05 November 2012, 09:15
EKD möchte Reformationstag 2017 als gesetzlichen Feiertag begehen
 
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EKD-Präses Schneider benennt auch die Ausfälle Luthers etwa gegenüber Juden und Türken - Gegenwärtig sei „Gott, Glaube, Kirche“ für viele Menschen „Teil einer Fremdsprache“

Timmendorfer Strand (kath.net/idea) In einer Zeit verbreiteter Gottvergessenheit ist es eine zentrale Aufgabe der Kirche, „die Frage nach Gott aufrichtig zu stellen und die Sehnsucht nach Gott wach zu halten“. Das betonte der EKD-Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider (Foto), am 4. November in seinem Bericht vor der EKD-Synode in Timmendorfer Strand bei Lübeck. Untersuchungen zeigten, dass nicht nur in den östlichen Bundesländern, sondern auch in manchen Vierteln westlicher Großstädte eine Unkenntnis Gottes vorherrsche: „Gott, Glaube, Kirche sind Teil einer Fremdsprache, mit der manche Menschen genauso viel oder wenig anfangen können wie mit Mandarin oder Kisuaheli.“ Dem müsse die Kirche entgegenwirken, doch dürfe sie nicht nur einen „harmlosen, kumpelhaften Gott“ verkündigen. Wenn die Theologie Gott nicht mehr zugleich vertraut und verstörend sein lasse, nehme sie ihrer Rede die Tiefenschärfe und begebe sich in die Gefahr einer Selbstsäkularisierung. „Die Gotteskrise ist auch die Krise eines verharmlosenden Gottesbildes“, so Schneider.

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Gottesglaube als Sinnestäuschung?

Auch angesichts eines erneut um sich greifenden Atheismus hätten beide großen Kirchen die Frage nach der Existenz Gottes als theologische Schlüsselfrage der Gegenwart erkannt. Viele Menschen seien nicht mehr von Luthers Suche nach einem gnädigen Gott umgetrieben, sondern von der Frage, ob es überhaupt einen Gott geben könne. Manche hielten den Glauben an Gott für eine Art chemischer Funktion oder Fehlfunktion des Gehirns, andere für eine Art Sinnes- und Selbsttäuschung.

31. Oktober 2017: Gesetzlicher Feiertag in ganz Deutschland

Der Ratsvorsitzende äußerte sich auch zur Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum im Jahr 2017. Vor 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, hatte Martin Luther (1483-1546) seine 95 Thesen in Wittenberg veröffentlicht und damit die Reformation ausgelöst. Zur Vorbereitung auf das Jubiläum dienen „Themenjahre“; 2013 steht unter dem Motto „Reformation und Toleranz“. Dabei wolle sich die evangelische Kirche selbstkritisch der eigenen Geschichte der Intoleranz stellen – etwa gegenüber den Täuferbewegungen, den Juden und Türken. Im Rückblick müsse man entsprechende Ausfälle, etwa Luthers, mit Scham bedenken, so Schneider. 2017 wolle man kein Lutherjubiläum feiern, sondern ein internationales Reformationsfest. Der Ratsvorsitzende setzt sich dafür ein, dass der 31. Oktober 2017 ein staatlich geschützter Feiertag in ganz Deutschland werden soll. Derzeit ist das nur in den Ländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen der Fall.

Unterschiedliche Vorstellungen von Kircheneinheit

Schneider ging auch auf die zwischen Katholiken und Protestanten umstrittenen Vorstellungen von dem Ziel einer Kircheneinheit ein. Die evangelische Seite gehe davon aus, dass die Einheit in Jesus Christus bereits gegeben sei, und strebe eine Einheit in Vielfalt an. „Rom“ vertrete die Überzeugung, dass die Einheit in einer einheitlichen Gestalt und in Zuordnung zum päpstlichen Amt sichtbar werden müsse. Schneider: „Man wird nüchtern eingestehen müssen, dass wir gegenwärtig diese unterschiedlichen Einschätzungen des Zieles der Ökumene nicht überwinden können. Das ist enttäuschend, gerade wenn gleichzeitig gilt: Uns eint mehr als uns trennt.“

Für jüdischen und islamischen Religionsunterricht

Zusammen mit Juden und Muslimen träten Christen für das Recht auf sichtbare Religionsausübung in der Gesellschaft ein. Ein Abdrängen der Religion ins Private könne dazu führen, dass „die aggressiven oder fundamentalistischen Fehlformen von Religion – die es in allen Glaubensrichtungen gibt – in Hinterhöfen oder in Parallelgesellschaften entstehen und gepflegt werden“. Deshalb setze sich die EKD unter anderem auch für jüdischen und islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen sowie eine akademische islamische und jüdische Theologie ein. Man wolle eine offene Gesellschaft, in der Religionen und atheistische Weltanschauungen in einen kritischen Dialog träten und Gesetze die freie Religionsausübung schützten.

Gegen Fundamentalismus in allen Religionen

Gleichzeitig trete man allen Formen von Fundamentalismus entgegen. So wie Christen nicht für die Provokationen des Koran verachtenden US-Predigers Terry Jones in Haftung genommen werden könnten, so könnten Muslime nicht pauschal für die Provokationen von Salafisten verurteilt werden.

Christenverfolgung stoppen

Schneider kam auch auf die Diskriminierung oder Verfolgung von Christen in vielen muslimischen sowie einigen atheistisch regierten Ländern wie China oder Nordkorea zu sprechen. Die EKD fordere von allen Religionen und Staaten die Bereitschaft, freie Religionsausübung zu ermöglichen. Dazu gehöre auch das Recht jedes Menschen, seine Religion zu wechseln. Die Abkehr von Muslimen vom Islam stellt das Religionsgesetz, die Scharia, unter Strafe; daher werden ehemalige Muslime, die Christen geworden sind, in zahlreichen streng muslimischen Ländern verfolgt.

Foto Präses Nikolaus Schneider: (c) www.ekd.de

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