18 Mai 2018, 11:00
Das Zusammenwirken von Klerus und Laien gemäß II. Vatikanischen Konzil
 
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„Welche ist die Sendung der Laien in Kirche und Welt? Wie versteht Kirche und das II. Vatikanische Konzil das Zusammenwirken von Klerus und Laien? Diese Fragen beschäftigen die Kirche seit Jahrzehnten.“ Gastbeitrag von Generalvikar Martin Grichting

Chur (kath.net/pbc) Der Churer Generalvikar Martin Grichting hielt diesen Vortrag beim Priestertag am 14. Mai 2018 in Einsiedeln (SJBZ). kath.net dokumentiert die Vorlage des Vortrags in voller Länge. Es gilt das gesprochene Wort.

Vorbemerkung

Wir haben maximal zwei Stunden Zeit für unser Thema. Ich habe es gegliedert, indem ich am Morgen darzulegen versuche, was das II. Vatikanische Konzil gelehrt hat. Da muss ich etwas eure Geduld beanspruchen. Das wird die erste Stunde im Wesentlichen in Anspruch nehmen. Nach dem Mittagessen möchte ich dann in einem wesentlich kürzeren Beitrag auf die konkrete Bedeutung zu sprechen kommen, den das Modell der Zuordnung von Laien und Klerus, welches das II. Vatikanische Konzil vorgeschlagen hat, für die heutige Situation hat. Es geht hier darum zu fragen, was die Sicht des Laien und des Politischen in unserer vom weltanschaulichen und religiösen Pluralismus geprägten westlichen Gesellschaften für eine Relevanz hat. Und danach können wir dann hoffentlich ins Gespräch kommen miteinander, über beide Teile des Referats und andere Fragen, die euch im Zusammenhang damit dringend erscheinen.

I. Teil: Das Zusammenwirken von Klerus und Laien gemäss dem II. Vatikanischen Konzil

Welche ist die Sendung der Laien in der Kirche und der Welt? Wie versteht die Kirche und zuletzt das II. Vatikanische Konzil das Zusammenwirken von Klerus und Laien? Diese Fragen beschäftigen die Kirche seit Jahrzehnten. Und es scheint nicht, dass diese Debatte beendet ist. Leider hat man auch nicht den Eindruck, dass bisher in der Kirche überhaupt genügend verstanden wurde, was das II. Vatikanische Konzil der Kirche an Einsichten geschenkt hat, um in der Moderne wirksam Kirche sein zu können.

Was wir immer noch erleben, ist eine Debatte, die im Grunde zum Ziel hat, den Laien zu klerikalisieren. Was darf er zusammen mit dem Klerus tun? In der Liturgie? In der Leitung der Kirche, der Pfarrei, des Bistums? Beim Verwalten der materiellen Mittel der Kirche? Das geht mitunter so weit, dass man unter dem Titel Laien- und Frauenförderung den Diakonat der Frau fordert. Diese Forderung führt dann allerdings zu einem paradoxen Ergebnis: Wenn jemand zum Diakon bzw. zur „Diakonin“ geweiht würde, dann wäre diese Person nicht mehr Laie, sondern Kleriker. Ist das Ziel der Förderung der Laien ihr Eintritt in den Klerus? Manche scheinen es so zu sehen.

Zweifellos: das II. Vatikanische Konzil hat sich nebenbei auch mit der Frage befasst, was Laien im Bereich des Apostolats der Hierarchie tun können. Man kann dazu in der Nr. 33 der Dogmatischen Konstitution „Lumen Gentium“ über die Kirche zwei Sätze nachlesen. Sie lauten: „Außer diesem Apostolat, das schlechthin alle Christgläubigen angeht, können die Laien darüber hinaus in verschiedener Weise zu unmittelbarerer Mitarbeit mit dem Apostolat der Hierarchie berufen werden, nach Art jener Männer und Frauen, die den Apostel Paulus in der Verkündigung des Evangeliums unterstützten und sich sehr im Herrn mühten (vgl. Phil 4,3; Röm 16,3ff). Außerdem haben sie die Befähigung dazu, von der Hierarchie zu gewissen kirchlichen Ämtern herangezogen zu werden, die geistlichen Zielen dienen“.

Über diese Sätze wird seit fünf Jahrzehnten diskutiert und publiziert. Es wird zäh darum gerungen, wo die Grenze der Kompetenzen zwischen Klerus und Laien verläuft. Die Grenze wird von den einen so, von anderen anders gezogen, bis eben im Extremfall derart, die Erfüllung des Laieseins im Klerikerwerden verwirklicht zu sehen. Dabei wird übersehen, dass das II. Vatikanische Konzil im IV. Kapitel von „Lumen Gentium“ in insgesamt 9 Nummern ganz anderes über die Laien gesagt hat. 2 Sätzen über die Möglichkeit, dass einige Laien an der Sendung der Hierarchie mitwirken, stehen 88 Sätze gegenüber, die von der eigenständigen Sendung aller Laien sprechen. Diese Sendung besitzen sie nicht erst, wenn sie der Pfarrer oder der Bischof besonders beauftragt hat, sondern sie haben sie schon dadurch, dass sie getauft und gefirmt sind.

Über diese 88 Sätze liest man kaum je etwas in theologischen Publikationen, auch nicht in kirchlichen Medien, welche besonders auch für die Laien bestimmt sind, seien es Pfarrblätter oder Internetportale, etc. Und dennoch wäre das wichtig. Denn nur wenn die Laien ihre Sendung, die sie alle schon aufgrund der Taufe und der Firmung erhalten haben, als eigene, genuine kirchliche zu verstehen und zu leben beginnen, wird die Kirche wieder in der Gesellschaft wirksam. Wenn aber stattdessen immer nur ein Fingerhakeln stattfindet darum, was einige besonders beauftragte Laien im Bereich des Apostolats der Hierarchie dürfen oder nicht dürfen, bleibt die Kirche in ihrem Binnenbereich. Dieser Bereich ist deshalb vergiftet durch Kompetenzkonflikte, die alle lähmen und frustrieren.

Aus dieser Situation müssen wir endlich heraus. Man sagt zwar, ein Konzil brauche immer hundert Jahre, bis es wirke. Aber das heisst ja nicht, dass wir nicht dennoch schon heute beginnen können, das II. Vatikanische Konzil umzusetzen, immerhin sind es seit seinem Ende jetzt 53 Jahre her.

Wenn wir nach dem richtigen Zusammenwirken von Klerus und Laien gemäss dem II. Vatikanischen Konzil fragen, genügt es nicht, sich auf Detailfragen zu stürzen. Wir müssen zuvor noch einen Schritt zurücktreten. Wir müssen ein weiteres Thema, welches das Konzil hervorgehoben hat, betrachten, das auch noch nicht genügend in der Mitte der Kirche angekommen ist und das ins Bewusstsein kommen muss. Es geht um die allgemeine Berufung zur Heiligkeit. Auch diesem Thema hat ja das II. Vatikanische Konzil ein Kapitel in „Lumen Gentium“ gewidmet, das Fünfte. Eigentlich ist dieses Kapitel das zentrale Kapitel der ganzen Konstitution, und damit letztlich auch des Konzils. Ich verteile euch gerne ein Schema, das ich aufgrund eines Nachworts angefertigt habe, das Kardinal Christoph Schönborn geschrieben hat zum Buch des Schweizer Priesters Erwin Keller, Vom grossen Geheimnis der Kirche (Graz ‒ Wien ‒ Köln 1993, S. 238f). Kardinal Schönborn zeigt darin, wie „Lumen Gentium“ aufgebaut ist: Das erste Kapitel handelt vom Geheimnis der Kirche. Gott will die Menschen nicht einfach als Einzelne retten, sondern er ruft sie schon in dieser Welt in seine Gemeinschaft: die Kirche. Das letzte Kapitel (Nr. 8) zeigt uns die erste und volle Verwirklichung jener Gemeinschaft, die allen Gliedern der Kirche zugedacht ist: Maria. In ihr ist die Vollendung der Kirche zeichenhaft dargestellt. Das 2. Kapitel spricht vom Volk Gottes. Aber auch hier muss man wieder auf die vollendete Gestalt dieses Volkes blicken, auf seine endzeitliche Vollendung. Davon handelt das 7. Kapitel. Erst von dort her wird deutlich, was Volk Gottes ist, wohin es unterwegs ist. Man sieht dann auch, dass Volk Gottes mehr ist als die jetzt gerade Handelnden. Volk Gottes ist Gemeinschaft der Heiligen. Der neuzeitliche VolksBegriff ist deshalb auf das Volk Gottes nicht anwendbar. Erst in diesem doppelten Rahmen ist dann von den „Ständen“ in der Kirche (Hierarchie, Laien, Ordensleute) zu sprechen. Von diesen handeln die Kapitel 3, 4 und 6. Die drei „Stände“ sind verschiedene Weisen, das grosse Geheimnis der Kirche (vgl. Kap. 1 und 8), die als Volk Gottes unterwegs durch die Zeit ist (vgl. Kap. 2 und 7), zu leben. Schliesslich bleibt ein Kapitel übrig, das kein Gegenstück hat: das 5. Kapitel.

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Es ist die Achse, um die sich alles dreht: die allgemeine Berufung zur Heiligkeit. In der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit, und nur darin, ist der Sinn von Kirche als Sakrament der Gottesgemeinschaft und Menschengemeinschaft verwirklicht.

Damit ist gesagt: In der Kirche geht es zuletzt nicht um Ämter, Funktionen und Kompetenzen, Laien, Klerus und Ordensleute. Sondern es geht um die Heiligkeit. Mit anderen Worten: Wir sind berufen, in Gottes Ewigkeit zu leben. Das ist das Ziel jedes Einzelnen, jeder Einzelnen und der ganzen Schöpfung: in Gott vollendet zu werden. Es ist die Achse, um die sich alles dreht. Und von dort her müssen alle Fragen, auch das Zueinander von Laien und Klerus, geklärt werden.

In diesem Zusammenhang ist es ein ermutigendes Zeichen, dass Papst Franziskus sein jüngstes Schreiben, das Apostolische Schreiben „Gaudete et Exsultate“, dem Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute gewidmet hat. Offenbar spürt er auch, dass die Kirche nicht aus den altbekannten Blockaden herauskommt, wenn wir nicht wieder alle gemeinsam den Blick auf das eine Wesentliche und Verbindende richten und damit auf das, was überhaupt der Sinn unseres Christseins ist: in Gottes Ewigkeit zu gelangen.

Es ist bitter nötig, gerade dort zu beginnen, auch wenn es heute um das Thema des Zusammenwirkens von Klerus und Laien geht. Ich möchte es illustrieren mit einem Abschnitt aus einem Buch des Humanisten Erasmus von Rotterdam. Dieser hatte im Jahr 1508 eine Satire geschrieben über die Verhältnisse seiner Zeit, in Staat, Gesellschaft und Kirche. Das Werk heisst „Laus stultitiae“ − zu Deutsch: Das Lob der Torheit. Gewidmet hat es der Humanist dem englischen Staatsmann Thomas Morus. Erasmus schreibt − natürlich überspitzt − an einer Stelle, wie es im Mittelalter offenbar um das wirklich gelebte Christsein, um die Frömmigkeit, um die Suche nach Heiligkeit, stand: „Im Übrigen wälzen sie [die Priester] jedes schwierige Geschäft klug auf fremde Schultern ab und werfen es anderen wie einen Ball zu, und wie die Laienfürsten die einzelnen Teile ihrer Regierung den Ministern und diese wieder ihren Unterbeamten übertragen, so überlassen auch die Priester aus reiner Bescheidenheit dem Volke die Ausübung der Andacht und Frömmigkeit. Das Volk wiederum schiebt diese beschwerliche Aufgabe den sogenannten Kirchendienern zu, gleich als hätte es selbst nichts mit der Kirche zu tun und als sei das Taufgelübde nur leeres Geschwätz gewesen. Diese Priester wieder, die sich „weltliche“ nennen, wohl weil sie der Welt und nicht Christo zu eigen sein wollen, überlassen den Ordensgeistlichen die Last der Frömmigkeit und diese wieder den Mönchen, die weniger eifrigen den strengen, und schließlich behaupten alle einstimmig, das Werk der Andacht gehöre nur den Bettelmönchen, diese aber werfen den Spielball den Kartäusern zu, bei denen dann die Frömmigkeit begraben bleibt, so tief begraben, daß sie kaum jemals zum Vorschein kommt“.

Das ist zweifellos überzeichnet, Satire eben. Aber ein Körnchen Wahrheit steckt dennoch drin. Denn man hat über Jahrhunderte das wirkliche Christsein nur bei den Kirchenmännern, noch mehr bei den Mönchen gesehen. Diese galten irgendwie als die Vollkommenen. Und diejenigen, welche in der Welt leben, die Getauften und Gefirmten, die Laien also, wurden als eine Art von Zweitklass-Christen betrachtet. Sie konnten zwar nach landläufiger Meinung auch heilig, also gerettet werden, in Gottes ewige Gemeinschaft gelangen. Aber das war nur möglich, wenn sie sich von den Geschäften der Welt so gut wie möglich fernhielten. Denn die Welt hat man letztlich als böse und gefährlich betrachtet. Also ging man lieber ins Kloster, wenn man heilig werden wollte, am besten hinter die Mauern eines Kartäuserklosters. Dort ist man am weitesten weg von der Welt mit ihren Problemen und Händeln. Und wenn man das so gesehen hat, dann war natürlich das Wirksamwerden in der Welt, das Zeugnis in der Welt, nicht von grosser Bedeutung. Die Laien hatten dann eigentlich keine Sendung in der Kirche.

Und so gab es zwar vielleicht nicht überall in der Theologie, aber in der landläufigen Meinung über viele Jahrhunderte faktisch so etwas wie eine Zweiklassengesellschaft in der Kirche: Hier die Geweihten, besser noch die Mönche, dort das gemeine Kirchenvolk, das sich nicht aus den Verstrickungen der bösen Welt lösen konnte und so das Fussvolk bildete, das hinter den vermeintlich „Vollkommenen“ hertrottete. Zweifellos, es gab für Laien auch gesündere Spiritualitäten. Man denke nur etwa an den heiligen Franz von Sales. Aber man kann leider nicht sagen, dass das den kirchlichen Mainstream bildete.

Vor gut 50 Jahren hat nun das II. Vatikanische Konzil stattgefunden. Die Kirche hat durch dieses Konzil manches über sich selbst und über die Welt bzw. die Schöpfung besser verstanden und neu erklärt. Wir wissen alle, dass dadurch nicht eine neue Kirche entstanden ist. Es ist immer noch die Kirche Jesu Christi, auch wenn manche das anders sehen mögen. Die Erneuerung, welche durch ein Konzil geschieht, könnte man mit folgendem Bild gut erklären: Wir wissen ungefähr, wie der Sternenhimmel aussieht. Aber alle 10 Jahre baut man ein besseres Teleskop. Dadurch entdeckt man noch ein paar Sterne mehr. Das heisst dann aber nicht, dass die bisher bekannten Sterne verschwunden wären. Sie sind noch da. Aber durch die neuen Entdeckungen bisher unbekannter oder nur schemenhaft bekannter Wirklichkeiten hat sich das Bild vervollständigt, verfeinert. Man hat Sterne entdeckt, die schon da waren, aber uns bisher noch nicht bekannt waren. In diesem Sinn entwickelt sich die Lehre der Kirche: Unser Bild von dem, was uns Christus eigentlich gelehrt hat, vervollständigt sich unter der Begleitung des Heiligen Geistes.

Das können wir auch auf unsere Frage nach dem Zusammenwirken von Klerus und Laien anwenden. Das II. Vatikanische Konzil stellte nämlich auch gewissermassen ein technologisch ausgefeilteres Fernrohr dar. Mit diesem Instrument hat die Kirche vieles noch deutlicher erkannt. Es war ja im Grunde schon immer klar, dass alle Getauften und Gefirmten, egal ob Priester, Bischof, Ordensmann, Ordensfrau oder Laie, vor Gott gleich und zur ewigen Gemeinschaft mit Gott berufen sind. Und es war auch immer klar, dass sie alle irgendwie zur Verkündigung des Glaubens berufen sind. Es war also irgendwie auch immer klar, dass alle zur Kirche gehören und ihren Auftrag als Christen haben. In allen Jahrhunderten haben Eltern ihre Kinder zur Taufe gebracht und sie christlich erzogen, um nur dieses Beispiel zu nehmen. Aber was es genau bedeutet, Christ zu sein mitten in der Welt, das hat das II. Vatikanische Konzil besser erklärt. Und das müssen wir in die Pfarreien und Gemeinschaften hineintragen. Es schlummert noch wie Dornröschen und wartet darauf, geweckt zu werden.

Auf der einen Seite hat das II. Vatikanische Konzil das Verbindende betont. Es hat die allgemeine Berufung zur Heiligkeit betont. Letztlich ist das gerade getaufte Kind und der Papst zur gleichen Heiligkeit berufen, also in Gottes Ewigkeit zu leben. Da herrscht absolute Gleichheit. Und über dieses allen gemeinsame Ziel müssen wir viel mehr sprechen, predigen, lehren. Damit ist das Thema der Gleichheit aller Gläubigen aber noch nicht beendet. Es gibt auf der Basis des II. Vatikanischen Konzils noch mehr zu sagen. Es gibt auch eine Gleichheit auf dieser Welt. Konkret heisst das: Es gibt auch hier eine wahre Gleichheit zwischen allen Gläubigen (LG 31, 2). Alle Christen, Priester und Laien, haben, einfach weil sie getauft sind, eine gemeinsame Würde: die Würde der Kinder Gottes. Wir Priester sind ja zuerst auch Getaufte. Wenn wir am Altar stehen, haben wir unter dem Messgewand, das uns als Priester ausweist, ein weisses Gewand an, die Albe. Das ist kein ästhetischer Kniff, damit man die Hosen nicht sieht. Sondern dieses weisse Gewand ist das Gewand des Täuflings, das wir alle auch einmal anhatten. Das heisst: Der Priester ist zuerst ein Getaufter wie der Laie. Beide sind Kinder Gottes. Und sie haben beide Anteil an der Tätigkeit zum Aufbau des Reiches Gottes. Vom Papst bis zum jüngsten Täufling haben alle in der Kirche Teil an derselben Berufung, am selben Glauben und Geist, an derselben Gnade.

Alle bedürfen der Sakramente und der geistlichen Hilfe. Alle sind zur Vollkommenheit, auch Heiligkeit genannt, berufen und haben aktiven, verantwortlichen Anteil an der Sendung der Kirche. Das ist das Verbindende. Zugleich hat die Kirche nun aber bekanntlich immer daran festgehalten, dass es zwischen den Geweihten (Bischöfen, Priestern) und den Laien (Getaufte und Gefirmte) einen Unterschied gibt. Er ist nicht einfach graduell, sondern wesenhaft. Beide haben zwar am so genannten dreifachen Amt Christi ihren Anteil. Diese drei Ämter Christi sind: das Verkündigen, das Heiligen und das Leiten. Denn Christus ist Prophet − also Verkündiger −, er ist Priester − also Heiligender − und er ist König − also Leitender. Das II. Vatikanische Konzil sagt deshalb von den Laien, dass auch sie „des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes Christi auf ihre Weise teilhaftig (sind)“ (LG 31,1). Der Unterschied zwischen Klerus und Laien besteht also nicht darin, dass die Laien am dreifachen Amt Christi keinen Anteil hätten. Dann wären sie wirklich Christen zweiter Klasse. Sondern das II. Vatikanische Konzil sagt, dass Klerus und Laien auf unterschiedliche Weise, wesensmässig verschieden, an dreifachen Amt Christi teilhaben.

Was charakterisiert nun gemäss der Lehre des II. Vatikanischen Konzils die Teilnahme der Laien am dreifachen Amt Christi und damit an der Heilssendung der Kirche? − Gemäss dem II. Vatikanischen Konzil (LG 31,2) ist es der so genannte Weltcharakter („indoles saecularis“), der den Laien in besonderer Weise eigen ist. Der „indoles saecularis“, der Weltcharakter, − als die Laien unterscheidendes Element − meint die aus der Taufe erwachsende spezifisch christliche Beziehung zur Welt und Sendung für die Welt. Vereinfacht gesagt: Die Tatsache, dass die Laien mitten in der Welt Leben − in Familie, Beruf, etc. − prägt die Art und Weise, wie sie am dreifachen Amt Christi teilhaben. Das II. Vatikanische Konzil geht also davon aus, dass die Laien schon mitten in der Welt sind. Sie stehen ihr nicht gegenüber, um dann irgendwie in sie hineinzugehen oder in sie hineingeschickt zu werden, so ähnlich wie man ein feindliches Territorium infiltriert. Sondern die Laien sind durch Familie, Beruf, politisches und soziales Engagement oder auch durch Freizeitaktivitäten schon mitten in dieser Welt, der Zivilgesellschaft, dem Staat. Die kirchliche Hierarchie muss sie nicht als ihre Abgesandten dort hineinschicken. Sondern sie sind schon dort. Und dadurch ist es ihre kirchliche Sendung, von dort aus zu wirken, als Sauerteig, von innen her, wie das Konzil sagt. Wenn sie dort, in den gesellschaftlichen Zusammenhängen, in denen sie leben, am dreifachen Amt Christi teilhaben, dann gestalten sie das Reich Gottes, dann richten sie die Welt auf Christus aus, dann bringen sie sie Christus als Opfer dar. Das ist etwas anderes als die Sendung der Hierarchie, die den weltlichen Bezügen gewissermassen gegenübersteht und sozusagen von aussen her in sie hineinspricht. Dies ist auch nötig. Es ist die amtliche Verkündigung. Aber es ist die Sendung der Laien, die von Mann zu Mann, von Frau zu Frau, von Frau zu Mann und umgekehrt, in der Familie, durch die Freundschaft, in politischen Parteien, über die Arbeit, in den Medien, etc. den christlichen Glauben zu verkünden und zu leben. Man kann das, um es zu erklären, wieder an den Textilien festmachen. Wir Priester heben uns optisch ab, wir sollten es jedenfalls. Wir sind als Geweihte durch unsere Kleidung sichtbar, amtliche Christen sozusagen. Aber wir könnten so nicht in der Bank oder am Fliessband arbeiten. Wir sind nicht nur Sauerteig mittendrin im Leben der Gesellschaft, sondern stehen ihr immer auch gegenüber, weil wir amtlich die Stelle Christi, Gottes, vertreten.

Auch Laien können den Klerus in dieser Aufgabe unterstützen. Aber sie sind dann eben nicht mehr im eigentlichen Aufgabenbereich der Laien tätig, sondern wirken, wie es „Lumen Gentium“ sagt am „Apostolat der Hierarchie“ mit. Das kann durchaus Sinn machen, etwa wenn es darum geht, das amtliche Handeln des Klerus durch Sachkompetenz in weltlichen Fragen zu unterstützen. Aber immer nur einige Laien können dies tun. Es ist nicht die Sendung, die allen Laien aufgetragen ist.

Schauen wir uns diese vom Weltcharakter geprägte Sendung des Laien nun genauer an. Ich habe auf zwei Blättern immer zuerst kurz einen Abschnitt aus dem II. Vatikanischen Konzil zitiert, der von der amtlichen Teilhabe an einem der drei Ämter Christi spricht, um dann einen längeren Abschnitt zu zitieren, der von der den Laien eigenen Teilhabe am entsprechenden Amt Christi spricht. Durch diese Gegenüberstellung soll deutlich werden, worum es geht.

[Für die Kommentierung der folgenden Abschnitte aus LG gilt das gesprochene Wort]

A.) Amt Christi des Lehrens LG 25: Bischöfe, Priester: amtliche, mit der Autorität Christi ausgestattete Lehrer. LG 35: Laien: Propheten, um das alltägliche Familien- und Gesellschaftsleben zu erleuchten. Auch Laien haben also an der Verkündigung des Glaubens ihren Anteil. Das ist ein vollgültiger Anteil an der Sendung der Kirche. Aber er ist eben nicht amtliches Sprechen, auf der Kanzel, sondern es ist geprägt vom Weltcharakter und findet somit statt mitten in den alltäglichen Zusammenhängen der Welt. Das alltägliche Leben des Christen ist somit nicht grauer Alltag, sondern das Feld seiner Berufung, am prophetischen Amt Christi teilzuhaben. B.) Amt Christi des Heiligens LG 26: Bischöfe, Priester: heiligen durch die Spendung der Sakramente. LG 34: Auch Laien haben Anteil am priesterlichen Amt Christi, zu heiligen. Sie üben auch einen geistlichen Kult aus. Aber dieser ist wiederum nicht amtlich, sondern er ist geprägt vom Weltcharakter, vom Eingebettetsein in die zu erlösende Welt. Das Ehe- und Familienleben, die alltägliche Arbeit, Freizeit, die Freuden und Leiden des Lebens: all das kann, wenn es als Christ durchlebt wird, Gott aufgeopfert werden. Der Laie ist so sozusagen Priester seiner eigenen Existenz und von allem, was damit zusammenhängt. All die Dinge, die er täglich durchlebt, sind so betrachtet nicht ein Hindernis, Gott zu dienen, sondern sie sind gerade der Ort, wo er sein Priestertum lebt. In der Eucharistiefeier wird das dann auch sichtbar: Wenn der Priester bei der Gabenbereitung das Brot und den Wein erhebt, sagt er: Das sind die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Und diese Früchte der menschlichen Arbeit, welche die Laien darbringen, werden gewandelt in Leib und Blut Christi. Daran wird gerade sichtbar, dass auch das Priestertum der Laien letztlich darauf zielt, alles in Christus Gott zu Füssen zu legen. Was die Laien tun, ist damit auch, geprägt vom Weltcharakter, auf seine Weise priesterlich. C.) Amt Christi des Leitens LG 27: Bischöfe, Priester: leiten als Stellvertreter Christi die Kirche, amtlich.

LG 36: Laien sollen die Welt gemäss der Ordnung des Schöpfers und im Lichte seines Wortes ordnen. Hier wird deutlich, dass die Welt nicht böse ist und ein Ort, den man fliehen muss. Sondern im Gegenteil: Die reale Welt ist gerade der Ort, wo die Kirche, die Laien im Besonderen, ihre Sendung leben sollen. Indem die Laien ihr Familienleben, die Arbeit, die Politik, die Kultur, die Medien, etc., gemäss dem christlichen Glauben und den zehn Geboten ordnen, breiten sie das Reich Gottes aus. So verhelfen sie Christus in der Welt zur Herrschaft. Und dadurch haben sie selbst Teil an seinem königlichen Amt.


Wenn man diese Aussagen über die Teilhabe der Laien am dreifachen Amt Christi würdigt, kann man mit dem II. Vatikanischen Konzil (LG 33) sagen: „Der Apostolat der Laien ist Teilnahme an der Heilssendung der Kirche selbst“.

Leider muss man jedoch feststellen: Dass die Laien auf ihre Weise, geprägt vom Weltcharakter, am dreifachen Amt Christi teilhaben, hat in der kirchlichen Verkündigung lange Zeit zu wenig Beachtung gefunden. Und es ist wohl weit herum bis heute so. Dass dieser wesentliche Teil der Glaubenslehre heute so wenig beachtet ist, trotz dem II. Vatikanischen Konzil, hat Gründe. Sie sind auch und gerade in der Vernachlässigung des Themas durch die Theologie und teilweise durch die amtliche Verkündigung zu suchen. Und das hat dann bei den Laien zum Eindruck geführt, es gebe ein Zweiklassen-Christentum. Nur der Klerus sei im Grunde die Kirche. Mitwirkung an der Sendung der Kirche heisse deshalb, an der Sendung der Hierarchie teilzunehmen oder zumindest unter ihrer Leitung zu wirken: also in Räten sitzen, auf allen Ebenen in der Kirche mitbestimmen, in der Liturgie vorlesen, Kommunion austeilen, ja predigen oder gar am eucharistischen Hochgebet mitwirken, Kirchenvermögen verwalten, etc.

Ich denke, dass diese Sichtweise ihren Grund vor allem darin hat, dass man kirchliches Handeln unausgesprochen immer noch stark mit dem amtlichen Handeln der Kirche, demjenigen der Hierarchie, gleichgesetzt hat und wohl heute noch zum Teil gleichsetzt. Und wenn man das tut, dann sind die Laien die Diskriminierten. Denn sie sind ja nicht geweiht und können nicht amtlich an der Sendung der Kirche teilhaben. Konkret gesagt: Wenn es als Ausdruck wahren Christseins gilt, die Pfarrei zu leiten oder ihr Vermögen zu verwalten und am Sonntag zu predigen, dann sind Laien Zweitklass-Christen. Aber das ist eben falsch. Und ein solches falsches Verständnis des Laien erzeugt verständlicherweise Frust bei den Laien, weil sie eben dies und jenes nicht tun dürfen. Die daraus entstehenden Zwistigkeiten lähmen die Kirche.

Das ist ein wichtiger Grund dafür, warum die Kirche so wenig die Welt gestaltet, was ja gerade die Laien tun sollten. Papst Franziskus hat genau das bedauert in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“. Dort heisst es in Nr. 102: „Auch wenn eine größere Teilnahme vieler an den Laiendiensten zu beobachten ist, wirkt sich dieser Einsatz nicht im Eindringen christlicher Werte in die soziale, politische und wirtschaftliche Welt aus. Er beschränkt sich vielmals auf innerkirchliche Aufgaben ohne ein wirkliches Engagement für die Anwendung des Evangeliums zur Verwandlung der Gesellschaft“.

Und in der Tat: So ist es. Die Kirche lebt in der Gesellschaft nur und sie durchformt die Gesellschaft in Wirtschaft, Politik, Sozialem, Kultur, etc. nur, wenn beide Formen der Teilhabe am dreifachen Amt Christi gelebt werden, die amtliche Teilhabe durch den Klerus, aber ebenso sehr auch die vom Weltcharakter geprägte Teilhabe der Laien. Sicher braucht es das prophetische Sprechen der kirchlichen Hierarchie in Zivilgesellschaft und Staat. Aber dieses Sprechen, und das merken wir heute immer mehr, verhallt fast ungehört, wenn es nicht viele einzelne Laien in den konkreten Zusammenhängen der Welt gibt, die diese Botschaft aufnehmen und konkret mitten in der Welt umsetzen, indem sie ihre Form der Teilhabe am dreifachen Amt Christi konkret leben, in Beruf, Familie, Politik und Kultur.

Ich denke somit, dass wir noch besser verstehen müssen in der Kirche − Priester, Bischöfe und Laien −, dass auch die Laien eine vollgültige Sendung in der Kirche haben und dass sie nicht sozusagen im Anhänger der Hierarchie mitfahren. Wir müssen noch besser verstehen und dann leben, dass die Laien ganz und gar an der Sendung der Kirche teilhaben, wenn sie auf ihre Weise, vom Weltcharakter geprägt, am dreifachen Amt Christi teilhaben. Einfach gesagt, geht es darum, zu verstehen und vielmehr noch zu vermitteln, dass die Laien nicht so sehr andere Dinge tun müssen (also am Apostolat der Hierarchie teilhaben, in Räten sitzen, kirchliche Ämtchen suchen). Sondern es geht für die Laien darum, zu verstehen, dass sie die Dinge, die sie sowieso jeden Tag tun, anders tun sollen, als Getaufte und Gefirmte gemäss Gottes Wort und seinen Geboten, apostolisch und − wie Papst Franziskus immer wieder sagt − missionarisch. Dann haben die Laien auf ihre genuine Weise Anteil an der Sendung der Kirche. Und sie haben dann daran Anteil, indem sie eine unersetzliche Aufgabe erfüllen, welche die Hierarchie gar nicht erfüllen kann, die aber nötig ist, damit die Sendung der Kirche gelingt. Um es ganz konkret zu sagen: Was das II. Vatikanische Konzil meint, sind nicht zehn Theologieprofessoren oder Bischöfe, die gescheite oder besorgte Sozialworte zu Wirtschaft und Politik schreiben. Sondern gemeint sind Hunderte, ja Tausende von Laien, die in einer Redaktion, im Investmentbanking, in einer Partei, in der Forschung, in der Filmbranche oder in der Schule, von ihrem christlichen Gewissen geprägt, den christlichen Standpunkt vertreten, durch Wort und Tat. Sie sollen es tun als überzeugte christliche Laien, die mit jenen Mitteln arbeiten, die in der pluralistischen Demokratie zulässig sind. So zu leben und zu handeln ist auch wahre Teilhabe an der Sendung der Kirche. Das gestaltet die Welt, wenn es auf der Basis eines christlich informierten und geprägten Gewissens geleistet ist, von innen her christlich um. Und dann ist es nicht mehr so, wie es Erasmus ironisch beschrieben hat, dass man das gelebte Christsein an ein paar Mönche delegiert, denen kaum jemals jemand begegnet.

II. Teil: Das Zusammenwirken von Klerus und Laien in seiner Bedeutung für die Sendung der Kirche in Zivilgesellschaft und Staat

Bekanntlich habe ich ein Büchlein geschrieben „Im eigenen Namen. In eigener Verantwortung. Eine katholische Antwort auf den Pluralismus“. Im ersten Teil des heutigen Referats habe ich zusammengefasst, um was es im 3. Kapitels des Büchleins geht.

Nun möchte ich versuchen zu erläutern, was Thema des 1. und 2. Kapitels ist. In den Medien ist von dem Büchlein bisher vor allem herübergekommen, dass die Hierarchie bei tagespolitischen Fragen, die man als Christ so oder anders sehen kann, Zurückhaltung üben sollte. Denn das ist das Feld der Laien. Das steht so im Büchlein. Und ich stehe dazu, dass ich es gesagt habe. Denn es entspricht der Lehre des II. Vatikanischen Konzils. Und so hat es dann auch im Lehramt der Päpste nach dem jüngsten Konzil seinen Niederschlag gefunden.

In der Tat: Man kann seitens der Hierarchie schlecht den Laien sagen: Ihr sollt euch nicht klerikalisieren und dem Klerus die Aufgabe der amtlichen Teilhabe am dreifachen Amt Christi streitig machen, wenn dann die gleiche Hierarchie in die vom Weltcharakter geprägte Teilhabe der Laien an diesem dreifachen Amt Christi eingreift. Wenn die Hierarchie mit Schlagseite politisiert in Fragen, die der freien Meinungsbildung offenstehen, dann überschreitet sie ihrerseits Kompetenzen. Und das hat auch negative Folgen, weil sich dann Laien brüskiert fühlen und sich ihrer eigenen Kirchen entfremden. Wir hatten vor Ostern eine Podiumsdiskussion im Bischöflichen Ordinariat in Chur. Frau Petra Gössi hat auch daran teilgenommen. Sie ist katholisch und Präsidentin der FDP Schweiz. Sie wurde in der Vergangenheit mehrfach von Vertretern der kirchlichen Hierarchie öffentlich attackiert, weil sie sich die legitime Freiheit genommen hat, zu Fragen Stellung zu nehmen, die man als Christ so oder anders sehen kann. Zum Beispiel ging es um die Frage, ob es hier in Einsiedeln unter den heutigen Rahmenbedingungen des Gesundheitswesens noch ein Spital brauche. Sie wurde für ihre Überzeugung vom damaligen Abt öffentlich kritisiert, obwohl diese Frage ja nicht vom Evangelium her beantwortet werden kann. Und sie hat sichtlich betroffen zu diesem Angriff bemerkt: „Da habe ich verstanden, was es heisst, abgekanzelt zu werden“. Ja, es trifft unsere Gläubigen, wenn sie von kirchlichen Würdenträgern öffentlich kritisiert werden. Denn das ist nicht einfach die Kritik eines Politikers. Es ist eine mit religiöser Autorität vorgetragene Kritik. Es wird deshalb als moralische Verurteilung verstanden. Und wenn es keine Rechtfertigung für eine solche Kritik gibt, dann ist es ein Missbrauch religiöser Autorität zu politischen Zwecken. Und das hinterlässt Spuren, mehr vielleicht, als wir denken.

Nicht nur klerikalisierte Laien hemmen die Sendung der Kirche, allen das Evangelium zu verkünden, sondern auch politisierende Hirten. Beides ist falsch. Es geht aber noch um mehr. Wir sollten nicht nur auf unser Innenverhältnis in der Kirche schauen, sondern immer auch darauf, in welcher Art von Gesellschaft und in welcher Staatsform wir leben. Und ich würde sagen: Da waren uns die Väter des II. Vatikanischen Konzils weit voraus. Denn auch in dieser Hinsicht ist in der Kirche leider noch zu wenig verstanden, was das jüngste Konzil für die Kirche geleistet hat.

Die Väter des II. Vatikanischen Konzils haben viel besser verstanden als viele heutige kirchliche Akteure, dass sich die politischen und gesellschaftlichen Umstände geändert haben. Es stehen sich heute nämlich nicht mehr ‒ wie im Mittelalter, bis zur Französischen Revolution und teilweise darüber hinaus ‒ primär Institutionen gegenüber: Hier der Staat, dort die Kirche als hierarchisch verfasste Institution. In ständischen Gesellschaften, die von der Aristokratie geprägt waren, war das zweifellos noch so. Und die Kirche, verstanden als Kirchenhierarchie, stand dann den staatlichen Autoritäten gegenüber. In den damaligen Zeiten war das wohl unvermeidlich. Dem entsprechend hat die Kirche über Jahrhunderte ihren Standpunkt vertreten: direkt von Papst zu König, von Bischof zu lokalem Herrscher, von Pfarrer zu Bürgermeister, Don Camillo und Peppone. Das Volk als politische Grösse und das Kirchenvolk spielten kaum eine Rolle, auch in der Schweiz nicht. Auch unsere vorrevolutionären so genannten „Demokratien“ waren faktisch weithin Aristokratien, in denen Patrizier und schmale städtische Oberschichten den Ton angaben.

Nun leben wir aber, ob es allen gefällt oder nicht, in der von weltanschaulichem und religiösem Pluralismus geprägten Demokratie, die sich aus vielen Einzelnen zusammensetzt. Die Kirchenhierarchie hat nicht mehr einfach einen König oder Kaiser zum politischen Ansprechpartner. Es gibt zwar immer noch Leute, auch in der Kirche, die von den alten Zeiten träumen. Und sicher war früher manches besser, aber auch nicht alles. Aber vor allem: Diese Zeiten sind vergangen. Heute zählt nicht mehr einfach die Institution, sondern das Individuum und die Gesamtheit des Volkes. Dadurch ist jeder einzelne Bürger ein politischer Akteur.

Das beinhaltet zweifellos Gefahren, so wie auch die Zeit der Aristokratie ihre Gefahren kannte. Warum ist denn die Französische Revolution ausgebrochen, wenn alles angeblich so gut war unter dem allerchristlichsten König? War es gut, dass vor der Französischen Revolution Mitglieder aus etwa 30 Adelsfamilien die 130 Bistümer des Landes besetzten? Ging es ihnen wirklich um die Kirche und das Evangelium oder um ihre Dynastie und die kirchlichen Einkünfte?

Jede Weltzeit hat ihre Chancen und Gefahren, damals wie heute. Die Gefahren von heute sehen wir gut. Wir sehen, wohin die Demokratien derzeit driften. Aber sehen wir in dieser Situation auch die Chance und die Aufgaben, welche unsere Zeit der Kirche und den Gläubigen bietet? Die Chance besteht darin, dass jeder Christ heute immer zugleich auch ein politischer Akteur ist. Das war früher nicht so. Und das haben die Väter des II. Vatikanischen Konzils verstanden. Das Konzil hat natürlich auch die Rolle der Hierarchie betont. Sie soll den Glauben lehren, ihn amtlich und mit Vollmacht verkünden. Sie soll auch dort, wo die Menschenwürde unmittelbar betroffen ist, politisch sprechen. Denn der Mensch, seine Würde, sein Recht auf Leben, seine Grundrechte: das ist Teil der Schöpfungsordnung. Und dazu soll und darf die Hierarchie als Verkünderin des Glaubens etwas sagen, wenn es notwendig ist.

Aber die Laien sind eben auch Kirche. Sie sind berufen, in der Welt, die sie ja schon bevölkern, als Akteure zu wirken. Und der moderne Staat, die Demokratie, weist ihnen als Bürger genau diese Rolle auch zu. Diese neue Situation haben die Väter des II. Vatikanischen Konzils verstanden. Und deshalb haben sie in prophetischer Art und Weise die Laien dazu aufgerufen, diese neue gesellschaftliche und politische Lage zu nutzen, um den Glauben zu verkünden, um nun selbst in der Zivilgesellschaft und im Staat aktiv zu werden als verkündender und gestaltender Teil der Kirche.

Deshalb setzt nun die Kirche in ihrem Verhältnis zum Staat und zur Gesellschaft nicht mehr einfach auf die Hierarchie und ihre Diplomaten, sondern auch und besonders auf den Laien. Und damit das glaubwürdig ist, soll sich die Hierarchie selbst nicht an der konkreten politischen und zivilgesellschaftlichen Umsetzung dessen beteiligen, was dem christlichen Glauben und den 10 Geboten entspricht. Denn sonst werden die Laien entmündigt. Denn die Laien besitzen wirklich eine Mündigkeit. Dieser Begriff „Mündigkeit der Laien“ ist leider nach dem II. Vatikanum oft missbraucht worden. Man hat damit suggeriert, die Laien seien jetzt gleichauf mit der Hierarchie. Sie hätten gleich lange Spiesse wie die Hierarchie und könnten von nun an mit ihr zusammen die Kirche leiten. Aber das ist Klerikalismus, in diesem Fall Klerikalismus der Laien. Dahinter steckt immer noch die Überzeugung, eigentlich sei nur die Hierarchie wirklich Kirche. Und folglich müsse man zur Hierarchie gehören oder ihre Aufgaben wahrnehmen, um an der Sendung der Kirche mitzuwirken.

Mündigkeit der Laien heisst jedoch etwas anderes: Die Laien sollen auf der Basis ihres christlich gebildeten Gewissens, im eigenen Namen und in eigener Verantwortung, in der Zivilgesellschaft und im Staat als Bürger wirken und versuchen, diese Wirklichkeiten christlich zu prägen. Das ist die Mündigkeit der Laien, die man ihnen nicht nehmen darf. Diese Mündigkeit müssen wir als Hierarchie fördern, einerseits durch Zurückhaltung in politischen Alltagsfragen, aber vor allem dadurch, dass wir die Laien in ihrem Christsein unterstützen, durch die Verkündigung des Glaubens und der Gebote, durch die Spendung der Sakramente sowie durch Seelsorge.

Das hat aber zur Voraussetzung, dass wir als Klerus selbst zuerst verstehen, wie das II. Vatikanische Konzil die Kirche darauf vorbereitet hat, in einer pluralistischen Demokratie zu leben und zu wirken. Und es hat zur Voraussetzung, dass wir es an die Laien weitergeben. Das gehört zu unserem amtlichen Verkündigungsauftrag. Mit Streitereien darüber, wer die Kirche leitet und welchen Anteil daran die Laien haben, sowie mit schlagseitigen politischen Positionsbezügen ist niemandem gedient, nicht der Hierarchie, nicht den Laien und damit nicht der Kirche, und auch nicht der Welt, zu deren Umgestaltung in Christus wir alle berufen sind. Diese Streitereien verdunkeln gerade das, worum es gemäss dem II. Vatikanischen Konzil ginge: den Laien ihre genuine Aufgabe nahezubringen.

Ja, und es geht noch um mehr. Wir werfen dem Islam gerne vor, dass er Religion und Politik vermische. Dieser Vorwurf ist leider nur allzu gerechtfertigt. Die Frage ist allerdings, wie glaubwürdig dieser Vorwurf ist. Denn wenn der Klerus bei uns mit Schlagseite politisiert und der Staat die Religionsgemeinschaften organisiert: Wie wollen wir dann anderen vorwerfen, dass sie die religiöse Autorität missbrauchen für diesseitige politische Anliegen sowie Religion und Staat vermischen, wenn wir es selber tun?

Als katholische Kirche hätten wir vielmehr ein Modell vorzuschlagen und anzubieten, das auch anderen Konfessionen und Religionsgemeinschaften in der heutigen pluralistischen Gesellschaft dienen könnte. Dieses Modell würde es ermöglichen, als Religionsgemeinschaft unbedingte religiöse Wahrheiten zu vertreten und auch öffentlich vorzutragen, aber dadurch nicht einen Gottesstaat zu errichten, der Andersgläubige diskriminiert. Dieses Modell ist gerade die Arbeitsteilung, welche das II. Vatikanische Konzil vorschlägt: Die Hierarchie ‒ säkular gesprochen: die religiösen Führer einer Religionsgemeinschaft ‒ verkünden die ewigen Wahrheiten ihres Glaubensbekenntnisses, ohne daran Abstriche zu machen. Diese Wahrzeiten werden dann aber nicht direkt als solche Gesetz, was einen Gottesstaat zur Folge hätte, der andere diskriminiert. Nein, es ist dann die Aufgabe der Laien ‒ säkular gesprochen: der weltlichen Angehörigen der Religionsgemeinschaft ‒ das, was ihrem Glauben entspricht, nach Kräften im Bereich der Politik umzusetzen. Sie sollen es tun im politischen Wettbewerb, mit allen in der Demokratie zulässigen, legitimen Mitteln, allein, zusammen, mit Gleichgesinnten, auch mit solchen anderer Glaubensüberzeugungen.

Wenn alle Religionsgemeinschaften sich so verhalten würden, müssten sie nicht als Eintrittsbillett in die pluralistische Demokratie den Geltungsanspruch ihrer Lehren aufgeben und zivilreligiösen Einheitsbrei vertreten, wie es heute teilweise der Fall ist. Sie könnten bleiben, was sie sind. Sie könnten öffentlich unverkürzt vertreten, was sie glauben. Denn es wäre dann Aufgabe ihrer Anhänger, die Gläubige und Bürger in einem sind, das umzusetzen versuchen, was ihrem Glauben entspricht, gemeinsam und zusammen mit Andersgläubigen.

Das II. Vatikanische Konzil hat damit nicht nur der katholischen Kirche einen Weg gezeigt, wie sie in einer pluralistischen Demokratie sinnvoll wirken kann. Die vom Konzil vorgeschlagene Arbeitsteilung ist auch für andere Konfessionen und Religionen bedeutsam. Allerdings geht das nicht von selbst. Das, was in den Texten des II. Vatikanischen Konzils noch unentdeckt schlummert, muss gehoben und verkündet werden. Es ist primär unsere Aufgabe als Klerus, als Hierarchie, das zu tun. Zweifellos können auch Laien da mithelfen. Aber von selbst geht es nicht. Ich habe vorhin aus dem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ von Papst Franziskus die Worte zitiert: „Auch wenn eine größere Teilnahme vieler an den Laiendiensten zu beobachten ist, wirkt sich dieser Einsatz nicht im Eindringen christlicher Werte in die soziale, politische und wirtschaftliche Welt aus. Er beschränkt sich vielmals auf innerkirchliche Aufgaben ohne ein wirkliches Engagement für die Anwendung des Evangeliums zur Verwandlung der Gesellschaft“ (EG 102). Das Zitat ist jedoch nicht vollständig. Denn nicht umsonst fährt der Papst mit folgendem Satz fort: „Die Bildung der Laien und die Evangelisierung der beruflichen und intellektuellen Klassen stellen eine bedeutende pastorale Herausforderung dar“.

Genau das ist heute das Gebot der Stunde. Hören wir auf mit innerkirchlichen Grabenkämpfen über die Demarkationslinien zwischen Laien und Klerikern im Bereich des Apostolats der Hierarchie. Und beginnen wir, die Laien ihre wahre Würde erkennen zu lassen, indem wir die diesbezüglichen Schätze des II. Vatikanischen Konzils heben. Geben wir den Laien nicht länger kirchenpolitische Steine, sondern das Brot des Glaubens. Denn es geht ganz wesentlich um die Bildung der Laien, damit sie besser verstehen, was ihre eigentliche kirchliche Sendung ist. Sie sollen Christ und Bürger in einem sein, Bürger zweier Welten, zum eigenen Heil, zum Wohl der Kirche und zum Heil der Welt.

Hören wir deshalb bewusst selber auf, Kirche mit Hierarchie gleichzusetzen, wie es leider immer wieder geschieht. Anerkennen wir immer wieder die Sendung der Laien, mitten in der Welt am dreifachen Amt Christi des Propheten, des Priesters und des Königs ihren eigenen Anteil zu haben. Und anerkennen wir dies explizit als kirchliche Sendung an. Machen wir verständlich, dass das tägliche Wirken im Sinne der Teilhabe am dreifachen Amt Christi nicht profan ist und angeblich nichts mit dem christlichen Glauben und dem Christsein zu tun hätte. Denn ohne diese Bildung der Laien geht es nicht. Und sie ist primär unsere Aufgabe als Klerus. Leider werden wir dabei von der Theologie zu wenig unterstützt. Diese ist noch zu sehr in den erwähnten Grabenkämpfen engagiert und teilweise auch darin, den katholischen Glauben in zivilreligiöse Binsenwahrheiten zu verdünnen.

Denn eines ist gewiss: Die Kirche wird nur dann wieder verwurzelt in der Gesellschaft, sie gestaltet die Welt nur dann wieder christlich um, wenn das, was das II. Vatikanum vorgezeichnet hat, verstanden und gelebt wird. Klerikalismus, sei er von Klerikern oder Laien in kirchlichen oder parakirchlichen Gremien betrieben, wird weitgehend wirkungslos bleiben. Die Stunde der Laien ist gekommen. Aber nicht in der Sakristei oder auf der Kanzel, sondern vom alltäglichen Leben aus. Auch da zitiere ich noch einmal Papst Franziskus. Noch als Erzbischof von Buenos Aires hat er im Jahr 2011 gesagt: „Wir dürfen weder die Laien klerikalisieren, noch dürfen sie darum bitten. Der Laie ist Laie und soll als Laie leben – mit der Kraft der Taufe, die ihn dazu ermächtigt, Sauerteig der Liebe Gottes in der Gesellschaft zu sein, um Hoffnung zu wecken und zu säen, um den Glauben zu verkünden, nicht von der Kanzel, sondern von seinem alltäglichen Leben aus“.

Wenn das verstanden und gelebt wird, wird auch der Druck des Klerikalismus der Laien auf den Klerus endlich aufhören, der alles blockiert. Denn das Fingerhakeln um die Kompetenzen des Klerus lähmt seit 50 Jahren die Kirche. Der blockierte Riese wird dann wieder zu laufen anfangen. Und das wird zum Segen für die Kirche und für die Welt sein. Denn diese soll ja tatsächlich „umgestaltet werden nach Gottes Heilsratschluss und zur Vollendung kommen“, wie es in der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ (Nr. 2) heisst.

Ich bin überzeugt, nur wenn wir es schaffen, das umzusetzen, was uns das II. Vatikanische Konzil über das Zueinander und die je eigene Sendung von Klerus und Laien prophetisch vorgezeichnet hat, wird die Kirche wieder blühen. Es kann dann auch in unseren Zeiten wieder ‒ wie schon im Brief an Diognet aus dem 4. Jahrhundert ‒ heissen: „Was im Leib die Seele ist, das sind in der Welt die Christen“ (Nr. 6).

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Im eigenen Namen, in eigener Verantwortung - Eine katholische Antwort auf den Pluralismus
Von Martin Grichting
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2018 Fontis - Brunnen Basel
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Symbolbild: Frau in Kirche


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