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‚Wir akzeptieren zu wenig die Größe der Verletzung’

30. September 2009 in Interview, keine Lesermeinung
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Enormer Zulauf zur Fachtagung "Verletzung, Verbitterung, Vergebung" in Wien - Kath.Net-Exklusivinterview mit Pfarrer Bernd Oberndorfer, Geschäftsführer des Instituts "Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie"


Wien (kath.net)
Kath.net: Das 2007 in Graz gestartete Projekt „Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie“ wird am 10. Oktober mit einer Fachtagung in Wien fortgesetzt. Wie ist die Resonanz?

Oberndorfer: Außerordentlich groß, was sicher auch daran liegt, dass hier ein bisher zu wenig beachtetes Thema zur Sprache und Diskussion gestellt wird. Wir haben bis heute 450 Anmeldungen und rechnen mit mehr als 600 Teilnehmern.

Kath.net: Könnten sie kurz die Fragestellung dieser Tagung skizzieren?

Oberndorfer: Tatsächlich knüpfen wir thematisch nahtlos am Vorjahr an, wo wir uns mit Schuld, Schuldgefühl und der Frage nach dem freien Willen als Voraussetzung zur Unterscheidung auseinandergesetzt haben.

Jetzt geht es um die intra- und interpersonale Dynamik von Schuldgeschehen. Menschen als soziale Wesen werden sich immer verletzen, gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst. Die Frage ist eher, ob wir uns in einen Teufelskreis der Kränkungen einlassen, verbittert oder aggressiv reagieren oder doch echte Vergebung gelingt.

Kath.net: Warum fällt es uns so schwer zu vergeben?


Oberndorfer: Unter anderem deshalb, weil wir zu leicht vergeben. Wir akzeptieren zu wenig die Größe der Verletzung bei uns selber und anderen, bemerken nicht, wie dauerhaft sich Kränkungen in uns einschneiden, manifest werden, uns und unsere Beziehungen verändern, ja deformieren. Wir überspringen oder unterdrücken Gefühle wie Wut, weil wir sie als negativ identifizieren. Aber in ihnen steckt auch eine positiv zu nutzende Kraft.

Kath.net: Sieht das ihr christlicher Glaube nicht anders? Muss der Christ nicht vergeben?

Oberndorfer: Aber kann ich tun, was ich nicht tun kann? In vielen Beichtgesprächen mache ich die Erfahrung, dass Menschen schwer damit zu kämpfen haben, dass sie jemanden nicht vergeben können, dass sie Hassgefühle haben. Und dann kippt ihr Gespräch rasch auf die ungerecht empfundene Kränkung. Aufs erste schaut das aus, als ob sie einen Sprung vom Schuldbekenntnis zur Schuldzuweisung machten.

In Wirklichkeit erlauben sie sich in diesem geschützten Rahmen, ihre Gefühle der Verletzung mit gleichsam kanalisierter Wut zur Sprache zu bringen. Dadurch auch eine Distanz zum Verursacher zu setzen. Und erst aus der souveränen Distanz heraus können sie wirklich vergeben.

Kath.net: Ist Vergeben also eine Frage der Macht?

Oberndorfer: Vergebung kann durchaus Machtausübung bedeuten. Jemanden zuzusagen „Ich vergebe dir“ inkludiert die Aussage „Du bist schuldig“, es bedeutet, sich über den anderen zu erheben, quasi besser zu sein. Solche Vergebung versucht, Macht auszuüben. Sie wird deshalb auch faktisch vom anderen nie angenommen, zementiert eher feindseliges Verhalten ein.

Vergebung muss vielmehr erbeten werden. Und das wird nur geschehen, wenn beide sich gleichermaßen als ständig vergebungsbedürftig auf gleicher Ebene begegnen. Sonst bleibt Vergebung ein Tauschhandel, der mein Verzeihen gegen deine Reue gibt.

Es geht um Vergebung ohne aufzurechnen, ohne Bedingungen, freilich auch ohne zu vergessen oder zu bagatellisieren. Manches muss in dieser Welt geradezu „unverzeihlich“ bleiben, um der Gerechtigkeit und Würde der Opfer willen.

Kath.net: Braucht es Gott zur Vergebung?

Oberndorfer: Die Existenz Gottes als transzendentaler Vorbedingung für Vergebung ist mir geradezu eine Art indirekter Gottesbeweis. André Comte-Spionville, ein Agnostiker, hat die Barmherzigkeit als die Tugend der Vergebung bezeichnet und ihr für uns unerreichbare Unendlichkeit zugeschrieben. Tatsächlich halte ich Vergebung erst im Raum solcher unendlicher göttlicher Barmherzigkeit für wirklich möglich.

Kath.net: Was erwarten sie sich von der Fachtagung?

Oberndorfer: Manchmal beobachte ich, wie Menschen plötzlich wirklich verzeihen können, Verhärtungen sich lösen und manchmal bleibt alles blockiert. Als Priester glaube ich daran, dass dies viel mit Gnade zu tun. Aber ich bin gespannt, welche psychischen Mechanismen hier die Naturwissenschaften aufzeigen können.

An der Tagung ist jeder Interessierte willkommen. Die Anmeldung erfolgt online auf rpp2009.org.

Foto: © rpp-congress.org


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