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Theologieprofessoren: Evangelische Kirche ist eine Behördenkirche

22. November 2016 in Deutschland, 1 Lesermeinung
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Gemeinden werden entmündigt und Pastoren zu Dienstleistern degradiert - Vorwurf: Wer nicht mit der EKD kooperiert, muss mit Konsequenzen rechnen


Göttingen (kath.net/idea) Grundlegende Kritik am Zustand der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) üben die Theologieprofessoren Gisela Kittel (Bielefeld) und Eberhard Mechels (Westoverledingen/Landkreis Leer) in dem von ihnen herausgegebenen Buch „Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr“ (Vandenhoeck & Ruprecht/Göttingen). Entgegen den Grundanliegen der Reformation habe sich die evangelische Kirche heute weithin zu einer zentralistisch organisierten Behördenkirche entwickelt, in der die Gemeinden und ihre Vorstände entmündigt, haupt- und ehrenamtlich arbeitende Gemeindemitglieder verdrängt und Pastoren zu Dienstleistern degradiert werden. Ferner werde die Arbeit an der Basis durch rigorose Sparmaßnahmen immer mehr eingeschränkt. Die in dem Buch gesammelten Berichte und Dokumente sollen laut Kittel und Mechels den Umbauprozess der Kirche verdeutlichen.

Verein Kirchenbunt: Es gibt keine Finanzkrise der Kirche

Der stellvertretende Vorsitzende des Vereins „Kirchenbunt im Rheinland“, Pfarrer Hans-Jürgen Volk (Eichelhardt/Westerwald), kritisiert in seinem Beitrag, dass Kirchenleiter seit Jahren davon sprechen, dass die Zeiten steigender Kirchensteuereinnahmen vorbei seien. Das werde – obwohl in Wirklichkeit die Einnahmen seit Jahren stiegen – als Hebel genutzt, Synoden zu Entscheidungen zu drängen, die überwiegend auf eine Zentralisierung von Finanzen, Verwaltung und Personalplanung hinausliefen. Dieses „manipulative Vorgehen“ der Verantwortungsträger führe zu einem Verlust an Glaubwürdigkeit: „Es gibt keine Finanzkrise der Kirche. Geld ist da, es wird allerdings verwendet, um die eigene Organisation und Verwaltung zu stärken und Kapital in großem Umfang als Zukunftssicherung zu akkumulieren. Gespart wird bei der Arbeit mit den Menschen vor Ort.“ Rechne man diese Entwicklung hoch, dürfte es, so Volk, in wenigen Jahren in vielen Kirchenkreisen der Evangelischen Kirche im Rheinland deutlich mehr Vollzeitstellen in der Verwaltung als im Pfarrdienst geben: „Eine geradezu perverse Fehlentwicklung.“


Wer nicht mit der EKD kooperiert, muss mit Konsequenzen rechnen

Volk kritisiert ferner den Einfluss der EKD. Aus seiner Sicht sind die einst eigenständigen Landeskirchen mittlerweile zu „Tochterunternehmen des EKD-Konzerns mutiert“. Gemäß den Bestimmungen des 2006 beschlossenen „erweiterten Solidarpaktes“ müssten die Landeskirchen dem Kirchenamt der EKD jährlich einen Bericht zu ihrer finanziellen Situation vorlegen. Er werde vom Kirchenamt der EKD ausgewertet. Komme es bei einer Landeskirche zu erheblichen Abweichungen bei den festgelegten Mindeststandards, könnten Sanktionen greifen. Volk: „Bei nicht kooperativem Verhalten gegenüber den EKD-Spielregeln droht der Entzug der Solidarität, also möglicherweise auch der Entzug der Finanzausgleichsmittel. Die einzelnen Landeskirchen sind also im Blick auf ihre Finanzen seit März 2006 nicht mehr Herrin im eigenen Haus.“ Sie stünden unter Aufsicht der EKD.

Autoren: Theologie muss wieder zur Leit-Wissenschaft werden

Das 20-köpfige Autorenteam des Buches fordert einen „Mentalitätswandel“ in den Landeskirchen. Theologie müsse statt der Betriebswirtschaftslehre wieder zur Leit-Wissenschaft der Kirchenpolitik werden. Es dürften nicht länger Mitarbeiter aus der Beratungsindustrie und Beamte der Verwaltungshierarchie die Richtung in der Kirche vorgeben, ohne dass die geplanten „Reformgesetze“ und Richtlinien auf ihre theologischen Auswirkungen hinterfragt würden. Die evangelische Kirche sei mittlerweile hierarchisch organisiert. Sie werde nicht mehr als Versammlung der Glaubenden gesehen, sondern als soziale Organisation, in der ein marktorientiertes Denken bestimmend sei. Es gehe mehr um Vermögenserhaltung, Kapitalanlagen und finanzielle Vorsorge statt um die konkrete Arbeit mit den Menschen. Kostspielige Verwaltungsämter entstünden, aufwendige Kirchenkreisprojekte würden initiiert und Fachkräfte aus der Wirtschaft unbefristet eingestellt: „Der Organisationsapparat der Kirchen bläht sich auf.“ Die Autoren fordern, die Finanz- und Personalhoheit wieder an die Gemeinden zurückzugeben. Die Gelder müssten umgeschichtet werden. Es gehe nicht an, dass Gemeinden vor Ort „nur noch deutlich weniger als die Hälfte der ihnen zustehenden, weil durch ihre Glieder bereitgestellten Kirchensteuermittel erhalten, während der größte Teil im großen Topf der Landeskirche“ verschwinde. Fazit der Autoren: „Unsere Hoffnung ist, dass Gott der Evangelischen Kirche in Deutschland eine grundlegende Umkehr schenkt.“


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