21 August 2018, 09:30
Erworbenes und übernatürliches Wissen – wo liegt die Grenze?
 
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„Mir selbst sind einige gutsituierte, beruflich etablierte Persönlichkeiten bekannt, Aktivmitglieder einer sektenähnlichen Gruppierung, bis vor Kurzem haben sie einen Weltuntergang erwartet.“ Gastkommentar der Religionspsychologin Martha von Jesensky

Zürich (kath.net) Unsere Einstellungen, Überzeugungen, Wertempfindungen und ähnliches basieren im Allgemeinen auf im Laufe des Lebens erworbenen Erkenntnisse und Erfahrungen, die zum größten Teil konsensfähig und realitätsbezogen sind. Nichtsdestotrotz handeln wir oft irrational. Warum?

Der US-Psychologe und Kognitionsforscher Leon Festinger (1919-1989) machte in den 1950er Jahren eine überraschende Entdeckung: Wenn es uns gelingt, innere Konflikte, wie Schuldgefühle, Unbehagen wegen realitätsfremden Gedanken, Überzeugungen, Emotionen, Ängste und sonstige negative Spannungen zu lindern, ändern wir unsere Ansichten schnell. Wie kam er zu dieser Idee?

Der Psychologe arbeitete im Jahre 1942 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und wollte herausfinden, was in den Köpfen der Menschen vor sich geht, deren Überzeugungen der Realität ganz offensichtlich zuwiderlaufen. Es ging um einen ausgebliebenen Weltuntergang, an den die esoterische Sekte um Dorothy Martin (1900-1992), namens Seekers, glaubte. Der Forscher schloss sich aus wissenschaftlichem Interesse der Sekte an, die behauptete, im Kontakt mit Außerirdischen zu stehen. Manche Sektenmitglieder glaubten so fest daran, dass sie ihre Häuser verkauften und ihre Jobs kündigten, um gemeinsam die Reise in eine bessere Welt anzutreten. Der Weltuntergang blieb natürlich aus.

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Wie Festinger erstaunt feststellte, deuteten die Sektenmitglieder nach kurzer Zeit Verwirrung das Ausbleiben der Außerirdischen um, indem sie sagten: „Die spirituelle Kraft ihrer Gemeinschaft habe die Welt noch einmal vor dem Untergang gerettet. Von diesem Moment an, so der Forscher, begannen die Seekers, die zunächst nicht missioniert hatten, eifrig neue Anhänger zu rekrutieren. Sie vertraten ihre verquere Weltsicht also mit noch mehr Überzeugung als zuvor, obwohl sie so augenfällig widerlegt worden war.“ (Vgl. GEHIRN & GEIST, Juni 2018)

In der Fachsprache nennt man das „Kognitive Dissonanz“, was gleichbedeutend ist mit realitätsfremdem Denken. Wenn zum Beispiel Patienten sowohl ihren Therapeuten als auch die Behandlungsmethode selber auswählen, neigen sie stärker dazu, beiden eine zu hohe Wirksamkeit zuzuschreiben. Einwände, die diesem Heilungsziel widersprechen, blenden sie einfach aus. (Zwischenbemerkung: Es hat mit Selbstsuggestion zu tun.)

Mir selbst sind einige gutsituierte, beruflich etablierte Persönlichkeiten bekannt, Aktivmitglieder einer sektenähnlichen Gruppierung. Ich durfte ihre Lebens- und Einstellungsweise teilweise kennenlernen. Bis vor Kurzem haben auch sie einen Weltuntergang erwartet. Jemand wollte sogar seinen Job kündigen, ein anderer hat sein Testament bei einem Notar deponiert. Als der Weltuntergang (an einem bestimmten Tag!) nicht eingetroffen ist, bekam ich zu hören: „Gott wartet noch, damit sich noch viele Menschen bekehren“.

Nun, dass realitätsfremdes Denken auch als Wunschdenken wahrgenommen werden kann, ist nicht neu. In seiner starken Ausprägung kann er zur Leidenschaft mutieren, zu einer völlig ergreifenden, schädlichen Emotion. Dahinter steckt der Drang, Triebbedürfnisse (egal welcher Art auch) zu befriedigen. Meistens handelt es sich um sexuelle, selbstbehauptungs- oder Machtbedürfnisse. Auch bei gläubigen Christen. Hier stellt sich die Frage:

Können Christen mit ihrem erworbenen Glaubenswissen ihren schädlichen Leidenschaften nicht selbstregulierend entgegenwirken? Nein, wenn ihnen das „eingegossene“ (übernatürliche) Wissen“ fehlt, sagt Ignatius von Loyola (1491-1566). Wie das gemeint ist, erklärt er in einem Brief an die Gesellschaft Jesu in Coimbra: (Auszug)

„Wissenschaft und Erfahrung lehren Sie, dass zur Erzeugung eines Menschen oder eines anderen Lebewesens … eine eigene unmittelbare Wirkung von derselben Gattung nötig ist, damit die betreffende Lebensform zustande kommt, die dem neuen Individuum eigen ist… Ebenso verhält es sich auf dem geistlichem Gebiet: um in andern die Form der Demut, Geduld, Liebe usw. herzubringen, will Gott, dass die von Ihm gleichsam als Werkzeug benützte unmittelbare Wirkursache – zum Beispiel der Prediger oder Beichtvater – demütig, geduldig und voller Liebe sei. In dem Masse also, wie Sie in jeglicher Tugend sich selbst vervollkommnen, dienen Sie auch ganz hervorragend den Mitmenschen; denn Sie werden durch ein tugendhaftes Leben zu einem nicht weniger tauglichen, ja zu einem noch geeigneteren Werkzeug zur Vermittlung der Gnaden, als durch das Studium, wenngleich zu einem idealen Werkzeug beides nötig ist.“ (Rom, 7. Mai 1547)

Diesem Ideal widersprechen aber missbräuchliche sexuelle Praktiken gewisser Priestern, die eigentlich als Erzieher und Glaubensvermittler höchste Verantwortung tragen. Siehe hierzu einen Auszug aus einem Bericht von Dr. Armin Schwibach für kath.net:

„Benedikt XVI. wird als der Papst in die Geschichte eingehen, der am entschiedensten gegen diese Geisel gekämpft hat. Über 400 Priester wurden „laisiert“ … Was weniger bekannt oder bewusst ist: in den acht Jahren seines Pontifikats legte der Papst fast 100 Bischöfen den Rücktritt nahe, da sie ihrer Aufgabe und ihrem Amt zuwider gehandelt hatten oder aufgrund ihres moralischen Lebens untragbar geworden waren … ‘Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden‘, so Benedikt XVI., …‘sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche. Und darum ist es für die Kirche zutiefst notwendig, dass sie neu lernt, Busse zu tun…Mit einem Wort, wir müssen gerade das Wesentliche neu lernen: die Umkehr, das Gebet, die Busse und die göttlichen Tugenden“. (30. Juli 2018)

Schlussendlich geht es um die Gewissenserforschung. Sie öffnet die Tür zu göttlichen Tugenden. Ihre reifste Frucht ist wahre Selbsterkenntnis. Greet Groote (geb. 1340), Begründer der Devotio moderna (das berühmte Buch von Thomas von Kempen „Nachfolge Christi“ stammt aus dieser Bewegung), lehrt:

„Die Erkenntnis der eigenen Fehler bewirkt, dass der Mensch sich selbst widerlich wird, und je weniger ein Mensch selbstgefällig ist, umso mehr wird er gottgefällig. So wirst du aus der Erfahrung mit dir selbst sehr viel mehr lernen, als dich alle Bücher lehren könnten, wenn Selbsterforschung fehlt. Und wenn du dich so mit deinem Innern befasst und es erforscht, dann werden dir alle heiligen Schriften von solchem Nutzen sein, als hättest du sie selbst verfasst…“ Ein solcher Mensch wird nicht mehr von dem Wunsch seiner sündhaften Neigung getrieben, sondern sich von dem anbetungswürdigen Willen Gottes leiten lassen. (Vgl. Greet Groote, Thomas von Kempen und die Devotio moderna, 1978, S. 268 und 109)

Schlusswort
Mit „Grit“ bezeichnet man im amerikanischen Englisch die Kombination aus Beharrlichkeit und Leidenschaft. (Angela Duckworth) „Grit“ ist verwandt mit der Persönlichkeitsdimension der Gewissenhaftigkeit („Wenn ich einen Plan habe, tue ich alles, um ihn zu verwirklichen“), setzt jedoch einen anderen Akzent. Während gewissenhafte Menschen häufig ihre Interessen, Ziele und Triebbedürfnisse wechseln, geht es beim „Grit“ um eine besondere Ausdauer in Bezug auf ein oder mehrere Vorhaben auf ein übergeordnetes Ziel.

Bei den Heiligen war das das Streben nach Vervollkommnung in Tugenden. Gott selbst kam ihnen mit seinem eingegossenem Wissen zu Hilfe. Ihr erworbenes Glaubenswissen (durch Erziehung, Katechese, Studium usw.) wurde auf diese Weise erweitert und sie wurden zu Vorbildern. Um eine religiöse Selbstverwirklichung zu erreichen, lohnt es sich auf ihr Leben zu blicken.

Dr. phil. Martha von Jesensky (Foto) ist Religionspsychologin und praktizierende Katholikin. Die Schweizerin führte lange eine eigene Praxis in Zürich, ihren (Un-)Ruhestand verbringt sie in Matzingen TG.

Foto (c) Martha von Jesensky

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