25 Februar 2004, 09:13
'Die Passion Christi' wird in Europa Umwälzungen auslösen
 
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Schocktherapie für Christen: Wehe, wenn die "Passion Christi" keine Folgen hat - Ein Bericht von Uwe Siemon-Netto von IDEA nach einer Premierenvorstellung in den USA

Zwei Stunden nach der Kreuzigungsszene liegen meine Finger unkontrollierbar zitternd auf der Tastatur meines Computers. Meine Frau darf mich nicht ansprechen. Mein Puls ist augenscheinlich nach wie vor so hoch wie während der gesamten Vorpremiere von Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“.

Ich habe in 48 Berufsjahren viel Furchtbares erlebt; mein eigenes Leben war oft in Gefahr. Aber so unfähig, meine Gefühle in den Griff zu bekommen, war ich noch nie. Ich muß es versuchen: Wenn dieses Werk keine nachhaltigen Folgen für unsere heruntergekommene westliche Gesellschaft hat, dann wehe unser! Das sage nicht nur ich; das sagte auch ein britischer Kollege, neben dem ich nach der Vorstellung in Washington längere Zeit schweigend im Taxi gesessen hatte: „Ich bin am Boden zerstört“, flüstert er. „,Die Passion Christi’ wird in Europa Umwälzungen auslösen.“ Dieser Kollege ist sonst ein nüchterner Geselle, ein Wirtschaftsjournalist.

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Nichts ist antijüdisch

Bevor im Kinosaal das Licht ausging, waren viele Zuschauer in grotesk gelockerter Stimmung – so als gelte es, einen neuen Krimi zu bewerten. Etliche hatten Plastikeimer voll Popcorn mitgebracht, ranziger Buttergeruch verbreitete sich im Saal. Würden diese Zuschauer hernach Gibsons „Antisemitismus“ verdammen müssen? Als ich mich nach Vorstellungsende unter meinen stumm dasitzenden Kollegen umsah, war ich sicher, daß die meisten wohl in diesem Augenblick dem Rabbiner Daniel Lapin zustimmen würden. Lapin, Präsident der USA-weiten Organisation „Toward Tradition“ – zu deutsch etwa: Vorwärts zur Tradition –, ließ seine Mitbürger wissen: „Dies wird als der seriöseste Bibelfilm, der je gedreht wurde, in die Geschichte eingehen ... Er wird Millionen von Christen zu einem noch leidenschaftlicheren Glauben inspirieren. Er wird gewaltige Mengen von bislang religionsfernen Amerikanern zu Christen machen. Eines Tages wird dieser Film als der Vorbote der dritten großen Erweckung in Amerika gelten.“

Michael Medved, einer der bedeutendsten jüdischen Intellektuellen in den USA, erinnerte seine Glaubensgenossen: „Dieser Film handelt nicht von ‚den Juden’, sondern von einem spezifischen Juden, den Mel Gibson und zwei Milliarden andere als den Messias und den fleischgewordenen Gott verehren.“ Der unberechtigte Antisemitismus-Vorwurf gegen dieses Werk „könnte viel eher antisemitische Reaktionen auslösen als der Film selbst“. Nichts an der „Passion Christi“ ist in Wahrheit antijüdisch. Es war überflüssig, aus den Untertiteln dieses Films, dessen Akteure nur aramäisch oder lateinisch sprechen – Jesus (James Caviezel) übrigens beide Sprachen –, den Satz zu streichen: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Matthäus 27,25). In diesem Streifen geht es um nichts anderes als um das Blut Christi – dies aber bitte richtig verstanden. Gibson, ein katholischer Traditionalist, hat die diversen Blutmotive in der Passionsgeschichte subtil miteinander verwoben, sofern subtil der richtige Ausdruck für ein Epos ist, dessen schonungsloser Realismus manchen Kinobesucher hernach nicht schlafen lassen wird.

„Ich und meine Sünden ...“

Das Blut, das in der „Passion Christi“ üppig und doch um keinen Milliliter zuviel fließt (weil es ja die eigentliche Botschaft des Films ist), versinnbildlicht immer Martyrium und Reinigung zugleich. Die christliche Theologie hat stets diese beiden Seiten betont und klargemacht, daß Christi Werk und Leiden der ganzen Menschheit gelten. Nur die Nazis haben aus Matthäus 27,25 einen Vorwand zum Judenhaß gemacht. Aber die Nazis waren keine Christen, und die „Christen“, die sich mit ihnen verbündeten, waren im Grunde armselige Abtrünnige. Was wahre Christen seit fast 2.000 Jahren zu diesem Thema glauben, hat keiner besser formuliert als Paul Gerhardt und keiner besser vertont als Johann Sebastian Bach in der Johannes-Passion: „Ich, ich und meine Sünden, / die sich wie Körnlein finden / des Sandes an dem Meer, / die haben dir erreget / das Elend, das dich schläget, / und das betrübte Marterheer.“

Gibsons Film ist ein guter Anlaß, uns einmal wieder auf die Schriftdeutung des Mittelalters zurückzubesinnen. Sie ging davon aus, daß der Heilige Geist in jeden Bibeltext mehrere Sinne hineingewoben hat – zum Beispiel einen historischen, einen geistlichen und einen moralischen. Nach dieser Regel interpretiert der amerikanische katholische Theologe Joseph DiNoia heute den Ruf „Sein Blut komme über uns“ nicht nur als das Geschrei eines verhetzten Pöbels, sondern auch als ein Gebet, das Matthäus in diesen Text aufgenommen hat. Will heißen: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder, um uns reinzuwaschen. Wovon? Von der Erbsünde, gegen die es kein anderes Mittel gibt.

Wie eine reinigende Dusche Wer die „Passion Christi“ aufmerksam verfolgt, der stellt fest, daß sich dies fast von der ersten bis zur letzten Szene durch den Film zieht – sei’s bei der Geißelung Christi; sei’s wenn Claudia, die Frau des Pilatus, der Mutter Jesu und der Maria Magdalena weiße Leintücher reicht, mit denen sie das Blut des gefolterten Jesus vom Kopfsteinpflaster schrubben (was nicht in der Bibel steht); sei’s wenn die Veronika - auch sie keine biblische Figur - mit ihrem Schweißtuch das Blut von Christi Antlitz wischt, während er das Kreuz trägt; sei’s, wenn sich das vom Gekreuzigten fließende Blut und – als Rückblende – die Einsetzung des Heiligen Abendmahls abwechseln; sei’s, wenn Blut und Wasser aus der Speerwunde in der Seite des soeben verschiedenen Christus wie eine reinigende Dusche auf die Gestalten unterm Kreuz herniedergehen: auf die beiden Marias, den Jünger Johannes und einen Legionär, der begriffen hatte, wer da gestorben war. Dies ist, kein Zweifel, eine Schocktherapie für Christen, wie es sie wahrscheinlich noch nie in dieser Intensität gegeben hat. „Es ist einfach lächerlich zu behaupten, dieser Film richte sich gegen eine bestimmte Volksgruppe“, sagte mir nach der Vorpremiere mein britischer Kollege. „Gibson wendet sich an uns alle.“

Danach hilft nur noch beten

Vielleicht ist der Rabbiner Lapin zu optimistisch. Vielleicht sind wir Europäer und Amerikaner wirklich so aberwitzig, daß auch kein Gibsonsches Rütteln mehr fruchtet. Ich hoffe nicht. Ich hoffe, daß die Abermillionen, die mir ins Kino folgen werden, hernach wie ich noch stundenlang bebend dasitzen und begreifen, daß nach diesem Film nur noch beten hilft. Es ist jetzt schon lange nach Mitternacht. Ich versuche, meine Seele zu glätten, indem ich eine CD mit Bachs Johannespassion ins Laufwerk meines Computers lege. Gleich kommt Paul Gerhardts Vers, der all das, was ich vor einigen Stunden gesehen habe, in die richtige Dimension rücken wird: „Ich bin’s, ich sollte büßen / an Händen und an Füßen / gebunden in der Höll’; / die Geißeln und die Banden / und was du ausgestanden, / das hat verdienet meine Seel’“.

Foto: (c) ICON







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