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Gerichtsgutachter: Gesellschaft leidet an Wertschätzungskrise

4. August 2019 in Familie, 2 Lesermeinungen
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Psychologe Haller warnt vor Narzissmus und Sucht nach Lob - Bei jedem Menschen kann das "innewohnende Böse" irgendwann zum Durchbruch kommen


Wien (kath.net/KAP) Der Psychologe und Gerichtsgutachter Reinhard Haller warnt vor einer Wertschätzungskrise in der Gesellschaft. Gründe dafür seien ein zunehmender Narzissmus und die Sucht nach Lob. "Jeder will gelobt und anerkannt sein und reagiert tief gekränkt, wenn er das nicht erhält", sagte Haller im Interview für die sechste Folge der "Sommergespräche" auf "radio klassik Stephansdom" und die Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag". Als Gegenmodell zur negativen Spirale von Erwartung und Enttäuschung, Kränkungen und Leid schlug der Gerichtsgutachter vor, Menschen mit mehr Wertschätzung zu begegnen. "Es gibt keinen besseren Motivationsfaktor", betonte der Autor des 2019 erschienenen Buchs "Das Wunder der Wertschätzung".


Jeder Mensch habe gute und schlechte Anteile in sich, erklärte Haller, der als Gutachter im Fall des Serienmörders Jack Unterweger und Briefbombenattentäters Franz Fuchs eine breite Bekanntheit erlangte. Eine Versinnbildlichung von diesem Bösen sei das biblische Bild der Verführung Evas mit dem Apfel der Schlange oder die theologische Vorstellung der Erbsünde.

Bei jedem Menschen könne das "innewohnende Böse" irgendwann zum Durchbruch kommen. "Das Böse kann niemand so recht erklären", so der Neurologe wörtlich. Sicher sei nur, dass es sein Gesicht immer wieder wandle und in unterschiedlichen Formen zutage tritt.

Im Zusammenhang mit dem Bösen habe die Angst eine Art Schutzfunktion und sollte "ein Wachhund in unserm Leben sein". Gleichzeitig dürfe sie "aber niemals zu einem reißenden Wolf werden", warnte der Psychiater. Angst sei zwar "nicht von vornherein etwas Schlechtes", könne aber die Lebensfreude nehmen, bedrücken oder misstrauisch machen. Um dem entgegenzuwirken sei das richtige Maß an Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit in den ersten drei Lebensjahren besonders wichtig, erklärte Haller, der sich selbst als "ängstlicher Mensch" und "ängstlich erzogen" bezeichnete.

Als "begnadet" bezeichnete Haller hingegen Menschen, die "das Glück eines religiösen Bezugs haben, die also so etwas wie Glauben in sich verspüren". Glaube bestehe im Zwischenbereich von Wissen, Ahnen und dem Abwägen von Möglichkeiten und Hoffnungen. Man könne darum "nicht ungläubig sein", erklärte der Psychotherapeut. Keine Chance hätten im Gegenzug aber auch alte Vorstellungen und Erklärungsmodelle, die vorschreiben würden, was man zu glauben habe. Der Glaube beginne dort, wo man erkenne, dass man sich als Mensch "nur in bestimmten Dimensionen bewegen und denken kann", zeigte sich der Buchautor überzeugt.

Copyright 2019 Katholische Presseagentur KATHPRESS, Wien, Österreich - Alle Rechte vorbehalten


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