26 April 2006, 12:14
,Abstinenz. Klingt schrecklich. Weise ist es auf jeden Fall.’
 
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Vielleicht hat die Kirche in der AIDS-Debatte wirklich etwas anderes zu melden als zu sagen "Kondome, Kondome". Ich bin gespannt. Ein Kommentar von Petra Biermeier.

Wien (www.kath.net)
Ein Aufatmen geht am Montag rund um die Welt. Hurra, der Papst erlaubt vielleicht Kondome! Erst einmal für AIDS-Kranke, aber wer weiß, vielleicht bald überhaupt und generell. Es ist herrlich, es ist wunderbar. Hier sind wir endlich. Die Kirche wird modern. – So ist die Stimmung, als ich die Abendnachrichten schaue.

Dann diskutiere ich mit H., der diese Entwicklung ganz toll findet. Ich provoziere ihn: Also, wie ist das dann, wenn deine 20-jährige Tochter mit dem neuen Freund heimkommt, der HIV-positiv ist. Als aufgeklärter Vater wirst du ihn herzlich willkommen heißen als Lebens- und Bettgenossen deiner Tochter. Und empfehlen: Nur bitte, bitte ein Kondom verwenden!

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Wird er nämlich nicht. Keiner wird seine Tochter wirklich guten Gewissens mit diesem Ratschlag ziehen lassen. Tja. Hier stehen wir also. Es ist eben nicht ganz sicher, dieses Ding. Es kann platzen. Es kann reißen. Und von 100 Paaren, die ein Jahr lang mit Kondom verhüten, werden 7 oder 12 oder 20 schwanger, je nach Statistik.

Das sind die Fakten. Und sie sind einer der Haken, an dem die Kirche mit ihrer Zurückhaltung in dieser Causa hängt. Wenn nämlich die katholische Kirche Kondome als „geringeres Übel“ für AIDS-Kranke empfiehlt, dann ist es so, als ob der Vater der Tochter mit dem HIV-positiven Freund sagt: „Just do it, but use a condom!“

Das ist natürlich zu primitiv gedacht. Und nur die eine Seite der Medaille. Es ist ein echtes Dilemma: Kondome sind tatsächlich das „geringere Übel“ in Gegenden, wo die Menschen nicht den Zusammenhang begreifen zwischen ihrem sexuellen Verhalten und der Übertragung des HI-Virus.

Das habe ich erst so richtig begriffen, nachdem mir B. von den Zuständen im Sub-Sahara Afrika erzählte, wo sie als Ärztin in einem AIDS-Spital arbeitete. „Die meisten Leute dort haben keine Ahnung, wo dieses Virus herkommt“, sagt B. „Und mit den Kondomen kann zumindest verhindert werden, dass ein HIV-Infizierter alle seine zukünftigen Partner oder Partnerinnen ansteckt.“ Eine Art „Erste Hilfe“ also.

Mehr ist es aber nicht. „Kondome sind mit Sicherheit nicht die Lösung der HIV-Problematik in Afrika“, sagt B. „Sie erzeugen eine scheinbare Schrankenlosigkeit, die einem ,gesunden Sexualverhalten’ nicht förderlich ist. Warum ist die HIV-Rate in Südafrika so hoch? Du wirst es nicht glauben: Weil viele Menschen überzeugt sind, sie werden HIV los, wenn sie mit einer Jungfrau schlafen – daher die vielen Kindesmissbräuche.“

„In den ärmsten Gebieten, den Townships, passieren eine Unzahl an Vergewaltigungen. Auch dort kommt es zu sehr vielen Übertragungen des Virus. Also angesichts einer solchen Situation die Kondome als die Rettung in der Not hinzustellen, halte ich für den falschen Ansatz. Und vielleicht hat die Kirche wirklich etwas anderes zu melden als einfach zu sagen ,Kondome, Kondome’.“

Nebenbei gesteht mir B., sie habe zum ersten Mal kapiert, dass die moralischen Werte der Kirche einen ganz konkreten Sinn machen. Denn die Zahl an HIV-Infektionen in katholischen Ländern ist deutlich niedriger als in Ländern, wo wenig Katholiken leben. Swaziland: 43 Prozent Infektionsrate, 5 Prozent Katholiken. Uganda: 4 Prozent Infektionsrate, 37 Prozent Katholiken.

Offenbar muss man hier ein paar Dinge unterscheiden: Erstens geht es um ein Management vor Ort, um das Ärgste zu verhindern, nämlich eine rapide Ausbreitung. Ist es der Job der Kirche, hier Empfehlungen auszusprechen? Ich bin gespannt.

Das zweite ist die langfristige Strategie, die vor allem in einer wertorientierten Erziehung besteht. Hier punktet die Kirche hundertprozentig. Denn die einzige Methode, um die Sache langfristig in den Griff zu bekommen, ist die Erziehung zur Enthaltsamkeit vor der Ehe und zur Treue in der Ehe.

Echt schwierig wird es in einem dritten Fall, nämlich wenn bei Ehepaaren einer mit dem HI-Virus infiziert ist. Was ist hier wirklich das größere Übel? Auf Sex verzichten. Oder riskieren, den anderen doch irgendwann mal anzustecken, denn, wie gesagt, auch Kondome können kaputt gehen… Bin gespannt, was der Kirche dazu einfällt. Rein theoretisch ist es wohl klüger, den anderen hundertprozentig NICHT anzustecken. Also Abstinenz. Klingt schrecklich. Wirkt unmenschlich. Weise ist es auf jeden Fall.

Darum predigt die Kirche das ja permanent und präventiv: Schau dir den Menschen gründlich an, mit dem du Leben und Bett teilen willst. Stürze dich nicht in oberflächliche sexuelle Beziehungen. Bemühe dich, auf den zu warten, mit dem du es wirklich ernst meinst. Und bleib dann dem einen treu, für den du dich entschieden hast. Und so weiter.

Cool ist das auf den ersten Blick nicht. Aber irgendwie menschengemäß, finde ich. Und macht nebenbei hundertprozentig Sinn in der AIDS-Prävention. Wer das vorgestrig findet, soll sich mal in den Spiegel schauen und laut darüber nachdenken, was er seiner Tochter sagen würde. So far.

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