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Was zusammengehört, das kann der Mensch nicht scheiden

28. Juni 2016 in Kommentar, 1 Lesermeinung
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Nicht nur die Gender-Ideologie zeigt, dass unsere westliche Welt das Gefühl dafür verloren hat, dass etwas nicht nur scheinbar zusammengehört, sondern von Natur aus. Beitrag von Sebastian Moll im Rahmen des Sommer-Schreibwettbewerbs von kath.net


Tübingen (kath.net) Wissen Sie, was ein Cis-Gender ist? Die humanistisch Gebildeten werden sich der lateinischen Vorsilbe cis vielleicht noch aus Begriffen wie gallia cisalpina erinnern, womit Cäsar und Konsorten jenen Teil Galliens beschrieben, der (von Rom aus gesehen) diesseits der Alpen lag. Doch wirklich schlauer sind wir damit auch nicht geworden. Was könnte wohl mit einem Diesseits-Gender gemeint sein? Fragen wir die Experten. Die verraten uns, dass der Begriff eingeführt wurde, „um die geschlechtseuphorische Mehrheit, bei der Körpergeschlecht und Geschlechtsidentität fraglos und scheinbar natural zusammenfallen, in jenes falbe Licht zu setzen, in dem nosomorpher Blick und klinischer Jargon die geschlechtsdysphorische Minderheit, namentlich die Transsexuellen, erkennen zu können glauben.“ So weit, so klar. Frei übersetzt heißt das soviel wie: Ein Cis-Gender ist ein Mensch, bei dem das biologische Geschlecht und das gefühlte Geschlecht zusammenpassen, also ein Mann, der sich wie ein Mann fühlt, oder eine Frau, die sich als Frau fühlt.

Nun könnte man sich seitenlang über die Auswüchse der modernen Genderideologie lustig machen, aber wirklich erreicht wird damit wenig. Der absurde Begriff Cis-Gender scheint aber geeignet, um einem, vielleicht sogar dem Grundproblem unserer Gesellschaft näher zu kommen. In dem vorher zitierten Soziologengeschwafel fällt eine Formulierung besonders auf. Es wird davon gesprochen, dass Geschlecht und Identität „scheinbar natural“ zusammenfallen. Scheinbar – das ist der entscheidende Begriff. Unsere westliche Welt hat jedwedes Gefühl für natürliche Zusammenhänge verloren, für das, was eben nicht nur scheinbar zusammengehört, sondern von Natur aus. Die Genderideologie mag die Speerspitze dieser Irrlehre sein, aber sie ist bei weitem nicht ihre einzige Vertreterin.


Wie oft musste ich mir in meinem Leben schon anhören, der Sozialismus sei eigentlich eine gute Idee, er sei nur immer falsch umgesetzt worden. Armut, Unfreiheit, Einparteiensystem, Liquidierung von Dissidenten – alles Dinge, die charakteristisch für so ziemlich jeden sozialistischen Staat auf dieser Erde waren und sind. Und doch tauchen sie in den Köpfen vieler nur scheinbar in natürlichem Zusammenhang mit dem Sozialismus auf.

Exakt dasselbe Phänomen erleben wir derzeit in der Debatte um den Islam. Der Islam sei nicht das Problem, nur seine Umsetzung in den jeweiligen Ländern. Es ist schon ein besonderer Treppenwitz der Geschichte, dass westliche Politiker und Journalisten, die zumeist über keinerlei tiefere Kenntnis des Islam und seiner Gedankenwelt verfügen, den Menschen in den islamisch geprägten Ländern erklären wollen, dass sie ihre eigene Religion nicht verstehen. Keine Religionsfreiheit, Todesstrafe für Apostasie, Unterdrückung der Frau, Zwangsehen, Ehrenmorde, Wissenschaftsfeindlichkeit, keine Trennung von Staat und Religion, Unfähigkeit zur Selbstkritik, Antisemitismus – alles Dinge, die charakteristisch für so ziemlich jeden islamischen Staat auf dieser Erde waren und sind. Und doch tauchen sie in den Köpfen vieler nur scheinbar in natürlichem Zusammenhang mit dem Islam auf.

Bedauerlicherweise betrifft das mangelnde Verständnis für natürliche Zusammenhänge auch unsere eigene christliche Kultur. Immer mehr Menschen sorgen sich um den Verlust unserer Identität, aber kaum einer will erkennen, was die Wurzel dieser Identität ist. Alexander Gauland zum Beispiel bezeichnet das Christentum als eine „Metapher“ für das, was seine Partei bewahren will. An einer Förderung des christlichen Glaubens sei ihm hingegen nicht gelegen. Eine Metapher ist ein Ausdruck, der das eigentlich Gemeinte durch einen anderen Begriff ersetzt. Doch genau dazu darf man das Christentum nicht degradieren! Der christliche Glaube ist das Eigentliche, das Wesenhafte, das, was unsere Kultur ausmacht und prägt. Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte – diese Dinge sind nicht zufällig in den christlichen Nationen dieser Welt entstanden. Es ist unmöglich, das eine zu erhalten, ohne das andere zu fördern. Was zusammengehört, das kann der Mensch nicht scheiden.

Zum Autor: Der evangelische Theologe Dr. Sebastian Moll (Foto) arbeitet als Redakteur und Pressesprecher für die „Hilfsaktion Märtyrerkirche“ in Uhldingen am Bodensee. An seiner früheren Fakultät, mit der er bis heute um die Anerkennung seiner Habilitation kämpft, machte sich der promovierte Theologe mit seinen Streitschriften gegen den Kurs der Evangelischen Kirche wenig Freunde. Zuletzt erschienen von ihm „Albert Schweitzer. Meister der Selbstinszenierung“ (Berlin University Press, 2014) und „Das Evangelium nach Homer. Die Simpsons und die Theologie“ (Brendow, 2015). kath.net-Lesern ist er auch mit seinem Buch „Jesus war kein Vegetarier“ bekannt.

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Foto: © Sebastian Moll (mit freundlicher Erlaubnis)


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