04 Oktober 2008, 12:38
Jerusalem ist der Ort des Rosenkranzes
 
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Die Oktober-Lese-Serie auf KATH.NET - Jeden Samstag Auszüge aus dem neuen Bestsellerbuch von Paul Badde exklusiv auf KATH.NET - Kapitel "59 Kugeln und ein Kreuz" - Teil 1:

Rom (kath.net)
KATH.NET bringt im Monat Oktober jeden Samstag Auszüge aus dem neuen Buch von Paul Badde über den Rosenkranz.

Buchbestelltipp: Heiliges Land – Auf dem Königsweg aller Pilgerreisen – Der neue Bestseller von Paul Badde

Kapitel "59 Kugeln und ein Kreuz" - Teil 1:

Als ich das aber alles zusammen fügen wollte, lebten wir bei den Benediktinern auf dem Zionsberg – gleich außerhalb des von Schüssen zernarbten Zion-Tores –, und da war Weihnachten mit all den Feiern rasch vorbei, bevor ich auch nur eine einzige Zeile geschrieben hatte. Am Stefanstag, dem 27. Dezember, ging ich deshalb noch einmal zum Grab Bargil Pixners auf dem kleinen Friedhof der Abtei, zu seinem schlichten Grabstein an der Mauer, und erinnerte mich. An seine große klobige Gestalt, den Schalk in seinen Augen, seinen Eigensinn, den gepflegten weißen Bart, den kahlen Schädel, die altertümliche Brille.

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Wir kannten uns nur zwei Jahre und waren doch noch einmal Freunde geworden in einem Alter, wo man eigentlich keine neuen Freunde mehr gewinnt, er um die 80, ich um die 50 Jahre alt. Mitten in der Intifada war ich auf die Schnapsidee gekommen, ihn für ein zukünftiges Rosenkranzbuch zu interviewen, weil er das Heilige Land kannte wie kein zweiter. Er hatte sofort eingewilligt. Wir hatten verschiedene hastige Sitzungen hinter uns gebracht, in denen ich ihn nach den genauen Orten befragte, in denen sich das Evangelium entrollt hatte. Doch abgehört hatte ich die Tonbänder nie, weil sich zu viele andere Aufgaben für mich dazwischen schoben und für Bargil ein plötzlicher Tod. Das war nun schon zwei Jahre her.

Doch jetzt setzte ich mich nach dem Besuch an Bargils Grab in mein Zimmer an den Schreibtisch, schaute aus dem Fenster und spürte, dass die Worte zum Rosenkranz auf diesem Berg plötzlich wie aus einer Quelle sprudelten: »In Jerusalem blühen auch im Winter Rosen«, notierte ich. Danach ging es los wie von selbst: Dunkelrot, rosa und weiß wie Schnee leuchten sie mir in der Dämmerung entgegen, schrieb ich weiter, wenn ich in der Früh durch den Garten zur Abtei »Mariä Heimgang« hinüber gehe. Wo auf der Welt könnte es friedlicher sein? Sogar die Vögel zwitschern auf dem Zionsberg anders, besonders morgens in der Früh, wenn sie die Schreie der Hähne und Rufe der Muezzine begleiten, die der Wind über das Kidrontal herüberweht.

Jetzt ist vor meinem Fenster wieder ein Wiedehopf in den entlaubten Feigenbaum geflogen und spreizt seinen Federkamm gegen den Himmel. Hinter dem Baum um schließt ein Gitter die Ruine, wo die Apostel die Gottesmutter nach ihrem Tod aufbahrten, bevor sie die Jungfrau unten im Tal Josaphat neben dem Garten Gethsemani begraben haben, wie die christlichen Jerusalemiter es sich seit Generationen erzählen.

In der Christnacht waren wir zu Fuß nach Bethlehem geeilt. Sanft es Licht der Sterne beschien die Stacheldrahtgebinde auf den Hirtenfeldern. Am Abend war im Osten der Gipfel des Ölbergs kupfern aufgeleuchtet, darüber ein Himmel in türkis, darin eine Wolke, im gleichen Glühen wie die Erde darunter, gerade so, als sei es eine zweite Schöpfung in der Höhe. Himmelfahrtsleuchten. Es war so schön, dass man sich unwillkürlich bekreuzigen möchte. Es war der letzte Blickwinkel Marias, den wir da teilten.

Hier hat sie gelebt. Gerade hinter dem Garten, wo jetzt die Rosen blühten, ist sie gestorben. Im Nachbarhaus war sie beim ersten Pfingstfest dabei, gerade eine Viertelstunde von Golgatha entfernt – gerade so weit wie von unserer alten Wohnung in der Helena Hamalka Street –, wo sie die Passion Christi aus allernächster Nähe mit erlitten hat: den Foltertod ihres Sohnes, »der für uns Blut geschwitzt hat, gegeißelt und mit Dornen gekrönt wurde, das Kreuz durch die Straßen der Stadt geschleppt hat, am Kreuz gestorben ist – und den sie hier auch zu Elisabeth getragen, in Bethlehem geboren, da vorne im Tempel aufgeopfert und nach drei Tagen wieder gefunden hat« – nachdem sie ihn mit Josef in der Stadt verloren hatte. Keine Frage: Jerusalem ist die Stadt des Rosenkranzes.

Ja, jedes Wort hat hier einen Ort. Das gibt es nicht einmal in Rom. Auch in der schönsten Stadt der Welt gibt es nicht diese Offenbarung Christi im Andenken der Steine wie in Jerusalem. Jerusalem ist der Ort des Rosenkranzes. Jeder Rosenkranz verbindet mit dieser Stadt.

Die Zeit des Rosenkranzes aber ist überall und jederzeit. Besonders in Zeiten großer Not. Im Rosenkranz schauen uns vier mal fünf Ikonen der Heilsgeschichte an. Die zwanzig verschiedenen Geheimnisse darf man sich deshalb auch vorstellen wie Schlüssellöcher in den Raum der Evangelien, durch die wir immer mehr von der Wirklichkeit der Erscheinung Gottes in Jesus erfassen – und zwar »mit den Augen seiner Mutter«, wie Karol Wojtyla sagte.

Im Rosenkranz schauen wir »durch die Worte hindurch wie durch ein Fenster auf das Leben Christi«, schrieb Joseph Ratzinger, »und schauen nicht bloß hin, sondern werden auch seine Zeitgenossen. Er wird unser Zeitgenosse, wir gehen mit ihm, er geht mit uns.« So gesehen, ist der Rosenkranz Theologie pur, allerdings für alle und nicht nur für Theologiestudenten – und es ist eine Theologie, die vom Gebet umrahmt ist und nicht vom Gerede. Es ist ein Sehen, das nicht seziert, sondern zusammenfügt. Keine Ideologie kann sich dieser Schau bemächtigen und kein Zeitgeist. Sie setzt den Verstand nicht aus, sondern befreit ihn.

Darum sind die Finger auch so wichtig – und die Schnur mit ihren 59 Kugeln und dem Kreuz für das Fingerspitzengefühl. Es ist eine Art Blindenschrift , um die Augen nicht abzulenken und den Verstand. Sie sollen sich nicht mit dem Zählen aufhalten müssen; das können sie hier ganz den Fingern überlassen. Deshalb lässt er sich auch überall beten, im Gehen und Stehen, im Bus und in der Bahn – im immer neuen Blick auf die Kindheit Jesu, auf seine drei letzten Lebensjahre, auf seine Passion, auf seine Auferstehung. Jeder Rosenkranz vernäht die christliche Existenz mit dem Heiligen Land. Jeder Kranz ist eine kleine Pilgerreise. Den Rosenkranz beten heißt: Pilgern mit den Fingern. Darum beten Fußpilger ihn auch so gern. Dazu ist es aber auch das einfachste – und süßeste – aller Gebete. Mit ihm geht es wie mit Mehl, das man im Mund kaut. Je länger man es zwischen den Zähnen hat, je mehr verwandelt sich die Stärke in Zucker. Der Rosenkranz erschließt sich deshalb erst vollständig in der häufigen, absichtslosen – und am besten täglichen – Wiederholung. Auch hier gleicht er dem Atmen der Pilger.

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