04 April 2015, 11:00
Was geschah am leeren Grab?
 
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Angebliche Widersprüche in den Evangelienberichten werden gern geführt, wenn die leibliche Auferstehung Jesu zur Debatte steht. Halten diese Widersprüche stand? So könnten sich die Ereignisse des Ostermorgens zugetragen haben. Von Jutta Graf

Linz (kath.net) Wie viele Frauen gingen am Ostermorgen zum Grab? Eine? Zwei? Drei? Oder gar fünf? Erschien ihnen ein Engel oder waren es zwei? War es noch dunkel oder schon hell? Haben die Frauen geschwiegen oder berichtet? Erschien auch Jesus und wenn ja, ließ er sich berühren? In all diesen Details liefern die Evangelisten unterschiedliche Informationen, sodass es zum Beispiel bei der Kölner Ortsgruppe von „Wir sind Kirche“ heißt, das Erzählte lasse sich aufgrund so vieler „unvereinbarer Differenzen“ wohl „kaum als Tatsachenbericht missverstehen.“ Nicht wenige Theologen sehen in den Berichten vom leeren Grab nur legendäre Ausschmückungen der urchristlichen Überzeugung, die „Sache Jesu“ lebe fort. Doch mit dieser Einstellung bleibt vom Christentum leider nicht viel mehr übrig als ein unverbindliches Wertesystem. Andere halten zwar an der Auferstehung fest, meinen aber, man komme um ein paar falsche Aussagen in den Evangelienberichten nicht umhin.

Wer weder auf Jesu Auferstehung noch auf die Wahrheit der Bibel als Wort Gottes verzichten möchte, steht vor der Aufgabe, die Evangelienberichte irgendwie unter einen Hut zu bringen. Aber muss eine solche Harmonisierung auf Biegen und Brechen erfolgen, selbst wenn man sich dabei das Gehirn verrenkt? Ich denke nicht! Im Folgenden möchte ich eine mögliche Chronologie vorschlagen, die auf schlichte Weise die angeblichen Widersprüche löst. Die Idee dazu entnehme ich den Erzählungen von Maria Valtorta. Deren Werk „Der Gottmensch“ besitzt die kirchliche Anerkennung derzeit nicht und die Ostergeschehnisse könnten sich klarerweise auch anders abgespielt haben. Doch Valtortas Version, welche die verschiedenen Evangelienberichte mit einer bemerkenswerten Natürlichkeit zusammenführt, verdient jedenfalls Beachtung.

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Wer sind nun die Frauen, die sich am Morgen des ersten Tages zum Grab aufmachen? Johannes nennt nur Maria Magdalena. Matthäus nennt zusätzlich „die andere Maria“ (wahrscheinlich die Mutter des Jakobus), Markus nennt darüber hinaus Salome. Lukas nennt Maria Magdalena, Johanna, Maria (die Mutter des Jakobus) und die „übrigen Frauen“. Er spricht also von mindestens fünf. Liegt in diesen Angaben ein Widerspruch? Nein, denn keiner der Evangelisten erhebt Anspruch auf Vollständigkeit. Viele der Jüngerinnen haben Jesus auf seinem Kreuzweg begleitet und bis zuletzt ausgeharrt. Welche von ihnen würde nun freiwillig verzichten, Jesus den letzten Liebesdienst zu erweisen? Es ist nahe liegend, dass die Frauen nicht Maria Magdalena alleine losschicken, sondern gemeinsam gehen.

Laut Maria Valtorta brechen fünf Frauen vor Tagesanbruch mit Salben, die sie am Vorabend gekauft und in der Nacht zubereitet hatten, vom Abendmahlsaal auf: Maria Magdalena, Maria des Alphäus (die Mutter des Jakobus), Martha, Salome und Susanna. Nun kommt es aber zu einer Diskussion darüber, welchen Weg sie nehmen sollen. Die weitaus kürzeste Route führt durch das Gerichtstor. Dieses ist allerdings wenig frequentiert, vor allem zu dieser Tageszeit, sodass die von den Karfreitagserlebnissen eingeschüchterten Frauen fürchten, die Wachen könnten ihnen Fragen stellen oder sie als Freundinnen Jesu nicht durchlassen. Salome schlägt vor, einen Umweg durch das Wassertor zu nehmen und dann an der Mauer entlang zum Grab zu gehen. Die unerschrockene, resolute Maria Magdalena hält davon jedoch nichts. Sie will so schnell wie möglich ans Grab und nimmt allein den direkten Weg. Salome und Susanna nehmen den Weg durch ein anderes Tor (Wassertor?), während Maria des Alphäus und Martha zuvor noch Johanna abholen, die als Frau eines herodianischen Verwalters (vgl. Lk 8,3) ihren Wohnsitz in Jerusalem hat.

Es sind also drei Gruppen von Frauen gerade an unterschiedlichen Orten unterwegs, als das von Matthäus beschriebene Erdbeben eintritt, der Engel den Stein wegwälzt und die Wächter „wie tot zu Boden“ fallen (vgl. Mt. 28,2-4).

Maria Magdalena ist die erste, die nach diesen Ereignissen ans Grab gelangt. Es ist noch dunkel (vgl. Joh. 20,1). Die Wachen liegen auf dem Boden, und Maria bemerkt, dass der Stein weggerollt ist. Sie vermutet den Raub des Leichnams, und stürmt Hals über Kopf zurück in den Abendmahlsaal, um Petrus und Johannes Bescheid zu geben (vgl. Joh. 20,1-2).

Inzwischen – die Sonne geht eben auf (vgl. Mk. 16,2) – erreichen auch Salome und Susanna, die, um nicht aufzufallen, den längeren Weg genommen haben, das Grab und gehen hinein. Da sehen sie einen Engel im Grab sitzen, der ihnen die Stelle zeigt, wo Jesus gelegen hat, und ihnen aufträgt, den Jüngern zu sagen, Jesus gehe ihnen nach Galiläa voraus. Von dieser Begebenheit sprechen Matthäus (28,5-7) und Markus (16,2-7). Die beiden Evangelisten nennen die Frauen hier nicht beim Namen, sondern leiten die Episode allgemein mit „die Frauen“ und „sie“ ein. Sie können also beliebige Personen aus der am Anfang des Kapitels unvollständig aufgezählten Gruppe meinen. Bei Matthäus wird zwischen 28,4 und 28,5 zudem eine gewisse Zeitspanne übersprungen. Missverständnisse können entstehen, wenn man diesen Sprung überliest.

Nun geht es scheinbar widersprüchlich weiter: Bei Matthäus (28,8) eilen die Frauen „voll Furcht und großer Freude“ zu den Jüngern, um ihnen die Botschaft zu verkünden, während sie bei Markus (16,8) voll Schrecken und Entsetzen fliehen und über alles schweigen. Beides kann wahr sein: In Valtortas Erzählung erleben Salome und Susanna auf dem Heimweg ein emotionales Dilemma. Nach anfänglicher Freude fürchten sie, die Erscheinung des Engels könne eine Täuschung Satans gewesen sein. Auch der Anblick der vermeintlich toten Wachen verängstigt sie. Würde man sie für den Tod der Wachen verantwortlich machen, da sie doch die einzigen Anwesenden waren? Von diesen und ähnlichen Gedanken geplagt beschließen die beiden unterwegs, ihre Erlebnisse doch lieber geheim zu halten.

Während Salome und Susanna bereits auf dem Rückweg sind, kommen Johannes und Petrus ans Grab gelaufen (vgl. Lk. 24,12). Die Wachen sind inzwischen offenbar wieder zu sich gekommen und geflüchtet. Der Evangelist Johannes beschreibt die nun folgende, bekannte Episode: Johannes, der Schnellere von beiden, lässt Petrus den Vortritt. Dieser sieht die Leinenbinden und das Schweißtuch. Nun tritt auch Johannes ein, er „sieht“ und „glaubt“, woraufhin beide zurückkehren (vgl. Joh. 20,3-10).

Maria aber verharrt weinend am Grab. Sie beugt sich hinein und sieht zwei Engel, die sie nach dem Grund ihres Weinens fragen. Nun erfolgt die in Johannes 20,14-17 beschriebene erste Erscheinung des Auferstandenen selbst. Erst als Jesus sie beim Namen nennt, erkennt Maria ihn und ruft aus: „Rabbuni“, woraufhin dieser sagt: „Berühre mich nicht; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen.“ Über die Bedeutung dieser scheinbar abweisenden Worte wurde viel spekuliert. Doch wenn man genau hinhört, gibt Jesus selbst die Begründung. Er hat ja eben erst seinen menschlichen – nun verklärten – Leib wieder an sich genommen, das heißt, er ist noch nicht „hinaufgegangen“, um sich seinem Vater und den Heiligen im Himmel in jenem Leib zu zeigen, in dem er die Sünde besiegt hat. Es scheint angemessen, dass dieses „Hinaufgehen“ die erste Handlung wäre, die Jesus nach seiner Auferstehung setzt. Doch Magdalenas Liebe und ihr bitterliches Weinen bewegen ihren Meister dazu, ihr sofort den Trost einer ersten Begegnung zu schenken. Wenn man die Worte Jesu so versteht, liegt in seinem „Berühre mich nicht!“ keine Abweisung, sondern – im Gegenteil – ein ganz besonderer Liebeserweis.

Während Magdalena mit ihrer Botschaft an die Jünger in die Stadt zurückkehrt, hat endlich auch die letzte Gruppe von Frauen (Maria des Alphäus, Martha und Johanna) das Grab erreicht. Diese Begebenheit berichtet Lukas (24,2-9). Als die Frauen den Leichnam Jesu nicht finden, erscheinen ihnen die beiden Engel, die kurz zuvor mit Magdalena gesprochen haben, mit der Botschaft: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ und sie erinnern die Frauen an die Worte Jesu, er müsse gekreuzigt werden und auferstehen.

Als sich nach diesem Begebenheiten wieder alle im Abendmahlsaal eingefunden haben, wird lebhaft berichtet und diskutiert (vgl. Lk. 24,10). Maria Magdalena erzählt von ihrer Begegnung mit dem Herrn, während Johanna, Maria des Alphäus und Martha die Erscheinung der beiden Engel schildern. Nun wagen auch Susanna und Salome zu berichten, die zuvor aus Angst geschwiegen haben: von der Botschaft des einen Engels, aber auch von den Wachen, die wie tot auf dem Boden lagen. Petrus und Johannes können zwar das leere Grab bezeugen, haben aber keinerlei Erscheinungen gehabt. Die Schilderungen dieser unterschiedlichen Erlebnisse, die alle am gleichen Ort innerhalb kurzer Zeit stattgefunden haben sollen, überzeugen die Apostel nicht, sodass sie „alles für Geschwätz“ halten (vgl. Lk. 24,11).

Nach dieser Diskussion im Abendmahlsaal ereignet sich laut Valtorta noch eine zweite Begegnung mit dem Auferstandenen. Maria des Alphäus und Salome gehen, angestachelt vom Zweifeln der Apostel, noch einmal zum Grab. Nun ereignet sich, was Matthäus in 28,9-10 beschreibt: Jesus kommt ihnen entgegen und grüßt sie, woraufhin sie sich niederwerfen und seine Füße umfassen. Vielleicht war Jesus inzwischen beim Vater, weil er die Frauen nun gewähren lässt? Er sendet die beiden Frauen zu den Brüdern mit der Botschaft, dass er in einigen Tagen in Galiläa mit ihnen beisammen sein werde.

So – oder auch anders – könnten sich die Ereignisse am Ostermorgen zugetragen haben. Mir ist vor allem wichtig zu zeigen, dass die Evangelienberichte weder „Widersprüche“ noch „unvereinbare Differenzen“ enthalten. Die Unterschiede entstehen dadurch, dass jeder Evangelist jene Begebenheiten und Personen hervorhebt, die ihm am wichtigsten erscheinen oder mit denen er am besten vertraut ist. Die genaue Abfolge spielt im Grunde keine Rolle und wäre im emotionalen Durcheinander des Ostermorgens ohnehin kaum rekonstruierbar gewesen.

So macht das Fehlen eines chronologisch kohärenten Berichtes die Evangelientexte nicht unglaubwürdiger, sondern glaubwürdiger; denn dadurch wird deutlich, dass es sich nicht um erzählerische Verpackungen „nachösterlicher“ Theologie handelt, sondern um Zeugnisse aus erster Hand: ungehobelt, mit Ecken und Kanten, an denen man sich stößt.

Die Evangelisten sahen einfach keine Notwendigkeit, an ihren Berichten zu feilen, damit diese schön zusammenpassten. Warum sollten sie sich vor Widersprüchen fürchten, wo sie doch nur das wiedergaben, was tatsächlich geschehen war? Darum liegt gerade in der scheinbaren Disharmonie, die so oft als Schwachpunkt kritisiert wird, die besondere Stärke der Evangelientexte. Sie unterstreicht die Echtheit des Zeugnisses, das damals wie heute den Kern unseres Glaubens ausmacht: Christus ist auferstanden!

Die Autorin Dr. Jutta Graf ist katholische Theologin und lebt in Linz. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über den Offenbarungsbegriff beim 2011 seliggesprochenen englischen Kardinal John Henry Newman.





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