25 April 2004, 14:26
Wie der Schrei eines Propheten verhallt
 
Legionaere
 
WEITERE ARTIKEL ZUM THEMA 'The Passion'
KATH.NET-Kommentar von Alterzbischof Georg Eder zum Film "Die Passion Christi": "Offensichtlich, dass die meisten Kritiker an der Substanz des Filmes völlig ahnungslos vorbeigehen" - "Bitte an das ganze jüdische Volk: Nehmt euren Messias an!"

KATH.NET-Kommentar von Alterzbischof Georg Eder zum Film "The Passion of the Christ":

Meine Absicht ist es nicht, die Zahl der Rezensionen über den Film von Mel Gibson zu erhöhen. Es ist aber offensichtlich, dass die meisten Kritiker an der Substanz des Filmes und seiner missionarischen Intention völlig ahnungslos vorbeigehen. Der eine kratzt an diesem Detail des Films, der nächste an irgendeiner anderen Stelle. Auch ich könnte nach dem zweiten Besuch des Filmes noch manche "Kratzer" anbringen. Aber darum geht es nicht.

Es sind ein paar Vorbemerkungen notwendig:

Auch mich berührt die Johannespassion von J.S. Bach oder das Passionsspiel einer Dorfgemeinde viel mehr als "The Passion of the Christ" . Aber Christus selbst will mit seiner Botschaft der Liebe nicht etwa nur Rührung oder Gefühl wecken, sondern erschüttern. Erschüttern zur Umkehr. Der Film setzt die äußersten Mittel ein, um die Leidenskraft der Liebe Gottes zum verlorenen Menschen zu demonstrieren. Vor unseren Augen wird das Lamm geschlachtet, das die Sünden der Welt hinwegnimmt.

Auch mich stoßen die ausgewalzten Blutorgien, die wohl nicht der historischen Wahrheit gerecht werden, eher ab. Noch mehr Blut, noch mehr Schläge, noch mehr Quälereien...Wann genügt Gott das Sühneleiden seines Sohnes? Das aber wäre wieder falsch gefragt. Der Blutrausch der Menge, die Gräueltaten in den KZs und Gulags - gibt es noch etwas Schrecklicheres? Ja. Die Hölle. Die ewige Hölle. In diese stürzt sich der Mensch, der Gottes Barmherzigkeit bis in die Todesstunde hinein ablehnt, selbst hinein. Wie furchtbar klingt der Schrei des linken Schächers: "Hah!"

Werbung
messstipendien

Um der Gerechtigkeit, nicht um des Lobes willen, muss man anerkennen, dass die Leistungen der Schauspieler jedes denkbare Beispiel weit hinter sich lassen. Denn sie "spielen" nicht, sondern sie erleben und erleiden freiwillig das, was vor 2000 Jahren "echt" geschehen ist. (Man wird kaum das ebenso schöne wie traurige Gesicht der Jüdin Maria vergessen können. Das ist und darf auch berührend sein, denn sie ist die Mutter.)

Nun zum Substanziellen des Films.

"The Passion of the Christ" stellt eine beispiellose Herausforderung für Christen, Juden und "Heiden" dar. Da schreit ein glühender Bekenner Christi ( was er vorher war, ist irrelevant) so laut er kann über die ganze Welt hin: "ER ist es! Ich glaube! ER ist es. Das Lamm, das allein die Sünden der Welt tragen kann. Er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt...Der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen (!!!)...doch durch seine Wunden sind wir geheilt" (Jes 53,5.6)."

Und nun die unglaubliche Reaktion der Christen in unserem Land: Nein. So nicht. Den Film schau ich mir gar nicht an. So viel Blut, so viel Brutalität, so viel Blutrausch. Nun ist "The Passion of the Christ" freilich ein Passionsspiel im Hollywood-Gewand. Wer aber das Antlitz Christi während dieser letzten zwölf Stunden betrachtet, wer dem Herrn in die blutunterlaufenen Augen schaut, dem fallen wieder Worte des 4. Liedes vom Gottesknecht ( Jes 52,14) ein: "Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen" (nein, nur mehr ein Fleischklumpen). Doch im 22. Psalm, aus dem der Herr in seiner Agonie betet: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?", heißt es auch: " Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch mehr."

Nach 2000 Jahren Christentum kommt ein Mann auf uns zu, zeigt uns ein Bild des gemarterten Herrn und ruft uns zu: " So war es. So sah er aus." Und wir sind restlos überfordert. Ist die Kirche (mitsamt ihren Hirten) so müde geworden, dass sie nicht mehr den Mut hat, noch einmal auf den Kalvarienberg zu steigen? Aber wer die Zeichen der Zeit zu deuten versteht, wird erkennen, dass sie es doch tun muss, und zwar sehr bald. Man kann die Frage auch andersherum stellen: haben wir uns nach dem Zweiten Vatikanum eine gute Stube geschaffen, in der ein "Christentum light" gelebt werden kann? Ohne die überspitzten Herausforderungen Jesu, ohne Gericht, ohne Strafe, ohne Hölle, mit einem gepolsterten Kreuz? Aber wie ist es, wenn das doch wahr ist, was dieser Film zeigt, die letzten zwölf Stunden des Lebens Christi? Wenn das wahr ist, wenn das real ist in der Eucharistie, dem Sühneopfer Christi, was dann? Wegschauen ist dann nicht mehr möglich.

The Passion of the Christ: eine nochmalige, ergreifende Einladung des gekreuzigten an sein Volk. Der Vorwurf des Antisemitismus ist längst abgetan. Jesus ist ein Jude, seine Mutter ist eine Jüdin ( wie auch die Darstellerin der Maria ). Und alle seine Jünger sind Juden. "Das heil kommt von den Juden!" sagt Jesus der Samariterin (Joh 4,22). Und wer trägt dann die schuld am Tode Christi?" Die Juden, die Hohenpriester, Pontius Pilatus...? Eine müßige Frage. Keiner von uns ist ohne Schuld, sei er Christ, Jude oder "Heide".

"Christus ist für unsere Sünden gestorben" heißt es im ältesten Glaubenszeugnis für die Auferstehung (1 Kor 15,39. Und der das sagt, ist auch ein Jude. Gerade dieser Film von Mel Gibson zeigt in unüberbietbarer Schärfe das "Pro Nobis - Für uns". Jesus ist freiwillig in den Tod gegangen, um uns zu erlösen. Wenn es aber eine Reihenfolge gibt, dann ist es klar: Er starb zuerst für sein Volk, für das auserwählte Volk Gottes, das noch immer der "erstgeborene Sohn" ist. 1942 nahm die hoch angesehene jüdische Philosophin Edith Stein (inzwischen von der katholischen Kirche als Heilige verehrt) ihre Schwester Rosa an der Hand und sagte zu ihr: "Komm, gehen wir für unser Volk!" - in das KZ Auschwitz.

Eine breite Blutspur zieht sich durch den Hof des Prätoriums, nachdem man den Körper des Gegeißelten wie einen Tierkadaver abgeschleppt hatte. Eine solche Blutspur der Verfolgung ist auch in den letzten 2000 Jahren der Geschichte des jüdischen Volkes zu erkennen. Und wer von uns wagt zu sagen: Ich jedenfalls bin schuldlos? Als ehemaliger Erzbischof von Salzburg kenne ich die grausame Geschichte der Judenvertreibungen aus der Stadt. Da kann man unsere "älteren Brüder im Glauben" nur bitten: Vergebt uns! Domine, miserere nobis.

Nun habe ich kein Amt mehr. Und so wage ich, die Bitte an das ganze jüdische Volk zu richten: Nehmt euren Messias an! Er ist Fleisch von eurem Fleisch und Blut von eurem Blut. Für euch zuerst hat er sein Leben hingegeben, "um Frieden zu stiften am Kreuz durch sein Blut" 8vgl.Kol 1,20). "Er selbst ist unser Friede" (Mi 5,4 - wie Eph 2,14). Palästina/Israel muss zum Land des Friedens werden für die Völker der Erde.

Die "Passion Christ" zeigt auch mit aller Klarheit den (einzigen) Weg auf, wie die Welt, die Menschheit, überhaupt gerettet werden kann: durch die Sühne, durch das stellvertretende Leiden.

Im Allerheiligsten des Tempels, hinter dem Vorhang, befand sich die Bundeslade. Deren vergoldeter Deckel war das "propitiatorium", die Sühnestätte. Einmal im Jahr, am Versöhnungstag, besprengte der Hohepriester mit dem Blut eines Bockes/Lammes die Vorderseite des Lade und die Deckplatte. Was sollte das? Ein Versuch, das immer wieder schuldig gewordene Volk mit dem Bundesgott zu versöhnen. Aber : Je mehr Blut bei den unzähligen Opfern am Altar hingeschüttet wurde, umso mehr wuchs die Gewissheit, dass die Sache mit dem Tierblut, mit dem fremden Blut nicht funktionierte. Es müsste das eigene Blut sein...

Dann kam das wahre Lamm, das sich freiwillig schlachten ließ, um die Sünden der Welt hinwegzunehmen (vgl. 1. Präfation von Ostern). Und was hat sich nun geändert, seit Jesus am Kreuz (= die wahre Sühnestätte) verblutete? Jesus hat der Gewalt keinen Widerstand entgegengesetzt und damit die Gewalt gebrochen. Er hat den Tod freiwillig auf sich genommen und damit der allherrschenden Angst vor dem Tod die Macht genommen (vgl. Hebr 2,15). Und er hat freiwillig gelitten und dadurch dem Menschen gezeigt, wie man das eigene Leid überwinden kann: indem man das Leid als Teilnahme am erlösenden Leiden Christi annimmt.

Mahatma Gandhi war von der Wahrheit des stellvertretenden Leidens überzeugt. Er sagte kurze Zeit vor seinem gewaltsamen Tod: "Es kann sein, dass noch viel Blut fließen muss, bis es wirklich Friede wird; dann aber soll es unser eigenes Blut sein, das vergossen wird, nicht das Blut der anderen, das wir vergießen." Das Blut, das heute und morgen in Palästina, im Irak...vergossen wird, schreit - wie das Blut Abels - um Rache. Der Hass antwortet wieder mit Blutvergießen. Und es ist umso wirksamer, je unschuldiger das Blut ist, das fließt. Wo endet dann diese Spirale, der jeweils größeren Vergeltung? Die einzige Lösung zeigt Christus auf, der sein Leben, seinen Leib und sein Blut schon vorher hingibt, bevor man es ihm gewalttätig - grausam entreißt. "Niemand entreißt mir das Leben, sondern ich gebe es freiwillig hin" (Joh 10,18). Hervorragend wird diese Wahrheit im Passionsfilm dargestellt durch die Parallelschaltung von Abendmahl und Kreuzestod.

The Passion of the Christ, voller Leiden, voller Tränen, versinkt aber nicht in unfruchtbarer Leidensmystik, sondern sie zeigt deutlich den Weg - den einzigen - an, auf dem das Leben der Welt gerettet werden kann: Die Bergpredigt! "Selig die Armen...die keine Gewalt anwenden...die Barmherzigen...die Verfolgung leiden...". "ich aber sage euch: liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures himmlischen Vaters werdet" (Mt 5,44f ). Und damit kein Zweifel bleibt, wie wir das konkret machen könnten, sagt der Herr am Abend seines Lebens (Joh 15,12) : "Liebet einander, wie ich euch geliebt habe!"

www.kath.net/passion.php: Die Reaktionen

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte helfen Sie kath.net und spenden Sie jetzt via Überweisung auf ein Konto in Ö, D oder der CH oder via Kreditkarte/Paypal!









kath.net ist Teilnehmer des Partnerprogramms von Amazon EU, das zur Bereitstellung eines Mediums für Webseiten konzipiert wurde, mittels dessen durch die Platzierung von Werbeanzeigen und Links zu Amazon.de Werbekostenerstattung verdient werden kann.

Lesermeinungen zu diesem Artikel anzeigen und Kommentar schreiben


 
App play store iTunes app store Jetzt kostenlos herunterladen! mehr Infos Instagram
meist kommentierte Artikel

Kardinal Brandmüller: Papst hatte Dubia-Brief erhalten! (65)

Kardinal Burke: Wir haben Dubia-Brief bei Papst-Residenz abgegeben (58)

Tagung: Ist Gold in Liturgie noch zeitgemäß? (40)

Deutsche Bundespolizei weist ab sofort bestimmte Flüchtlinge zurück (31)

„Bistum Genf droht wegen des Papstbesuchs der Konkurs“ (30)

Streit um Kommunionempfang: Eine Frage des Kirchenrechts (30)

Scharfe Kritik an Totendiamanten durch Berliner Bischöfe (28)

Bischof Schwarz: „Ich habe ihn bisher immer gedeckt“ (25)

Die Verführung der niederträchtigen Kommunikation, die zerstört (25)

Zwei Donnerschläge aus Rom (21)

Ohne Islam-Reform droht Islamisierung Europas (20)

Das 'Verlustgeschäft' der Ökumene (19)

„Ich wusste seit 2002, dass Kardinal McGarrick sexuell belästigt“ (17)

Linkskatholiken attackieren CSU wegen Asyl-Krise in Deutschland (16)

„Wir werden den Tod von Alfie niemals akzeptieren!“ (13)