorzustehen.

Das Ereignis, das wir feiern, ist Anlass zur Freude und Dankbarkeit, aber auch zur Nachdenklichkeit. Denn die Erinnerung an die Ereignisse vor 450 Jahren macht uns die Komplexität der Geschichte bewusst, die dramatischen Konflikte und die verschlungenen Wege der Kirche und der Menschen.

Im Licht des Wortes Gottes, mit den Augen des Glaubens, der uns hilft, klar zu sehen, will ich versuchen, darüber nachzudenken, wie Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreibt, wie das Sprichwort sagt.

Es ist ein Jubiläum der "Wiederherstellung". Nicht nur, dass heute nach fast hundertjähriger Pause wieder das vollständige Geläut des Veitsdomes erklungen ist. Es ist auch und vor allem die Wiederherstellung des Prager Erzbistums nach den Stürmen der Auseinandersetzung um das geistige Erbe von Jan Hus.

Und es ist heute der Weihetag des Domes, der am 12. Mai 1929, als das Tausendjahr-Gedenken des Todes des Heiligen Wenzel begangen wurde, nach jahrhundertelanger Bauarbeit neu geweiht wurde.

Es war wirklich eine Zeit der "Wiederherstellung". Die Erneuerung der Kirche von Prag, von Böhmen und Mähren, hat zu der großen Blüte des Barock geführt, deren Symbol der Kult des heiligen Johannes Nepomuk wurde, und deren bauliche Spuren noch weithin im Land sichtbar sind.

Man sage nicht vorschnell, diese katholische Reform sei nur der Macht des Hauses Habsburg zu verdanken. Es war auch eine Zeit tiefer religiöser Erneuerung, die ins Leben und in die Herzen der Menschen hineinwirkte.

Und doch blieben auch die Spuren der Auseinandersetzung um Jan Hus, den religiösen Reformer, über den der selige Papst Johannes Paul II. 1999 sagte: "Heute fühle ich mich verpflichtet, mein tiefes Bedauern auszusprechen über den grausamen Tod von Jan Hus und für die daraus folgende Wunde, Quelle von Konflikten und Spaltungen, die dadurch im Geist und in den Herzen des tschechischen Volkes aufgetan wurden".

Der Erzbischof, dessen wir heute als Erneuerer der Prager Erzdiözese besonders gedenken, war Antonin Brus z Mohelnice (Anton Brus von Müglitz, 1518 - 1580), vormals Bischof von Wien. Er war geprägt von der "milden" Geisteshaltung seiner mährischen Heimat und bemühte sich um einen Ausgleich der Konfessionen und lehnte Zwang und Verfolgung bei der Rekatholisierung ab.

Die Lage in Wien und in Prag war dramatisch. 80 Prozent von Wien waren bereits protestantisch, seit 20 Jahren hatte es keine Priesterweihe gegeben. Auch in Prag war die Zahl der Katholiken drastisch zurückgegangen. Man spricht von nur mehr 15 Prozent.

Mit der Wiederbesetzung des Prager Bischofstuhles begann ein gewaltiger Aufschwung des kirchlichen Lebens, die "katholische Reform". Gewiss, sie war sehr tatkräftig vom Kaiserhaus gestützt und gefördert. Aber es war doch eine echte religiöse Blütezeit.

Hegten wir nicht alle ein wenig solche Hoffnungen, als am 12. November 1989 mit 10.000 Pilgern aus der Tschechoslowakei Agnes von Böhmen in Rom heiliggesprochen wurde? Ich war dabei und wurde Zeuge dieser unglaublichen Aufbruchsstimmung, voll Hoffnung und Erwartung. Wenige Tage später geschah das Wunder der "Samtenen Revolution".

Doch es kam (bisher) nicht zu einem vergleichbaren Aufschwung wie damals, vor 450 Jahren. Seit 1990 ist Tschechien frei, und die Verfolgung der Kirche ist zu Ende. Deo gratias! Tschechien ist in der EU, und zu den starken Eindrücken der neuen Lage gehört, dass wir ohne Grenzen leben. Wien - Prag: ohne die schreckliche Grenzkontrolle der kommunistischen Zeit, ja ohne irgendeine Kontrolle.

Ja, da ist Aufschwung, da ist Neues, da ist Großes geschehen in der säkularen Welt der Politik, der Wirtschaft. Aber religiös? Die Kirche, anfangs als Kämpferin für die Freiheit geschätzt, lebt heute in vieler Hinsicht eine Rand- bzw. Nischenexistenz. Wenige nur bekennen sich klar als Christen.

Die neue Freiheit hat die alte kommunistische Säkularisierung nur verstärkt. Wo ist heute der religiöse Aufschwung? Welchen Aufschwung sollen wir heute erhoffen?

Was sagt uns Gott dadurch? Welche Weisungen geben uns die Worte der Heiligen Schrift, die wir gehört haben? Wie finden wir einen positiven Sinn in dem, was der Herr seiner Kirche zumutet nach den Jahren der Nazi-Besetzung und der kommunistischen Periode?

Eine Weisung finde ich in dem Gespräch Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen: "Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg (d.h. dem Berg Garizim, auf dem die Samariter Gott anbeten) noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet... Aber die Stunde kommt und ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit".

Hat der Herr uns mit diesem Wort nicht auf eine andere Dimension verwiesen als auf die Hoffnung, dass die Kirche die Wiederherstellung ihrer alten Pracht erleben wird? Die Anbetung Gottes "im Geist und in der Wahrheit" - was bedeutet sie für heute?

"So will der Vater angebetet werden". Gibt die Predigt des Stephanus nicht eine erste Antwort, wenn er daran erinnert: "Der Höchste wohnt nicht in dem, was von Menschenhand gemacht ist... Was für ein Haus könnt ihr mir bauen? Spricht der Herr... Hat nicht meine Hand dies alles gemacht?"

Alle die sehr irdischen und sehr praktischen Fragen einer Kirche, die nach den Jahren des Kommunismus wieder in Freiheit leben kann, sind Ihnen, liebe Brüder und Schwestern, wohl vertraut. Sie belasten oft, sie gehören aber zum irdischen Pilgerweg der Kirche.

Sie können auch zur Belastung für die so notwendige neue Evangelisierung werden. Sie nähren bei vielen Zeitgenossen den Verdacht, als ginge es der Kirche nur um sich selbst, um ihren Erhalt, um ihre große Vergangenheit.

Gerade in dieser Situation kann die Erfahrung der Kirche in Tschechien eine Hilfe für die Kirche im heutigen, stark säkularisierten Europa sein. Papst Benedikt hat in so beeindruckender Weise die positive Chance dieser Kirchensituation in einem so säkularen Land angesprochen, als er über seine Reise nach Tschechien sprach. Für mich waren diese Worte wie ein Wegweiser für die Kirche in ganz Europa.

Am 21. Dezember 2009 sagte er im Rückblick auf seinen Pastoralbesuch bei Ihnen, wie freudig überrascht er über die Herzlichkeit und das Interesse war, mit der er aufgenommen wurde, obwohl man ihm gesagt hatte, die Christen seien in diesem Land eine Minderheit, die Mehrheit seien Agnostiker und Atheisten.

Und dann sagte er Worte, die mich tief beeindruckt haben: "Vor allem ist mir wichtig, dass auch die Menschen, die sich als Agnostiker oder als Atheisten ansehen, uns als Gläubige angehen. Wenn wir von neuer Evangelisierung sprechen, erschrecken diese Menschen vielleicht. Sie wollen sich nicht als Objekt von Mission sehen und ihre Freiheit des Denkens und des Wollens nicht preisgeben.

Aber die Frage nach Gott bleibt doch auch für sie gegenwärtig... Als ersten Schritt von Evangelisierung müssen wir versuchen, diese Suche wach zu halten, uns darum bemühen, dass der Mensch die Gottesfrage als wesentliche Frage seiner Existenz nicht beiseite schiebt. Dass er die Frage und die Sehnsucht annimmt, die darin sich verbirgt".

Und dann sprach der Heilige Vater von dem Bild des "Vorhofs der Völker" im Tempel von Jerusalem als einen Ort, wo suchende Menschen sich dem Geheimnis Gottes nähern können. Und er schloss: "Ich denke, so eine Art 'Vorhof der Heiden' müsse die Kirche auch heute auftun, wo Menschen irgendwie sich an Gott anhängen können, ohne ihn zu kennen und ehe sie den Zugang zum Geheimnis gefunden haben, dem das innere Leben der Kirche dient".

Diese so wegweisenden Worte des Heiligen Vaters scheinen mir besonders treffend zu sein für die jetzige Situation nicht nur in Tschechien, sondern weithin in Europa. Sie sind anspruchsvoll, aber auch hoffnungsvoll.

Sie fordern uns auf, unsere Herzen, unseren Geist, unsere Liebe und Aufmerksamkeit weit zu öffnen für die vielen unserer Zeitgenossen, "denen Gott unbekannt ist und die doch nicht einfach ohne Gott bleiben, ihn wenigstens als Unbekannten dennoch anrühren möchten", wie der Papst abschließend sagt.

Das heutige Jubiläum lädt uns ein, so denke ich, zu diesem Auftrag des Heiligen Vaters unser "Ja" zu sagen, den Weg einer dienenden, liebenden, Leid und Freude der Mitmenschen teilenden Kirche zu gehen. Der Herr selber gebe uns dazu seinen Geist und seine Kraft. Amen."

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Foto: (c) Erzdiözese Wien







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