12 Februar 2019, 10:30
Eine „unterschlagene“ Enzyklika?
 
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Pius XII. soll den brisanten Text einer von Pius XI. initiierten Rassismus-Studie aus Rücksicht auf italienische Faschisten vertuscht haben, behauptet ein US-Historiker. Sind diese Anschuldigungen haltbar? Gastkommentar von Michael Hesemann

Vatikan (kath.net) Im Juni 1938 bestellte Pius XI. den amerikanischen Jesuitenpater John LaFarge, der sich gerade in Rom aufhielt, zu sich nach Castel Gandolfo. LaFarge hatte 1934 den Catholic Interracial Council gegründet, der sich für eine Versöhnung der Rassen und den Kampf gegen den Rassismus einsetzte. Durch sein 1937 veröffentlichtes Buch „Rasse und Gerechtigkeit. Eine Untersuchung zur katholischen Lehre über das Verhältnis zwischen den Rassen“ war auch der Papst auf ihn aufmerksam geworden. Im persönlichen Gespräch enthüllte Pius XI. dem Jesuiten jetzt, dass er eine besondere Aufgabe für ihn habe. Er wolle zu der „brennendsten Frage seiner Zeit“ eine Enzyklika herausgeben, die den Rassismus, insbesondere den Antisemitismus, gründlich verurteilt und beider Unvereinbarkeit mit dem katholischen Glauben belegt. Als Titel sei „Humani generis unitas“, „Von der Einheit des Menschengeschlechtes“, gedacht. Pater LaFarge erschien ihm als der geeignete Mann, um den Text dazu vorzubereiten.

Der Jesuitenpater freilich war da anderer Ansicht, ja er fühlte sich völlig überfordert. So besprach er den Auftrag mit seinem Ordensgeneral, Pater Wladimir Ledóchowski, einem polnischen Grafen mit einigen antijudaistischen Ressentiments. Am liebsten hätte er das ganze Projekt verhindert, doch das hätte Ungehorsam gegenüber Pius XI. bedeutet. Also stellte er dem Amerikaner zwei erfahrene Jesuiten, den deutschen Sozialethiker Pater Gustav Gundlach, SJ, und den Franzosen Pater Gustave Desbuquois, SJ, zur Seite, die ihn anleiten und tatkräftig unterstützen sollten.

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Im September ging der erste von drei Entwürfen der Enzyklika an Ledóchowski mit der Bitte, ihn an den Papst weiterzuleiten. Doch mit der Weitergabe wartete der Ordensobere erst einmal. Stattdessen schickte er den Text an Pater Enrico Rosa, SJ, den Chefredakteur der Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“. Rosa war einer der prominentesten Vertreter des vorkonziliaren Antijudaismus. Er unterstellte den Juden Herrschsucht und Beteiligung an revolutionären Bewegungen. Als Gundlach erfuhr, dass der gemeinsam erarbeitete Text jetzt bei Rosa gelandet war, ahnte er Furchtbares; nur allzu durchschaubar war die Strategie seines Ordensoberen. „Ihre Loyalität gegenüber dem Chef (gemeint war Ledóchowski) … ist nicht gelohnt worden“, schrieb er LaFarge ziemlich desillusioniert,

„Ja, es könnte Ihnen der Vorwurf gemacht werden, dass unter jener Loyalität die Loyalität gegenüber Herrn Fischer [sein Codewort für den Papst] gelitten habe … Ein Außenstehender könnte in alldem einen Versuch sehen, aus Gründen der Taktik und Diplomatie den Ihnen unmittelbar von Herrn Fischer gegebenen Auftrag durch dilatorische Verfahren zu sabotieren.“

Doch Rosa sollte die von Ledóchowski erbetene Überarbeitung des Dokumentes nie abschließen; er erlag am 26. November 1938 einem Herzinfarkt. Erst zwei Monate später, im Januar, schickte der Ordensgeneral den Text an den Papst, nicht ohne in seinem Begleitschreiben entschuldigend anzuführen: „Pater Rosa und mir schien es, dass der Entwurf nicht dem entspricht, was Eure Heiligkeit gewünscht hatten.“ Er sei aber gerne bereit, auf jede denkbare Weise zu helfen, eine bessere Version vorzubereiten.

Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Nach monatelanger Krankheit, einem Herzleiden und den Folgen seines Diabetes verstarb Pius XI. in den frühen Morgenstunden des 10. Februars 1939 an Herzversagen. Aufgrund des Zeitpunkts – nur einen Tag vor der geplanten Zehnjahresfeier des Lateranvertrages, zu der eine Verurteilung des Faschismus erwartet wurde – und der Tatsache, dass sein Leibarzt Francesco Petacci zugleich Vater der langjährigen Geliebten Mussolinis war, kursierten schnell die entsprechenden Verschwörungstheorien. Sie entbehren jedoch bei genauerer Betrachtung der Krankengeschichte Piusʼ XI. jeder Grundlage.

Sein Nachfolger, Pius XII., verzichtete auf eine Publikation, was unter normalen Umständen kaum verwunderlich war; wann immer ein Papst stirbt, wird alles, was an unautorisierten Textentwürfen auf seinem Schreibtisch liegt, vernichtet. Zu groß ist die Gefahr, dass dem toten Pontifex etwas in den Mund gelegt wird, was er nie vertreten hätte. Auch ein Testament wird nur dann anerkannt, wenn es unterschrieben ist. Trotzdem ist, gerade in der jüngeren Polemik, oft von der „unterschlagenen Enzyklika“ die Rede. David Kertzer etwa, der für sein ziemlich tendenziöses Werk „Der erste Stellvertreter“ immerhin mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, scheut nicht einmal vor einer Verschwörungstheorie zurück. Danach habe ausgerechnet Kardinalstaatssekretär Pacelli, der spätere Pius XII., im Auftrag Mussolinis (!) den Text der Enzyklika verschwinden lassen. Kertzer wörtlich:

„Pacelli … nahm auch das Material an sich, das Ledóchowski dem Papst drei Wochen zuvor geschickt hatte – und das man später die ‚geheime Enzyklika‘ gegen den Rassismus genannt hat –, weil er ausschließen wollte, dass jemand anders es zu Gesicht bekam.“

Der deutsche Historiker Johannes Schwarte, der das Schicksal der Enzyklika minutiös verfolgte, bestreitet allerdings, dass sich der Textentwurf zum Zeitpunkt, als der Papst starb, auf dessen Schreibtisch befand. Als Beweis führt er eine Mitteilung an, die Mitte März 1939 bei Pater Gundlach, einem der beiden „Co-Autoren“ LaFarges mit Sitz in Rom, einging. Danach habe Eugenio Pacelli erst nach seiner Wahl zum Papst durch seinen Berater, den Jesuitenpater Prof. Robert Leiber, von dem unerledigten Entwurf zu einer Enzyklika über den Rassismus erfahren und diesen sofort angefordert. Mitte April habe Gundlach dann die deutsche Fassung des Entwurfs mit der Bemerkung, der Papst wolle davon keinen Gebrauch machen, von Ledóchowski zurückerhalten. Einer anderweitigen Verwendung stünde nichts im Wege, versicherte der Ordensgeneral, solange dabei nicht erwähnt würde, zu welchem Zweck der Text erstellt worden war. Für diese Version spricht die Tatsache, dass sich der von Gundlach erstellte Text nicht im Vatikanarchiv befindet, sondern in dessen eigenem Nachlass. In einem Brief an LaFarge vom 10. Mai 1939 bezweifelte der Deutsche sogar, dass „eine Vorlage [bei Pius XI.] wohl überhaupt … erfolgt sei“. So glaubte er, dass „unsere Sache … den Weg alles Irdischen gegangen (ist), was ja wohl auch von Anfang an mehr den Ansichten und Absichten [Ledóchowskis] entsprach.“ Auch LaFarge erhielt seinen englischen Urtext zurück und benutzte ihn als Grundlage für mehrere seiner späteren Veröffentlichungen.

Von den drei unterschiedlichen Versionen, die LaFarge, Desbuquois und Gundlach hinterließen, veröffentlichten die Historiker Georges Passelecq und Bernard Suchecky eine französischsprachige Zusammenfassung, bei der es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit um den Entwurf handelt, der Pius XI. vorgelegt werden sollte. Der aber enthält neben einer Verurteilung des Rassismus auch eine Verteidigung des jahrhundertealten christlichen Antijudaismus. Unter der Überschrift „Position der Kirche gegenüber dem Judentum“ heißt es dort wörtlich: „Andererseits haben die Juden, durch den Traum vom weltlichen Gewinn und materiellem Erfolg verblendet, das verloren, wonach sie selbst gesucht hatten … Darüber hinaus wurde dieses unglückliche Volk, das sich selbst ins Unglück stürzte, dessen verstockte Führer den göttlichen Fluch auf ihre eigenen Häupter herabbeschworen, das, wie es scheint, dazu verurteilt ist, ewig über die Erde zu irren, durch eine geheimnisvolle Vorsehung vor dem völligen Untergang bewahrt und erhielt sich durch die Jahrhunderte bis in unsere Tage hinein. (…) Israel hat den Zorn Gottes auf sich gezogen, weil es das Evangelium zurückgewiesen hat.“ Zudem wird den Juden „eine beständige Feindschaft gegenüber dem Christentum“ unterstellt, ja „Unglauben und … Feindschaft für den Glauben und die Moral“.

Es ist, wie gesagt, höchst unwahrscheinlich, dass Pacelli diesen Entwurf vor seiner Wahl zum Papst gelesen hat. Sollte dies jedoch zu einem späteren Zeitpunkt geschehen sein, so wird er schnell erkannt haben, wie kontraproduktiv eine lehramtliche Veröffentlichung gewesen wäre. Es ist anzunehmen, dass Pius XI. ähnlich dachte. Eben deshalb ist „Humani generis unitas“ keine „unterschlagene“ Enzyklika, sondern ein unbrauchbarer Entwurf, ja eine Totgeburt aus dem Schoß des gerade überwundenen Antijudaismus, und sie wäre sofort von der Nazipropaganda instrumentalisiert worden.

Trotzdem griff Pius XII. das Grundmotiv der „Einheit des Menschengeschlechtes“ auf, als er am 20. Oktober 1939 seine erste Enzyklika „Summi Pontificatus“ veröffentlichte. Sie war gewissermaßen sein „Regierungsprogramm“ und fand schon deshalb weltweit große Beachtung. „Die Not und Irrtümer unserer Zeit und ihre Überwindung in Christus“, lautete ihr Thema. Die „neuen Irrtümer“, die es zu bekämpfen und zu überwinden galt, waren für Pacelli an erster Stelle „Theorien, welche die Einheit des Menschengeschlechtes leugneten“ und „das Gesetz der Solidarität und der Liebe in Vergessenheit geraten lassen“. „Die Kirche dagegen lehre“, so betonte er ausdrücklich, „dass alle Menschen und Völker „aus einem einzigen Stamm sind“. Speziell die Opfer des Krieges und Rassismus, so schloss der Papst, hätten daher ein unbedingtes „Recht auf Mitleid und Hilfe“.

Seit zehn Jahren forscht der Historiker Dr. h.c. Michael Hesemann im vatikanischen Geheimarchiv. Im Herbst erschien sein Buch „Der Papst und der Holocaust“.

kath.net-Buchtipp
Der Papst und der Holocaust
Pius XII und die geheimen Akten im Vatikan. Erstmalige Veröffentlichung der brisanten Dokumente
Von Michael Hesemann
Hardcover, 320 Seiten; 30 SW-Fotos
2018 Langen/Müller
ISBN 978-3-7844-3449-0
Preis Österreich 28.80 EUR

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