17 Juli 2007, 10:12
Die neuen Atheisten kommen
 
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Das Wiedererwachen der Religion macht auch ihre schärfsten Kritiker mobil – Eine Analyse von Marcus Mockler

Wien (kath.net/idea)
Über die Wiederkehr der Religion ist viel geschrieben worden angesichts eines zunehmenden islamischen Fundamentalismus, aber auch internationaler Begeisterung für den Papst und des rasanten Wachstums der Pfingstkirchen besonders in Lateinamerika. Doch die atheistische Konkurrenz schläft nicht – wie ein Titel „Gott ist an allem Schuld“ des führenden Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zeigt, der Ende Mai erschien. In kraftvollen Streitschriften bäumen sich immer mehr Autoren auf gegen Gott und sein Bodenpersonal. Der radikale britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins kommt im September mit einem neuen Buch auf den deutschsprachigen Markt, dessen englisches Original bereits heftige Auseinandersetzungen provoziert hat. Titel: „Der Gotteswahn“.

Richard Dawkins verachtet jede Religion. Für den 66-jährigen Naturwissenschaftler ist sie ein Virus, eine Krankheit. Der Glaube habe für viele Menschen die Bedeutung eines Schnullers – er gibt ein Gefühl von Trost und Geborgenheit, ist aber letztlich nur für Infantile geeignet. Die Evangelien sind für ihn nur antike Belletristik, und für den Gott des Alten Testaments findet er lediglich übelste Etiketten: ungerecht, kontrollsüchtig, ein rachsüchtiger ethnischer Säuberer, Schwulenhasser, Kindsmörder, Sadomasochist usw.

Gene statt Gott

Doch es ist nicht nur der Religionshass, der Dawkins berühmt gemacht hat. Es sind seine – rhetorisch brillanten – Bücher über die Evolutionsbiologie. Er zeigt die Wunderwelt von Pflanzen und Tieren auf diesem Planeten und verbreitet die radikale These, dass die Entwicklung des Lebens letztlich auf „egoistischen Genen“ basiert. Die Erbanlagen wollen sich ausbreiten und halten damit die Evolution in Gang. Evolution ist für Dawkins längst keine Theorie mehr, sondern wissenschaftlich bewiesene Tatsache. Seiner Ansicht nach haben viele Menschen nur deshalb Probleme mit dieser Sichtweise, weil sie nicht in langen Zeiträumen denken können. Wenn es für die Mutation (zufällige Veränderung im Erbgut) erst mal ein paar hundert Millionen Jahre Zeit gibt, dann sind mit Hilfe der natürlichen Auslese unendlich viele kleine Schritte denkbar, die vom ersten Einzeller bis hin zum Menschen führen. Dazu braucht es keinen Gott, meint Dawkins.

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Es gibt Bestsellerautoren …

Natürlich könne er auch nicht beweisen, dass es keinen Gott gibt. Aber dasselbe gelte für Einhörner, Zahnfeen und fliegende Spaghettimonster. Die Beweislast sieht er bei denen, die die Existenz Gottes behaupten. Religion ist für den streitbaren Wissenschaftler aus England nicht nur überflüssig, sondern höchst schädlich. Dawkins träumt von einer Welt ohne Religion. In dieser Welt gibt es keine Selbstmordattentate islamischer Fundamentalisten, keinen Antisemitismus, keine Kreuzzüge. Seine Lehre aus der Geschichte: Die Religion macht Menschen zu Mörder. Dawkins ist derzeit international der prominenteste intellektuelle Krieger gegen Gott, aber er hat viele Mitstreiter. Seinen Landsmann Christopher Hitchens etwa (Buchtitel: „Der Herr ist kein Hirte“) und den Amerikaner Sam Harris („Das Ende des Glaubens“). In Frankreich trommelt Michel Onfray gegen die Religion („Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss“), in Italien Piergiorgio Odifreddi („Warum wir keine Christen sein können“). Das alles sind keine Nischenphilosophen, sondern Bestsellerautoren, die lustvoll zur Attacke auf den Glauben blasen.

… und Kinderbuchautoren, die Gott verachten

Im deutschsprachigen Raum übernimmt die Giordano-Bruno-Stiftung die Rolle des antireligiösen Wadenbeißers. Hier versammelt sich im Namen der Wissenschaft die atheistische Elite. Im Beirat sitzen Prominente wie der Hirnforscher Wolf Singer, der Rechtsphilosoph Norbert Hoerster, die beliebten Kinderbuchautoren Max Kruse („Urmel aus dem Eis“) und Janosch („Oh, wie schön ist Panama“) und natürlich der Biologieprofessor Ulrich Kutschera (Kassel), der wie kein Zweiter in Deutschland gegen jeden Versuch kämpft, die Evolutionstheorie öffentlich in Frage zu stellen. Kutschera ist seit Jahren treibende Kraft, wenn es darum geht, evolutionskritische Wissenschaftler – etwa den Münchener Mikrobiologen Siegfried Scherer – ins Abseits zu stellen. Auch Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) bekam von ihm Schelte, als sie vorschlug, im Biologieunterricht auch über die Frage der Schöpfung zu sprechen. Nur mit der Dialogfähigkeit hapert es bei Kutschera. Einladungen, sich in der Öffentlichkeit mit einem Evolutionskritiker zu zoffen, nimmt er nicht an oder sagt sie – wie mehrfach geschehen – kurzfristig wieder ab.

Gottlose im Fernsehen

Die Giordano-Bruno-Stiftung entfaltet Breitenwirkung – etwa durch den gemeinsam mit dem Humanistischen Verband Deutschlands betriebenen Humanistischen Pressedienst, der vergangenen Oktober die Arbeit aufgenommen hat. Oder durch ihre Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid), die mit empirischen Untersuchungen die Ansprüche der Konfessionslosen zu untermauern versucht. Vorstandssprecher der Stiftung ist der Philosoph und Schriftsteller Michael Schmidt-Salomon (Newel bei Trier). Er gehört neben Kutschera zu den präsentesten Atheisten im deutschsprachigen Raum, etwa mit seinem Auftritt bei Maischberger oder durch das einstündige Interview mit ihm, das 3sat zur Osterzeit in der Schweiz und in Deutschland ausgestrahlt hat. Schmidt-Salomon leitete auch die PR-Kampagne des Zentralrats der Ex-Muslime, der im Februar unter dem Motto „Wir haben abgeschworen“ an die Öffentlichkeit ging. Er sieht den Atheismus im Aufwind. Der Förderkreis der Giordano-Bruno-Stiftung habe inzwischen rund 600 Mitglieder, die meisten seien erst in den vergangenen Monaten hinzugekommen. Aufgrund seiner Medienaktivitäten habe er rund 2.000 E-Mails, Faxe und Briefe zu Hause liegen, die er noch nicht beantworten konnte.

Beifall von Evangelikalen

Schmidt-Salomon, der auch ein „Manifest des evolutionären Humanismus“ verfasst hat, führt das neue Interesse am Atheismus darauf zurück, dass die Menschen wieder konsequenter denken und handeln. Der Normalbürger könne via Internet auf mehr Informationen zurückgreifen als früher, und Weltpolitik ist nicht erst seit dem 11. September ohne die Beschäftigung mit Religion völlig unverständlich. „Das bedeutet: Die Menschen glauben heute konsequenter – oder sie lehnen den Glauben konsequenter ab“, sagt Schmidt-Salomon im idea-Gespräch. Zwischen diesen beiden Positionen werde ein liberaler Glaube – eine Religion mit dem Anstrich der Aufklärung – zerrieben. Und das findet der Glaubenskritiker auch gut so. In seinen Vorträgen bekomme er häufig Beifall von Evangelikalen, wenn er Christen auf Basisaussagen ihres Glaubens verpflichtet. Auf das Kreuz Jesu zum Beispiel, das ohne eine klare Vorstellung von Sünde und Gericht Gottes nicht verständlich sei. Schmidt-Salomon: „Jesu Erlösungstat ist ohne Voraussetzung von Hölle und Tod so sinnlos wie ein Elfmeterschießen ohne gegnerische Mannschaft. Das würde sich auch kein Mensch angucken.“

Auch Atheisten wollen Feiertage

Der Atheistensprecher hält den christlichen Glauben – wie auch alle anderen Religionen – für Quatsch. Kulturell habe der Gottesglaube zwar „Schatzkammern“ hervorgebracht, in ihm steckten aber auch „Grauenhaftigkeiten“ und „Wahnhaftes“. Schmidt-Salomons Vision für eine moderne westliche Industrienation: Die Religionsfreiheit muss gewahrt bleiben, doch dürfen Glaubenssätze in der politischen Debatte keine Rolle mehr spielen. Deutungsmuster jenseits der reinen Evolutionslehre sollten auf keinen Fall in den Biologieunterricht schwappen. Statt konfessioneller Religionsstunde wünscht er sich an öffentlichen Schulen Ethik- und Lebensgestaltungsunterricht. Und dass die Kirchen ein paar ihrer Feiertage an die Atheisten abtreten, hält er angesichts von einem Drittel Konfessionsloser in der deutschen Bevölkerung nur für billig. Er könnte sich einen „Tag der Menschenrechte“ oder einen Feiertag für die Evolution vorstellen. Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (Berlin) ordnet das Erstarken des Atheismus in das weltweite Erstarken des Fundamentalismus ein – in diesem Fall eben in seiner gottlosen Spielart. Atheistische Naturwissenschaftler behaupteten, die Wirklichkeit durch Zahlen, Naturgesetze und Theorien objektiv abbilden zu können. „Das ist eine Ideologie. Im richtigen Leben bleiben Unsicherheiten und Geheimnisse, die Naturwissenschaftler nicht erklären können.“ Ärgerlich findet Utsch die Überheblichkeit der Atheisten, obwohl sie auf Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach dem Umgang mit Leid keine Antworten hätten.

Christsein ist gesünder

Außerdem sollten sie sich auch einmal mit der Heilsamkeit der Religion beschäftigen. So investierten in den USA die Gesundheitsbehörden Millionenbeträge in „Vergebungsforschung“, weil sich herausgestellt habe: Wer vergibt, lebt gesünder. Für Christen sei Vergebung ein wesentlicher Teil ihres Glaubens. Generell gelte die Beobachtung, dass religiöse Menschen weniger depressiv seien. „Die Krankenkassen müssten eigentlich mal einen Einführungskurs in den christlichen Glauben finanzieren – auf dem Hintergrund der gesundheitsfördernden Wirkung des Glaubens könnten sie damit viel Geld sparen“, schlägt Utsch vor.

Viele fromme Wissenschaftler

Beim Leiter des Instituts für Glaube und Wissenschaft (Marburg), dem Althistoriker Jürgen Spieß, löst der Selbstanspruch der neuen Atheisten nur Kopfschütteln aus. Die Behauptung, dass sich Naturwissenschaft und Gottesglaube gegenseitig ausschließen, sei eine Lüge. Eine große Zahl von Naturwissenschaftlern habe kein Problem damit, Arbeit und Glauben miteinander zu vereinbaren. Und das auch unter Spitzenwissenschaftlern. Als Beispiel nennt Spieß Francis Collins, den Direktor des Humanen Genomprojekts (Bethesda/US-Bundesstaat Maryland), in dem die Erbinformationen des Menschen entschlüsselt wurden. Collins ist ein Evangelikaler, dem es keine Probleme bereitet, dass Gott seine Informationen in die Gene von Lebewesen geschrieben hat – für ihn ist naturwissenschaftliche Forschung sogar „Gottesdienst“. Fromme Wissenschaftler sind nach Spieß’ Überzeugung auch eine Chance für Gemeinden. Wenn im Herbst eine öffentliche Debatte um die neuen Atheisten tobt, könne man in Kirchen und Gemeindehäusern christliche Wissenschaftler um ein Referat bitten – und hätte damit schon eine wesentliche Behauptung der Atheisten wirkungsvoll entkräftet (Anfragen nach Referenten sind möglich über das christliche Professorenforum, Fax 0641-9751840 und hjhahn@professorenforum.de).

Massenmordende Atheisten

Nicht weniger schlimm findet Spieß den Vorwurf, ausschließlich die Religion sei schuld an Verfolgung und Kriegen in dieser Welt. Christen hätten sich zwar in dieser Hinsicht an vielen Stellen schuldig gemacht. Das sei jedoch von der christlichen Lehre nicht abgedeckt gewesen. Darüber hinaus habe gerade das 20. Jahrhundert mit seinen massenmordenden Diktatoren Lenin, Stalin, Hitler, Mao und Pol-Pot gezeigt, zu welchen Abscheulichkeiten der Atheismus führen könne. „Gerade aufgrund der Verbrechen der Nationalsozialisten hat man doch Gott in die Präambel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen“, so Spieß.

Abgeschlossenes Weltbild

Ob solche Argumente zu den Atheisten durchdringen? Im Blick auf die Evolutionslehre haben sie sich in der Vergangenheit erstaunlich kritikresistent erwiesen. Die Frage, wie die erste Zelle entstanden sein soll, ist ebenso ungeklärt wie das Problem, dass man große Evolutionsschübe (Makroevolution, die etwa bei einem Tier zur Bildung eines neuen Organs führt) nicht beobachten und auf genetischer Ebene auch nicht plausibel machen kann. Dass in den Versteinerungen kaum Tiere vorkommen, die man guten Gewissens als Übergangsformen zwischen den einzelnen Arten beschreiben kann („missing links“), wird entweder ignoriert oder mit waghalsigen Theorien weggewischt.

Argumente helfen nicht

Aus Sicht von Evolutionisten wie Richard Dawkins ist das sogar ein bisschen verständlich. Sie argumentieren nämlich genau andersherum und sagen: Ihr seht doch, dass Evolution funktioniert hat – sonst wären wir heute nicht da. Die Fragen, wie die Entwicklung vonstatten gegangen ist, müssen im Detail noch geklärt werden. Doch allein die Tatsache, dass es uns gibt, ist der Beweis, dass Evolution irgendwie funktioniert. Sehr zugespitzt hat das Anfang 2006 der Philosoph und Biologe Mathias Gutmann (Marburg) in einem Streitgespräch in München erläutert. Er bliebe selbst dann Evolutionsbiologe, wenn jeder einzelne Teil der Theorie widerlegt wäre, sagte Gutmann. Ist so etwas wissenschaftlich? Nein. Aber als Glaubensbekenntnis könnte man es durchgehen lassen.

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