09 November 2016, 09:00
Wir schämen uns des Kreuzes nicht!
 
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Die Haltung einer tapferen Frau: Schwester Maria Restituta Kafka (hingerichtet von Nazis 1943) – „Es ist traurig, dass sich selbst Bischöfe inzwischen nicht mehr trauen, sich zum Kreuz zu bekennen.“ Gastkommentar von Markus Büning

Wien-Münster (kath.net) Die Debatte der letzten Tage über das aus meiner Sicht völlig unverständliche Verhalten einiger Kirchenführer, auf dem Tempelberg das Brustkreuz wegen der Anwesenheit Andersgläubiger abzulegen, bedarf des Blickes auf Zeugen, die bereit waren, für das Zeichen der Erlösung ihr Leben hinzugeben. Dieser Blick macht deutlich, was die wahre Haltung eines mutigen Christenmenschen ist: Wir schämen uns des Kreuzes nicht, auch nicht wenn angeblich übergeordnete Ziele (Frieden, Harmonie, Gastfreundschaft usw.) dies verlangen. Wenn dem so wäre, hätten die hohen Herren doch auch auf ihre klerikale Kleidung verzichten müssen. Ob dann aber noch die Medien darüber berichtet hätten? Es ist schon traurig, dass sich selbst Bischöfe inzwischen nicht mehr trauen, sich zum Kreuz zu bekennen. Schauen wir also auf die selige Schwester Maria Restituta, die Protomärtyrerin Österreichs. Möge sie den Bischöfen den Mut erbitten, sich wieder eindeutig zu ihrem gekreuzigten Herrn zu bekennen.

Unsere Selige war eine erfahrene Ordensschwester, die im Wiener Krankenhaus Mödling ihren Dienst als OP-Schwester voller Tatendrang und mit viel Liebe den Patienten gegenüber versah. Sie ist die Protomärtyrerin Österreichs. Am 30. März 1943 wurde sie im Hinrichtungsraum des Wiener Landgerichts enthauptet. Ein Grund dieses Martyriums war ihre Liebe zum Gekreuzigten und der damit fest verbundene Wille, dem Kruzifixverbot der Nazis nicht Folge zu leisten. Restituta sah nicht ein, dass eine weltliche Macht ein solches Verbot aussprechen könne. Sie erkannte die Königsherrschaft des wahren Heilands an und wollte dies auch durch sichtbare Zeichen bezeugen. Zudem erkannte sie, dass es gerade für kranke Menschen in einem Spital nur tröstlich ist, wenn sie ihre Augen auf den Gekreuzigten richten können. Vor diesem Hintergrund musste es zum Kreuzkampf kommen: Im Zuge eines Erweiterungsbaus, der auch den „Herrschaftsbereich Sr. Restitutas“ betraf, wurden neue OP-Räume und Krankenzimmer errichtet. Alles war auf dem neusten Stand der Technik. Nur eines fehlte: In keinem der neuen Räume hing ein Kruzifix, was Restituta nicht ertragen konnte. Daher besorgte sie die Kruzifixe und ließ diese heimlich von einem ihr bekannten Kaplan segnen. Sie selbst befestigte über allen Eingangstüren mit tiefer Ehrfurcht und Bekennermut das Zeichen der Erlösung. Diese Aktion blieb natürlich den Kolleginnen und Kollegen der mutigen Schwester nicht verborgen und sorgte für reichlich Diskussionsstoff. Schließlich wurde der Vorgesetzte von Schwester Restituta von einem Parteigenossen darauf aufmerksam gemacht, dass in den Zimmern Kreuze hingen. Damit wurde die Anweisung verbunden, dass die Kreuze umgehend zu entfernen seien. Restituta ließ sich davon nicht beeindrucken. Immerhin nahm ihr Chef Dr. Stöhr diese widerspenstige Haltung der Schwester hin, da sie während dieser Zeit für einen reibungslosen OP-Betrieb unverzichtbar war. Aber in so manchem überzeugten „Nazihirn“ entstand aufgrund dieser „Kreuzesaffäre“ bereits der Wunsch auf Rache.

Was bringt einen Menschen dazu, sein Leben aufs Spiel zu setzen, damit das Kruzifix an den Wänden hängt? Auch heute hängen noch in vielen Häusern Kruzifixe, im öffentlichen Raum werden es weniger. Denn es führen seit Jahren religionsfeindliche Gruppierungen eine effektiv ausgestaltete Kampagne gegen Kreuze in Gerichtssälen, Rathäusern, Schulen und anderen vergleichbaren Räumen. Unter einem unorganischen und teilweise völlig ahistorischen Verständnis von religiöser Neutralität im modernen Verfassungsstaat gibt es seit den neunziger Jahren immer wieder höchstrichterliche Entscheidungen in Europa, die diesem Ansinnen nachgegeben und dementsprechend zur Durchsetzung verholfen haben.

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Es bleibt also bis heute dabei, was bereits Paulus im Korintherbrief zu Protokoll gegeben hat: „Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.“ (1 Kor 1,23-25). Im Ritus der Kreuzweihe wird dieser Gedanke der Hl. Schrift ausdrücklich im Segensgebet aufgenommen: „Wir bitten dich: Segne † dieses Kreuz. Stärke unseren Glauben, damit wir in der Torheit des Kreuzes deine Macht und Weisheit erkennen und in Ewigkeit teilhaben an der Frucht des Todes und der Auferstehung deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus …“.

Demgegenüber müssen sich Christen in der ganzen Welt unter dem Vorwand der Satire und der Kunstfreiheit oft bis über die Schmerzgrenze hinaus gefallen lassen, dass ihr Glaubenssymbol auf widerliche Weise verunglimpft wird. Der Film „Das Leben des Brian“, in dem der Kreuzestod Jesu ins Lächerliche gezogen wird, hat ja bekanntlich schon so etwas wie einen Kultstatus erlangt. Dieser kurze Blick in die Gegenwartssituation zeigt sehr eindrücklich, dass das Kreuz bis heute ein Zeichen ist, dem widersprochen wird (vgl. Lk 2,34). Für uns Christen aber ist es das Zeichen der Erlösung, der Liebe, der Versöhnung und des Opfers unseres Heilands, der am Kreuz die ganze Welt vom Joch der Sünde befreit hat.

Die Verehrung des Kreuzes geht weit in die Kirchengeschichte zurück. Besonders die Auffindung des Heiligen Kreuzes durch Kaiserin Helena im 4. Jahrhundert beflügelte die Kreuzverehrung in der Christenheit. Da nicht überall eine Kreuzreliquie verehrt werden konnte, entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr der Brauch, das Kreuz oder das Kruzifix auf mannigfaltige Weise darzustellen und die Kirchenräume damit zu schmücken. Das im Abendland früheste erhaltene Beispiel eines großformatigen Kruzifixes aus Holz ist das Gerokreuz im Kölner Dom, welches um 970 gefertigt worden ist.

Die Art und Weise der Darstellung variierte im Laufe der Jahrhunderte: Vom thronenden Christus der Romanik hin zum leidenden Christus der Gotik. Gerade in der Zeit schlimmer Seuchen wie z.B. der Pest suchten die Christen ihren Trost im leidenden Christus am Kreuz. Eines der eindringlichsten Beispiele hierfür ist der gekreuzigte Christus auf dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald, welches sich in der Spitalkapelle von Colmar im Elsass befindet. Ganz realistisch wird der Körper des Herrn mit Pestbeulen übersät abgebildet. Die Pestkranken konnten sich im leidenden Christus wiedererkennen. Die auf diesem Bild eindringlich dargestellte Solidarität des sterbenden Gottessohnes gab den Pestkranken einen starken Trost auf ihrem Leidensweg.

Immer mehr wurde das Kruzifix auch zum Gegenstand privater Andacht. Die Menschen hatten das Bedürfnis, auch in ihren Häusern ein Kruzifix aufzuhängen, um sich in ihrem alltäglichen Leben immer wieder an die große Heilstat Gottes erinnern zu können. Damit nicht genug: Auch an öffentlichen Wegen und auf den Marktplätzen, in den Gerichten, im Ratssaal und in den Schulen wurde das Kreuz aufgestellt bzw. an die Wand gehängt, um sich auch im Bereich des öffentlichen Lebens immer wieder daran zu erinnern, dass die Menschen sich einst vor ihrem Gott für ihr Tun und Unterlassen verantworten müssen. Zudem sollte der Anblick des Kreuzes gerade diejenigen, die über andere Menschen Macht ausüben, mahnen, ihre Macht nicht zu missbrauchen. Das Kruzifix erinnert auch daran, dass Gott in seinem sterbenden Sohn seine große Versöhnungstat mit allen Menschen bewirkt hat. Daher sollte der Anblick des Kreuzes auch zur Barmherzigkeit in allem Handeln auffordern. Schließlich wurde es von allen Christen als Schutzzeichen verstanden, welches auch die Mächte des Bösen abwehrt.

Der biblische Ursprung der Verehrung des Kreuzesbildes führt uns über Jesu Wort in das Alte Testament. In seinem nächtlichen Gespräch mit Nikodemus nimmt Jesus Bezug auf die Geschichte aus dem Buch Numeri (Kap. 21,4-9): „Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“ (Joh 3,14-16). Jesus spricht hier unter Anspielung auf die Kupferschlange des Moses von seinem Kreuzesopfer. Wenn schon im alten Bund die Menschen durch den Anblick der ehernen Schlange an der Stange von den schlimmen Folgen des Schlangenbisses befreit werden konnten, wie viel mehr muss uns der Anblick des erhöhten Christus am Kreuz von den gefährlichen Bissen der Sünde und den damit einhergehenden Folgen befreien! Das Kruzifix wird so zum Zufluchtspunkt unserer Blicke, um die Heilung von unserer Gebrechlichkeit an Leib und Seele zu erfahren. Dieser biblische Zusammenhang ist bei der Verehrung des Kruzifixes immer zu beachten. Der Gedanke findet sich auch in einem Segensgebet für Weg- und Bergkreuze: Das Kreuz „ist zugleich ein Zeichen des Sieges über Sünde und Tod. Stärke alle Menschen, die dieses Kreuz ehren, im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe. Lass alle, die hier vorübergehen, im Schutz des Gekreuzigten geborgen sein.“ Das Kreuz ist das große Schutzzeichen für uns Christen. Nehmen wir dieses Zeichen wieder in unsere Hände. Schmücken wir in unserer Wohnung zumindest eine Stelle mit dem Zeichen des Kreuzes und empfehlen wir unsere Lebensräume dem Herrn an. Vertrauen wir auf die heilende Wirkung des Kreuzes in unserem oft so gebrechlichen Leben.

Genau in dieser Hoffnung hat die selige Schwester Maria Restituta den Kampf um die Präsenz des Kreuzes in den Räumen „ihres“ Spitales aufgenommen. Sr. Restituta, die vor ihrem Ordenseintritt Helena hieß, wurde am 01. Mai 1894 als sechstes von sieben Kindern im heute tschechischen Brünn-Hussowitz geboren. „Nomen est omen!“ Im Rückblick erscheint ihr Taufname gleichsam als ihre Berufung: So gaben ihre Eltern ihr die Kaiserin Helena zur Namenspatronin, die im vierten Jahrhundert in Jerusalem das Hl. Kreuz unseres Herrn aufgefunden und erhöht hat.

Helena wurde wenige Tage nach ihrer Geburt am 13. Mai getauft. Sie wuchs in einer Familie auf, die dem katholischen Glauben tief verbunden war. Das Leben aus dem Glauben prägte ihre Kindheit und Jugend. Helena wuchs in einer eher ärmlichen Umgebung auf. Ihr Vater arbeitete als Schuhmacher, mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg. Die Sprache in der Familie war direkt, klang bisweilen sogar rau. Dieses Klima war sicher verantwortlich für die direkte und offene Art, die Helena auch als Ordensschwester nicht ablegen konnte. Hier lag allerdings auch der Humus für die Widerstandsfähigkeit unserer resoluten Seligen. Aus solch einem Holz werden offensichtlich Menschen geschnitzt, die in der Lage sind, auch gegenüber den Mächtigen tapfer für das Recht des Schöpfers und seiner Geschöpfe einzutreten, sei es gelegen oder ungelegen (vgl. 2 Tim 4,2).

Im Jahr 1896 siedelte die Familie nach Wien über. Dort empfing Helena in der Pfarrei St. Brigitta im Mai 1905 die Erstkommunion und im Mai 1911 die Firmung. Bereits als Kind wurde sie mit dem Leiden konfrontiert: Helena stotterte. Dank der Einfühlsamkeit ihrer Schuldirektorin wurde sie auf eine Sprachschule geschickt. Schließlich wurde Helenas Sprachfehler behoben. Nach der Schulzeit arbeitete Helena von 1911 bis 1913 als Trafikantin. Eine Trafik ist in Österreich ein anderer Begriff für Kiosk. In dieser Zeit lernte Helena das Leben der Großstadt aus der Nähe kennen. Sie begegnete den unterschiedlichsten Menschen. Die in dieser Zeit gelernte Kommunikationsfähigkeit bewahrte sie zeitlebens und nutzte sie gewinnbringend.

1913 begann ein neuer Lebensabschnitt. Helena trat ihren Dienst als Hilfskrankenschwester im Spital in Wien-Lainz an. Hier kam sie erstmals mit den Franziskanerinnen von der christlichen Liebe – im Volksmund wegen ihres Mutterhauses in der Wiener Hartmanngasse besser als „Hartmannschwestern“ bekannt – in Kontakt. Während dieser Zeit reifte in ihr der Entschluss, Ordensfrau zu werden. Das Beispiel der von ihr erlebten Schwestern muss sie tief beeindruckt haben. Anfangs stellten sich die Eltern energisch gegen Helenas Entschluss. Dies ist verständlich, da die Eltern auf die Einnahmen ihrer Tochter für das karge Familienleben angewiesen waren. Doch erkannten sie, wie stark Helenas Drang war, den Weg der Ordensnachfolge zu gehen und dass hier kein Halten mehr war. Allerdings verblieb bei den Eltern ein Unbehagen und tiefer Schmerz über den Ordenseintritt ihrer Tochter. Schließlich trat Helena am 25. April 1914, dem Fest des hl. Markus, in die Ordensgemeinschaft der Hartmannschwestern ein. Am 23. Oktober 1915 begann sie im Mutterhaus der Franziskanerinnen in der Hartmanngasse das Noviziat. An diesem Tag erhielt sie ihr Ordenskleid und den Ordensnamen „Maria Restituta“.

Fast 23 Jahre, von Mai 1919 bis zum Tag ihrer Inhaftierung am Aschermittwoch des Jahres 1942, wirkte Restituta am Krankenhaus Mödling bei Wien, wo sie wegen ihrer fachlichen Kompetenz bald Erste Operationsschwester und Narkotiseurin wurde. Ihre zupackende Art, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft wurden von den Menschen, mit denen sie zu tun hatte, sehr geschätzt. Ihre Mitschwestern bezeugten nach ihrem Tod, dass sie nicht frömmelnd, sondern wirklich fromm gewesen sei. Bei aller Extrovertiertheit ihres Charakters fehlte ihr auch nicht der Hang zur Kontemplation. Sie wurde immer wieder spätabends gesehen, wie sie die Krankenhauskapelle aufsuchte, um den Herrn im Tabernakel anzubeten. Auch in den Tagen, die mit schweren Operationen angefüllt waren, ließ sie es sich nicht nehmen, vor der verdienten Nachtruhe dem Herrn im Sakrament einen Besuch abzustatten.

Allerdings suchte sie auch mitunter auf sehr eigenwillige Weise die Entspannung. Hierin entsprach sie überhaupt nicht dem Klischee einer Ordensfrau ihrer Zeit. So war Restituta nicht zur Askese geboren. Ihre äußere Gestalt lässt dies bereits erahnen. Eine Fülle von Anekdoten ist diesbezüglich überliefert. So hatte die energische Ordensfrau in Mödling mit der Gastwirtschaft Mader ihr Stammlokal. Dieses Gasthaus lag nur fünf Minuten Fußweg vom Krankenhaus entfernt. Der Sohn der Wirtin erzählte später, dass Restituta „immer zu meiner Mutter in die Küche gekommen (ist); da sagte sie: ‚Geh, gib mir ein Gulasch und ein Krügel Bier!‘, meistens, wenn sie schwere Operationen hatte. Etwa ein- bis zweimal in der Woche war sie bei uns. (…) Sie hat immer auch das Brevier mitgehabt, wenn sie ins Restaurant kam; da ging sie dann ins Nebenzimmer, wo sie allein gebetet hat. Danach kam sie dann wieder heraus und saß in Gesellschaft mit uns zusammen.“

Bei den Kolleginnen und Kollegen im Krankenhaus erarbeitete sich Restituta im Laufe der Zeit immer mehr Respekt. Ihre aufrichtige und ehrliche Art, ihre Aufopferungsbereitschaft im Dienst an den Kranken und ihre tiefe Verwurzelung im Glauben beeindruckten die Belegschaft des Krankenhauses weitgehend. Auch die jungen Ärzte schätzten in fachlicher Hinsicht den Rat der erfahren OP-Schwester. Allerdings konnte sie diesen auch mitunter sehr zusetzen, insbesondere wenn es darum ging, ihnen das Rauchen vor dem OP-Saal abzugewöhnen. Diese Resolutheit empfanden die Arztkollegen mitunter als übergriffig. Allerdings ließ die Schwester sich auch in diesen Dingen des alltäglichen Lebens nicht auf Kompromisse ein. Das Rauchen im Vorraum des Operationssaals war für sie ein rotes Tuch und so beschloss sie, dass jeder, der beim Rauchen erwischt wurde, als Strafe einige Flaschen Bier mitbringen musste, die dann nach Feierabend für alle spendiert wurden. Diese Art der Bestrafung lässt natürlich wieder Rückschlüsse für die Vorlieben unserer Seligen zu.

Diese Episoden aus dem Leben der Schwester zeigen uns, dass Heiligsein und Menschsein keine Gegensätze sind. Auch die Heiligen sind Menschen aus Fleisch und Blut. Sie dürfen sich, freilich immer in Maßen, an den Dingen des Lebens erfreuen. Und noch ein Zweites wird deutlich: die Heiligen sind Menschen, die sicher auch ihre Schwächen haben. Wir können allerdings bei den Heiligen immer wieder sehen, wie wunderbar die Gnade Gottes auch an den Schwachstellen eines Menschen ansetzt. Heilige sind Menschen, die ihr Gewissen in der Zwiesprache mit Gott immer wieder erforschen und dadurch ihre Fehler ohne Umschweife erkennen. Nun resignieren sie darüber aber nicht, sondern bitten Gott, diese Schwächen anzunehmen und zu verwandeln. Und genau dies können wir auch bei Restituta feststellen: Ihr mitunter derb erscheinendes Wesen, ihre Unnachgiebigkeit, die im Alltag für ihre Mitmenschen nicht immer leicht zu nehmen war, nahm Gott an und gab ihr die Kraft, dem Bösen mit aller Kraft und allem Mut, bis hin zum Weg auf das Schafott, zu widerstehen. Das ist das Wunder der Gnade im Leben dieser großen Ordensfrau.

Restitutas Sorge um die Menschen im Krankenhaus zielte nicht nur auf die Gesundheit des Leibes. Nein, sie verstand ihren Dienst auch als Seelsorge im wahrsten Sinne des Wortes. Sie wollte dem ganzen Menschen dienen. Im Laufe ihres Seligsprechungsprozesses gab es diverse Zeugnisse, dass sie durch ihre Überzeugungskraft sogar Menschen bewegen konnte, ihren Lebensweg erneut unter den Schutz Gottes zu stellen. Sie bewirkte zum Beispiel die Bekehrung eines Kinobesitzers, der Freimaurer war und sehr leichtsinnig lebte.

Auch die Familie ihres Chefs Dr. Stöhr durfte die liebevolle Art der Schwester erleben. Sie kümmerte sich mitunter um die Kinder ihres Chefs, die sie sehr gern hatten. Allerdings änderte sich seit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich am 12. März 1938 das gute Klima schleichend zum Schlechten. Besonders die Frau ihres Vorgesetzten, aber auch Dr. Stöhr selbst, hingen immer mehr der nationalsozialistischen Ideologie an. So waren die Eltern bei der Geburt ihres letzten Kindes nicht mehr bereit, dieses taufen zu lassen. Restituta konnte diesen Umstand nicht ertragen und fasste den Mut, selbst tätig zu werden. Mit Wissen und Einverständnis des zuständigen Pfarrers wagte Restituta im Februar 1940, das jüngste Kind der Stöhrs heimlich im Mödlinger Krankenhaus zu taufen. In dieser Stunde schwerster Gewissensnot besann Restituta sich ihrer Teilhabe am allgemeinen Priestertum aller Gläubigen. Die Weitergabe des Glaubens erschien ihr in Zeiten schwerster Glaubensunterdrückung durch die nationalsozialistischen Machthaber weiterhin als dringlich zu erfüllende Aufgabe. Es fällt uns heute sicher nicht schwer, uns vorzustellen, was passiert wäre, wenn diese mutige Tat der Schwester damals „aufgeflogen“ wäre.

Letztlich wurde der Schwester ein streng überzeugter Nazi-Arzt, Dr. Stumfohl, zum Verhängnis. Dieser fühlte sich in seinem ganzen Wesen und in seiner fanatischen Überzeugung durch die bloße Existenz dieser tapferen Schwester angegriffen. Die eingangs geschilderte Kruzifixaffäre, das konsequente Übertreten aller Verbote, den Patienten im Krankenhaus geistlich beizustehen und letztlich der Umstand, dass Sr. Restituta ein regimekritisches Gedicht einer Krankenhaussekretärin in die Maschine diktierte, machten das Maß voll. Stumfohl sah sich gezwungen, Sr. Restituta bei der Geheimen Staatspolizei anzuzeigen. Nun nahm die Maschinerie des Unrechts ihren Lauf. Am Aschermittwoch, dem 18. Februar 1942, wurde sie von Gestapo-Männern im Krankenhaus abgeholt. Es begann die Zeit ihrer Haft. Der Termin ihrer Inhaftierung war der Beginn der österlichen Bußzeit. Sicher bezog Restituta diesen Umstand gewinnbringend in ihr geistliches Leben ein. Sie wurde vom Herrn gewürdigt, mit ihm zusammen den Kreuzweg zu gehen.

Nun begann ihre persönliche Passionszeit. Lassen wir sie kurz mit zwei Briefzitaten aus der Gefängniszeit zu Wort kommen. In diesen Briefen brachte sie ihr tiefes Gottvertrauen zum Ausdruck, aber auch ihre Angst und ihr Leid: „Ich will (…) nicht sagen, dass es mir ein Vergnügen wäre, hier zu sein, o nein, weit entfernt davon, und wenn ich könnte, möchte ich alles in Bewegung setzen, um hinaus an meine Arbeit zu kommen. Doch hier heißt es in Geduld zu warten, bis die Stunde der Freiheit schlägt, und so Gott will, hoffe ich, dass dieselbe bald kommt.“ An ihre Ordensoberin schrieb sie wie folgt: „Was meine Person betrifft, (…) so kann ich sagen, ich bin zufrieden und ergeben, habe ja die feste Zuversicht, dass mir der Herrgott nicht mehr auferlegt, als ich tragen kann.“ Diese Zeilen machen uns deutlich, wie stark Restitutas Glauben in dieser elenden Situation der Gefangenschaft war. Die Nationalsozialisten konnten diese Frau nicht brechen. Selbst in dieser Dunkelheit der Haft verlor sie nie ihr starkes Gottvertrauen.

Aus dieser Haltung heraus war sie in den Monaten ihrer Haft auch ein strahlendes Licht für ihre Mithäftlinge. Soweit möglich, schenkte sie ihren Mitgefangenen ihr Ohr und tröstete sie. Auch aus dieser Zeit gibt es ergreifende Zeugnisse über die tiefe Nächstenliebe unserer Seligen. Eine Episode sei beispielhaft erzählt: Ein Mithäftling war eine Kindsmörderin, die sich wegen eines Verbandes, den sie aufgrund einer Hauterkrankung tragen musste, nicht bewegen konnte. Darum musste eine andere Gefangene ihr beim Essen helfen. Diese brachte das aber nicht über sich, da sie von dem Verbrechen der Frau zu sehr angewidert war. Darum machte sie der Frau starke Vorwürfe und wünschte ihr den Hungertod, da diese ja schließlich nicht besser mit ihrem Kind umgegangen sei. Die Frau bettelte um Essen. Restituta nahm diese Situation wahr und übernahm ohne Umschweife die Fütterung der Kindsmörderin. Daraufhin machte die Gefangene, die sich zuvor geweigert hatte, Restituta starke Vorwürfe und sagte ihr, dass sie ihr dies nicht verzeihen könne. Restituta ließ sich davon nicht beirren und vollzog weiter aus tiefer Überzeugung diesen Liebesdienst. Auch mit Nichtkatholiken wie Juden und Kommunisten pflegte Restituta während ihrer Haftzeit einen solidarischen Umgang. In jedem Inhaftierten sah sie ihren Nächsten, erkannte sie ihren Herrn Jesus Christus, der an die Geißelsäule gebunden war. Sie wusste sich in der Betrachtung der Passion verbunden mit ihrem Herrn, den seine Geschöpfe auch völlig zu Unrecht zum Häftling gemacht hatten.

Schließlich wurde ihr im Oktober im Wiener Landgericht vor dem Volksgerichtshof der Prozess gemacht. Sie wurde am 29.10.1942 wegen „landesverräterischer Feindbegünstigung und Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode und zum Ehrverlust auf Lebenszeit“ verurteilt. Trotz mehrerer Gnadengesuche, darunter auch das des Erzbischofs von Wien, Theodor Kardinal Innitzer, hielt der Leiter der NSDAP-Kanzlei, Martin Bormann die Vollstreckung der Todesstrafe aus Abschreckungsgründen für erforderlich. Am 30. März 1943 um 18.21 Uhr wurde Sr. Restituta auf dem Schafott des Wiener Landgerichts enthauptet und anschließend in einem Massengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet.

Die Haltung, mit welcher diese tapfere Frau ihren letzten Weg ging, beeindruckt sehr: Am Vormittag des Hinrichtungstages wurde ihr in der Gegenwart einiger Justizbeamten noch einmal das Todesurteil vorgelesen und eröffnet, dass sie am Abend des gleichen Tages hingerichtet werde. Ihr wurde aus der Gefängniskapelle vom Gefängnisgeistlichen die heilige Kommunion gebracht. Sie erneuerte ihre Ordensgelübde. Sie musste ihre Gefängniskleidung ablegen und wurde mit einem weißen Papierhemd bekleidet. Als ihre Hände auf den Rücken gefesselt wurden, sagte sie: „Ich gehe zum Fest…“ Dann wurde sie von Gerichtshelfern gegen 18.20 Uhr von der Zelle über den kurzen Gang zum Hinrichtungsraum geführt. Hören wir den sie begleitenden Gefängnisgeistlichen über die letzte Begegnung mit der Seligen selbst: „Sie äußerte ihre Freude, dass sie noch einen Pater von Maria Stiegen getroffen habe. In ihren jungen Jahren sei sie gerne in unsere Kirche gekommen. Auch gab sie mir Grüße für ihre Mitschwestern im Kloster auf… Zuletzt bat sie mich, ich möge für sie beten, damit ihr kein langes Fegfeuer beschieden sei. Spontan gab ich ihr zur Antwort: ‚Sie brauchen ohnehin nicht hinein! Denn sie haben ja nichts mehr als das Leben.‘ (…) Sie bat: ‚Hochwürden, machen Sie mir das Kreuzerl auf die Stirne!‘ Das tat ich; dann wurde sie vor´s Hochgericht geführt…“. Ein weiterer Zeuge bezeugte über ihre letzten Worte beim Hintreten vor den Henker: „Für Christus habe ich gelebt, für Christus will ich sterben!“ Ihr letztes Wort bringt die völlige Hingabe ihres Lebens an ihrem Herrn zum Ausdruck. Christus war für sie im wahrsten Sinne des Wortes ihre Leidenschaft.

Hier schließt sich der Kreis: Ihr letzter Wunsch, den sie noch äußern konnte, geht wieder Richtung Kreuz. Sie bittet um das Kreuzzeichen auf ihrer Stirn. Sie möchte als mit diesem Siegel bezeichnete Frau ihren letzten Atemzug tun. Ganz erfüllt von der Hoffnung, dass der Erlöser uns durch das Kreuz das Geschenk des Himmels bereitet hat, ging Schwester Maria Restituta ihren letzten Gang.

Ein weiteres wertvolles Zeugnis ihrer letzten Tage gibt uns ein Gebetszettel, welchen Restituta bis zuletzt in ihrem Brevier bei sich trug und auf welchem folgendes Marienlied stand: „Mutter, o verlass mich nicht, bis mir das Aug im Tod einst bricht.“ Zudem stand auf diesem Lied der Liedtext von „Näher, mein Gott, zu dir.“ Darunter schrieb die Selige mit Bleistift folgende Zeilen: „Diese beiden Lieder sang ich vor meinem Tod. Bald ist alles vorbei, dann bin ich bei meinem Heiland und meiner himmlischen Mutter“. Singen im Angesicht des Todes! Das ist die vertrauensvolle Haltung eines Menschen, der wirklich auf das Leben nach dem Tod hofft. Zudem zeigen uns diese Zeilen, dass die Selige eine große Marienverehrerin war. Sie wusste sich in diesen Stunden der Not verbunden mit Maria, die unter dem Kreuz stand (vgl. Joh 19,25 ff.). In der totalen Ausweglosigkeit am Kreuz schenkte uns der gemarterte Herr seine Mutter als die unsere. Diese Szene wird Restituta sicher in den letzten Stunden vor ihrem geistigen Auge gehabt haben. Aber sie blieb in ihrer Betrachtung nicht am Kreuz stehen. Sie lenkte in tiefster Todesnot bereits den Blick auf die himmlische Erfüllung ihres Lebens und wusste darum, dass sie nach ihrem Tod gemeinsam mit der Gottesmutter den Herrn des Himmels preisen würde.

Restituta musste diesen Weg des Martyriums gehen, weil sie in glaubensfeindlicher Zeit dafür Sorge trug, dass das Zeichen unserer Erlösung weiter in öffentlichen Räumen gesehen und verehrt werden konnte. Der heilige Papst Johannes Paul II. brachte diesen Zusammenhang bei der Seligsprechung der Schwester am 21. Juni 1998 so zum Ausdruck: „An der seligen Schwester Restituta können wir ablesen, zu welchen Höhen innerer Reife ein Mensch an der Hand Gottes geführt werden kann. Für das Bekenntnis zum Kreuz hat sie ihren Kopf hingehalten. Sie hat es im Herzen bewahrt und vor der Hinrichtung noch einmal leise ausgesprochen, als sie den Gefängnispfarrer um ein ‚Kreuzerl auf die Stirne‘ bat. Man kann uns Christen vieles nehmen. Aber das Kreuz als Zeichen des Heils lassen wir uns nicht nehmen. Lassen wir nicht zu, dass man es aus der Öffentlichkeit entfernt! Hören wir auf die Stimme des Gewissens, die uns sagt: ‚Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!‘ (Apg 5, 29).“

Setzen auch wir uns dafür ein, dass das Zeichen des Kreuzes nicht noch mehr von glaubensfeindlichen Kräften aus der Öffentlichkeit entfernt wird. Setzen wir uns dafür ein, dass in Schulen, Krankenhäusern, Rathäusern usw. weiter das Zeichen unserer Erlösung zu sehen ist. Nur in diesem Zeichen können wir Tod, Teufel und Sünde überwinden. Mögen dies auch unsere Bischöfe wieder klar erkennen! Wenn nicht, laufen sie Gefahr, die Gefolgschaft zu verlieren. Denn der höchste „Bischof unserer Seelen“ (vgl. 1 Petr 2,25) ist Jesus Christus, der Gekreuzigte. Ohne das Kreuz können wir ihm nicht folgen.

Der Verfasser dieses Beitrags, Dr. Markus Büning, ist Theologe und Jurist. Er lebt mit seiner Familie im Münsterland.

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Ermunterung zur Heiligkeit - Die Tugenden im Leben der Heiligen und Seligen
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Vorwort: Joachim Kardinal Meisner
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Symbolbild: Junge Frau vor dem Kreuz eines Kirchturms




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