24 März 2013, 18:00
Römisches Tagebuch vom Petersplatz
 
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Palmsonntag. Der König der Könige unter den Menschen. Die Schriftstellerin und Journalistin Monika Metternich war auf dem Petersplatz dabei. (Teil 6)

Vatikan (kath.net/mm) Palmsonntag. In Rom heißt das wieder einmal Schlangestehen. Diesmal sind die Straßen sehr weiträumig um den Vatikan herum gesperrt. Die Massen drängen auf den Petersplatz. Die wohl niemandem einsichtigen Sicherheitskonzepte der italienischen Polizei zur Regulierung der Massen geriert wieder Stilblüten en masse.

An der Piazza de Risorgimento gerate ich in das erste dichte Gedrängel. Zum Petersplatz hin geöffnet ist nur ein winziges Mauseloch, während Zigtausende dahinter geduldig warten. Wer zum Peterplatz will, muss sich – beobachtet von fünf herausgeputzten und gelangweilt wirkenden Polizisten - um eine Straßenlaterne herum winden und gemeinsam mit tausenden von anderen durch eine Lücke von etwa 50 Zentimetern drücken. Ein beleibter Herr im Sonntagsstaat bleibt stecken und wird unter Anfeuerungsrufen von hinten angeschubst, damit er passieren kann. Neben mir steckt im Gedränge eine richtige italienische Nonna. Etwa 70 Jahre alt, sonntäglich gekleidet im dunklen Kostüm, die Handtasche krampfhaft am Henkel umklammernd. Zu meiner Überraschung wird sie selbst in diesem klaustrophobischen Gedrängel von den Umstehenden höflich vorgelassen: „Nach Ihnen, Signora.“

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Ich stehe mitten in einem Pulk von Römern. Kaum einer von ihnen hat eine der kostenlosen , fliederfarbenen Einlasskarten für die heilige Messe zum Palmsonntag auf dem Petersplatz, wie sie Pilger aus aller Welt selbstverständlich schon rechtzeitig vorher bei ihrem Pilgerbüro bestellt und sich so einen der Sitzplätze garantiert haben. Hier stehen die römischen Bürger, die einfach mit ihrem Bischof den Palmsonntag feiern wollen. So, wie ich auch keine Eintrittskarte für den Kölner Dom beschaffen würde, kommen auch sie „einfach so“. Ausgerüstet mit eindrucksvollen Palmwedeln. Echte Palmzweige, Olivenbaumzweige – jeder der Menschen im Gedrängel hat ein ordentliches Gebinde dabei. Ich selbst habe auf der Piazza de Risorgimento von einem netten Familienvater im dunkelblauen Mantel gegen eine kleine Spende ein Bündel Olivenzweige erworben. Und nun stehe ich, gemeinsam mit der sonntäglich gekleideten Nonna, vielen jungen Leuten mit Sonnenbrille, Knopf im Ohr, Smartphone in der einen und Palmenwedel in der anderen Hand und mit Familien mit Kindern im Kinderwagen – kurz – mit der römischen Bevölkerung vor diesem Mauseloch. In diesem Moment entscheide ich mich, heute eine von ihnen zu sein. Ich stecke meinen Presseausweis ebenso ein wie meine rosa Eintrittskarte und folge ihnen, den normalen Römern, auf den Petersplatz.

Alle, die keine der vorbestellbaren Karten in der Hand haben, bekommen nur einen Stehplatz. Ich habe Glück: Genau hinter dem Obelisken, dessen Umfeld reich geschmückt mit Olivenbäumen und blühenden Bäumen ist, komme ich an der Balustrade zu stehen. Neben mir eine Mutter mit zwei Kindern zwischen acht und zehn. Die beiden haben wundervoll präparierte Palmzweige dabei: Früchte sind in ihnen dekoriert und – kaum traue ich meinen Augen – Würste! Ich fotografiere bewundernd diese Kreationen, die mich ein wenig an meine Heimat erinnern, in welcher Ostereier in kunstvollen Palmsonntagsgebinden verarbeitet werden. Hier sind es nun köstlich duftende Minisalamis, die meinen knurrenden Magen daran erinnern, dass noch ein Frühstück aussteht. Die Eltern freuen sich über mein überdeutliches Interesse. In der Wartezeit auf die Palmsonntagsmesse freunden wir uns ein wenig an. Inzwischen wird Rosenkranz gebetet. Die Römer beten hingebungsvoll mit: „Santa Maria!“ Man merkt, dass es ihr Lieblingsgebet ist.

Als die große Prozession von Menschen mit riesigen Palmwedeln beginnt, sind wir – die Römer und ich – ganz nah dran. Feierlich ziehen sie direkt an uns vorbei, die Jugendlichen, die vielen Menschen mit ihren Palmen, die Bischöfe, Prälaten und Monsignores, schließlich die Kardinäle. Alle tragen sie meterhohe Palmzweige. Ein umwerfend schönes, buntes Bild. Nur auf den Bildschirmen können „wir Römer“ sehen, wie der Papst eintrifft. Wobei ich wohl die einzige bin, die in diesem Moment auf den Bildschirm starrt, einen Moment lang bedauernd, die malerische Szene nicht von vorne betrachten zu können.

Die Römer indes interessieren sich ausschließlich für das Originalgeschehen: „Da! Ich habe den Papa gesehen!“ ruft der Junge mit den Wurstpalmen neben mir. Tatsächlich – einen Zipfel seines roten Gewandes konnte man da erhaschen. Ich stecke meine Kamera ein und werde ganz eine von ihnen – Römer unter Römern. Ich schaue, ich höre, ich feiere mit. Als die große Prozession schließlich vorne am Altar angelangt ist werden die Sicherheitsschranken geöffnet. Die Römer eilen nach vorn bin zu dem Punkt, an dem eine hölzerne Balustrade die kartenlosen Römer von den hermetisch abgegrenzten Sitzreihen der Pilger trennt. Nun sind wir ziemlich weit vorne gelandet, mit perfektem Blick auf den Altar. Wir haben keine Stühle, aber umfallen könnte sowieso niemand, weil die Reihen der Stehenden derart dicht geschlossen sind. Zur Rechten neben mir wieder eine sonntäglich herausgeputzte Großmutter mit ihren Enkeln, zur Linken drei palmenschwenkende junge Leute.

An diesem Sonntag wird zum ersten Mal die Passionsgeschichte verlesen. Und ich fühle mich wie durch Zauberhand zurückversetzt ins Jerusalem des vierten Jahrhunderts. So war es schon vor 1700 Jahren gewesen: In ausdrucksvoller Form wurde schon damals an den heiligen Stätten das Evangelium in verteilten Rollen vorgetragen, wie die französische Nonne Egeria es in frühchristlicher Zeit in ihren Tagebüchern berichtete. Und hier ist es nun ebenso, wie sie es beschrieb: Die Menschen um mich herum gehen richtig mit. „Ohhhh!“ rufen sie, als Jesus vor Pilatus steht. Sie knirschen mit den Zähnen, als die Dornenkrone erwähnt wird. Sie singen empört mit, als der Chor die Worte des Volkes intoniert. Und sie gehen in die Knie, als Jesus am Kreuz stirbt. Ein Schweigen, das Mauern sprengen könnte, füllt den Petersplatz. Als die Diakone schließlich weiterlesen, bricht das große Schnäuzen aus. Selbst hartgesottene Männer hinter mir ziehen gewaltige Taschentücher aus der Anzugtasche.

Nun beginnt Papst Franziskus zu predigen. „Jesus hat in den Herzen viele Hoffnungen geweckt, vor allem bei den bescheidenen, einfachen, armen, vergessenen Menschen, bei denen, die in den Augen der Welt nicht zählen. Er war imstande, das menschliche Elend nachzuempfinden, hat das Gesicht der Barmherzigkeit Gottes gezeigt, hat sich niedergebeugt, um Leib und Seele zu heilen. Das ist Jesus. Das ist sein Herz, das uns alle ansieht, das unsere Krankheiten und unsere Sünden sieht. Die Liebe Gottes ist groß. Und so zieht er in Jerusalem ein, mit seiner großen Liebe, die uns alle betrifft.“ Die Menschen um mich herum stehen ganz still. „Genauso ist es “, schluchzt die alte Dame neben mir.

Als der Papst sagt: „Seid niemals traurige Menschen: ein Christ darf das niemals sein! Lasst euch niemals von Mutlosigkeit überwältigen!“ recken alle um mich herum ihre Palmwedel in die Höhe, so strahlend und froh, dass mir einen Moment lang die Tränen kommen. „Und, bitte“, spricht Papst Franziskus weiter und schaut in die Menge, „lasst Euch die Hoffnung nicht nehmen! Lasst Euch die Hoffnung nicht nehmen! Die Hoffnung, die uns Jesus gibt.“ Applaus erfüllt den ganzen Petersplatz.

Und noch einmal wird es Palmsonntag ganz wie damals, als Jesus in Jerusalem auf dem Esel durch die Massen ritt. Kommunionausteilung. Die Priester schwärmen aus auf den Petersplatz, um Christus, den Herrn, zu den Menschen zu bringen. Nur für uns, das sehe ich gleich, gibt es keine Chance. Wir stehen mitten in dem Gedrängel, durch hölzerne Absperrungen abgeteilt, unerreichbar für die Priester. Ich resigniere sogleich, denke kurz: „Wie schade“ und füge mich in mein Schicksal. Nicht so „meine“ Römer um mich herum. Die alte Dame neben mir gibt den Startschuss. „Hierher, Padre!“ ruft sie und streckt ihren riesigen Palmwedel so weit hoch, wie sie nur kann. „Hier, kommt hierher!“ rufen auch meine jugendlichen Nebensteher und heben ihre Palmzweige. Ein Meer von Palmzweigen erhebt sich plötzlich rund um mich – sie alle wollen ihrem Herrn wahrhaft nahe sein. Ein Priester wird aufmerksam auf die Not derer, die da abgeschlossen stehen. Wie auch immer er es geschafft hat, die hermetischen Barrikaden zu überwinden – plötzlich ist er da. Er bringt den Herrn, den König. Die Palmzweige sinken. „Corpus Christi.“ - „Amen. Amen. Amen.“

kathTube-Video der Papstpredigt:




Die Palmprozession mit Papst Franziskus auf dem Petersplatz





Foto: (c) kath.net/Monika Metternich

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