10 August 2014, 08:30
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Mallorca hat eine kleine jüdische Gemeinde mit langer Tradition. Von Silke Heine (KNA)

Palma de Mallorca (kath.net/KNA) Sie ist eine Insel auf der Insel: die Synagoge von Palma de Mallorca. Wenige Schritte vom Hafen entfernt an der belebten Calle Monsenor Palmer muss man das schmiedeeiserne Tor mit zwei Davidsternen ein bisschen suchen. Auf Klingeln öffnet sich die Holztür dahinter, ein junger Mann mit Kippa lächelt und bittet herein. Warmes Licht strahlt in die dunklen Räume der Synagoge. David Kaisin, Englischlehrer an einer Privatschule, ist zugleich Kantor und Vorsitzender der jüdischen Gemeinde auf Mallorca.

Der 38-Jährige ist selbst an Tagen ohne Gottesdienst ein gefragter Mann: Eben verabschiedet er ein Paar mit einer Kiste Wein unterm Arm. Als Synagogenleiter, erklärt Kaisin, sei man hier für alles zuständig: «Man vertritt die Gemeinde nach außen, hält den Gottesdienst und ist Importeur und Verkäufer von koscherem Fleisch und Wein.»

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Denn Mallorca ist kein idealer Ort, um sich koscher zu ernähren. In vielen traditionellen Gerichten steckt Schwein in jeder Form: Selbst das Hefegebäck Einsaimada wird laut Kaisin mit jeder Menge Schweineschmalz hergestellt. Es gibt keinen koscheren Metzger, keinen koscheren Wein; auch das ungesäuerte Brot für das Pessachfest muss laut Kaisin vom spanischen Festland oder aus Frankreich eingeführt werden.

Dass sich der Synagogenvorsteher und Familienvater zudem um Kranke kümmert und Beerdigungen organisiert, liegt daran, dass sich die Gemeinde keinen eigenen Rabbiner leisten kann. Rund fünfzig Familien zählen zu den aktiven Mitgliedern, die meisten - auch deutsche Juden auf Mallorca - sind passive. Die Wirtschaftskrise, so Kaisin, hat die Zahl der Bedürftigen steigen lassen. «Wir versuchen, ihnen mit kleinen Beträgen das tägliche Leben zu erleichtern.»

Zu hohen Feiertagen kommen Rabbiner aus dem Ausland nach Mallorca. Sonst leitet der Kantor die Gottesdienste in englischer und spanischer Sprache. Kürzlich hat er auch ein Widderhorn, ein sogenanntes Schofar, erworben, das am jüdischen Neujahrsfest und am Versöhnungstag geblasen wird.

Dass es wieder eine jüdische Gemeinde auf Mallorca gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Die jetzige Gemeinde wurde erst in den 70er Jahren gegründet. «Nach dem Tod von Diktator Franco», sagt Kaisin, «hat sich Spanien wieder mehr für das Judentum geöffnet». Den Kern der kleinen Gemeinde bilden indessen keine Spanier, sondern Juden aus der Türkei, Marokko, Osteuropa und Lateinamerika. Auch Kaisins Familie wanderte aus der Türkei ein, seine Frau kam aus Chile.

Der Exodus der mallorquinischen Juden setzte im Mittelalter ein. Wer nicht zum katholischen Glauben konvertieren wollte, wurde verfolgt.

Aber auch Konvertiten - sogenannte Chuetas - waren durch ihre Nachnamen erkennbar und wurden diskriminiert. Das letzte bekannte Inquisitionsgericht fand 1691 auf der Plaza Mayor in Palma statt. Man beschuldigte 33 Konvertiten des Judaisierens; einige wurden bei lebendigem Leib verbrannt.

Heute gibt es nach Schätzungen des Kantors bis zu 25.000 Mallorquiner mit jüdischen Wurzeln. Viele Konvertiten bekannten sich nur nach außen hin zum katholischen Glauben. Im Geheimen pflegten sie jüdische Gebräuche und achteten darauf, dass ihre Kinder in jüdische Familien heirateten. Ihre Zugehörigkeit zum Judentum, so Kaisin, lasse sich noch heute an den Nachnamen erkennen, die im Mittelalter sogenannte Kryptojuden brandmarkten.

Heute wollten die wenigsten von ihnen zum jüdischen Glauben zurückkehren, berichtet Kaisin. Er vermutet, viele seien im katholischen Glauben heimisch geworden; anderen sei der Glaube – ob jüdisch oder katholisch - nicht so wichtig. Eine Hürde sei auch die aufwändige Prüfung durch das Rabbinatsgericht in Israel.

«Wir sind keine Missionare», sagt Kaisin, «aber wir sind eine lebendige Gemeinde. Wir sind selbstbewusst, aber nicht laut nach außen». Er lächelt, löscht das Licht, schließt die Holztür und das Gittertor mit den Davidsternen; Kaisin taucht ein in den lärmenden Verkehr auf den Straßen Palma de Mallorcas. Auf ihn wartet noch Arbeit in seinem Brotberuf als Englischlehrer an einer mallorquinischen Schule.

Jüdisches Musikvideo: Juden beten an der Klagemauer in Jesusalem (Lied: Sch´ma Jisrael -שמע ישראל)




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